Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alles Arbeit, Austellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

Alles Arbeit, Austellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

ALLES ARBEIT Ein Fotoarchiv als Gesellschaftsspiegel

Erika Blaschka mit Kamera, um 1968, Privatbesitz

Erika Blaschka mit Kamera, um 1968, Privatbesitz

Historische Aufnahmen zur Sichtbarkeit weiblicher Arbeit verknüpft mit aktuellen Debatten

Vom Museum des hdgö in der Neuen Burg steigt man über eine breite Treppe zum Alma Rosé-Plateau hinauf. Rechter Hand wird man dabei von Gemälden gekrönter Habsburger begleitet, direkt vor den Augen der Aufblickenden wird aber fleißig Staub gesaugt. Dabei handelt es sich um ein Foto, das 1965 irgendwo in der Steiermark aufgenommen wurde. Es zeigt eine Frau beim Reinigen der Wohnung und steht dort als Programm für die Jahresausstellung mit dem bemerkenswert ausführlichen Titel „Alles Arbeit. Frauen zwischen Erwerbs- und Sorgetätigkeit, Fotoarchiv Blaschka 1950-1966“. Die von Kuratorin Eva Tropper betreute Schau ist bis Anfang 2027 vom Museum für Geschichte (Universalmuseum Joanneum) aus Graz nach Wien übersiedelt. Sie versucht mit Bilddokumenten aus der Nachkriegszeit in der Steiermark unter anderem den Status quo für von Frauen geleistete unbezahlte Tätigkeit, deren mangelnde Anerkennung und eine nach wie vor propagierte Ungleichheit des für ihre Arbeit geleitsteten Entgelts zu hinterfragen und aufzuzeigen.

Bezahlte oder unbezahlte Arbeit? Frau beim Reinigen des Bodens, 1965, ohne Ort (Steiermark)

Bezahlte oder unbezahlte Arbeit? Frau beim Reinigen des Bodens, 1965, ohne Ort (Steiermark), Fotoarchiv Blaschka, Multimediale Sammlungen / Universalmuseum Joanneum

Mobile Betreuung durch eine Krankenpflegerin der Caritas, ohne Ort (Steiermark), 1953

Mobile Betreuung durch eine Krankenpflegerin der Caritas, ohne Ort (Steiermark), 1953, Fotoarchiv Blaschka, Multimediale Sammlungen / Universalmuseum Joanneum

Die Fotografien stammen ausschließlich aus dem Fotoarchiv Blaschka, das damals für die Kleine Zeitung Bilder geliefert hat. Egon gründete 1947 diese Firma, die aber ab den späten 1950er-Jahren von seiner Frau Erika als eine der ersten Pressefotografinnen geführt wurde. Nachdem als Credit meistens E. Blaschka verwendet wurde, war auch durch penible Recherche keine eindeutige Zuordnung möglich. Ebenfalls aus diesem Archiv stammen die Blattkopien, die in die Präsentation mit hinein genommen wurden. Die später in den Zeitungen verwendeten Fotos sind rot umrandet und lassen auf redaktionelle Entscheidungsgründe bei der Auswahl schließen.

Auf einigen im Faksimile nachzulesenden Seiten ist zu erkennen, dass immer wieder subtil Klischees bedient wurden, wenn die Aufnahme eines Wissenschaftlers in seinem Labor und diejenige einer gleichwertigen Forscherin mit Kopfporträt oder bestenfalls sitzend mit Buch in die Spalten gesetzt wurden. In der Ausstellung wird aber auch klar gemacht, dass es ohne die Frauen kein Wirtschaftswunder gegeben hätte. Neben einer Hand voll Heldinnen, die sich in ungewöhnlichen Berufen bewährt haben, sind es großteils Frauen in Tätigkeiten, die zum einen unentgeltlich ein gedeihliches Zusammenleben in den Kleinfamilien ermöglichten, eben Haushalt und Pflege, zum anderen in nicht gerade üppig dotierter Arbeit in Fabriken und der Landwirtschaft. Doch trotz reichlich vorhandenen Anschauungsmaterials wird darin die damit verbundene Mehrfachbelastung kaum sichtbar, so Eva Tropper: „Wir zeigen die Bilder daher bewusst neben- und übereinander, um deutlich zu machen, wie sehr sich bezahlte und unbezahlte Arbeit im Alltag vieler Frauen überlagert haben.

Alles Arbeit, Austellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

Alles Arbeit, Austellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

Altan verdacht, Team Ramesch Daha, Fabian Antosch und Philipp Oberthaler

Team Ramesch Daha, Fabian Antosch und Philipp Oberthaler

ALTLAST „HITLER-BALKON“ Drei Positionen für eine „Leerstelle“

Good Riddance, Gabriele Edlbauer

Good Riddance, Gabriele Edlbauer

„Überdacht“, „Mahnwache“ oder „Good Riddance“ für einen neuen Blick auf den missbrauchten Altan

Am 15. März 1938 hielt Adolf Hitler die sogenannte „Anschlussrede“ auf dem Altan der Neuen Hofburg. Auf dem Heldenplatz davor jubelten zig-tausend Menschen aus dem „Altreich“ dem Führer zu. Spätestens mit dem Ende der Naziherrschaft war dieses Geschehen ein Schandfleck in unserer Geschichte. Der Balkon wurde versperrt, blieb aber nicht unbeachtet. Fremdenführer weisen ihre Gruppen pflichtbewusst auf den historischen Makel hin, der rechte Nachwuchs unseres Landes verwendet die markante Architektur für subtile Wahlwerbung und das dahinter beheimatete hdgö (Haus der Geschichte Österreich) bespielt als Gegenaktion die Location von innen mit Schwerpunkten und Ausstellungen, die sich thematisch nach außen beziehen. 

Diesem engagierten Museum oblag es nun, anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Zweiten Republik und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft Ideen zu präsentieren, wie die düstere, schamvolle Vergangenheit dieses Dorns in unser aller Fleisch mit einem neuen Denkmal zwar angesprochen, gleichzeitig aber auch verarbeitet werden könnte.

 

Gemeinsam mit der Kunstuniversität Linz wurden Künstlerinnen und Künstler eingeladen, diese „Leerstelle“, ebenso peinlich wie symbolträchtig, aufzugreifen. Mit „Heldenplatz“ hat Thomas Bernhard schon vor Jahrzehnten eine wortgewaltige Abrechnung mit dem offiziellen Schweigen geliefert und nicht unerwartet einen veritablen Skandal produziert. Die Empörung der damit Getroffenen hat sich längst gelegt. Außerdem, wer geht denn schon ins Burgtheater?! Immerhin handelt es sich hier um eine Art Hauptplatz von Österreich, zu dessen Neugestaltung das Gros der Österreicher zum Mitdenken gebracht werden sollte. Am Beginn eines solchen Prozesses steht der Balkon, für dessen Neuerscheinung nun drei künstlerische Positionen vorgestellt wurden. Eine davon ist ein hübscher, plätschernder Zimmerbrunnen, entworfen von Gabriele Edlbauer. Sein englischer Titel „Good Riddance“ ist schwer zu übersetzen und meint etwa „Auf Nimmerwiedersehen“. Sie möchte den Altan mit der Ausstellungsfläche des hdgö vertauschen? Einfacher macht Bildhauer Franz Wassermann das Verständnis mit einer Tonnen schweren „MAHNWACHE“.

Sein Modell zeigt einen unbehauenen Granitblock aus dem Konzentrationslager Mauthausen auf dem Altan. Ein Übersehen der Gräuel wäre damit unmöglich. Sie müssten beim Blick hinauf zwangsläufig angesprochen werden. Das Team Ramesch Daha, Fabian Antosch und Philipp Oberthaler schlägt eine räumliche Intervention vor. „Altan verdacht“ spielt raffiniert mit der Auslegung von „verdacht“. Sie spannen ein niedriges Glasdach über den Balkon, um für alle Zukunft die Möglichkeit auszuschließen, diesen „Ort als Bühne der Macht und Selbstüberhöhung zu nützen“. Der Verdacht liegt nahe, dass derlei durchaus wieder unter den übelsten Vorzeichen passieren könnte, so sich die Bevölkerung weiter in der Harmlosigkeit einer bestimmten politischen Richtung gründlich verdacht hat. An die Verwirklichung eines der drei Vorschläge ist noch nicht gedacht, wie Monika Sommer, Direktorin des hdgö, und Rektorin Brigitte Hütter zugeben. Ein Anfang ist jedoch gemacht, Altan und Heldenplatz als Zentrum der Republik zu einer Manifestation von liberaler Demokratie, Menschenrechten und im Ganzen eines pluralistischen, weltoffenen Österreichs umzugestalten.

MAHNWACHE, Franz Wassermann im Gespräch mit Direktorin Monika Sommer

MAHNWACHE, Franz Wassermann im Gespräch mit hdgö-Direktorin Monika Sommer

Es funkt! Ausstellungsansicht © Foto: Klaus Pichler/hdgö, cc by-nc 4.0

Es funkt! Ausstellungsansicht © Foto: Klaus Pichler/hdgö, cc by-nc 4.0

ES FUNKT! Österreichische Geschichte im Radio

Es funkt! Ausstellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

Es funkt! Ausstellungsansicht © Klaus Pichler/hdgö

Eine Hörausstellung über den Rundfunk zwischen Propaganda und Protest

„Tor, Tor, Tor, Tor! I wer´ narrisch!“, als legendärer Jubelschrei des Sportmoderators Edi Finger 1978 in Córdoba ist historisch betrachtet kein entscheidender Moment unserer Geschichte, hat sich aber in das nationale Bewusstsein eingeprägt; zumal er vor jedem Fußballmatch gegen unseren Nachbarn Deutschland wie eine Zauberformel einen Sieg (meist vergeblich) heraufbeschwören soll. Zu erleben ist er als heitere Intro an der ersten Station der Hörausstellung „ES FUNKT! Österreich zwischen Propaganda und Protest“ (bis 6. Jänner 2026 am Alma Rosé-Plateau) im Haus der Geschichte Österreich, kurz hdgö. Doch in der Folge wird es ernst, teils sehr ernst , wenn im Kopfhörer die schnarrende Stimme von Engelbert Dollfuß ertönt. Gesendet wurde die Rede am 1. Mai 1934, mit der die diktatorische Verfassung dem zum Teil noch an Detektoren lauschenden Volk verkündet wurde.

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

Das nächste Schicksalsjahr war 1938 mit zwei tief in der Geschichte verankerten Radioereignissen innerhalb weniger Tage. Mit einem ergreifenden „Gott schütze Österreich“ beschloss Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am 11. März via RAVAG die Ankündigung seines Rücktritts. Am 15. März verkündete Adolf Hitler damals keine 20 Meter von der Hörstation der Ausstellung entfernt auf dem Altan der Neuen Hofburg den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Für alle, die damals nicht jubelnd auf dem Heldenplatz anwesend waren, gab es eine von pathetischer Musik umrahmte Übertragung, inszeniert von genialer Nazipropaganda. Heute kommentiert eine damals zeitgenössische Karikatur den grassierenden Wahnsinn mit Goebbels als gehörnten Gesundbeter.

Österreich war erst 1955 wieder völlig frei, wie Leopold Figl unmittelbar nach Unterzeichnung des Staatsvertrages feststellte. Seine im Inneren des Oberen Belvederes getätigte Aussage entwickelte jedoch ein Eigenleben und wanderte auf den Balkon des Schlosses, wo sie allerdings nie gesagt wurde. 1968 erwies sich das Radio als Grenzen überschreitendes Medium, als die Rote Armee in der Tschechoslowakei einmarschierte und einige Mutige via Äther ihr Entsetzen die Nachbarn wissen ließen, bis auch ihr Sender abgedreht war. Widerstand gab es auch von den Pionieren des Privatradios, die mit Sendemasten außerhalb der Staatsgrenzen das ORF-Monopol unterliefen. Zumindest teilweise wurde 1994 diese mittlerweile längst undenkbare Regelung aufgehoben. Ein Jahr davor war in Straßburg das auslösende Urteil ergangen. Es sind also Heldensagen, Freudenbotschaften und Dokumente des Schicksals, die bis zur letzten Station mit der Jahreszahl 2025 von entscheidenden Punkten unserer Geschichte berichten und dank gemütlicher Sitzgelegenheiten in aller Beschaulichkeit nachgehört werden können.

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

Ausstellungsansicht Es funkt! © Klaus Pichler/hdgö

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