Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Pauline Knof als Marianne © Sepp Gallauer

JAKOBOWSKY UND DER OBERST Zu Herzen gehende Flucht

Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger, Pauline Knof © Sepp Gallauer

Wenn der Zuschauer beginnt, selbst an Wunder zu glauben...

Dass ein jüdischer Geschäftsmann mit eher zufälliger polnischer Geburt mit einem Oberst der polnischen Armee in Frankreich aus Paris Richtung eines Hafens am Atlantik unterwegs sind, hat Franz Werfel ausgerechnet in Lourdes vernommen, an der Stätte, an der Wunder nichts Ungewöhnliches sind. Erstaunlich daran ist eher, dass an diesem Marienwallfahrtsort der Berichterstatter ein polnischer Bankier namens Stephan S. Jakobowics gewesen ist, ein Jude, dem an sich christlich begründete Mirakel fremd sind. Die gemeinsame Flucht der beiden Gegensätze, da der bescheidene, aber lebenskluge Jude, dort der polternde, dem Suff und den Weibern zugeneigte Militarist, könnte sich so ähnlich abgespielt haben, wie es Werfel für das Drama „Jacobowsky und der Oberst“ noch im lebendigen Eindruck der eigenen Emigration bereits ein Jahr nach der Zeit der Handlung (1940) niedergeschrieben hat (Entstehungszeit zwischen 1941 und 1942). Die Aktualität ist dem Stück geblieben, über eine große Verfilmung mit Danny Kaye und Curd Jürgens und unzähligen Bühnenproduktionen.

Herbert Föttinger mit Violine © Sepp Gallauer

Erstaunlich ist der Humor, mit dem Werfel bei allem Ernst des Geschehens seine Hauptfiguren ausgestattet hat. Immerhin geht es um das nackte Überleben, das in diesem rasanten „Roadmovie“ mehrmals in höchste Gefahr gerät. Vielleicht war es nur deshalb möglich, weil der Autor am eigenen Leib das Davonrennen vor dem sicheren Tod durchgemacht hat und damit Zeuge der Wunder geworden ist, die unabhängig von jeder Religion und Nationalität den von Vertreibung Betroffenen zuteil werden.

 

Wenn das Theater in der Josefstadt dieses Stück ins Programm nimmt, darf man sich zurecht einen großen Abend erwarten. An ausgezeichneten Darstellern für die doch zahlreichen Rollen mangelt es im Ensemble dieses Hauses am wenigsten. Wenn dann noch Janusz Kica als Regisseur die Umsetzung in die Hand nimmt, kann nichts mehr schief gehen. An Emotionen wird nicht gespart, und es ist absolut keine Schande, wenn es einem als Zuschauer einige Male Rührungstränen in die Augen treibt. Einer dieser Momente ist bestimmt die Abschiedsszene, bei der es um die Entscheidung geht, wer das Schiff in die Freiheit besteigen darf. Als Begleiterin des polnischen Boten mit den Geheimpapieren hätte Marianne das erste Recht darauf. Nicht zufällig hat Werfel seine Heldin so benannt und Pauline Knof wird diesem Auftrag mehr als gerecht. Sie wandelt sich sehenswert von der Tussi, die noch überlegt, ob sie ihr Tennisracket in England braucht, zur Freiheitskämpferin, die ihren Platz in der von den Nazis besetzen Heimat gefunden hat. Zur legendären Gestalt der Liberté wurde sie auf der Flucht mit den beiden Männern, die sich ihretwegen beinahe sogar duelliert hätten, wäre da nicht die Patrouille der Boche (während des Krieges abwertender Ausdruck für die Deutschen) erschienen und hätte mit einer Perlustration begonnen.

Für Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky muss es wahrhaft unerträglich gewesen sein, zum irrsinnigen Ehemann von Marianne erklärt zu werden, um einer Festnahme zu entgehen. Herbert Föttinger zeigt in dieser Rolle einmal mehr, wie sehr ihm solche Partien liegen und hat dafür sogar das Spielen der Violine zumindest bis zu fünf Tönen erlernt. Vom überheblichen Grundherrn und Offizier, der mit leichter Hand seinen Pfeifendeckel Szabuniewicz (Matthias Franz Stein) der Geliebten schenkt, zum mit seinem Zusammenbruch Hadernden ist es bei ihm nur ein kleiner, aber bestens nachvollziehbarer Schritt. Immerhin hat er nicht nur den Kriegsfeind als Gegner, sondern auch Jacobowsky. Johannes Silberschneider nervt als solcher seinen Kontrahenten nicht nur mit den ins Unendliche fortsetzbaren zwei Möglichkeiten und ständigen Wundern, die er für das Trio wirken lässt, er stiehlt ihm sogar dann noch die Show, als die beiden längst Freunde sind. Statt in der Kathedrale des Oberst entzündet Jacobowsky in der Synagoge seines Herzens ein ewiges Licht für Marianne.

Johannes Silberschneider, Herbert Föttinger © Sepp Gallauer

Glaube und Heimat Ensemble © Moritz Schell

GLAUBE UND HEIMAT als Warnung vor zeitlosem Wahnsinn

Glaube und Heimat Ensemble © Moritz Schell

Wenn zwei Glauben raufert werden, ist das eine wilde Sach´

Karl Schönherr war Tiroler, verwurzelt in seinen Bergen, der seine Landsleut´ einerseits als Arzt kuriert, aber ihnen als Schriftsteller als bessere Medizin auch den Spiegel vors sture Bauerngesicht gehalten hat. Seine Art der Dichtung mag heute mancherlei Nasenrümpfen hervorrufen, damals hat man ihn aber verstanden oder bewusst fehl gedeutet, wenn 1933 der Völkische Beobachter über sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ schreibt. Ihm selbst mag eine solche Interpretation gar nicht so unrecht gewesen sein. Nach dem Anschluss 1938 jubelt er über ein „gewaltiges Land, so wie in alter Zeit“, oder war es nur die Angst des damals 71jährigen Dichters um seine Frau, die Jüdin Malvine. Keine Frage, es ist problematisch, einen Schönherr heutzutage aufzuführen. Das Theater in der Josefstadt hat es gewagt und „Glaube und Heimat“ (Uraufführung 1910) ins Programm genommen. Es geht um die Vertreibung der Protestanten während der Gegenreformation, gemeint war allerdings die lang nach dem Toleranzpatent eines Josef II. geschehene Umsiedlung der Zillertaler Inklinaten (1837!).

Roman Schmelzer, Alexandra Krismer © Moritz Schell

Es stehen darin die vor reformatorischer Überzeugung gehärteten Schädel der Lutheraner gegen den brutalen und blutigen Versuch der Habsburger, in ihrem Reich den katholischen Glauben durchzusetzen. Die Verortung durch den Autor im 16. Jahrhundert kann nicht die Zeitlosigkeit der Problematik verhindern. Wer Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, muss auch bei dieser doch sehr parteiischen Abrechung mit den Schergen des Kaisers die eigentliche Wahrheit bemerken.

Glaube und Heimat Ensemble © Moritz Schellmann

Es war, ist und bleibt unfassbar, dass Glaubensbekenntnisse egal welcher Ausprägung um so vieles stärker als jede Vernunft sind; dass man für religiöse Hirngespinste Katastrophen heraufbeschwört und nicht vor Morden zurückscheut, um sein eigenes sogenanntes Gewissen zu beruhigen. Insofern macht es Sinn, dieses Stück aufzuführen, als Warnung vor der einen Todsünde, die sich Religion nennt und Hand in Hand mit der zweiten, dem Nationalismus brüderlich einhergeht.

Stephanie Mohr hat diesen Schönherr im Sinne eines Gemäldes von Albin Egger-Lienz inszeniert. Im Herrgottswinkel der Bauernstube hängt das Bild von der Gottesmutter als Beweis, dass man katholisch ist. Dazwischen agieren in ihrem Grund und Boden zutiefst verwurzelte Mander und Weiber, denen der Reiter des Kaisers (Claudius von Stolzmann) das Leben zur irdischen Hölle macht. Es wird heimlich in der Bibel gelesen und emotionslos über den Verkauf der Anwesen verhandelt. Der Bader (Oliver Huether) lässt mit einem kühnen Messerstich das Wasser aus dem Bauch des Alten und gibt sowohl über dessen Ableben als zur nächsten Geburt im Hause des auf die verlassenen Höfe erpichten Engelbauern (Nikolaus Barton) in der Au seine Prognosen ab.

Dazwischen singt der Trommler (Kyrre Kvam) traurige Lieder vom Scheiden und am Schluss geht´s darum, zumindest in geweihter Erde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden. Es ist stellenweise beinahe unerträglich, mit welchem Ernst die Darsteller zu Werke gehen. Die Hauptperson ist Christoph Rott, ein Bauer, der lange seine wahre Konfession verheimlicht. Raphael von Bargen ist durch und durch der aufrechte Christenmensch, dem man es auf der Stelle abnimmt, dass er auch im größten Schmerz seinen Feinden verzeihen kann, weil es so in der Bibel gefordert wird. Michael König ist der Alt-Rott, die Rottin Silvia Meisterle. Roman Schmelzer (Sandperger zu Leithen) und Alexandra Krismer (Sandpergerin), Kesseflicker-Wolf Ljubiša Lupo Grujčić und Straßentrapperl Susanna Wiegand sind Glanzpunkte im finsteren Geschehen, ebenso wie Swintha Gersthofer, die den Spatz mit der Frechheit eines Tiroler Bauernbuben abseits von religiösen Skrupeln auf Mauern und Bäume kraxeln lässt. So besehen, kann man nur hoffen, dass das Publikum die Botschaft versteht und nicht zur Pause die fordernde Vorstellung verlässt.

Raphael von Bargen als Rott und Ensemble © Moritz Schell

Der Bauer als Millionär Ensemble © Erich Reismann

DER BAUER ALS MILLIONÄR geist(er)reich inszeniert

Michael Dangl, Wolfgang Hübsch © Erich Reismann

Zufriedenheit mit einem herzerwärmend romantischen Raimund

Es ist seltsam, aber auch in Zeiten gnadenlos engagierter Regietheater erfreut man sich an einem Zaubermärchen, das mit allem Plüsch des Biedermeiers von einem Mädchen aus der Feenwelt erzählt. Die Handlung mit ihrer einfachen Moralität schrammt hart am Rand des Kitsches, nicht ohne diese Grenze mehrmals lustvoll zu überschreiten. Die Bühne wimmelt nur so von Magiern und Geistern, die alle zusammen wie nichts Schicksal spielen. Sie können den Irdischen mit Galläpfeln oder einer Kegelpartie zum Supervermögen verhelfen, ihnen gleichzeitig die Zeit wie einen verrückten Bock nach vor und zurück springen lassen und müssen dennoch auf fiese Tricks zurückgreifen, wenn die angepeilten Menschen nicht so wollen, wie es ihnen gut dünkt. Was muss sich eine Fee auch mit einem Sterblichen einlassen und ein Kind austragen? Ferdinand Raimund, der Meister im Umgang mit derlei zauberhaften Unwahrscheinlichkeiten, hat diesen Ausrutscher jedenfalls in eine wundersame Handlung verpackt und mit entsprechend komödiantischem Touch zu einem seiner Erfolgsstücke veredelt.

Michael DAngl als Aschenmann © Erich Reismann

Die Opfer übernatürlicher Intrigen kommen an sich recht schlecht weg. Ein gewisser Fortunatus Wurzel kann mit dem akuten Geldregen nicht wirklich was anfangen und bewirtet seine Spezis, die nichts anders wollen, als gratis fressen und saufen – was man ja aus jeder Gesellschaftsschicht bestens kennt. Sein Kammerdiener, gewester Kuhhirt, bereichert sich hemmungslos und der Bediente Habakuk lässt jeden Respekt seiner subalternen Stellung vermissen. Wären da nicht die beiden Jungen, das Lottchen, Tochter von Lacrimosa, und der biedere Karl Schiff, ein armer Fischer, „Der Bauer als Millionär“ wäre ja wahrhaftig ein unmoralischer Abriss menschlicher Unzulänglichkeiten.

Theerresa Dax, Michael Dangl © Erich Reismann

Die Josefstadt hat ihrem Premierenpublikum am 13. Dezember 2018 ein wunderschön verpacktes Weihnachtsgeschenk überreicht. Das Christkindl in Gestalt von Josef E. Köpplinger hat diesen Raimund so auf die Bühne gestellt, wie ihn sich der Autor einst auch gedacht haben mag. Die originalen Couplets und das von Theresa Dax tränenrührend tirilierte „Brüderlein fein“ dürfen zur Begleitung eines feinen Orchesterchens gesungen werden, auf die sich Michael Dangl mit dem Aschenlied auch gerne draufsetzt.

Furien sausen durch das Dunkel der Hinterbühne, dass das Fürchten eine Freude ist, es donnert und blitzt und wenn die elegante Zufriedenheit (Julia Stemberger) das harte Herz des Hasses (Dominic Oley mit dem genialen Adlatus Ljubiša Lupo Grujčić) erweicht, ist spätestens jedem klar, dass das Gute siegen wird und Lacrimosa (Alexandra Krismer) gerettet ist. Bis es so weit ist, hat auch Wolfgang Hübsch als das hohe Alter einen beachtlichen Auftritt, indem er als soignierter älterer Herr erscheint, zum bösartigen Tattergreis mutiert, um wieder als Sir abzutreten. Lorenz mit den großen Taschen in seiner Livree ist Johannes Seilern und der ätzende Habakuk Paul Matić. Alexander Pschill als Ajaxerle, der Magier aus Donaueschingen, schwäbelt gekonnt um seinen Schützling Karl Schiff (Tobias Reinthaller) herum, dass der auch seine so natürlich daher kommende Braut Lottchen (Lisa-Carolin Nemec) nicht als Nabob, sondern als armer Hund rechtzeitig heiraten kann.

Auf persönliche Bedürfnisse und die Tatsache, dass genügend Geld, richtig angelegt, ebenfalls glücklich machen könnte, nimmt die Feenwelt (u.a. Patrick Seletzky als Bustorius, Alexander Strömer in der Rolle des Zenobius oder Martin Niedermair als gelber Neid) natürlich keine Rücksicht. Aber man hat dort oben zumindest das Einsehen, dass das Dasein als greiser Aschenmann auch nicht das Gelbe vom Ei ist und schenkt Fortunatus Wurzel gnädigerweise wieder sein tatsächliches Alter.

Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair, Dominic Oley © Erich Reismann

Sujetfoto © Jan Frankl

DER EINSAME WEG sowohl in das Alter als auch in den Tod

Der einsame Weg Szenenfoto © Astrid Knie

Ein Stück Bedenkzeit, begleitet von Schnitzlers poetisch düsteren Gedanken

„Ich habe dich lieb“, sagt Alma Hasun als rührend junge Johanna zum wesentlich älteren Stephan von Sala (Bernhard Schir). Sie meint es wirklich ernst, nicht nur, weil sie weiß, dass dieser Mann, der sie mit seinen Versen fasziniert, am äußersten Rand seines Lebens steht. Es ist das Charakteristikum dieses Schauspiels von Arthur Schnitzler, dass die einen ihres Todes gewiss sind und auch verlässlich sterben, während die anderen damit fertig werden müssen, dass sie von diesen Menschen verlassen werden. Es geht aber ebenso wesentlich um Geburt, also um den Anfang unseres Daseins. Felix, ein noch jugendlicher Offizier (Alexander Absenger), hatte nie den geringsten Zweifel, dass Professor Wegrat (Marcus Bluhm) sein Vater ist. Als aber der Maler Julian Fichter auftaucht, gespielt von Ulrich Reinthaller, kristallisiert sich nach und nach die Wahrheit heraus. Er hat im Zuge eines Verhältnisses mit Gabriele (Therese Lohner) vor deren Hochzeit mit Wegrat Felix gezeugt. Gleichzeitig hatte er eine Liaison mit der Schauspielerin Irene Herms, großartig besetzt mit Maria Köstlinger.

Bernhard Schir, Alma Hasun © Astrid Knie

Dieser nur vordergründig leichtlebigen Dame glaubt man aufs Wort, dass sie selber allzu gern Kinder gehabt hätte. Sie macht dazu Julian Vorwürfe, freut sich aber mit ihm, dass wenigstens er einen Sohn hat, der allerdings von seinem wahren Erzeuger nichts wissen will und für dessen Freiheitsliebe nachvollziehbarer Weise nicht das geringste Verständnis hat. Wenn Irene nach einem Besuch bei Sala in dessen Dornbacher Villa Felix in ihrem Wagen in die Stadt mitnimmt und stolz sagt, dass die Leute glauben werden, eine Mutter sei mit ihrem Sohn unterwegs, dann wird ihre Sehnsucht, das eigene Leben in Nachkommen weiterzugeben, schmerzlich klar. Die undankbarste Rolle hat Peter Scholz übernommen. Er ist Doktor Franz Reumann, der wie das Schicksal persönlich die kurz bemessene Lebensdauer von Gabriele und Sala kennt, aber vom Freitod Johannas, die er selber gern geheiratet hätte, grausam überrumpelt wird.

 

Schnitzler hat mit diesem Stück keinen angenehmen Theaterabend geschaffen, sehr wohl aber einen poetischen, mit vielen leisen Tönen, mit denen die einzelnen Tragödien abgehandelt werden. Mateja Koležnik führt Regie, wie man sie für eine derartige Düsternis erwarten darf. Grau in Grau ist die Devise, die von Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp im Bühnenbild konsequent umgesetzt wurde. Türen verschieben sich gegeneinander, um stets nur kleine Durchgänge zu schaffen.

Der Hintergrund wie eine elegante Wohnung oder die Villa am Land malt sich aus dem Text Schnitzlers. Es braucht nicht mehr als große Schauspieler, die damit kunstvoll arbeiten und den Zuschauer sogar diese Tristesse genießen zu lassen. Er spürt die Verzweiflung, wenn der Professor und Kunstbeamte Wegrat und der Maler Fichtner den einsamen Weg in das Alter antreten, während das Leben um sie herum erlischt oder mit Felix in einer archäologischen Expedition ohne absehbares Ende verschwindet.

Der einsame Weg Szenenfoto © Astrid Knie

Der Besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

DER BESUCH DER ALTEN DAME telegen aufbereitet

Der Besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

Tödliche Gerechtigkeit für die tanzende Gliederpuppe

Friedrich Dürrenmatt hat für die größten Schauspielerinnen in einem Alter jenseits der jungen Naiven mit der Claire Zachanassian eine Traumrolle geschrieben. Für das Theater in der Josefstadt kam dafür nur Andrea Jonasson infrage. Sie gibt dieser unermesslich reichen, sonst aber aus metallischen Bestandteilen bestehenden Frau die Dämonie eines weiblichen Mr. No, der die Welt gekauft hat und sie nun beherrscht. Nachdem kein James Bond auftaucht, sondern nur ihr Liebhaber, der sich alles andere als anständig benommen hat, als sie schwanger und mittellos war, wird eben der vernichtet. Claire will Gerechtigkeit, nicht Rache. Alfred Ill ist nicht zu beneiden. Michael König nimmt man den einstens wilden Burschen, in den das Mädchen Kläri verliebt war, auf der Stelle ab, aber auch seine Todesangst und die letztendliche Einwilligung, sich töten zu lassen. Claire will nämlich nichts anderes als Gegenleistung für eine versprochene Milliarde, die sie dem maroden Flecken namens Güllen (was recht nahe dem Wort Gülle für Jauche klingt) vermachen will, als den Tod von Alfred.

Andrea Jonasson, Michael König © Herwig Prammer

Dass die reflexartig ausgesprochenen Schwüre von Humanität bald der Gier auf das in Aussicht gestellte Vermögen Makulatur sind, ist vom ersten Moment an klar. Dürrenmatt lässt kein gutes Haar an den Honoratioren des Städtchens, wenn er bis in letzte Fältchen ihrer schwarzen Seelen blickt. Kredit ist plötzlich das Zauberwort, das Alfred Ill, den Betreiber des örtlichen Kaufhauses in Panik bringt. Er braucht nur eins und eins zusammen zu zählen um zu wissen, worauf sich die aus Schuldenmachen bestehende Konjunktur aufbaut, nämlich auf seinen Kopf.

Der besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

Das 1956 uraufgeführte Stück „Der Besuch der alten Dame“ ist nach wie vor eines der meistgespielten Dramen auf deutschen und österreichischen Bühnen. Was soll ein Regisseur da noch Neues bringen? Stephan Müller hat gezeigt, dass es möglich ist. Er lässt den Zuschauer zum Fernseher werden, der einzelne Szenen auf TV-Schirmen verfolgt, in denen das zum Verständnis nötige Hintergrundwissen zweifelhaft unterhaltsam und doch in einer zeitgemäßen Art vermittelt wird.

Zwei in ihrer Art ungemein echt wirkende Moderatorinnen (Martina Stilp und Alexandra Krismer) mit dem Kameramann Michael Würmer sind immer dann zu Stelle, wenn die betroffenen Güllener das am wenigsten gebrauchen können. So fragt eine davon mitten in der besten Feierstimmung doch glatt den Bürgermeister (Siegfried Walther als genial niederträchtig grinsender Lokalpolitiker), warum seine Kommune derart wirtschaftlich abgesackt sei, dass es hier die meisten Arbeitslosen des ganzen Landes gäbe. Freilich weiß er eine nichtssagende Antwort, ebenso der Lehrer (André Pohl), der vor den Mikrophonen eine ergreifend inhaltslose Rede schwingt, von der sogar das TV-Team beeindruckt ist. Pfarrer (Johannes Seilern), Arzt (Alexander Strobele) und Polizist (Oliver Huether) sind längst auf Linie, wenn es darum geht, dem Gemeinwohl eine Milliarde zu verschaffen. Als Frau von Ill wächst Elfriede Schüsseleder von der grauen Maus, die Alfred seinerzeit wegen des Geldes geheiratet hat, im Vertrauen auf das pekuniär einträgliche Ableben ihres Mannes zum toll gekleideten Vamp heran. Mit der Distanz eines Stoikers steht Markus Kofler dem schlimmen Treiben gegenüber.

Er ist der souveräne Butler von Claire, zum Glück nicht einer ihrer Ehemänner (in Personalunion Lukas Spisser, der für seine Wandelbarkeit vom Plantagenbesitzer über den Filmschauspieler bis zum Nobelpreisträger Lacher einheimst), die schneller als manches Hemd gewechselt werden. Wenn zwischen den vielen großartigen Videoeinspielungen (Sophie Lux) eine gespenstische Tänzerin auftaucht, halb Gliederpuppe, halb Skelett, ist schließlich jedem klar, wie es um die Zukunft von Alfred Ill steht.

Martina Stilp, Lukas Spisser, Andrea Janossaon © Herwig Prammer

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

DIE REISE DER VERLORENEN Verdammt ein Jud´ zu sein

Die Reise dere Verlorenen Szenenfoto © Jan Frankl

Bedrückende Kreuzfahrt von Hamburg nach Havanna und retour

Welcher gute Geist immer Hitler geritten hat, aber der Führer erlaubte im Jahr 1939 an die eintausend Juden die Ausreise per Schiff. Die meisten waren kaum begütert und kratzten ihre letzten Reichmark zusammen, um eine Bordkarte zu ergattern. Die Shoa, die sie bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hatten, ließ ihnen keine andere Entscheidung. Kuba, hieß es, würde sie vorläufig aufnehmen und in der Folge könnten sie in die USA weiterreisen. Dass diese Reise keine Luxuskreuzfahrt werden würde, wie man es vom Schiff, der komfortablen St. Louis, eventuell erwarten hätte können, war jedem der Beteiligten klar; sowohl den Passagiere als auch der Besatzung. Einer der Stewards war Erznazi, Ortsgruppenleiter auf der schwimmenden Gemeinde, und konnte sich nicht damit abfinden, dreckige verhasste Juden bedienen zu müssen. An Land hätte er sie ins KZ stecken und vergasen können, auf hoher See musste er aber zähneknirschend befolgen, was ihm sein Kapitän auftrug, wenn auch nur unter Ausstoßung finsterer Drohungen gegenüber seinem seiner Ansicht allzu menschlichen Vorgesetzten.

Herbert Föttinger, Raphael von Bargen © Sepp Gallauer

Die Reisenden selbst hatten zum Teil schon bittere Erfahrungen mit dem Rassenwahn in Deutschland gemacht. Erst nach und nach konnte sich der Kapitän ihr Vertrauen erkämpfen, das aber sehr schnell wieder verloren war, als es hieß, dass Kuba mit seiner korrupten Regierung sein Wort brach, die USA sich abputzten und der Befehl zur Rückkehr nach Hamburg bekannt wurde. Die Flüchtlinge waren dem Meer und dem Goodwill einiger Länder wie Holland, Belgien oder Frankreich, die sich bereit erklärten, etliche von ihnen aufzunehmen, hilflos ausgesetzt und mussten unter deren auch nicht gerade freundlichen Bedingungen ihr Leben retten lassen, nur vorläufig, denn mit Ausbruch des Krieges standen sie wie die Verlierer des Gänsespiels wieder genau dort, wo sie ihre unglückselige Reise begonnen hatten.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben diese Irrfahrt der St. Louis in einem auf wahren Tatsachen beruhenden Roman „Voyage of the Damned“ aufgeschrieben. Daniel Kehlmann hat für die Josefstadt Dilogie „Auf der Flucht“ daraus das Stück „Die Reise der Verlorenen“ geschaffen. Die Besetzungsliste ist lang und voll von bekannten Namen; zweifellos eine Parade der Publikumslieblinge des Hauses, denen Direktor Herbert Föttinger als Kapitän Gustav Schröder souverän die Fahrtrichtung vorgibt.

Sein Widerpart ist Raphael von Bargen, der wohl seiner ständigen Rollen als Nazi überdrüssig sein dürfte. Aber er kann Ekel wie den Otto Schiendick so gut wie kein anderer verkörpern und wenn er erzählt, dass er den Kapitän eines anderen Schiffes bereits verhaften hätte lassen und penibel Buch führt, was es an Verstößen gegen seine Ideologie gibt, rennt einen als Zuschauer die Gänsehaut über den Rücken. Sandra Cervik ist die entscheidungsfreudige Babette Spanier, Gattin des Dr. Fritz Spanier (Ulrich Reinthaller), der später ohne Skrupel zum Lagerarzt aufsteigt und Jüdinnen sterilisieren lässt. Therese Lohner gibt eine reizend starrköpfige Tante Charlotte, die ihren Neffen Otto Bergmann (Matthias Franz Stein) kujoniert, und Roman Schmelzer den rührenden Pechvogel Aaron Pozner, der sogar vor einer Meuterei nicht zurückschrecken würde, wäre da nicht der Kapitän, der ihm derlei Unsinn auszureden versteht. Die Staatsführung von Kuba ist nicht weniger prominent besetzt. Michael Dangl lässt seinen Präsidenten Laredo Brú zwischen Geldgier und politischem Opportunismus sehr nachvollziehbar schwanken, gegen die Argumente von Remos (Martin Zauner), einem seiner Minister.

 

Janusz Kica hatte als Regisseur die nicht leichte Aufgabe, Menschenmassen auf der Bühne der Josefstadt zu organisieren, die aber von Walter Vogelweider mit einem äußerst sparsamen Bühnenbild in Form eines grob stilisierten Schiffs erleichtert wurde. Trotz der beträchtlichen Anzahl auftretender Personen kennt man sich als Zuschauer stets bestens aus.

Dass am Schluss die Statisten Schwimmwesten tragen, wie man sie von Zeitungsberichten heutiger Tage kennt, ist ein Gedankenanstoß, die Thematik in die Gegenwart zu übersetzen, auf die Gefahr hin, dass Migrationsbewegungen Richtung Europa mit der lebensrettenden Flucht von Juden aus dem Dritten Reich in einen Topf geworfen werden. Auch weniger schlechte Menschen fürchten sich vor Völkerwanderungen und fragen nicht unberechtigterweise, was dabei am Ende für uns alle herauskommen wird.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer
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Foto © Theater in der Josefstadt

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