Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

KOMÖDIE DER VERFÜHRUNG

Turbulentes Warten auf den Kriegsbeginn

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Arthur Schnitzlers selten gespieltes Werk als erschreckend aktuelle Warnung

Max von Reisenberg ist ein attraktiver Lebemann. Keine Frau kann ihm widerstehen. Entsprechendes Vermögen ist vorhanden. Es bietet ihm die Möglichkeit, leichten Herzens eine Reihe von Liebschaften anzubahnen; ohne Rücksicht auf eventuell bereits bestehende Verhältnisse. So gibt es Aurelie, die ihr Wort bereits einem Freiherrn von Falkenir gegeben hat. Ist sie für Max deswegen so anziehend, weil deren Vater den seinen einst im Duell erschossen hat? Die junge Sängerin Judith ziert sich zwar, gewährt ihm zumindest aber eine Nacht. Verliebt in den Schürzenjäger ist auch Seraphine, ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, das es mit enormem Fleiß zu einer Geigenvirtuosin gebracht hat. Dass sich diese amourösen Verwicklungen ausgerechnet am Vorabend und am Beginn des Ersten Weltkriegs abspielen, erhebt diese im Grund tragisch endende „Komödie“ Schnitzlers jedoch über die Umtriebe einer glücklicherweise längst verflossenen adeligen Gesellschaft hinaus. Sie wird zu einer zeitlosen Metapher für den fahrlässig leichtsinnigen Umgangs mit ernsthaften Bedrohungen unseres Daseins.

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Genau diesen Aspekt hat Regisseurin Ildikó Gáspár für das Theater in der Josefstadt mehr als deutlich herausgearbeitet. Die Inszenierung ihrer Version des Schnitzler-Dramas besteht aus zwei gänzlich unterschiedlichen Teilen. Vor der Pause wird man beinahe schwindelig, wenn eine Live-Kamera (Balázs Domokos) die Damen und Herren des Ensembles im Foyer und im Zuschauerraum begleitet. Dass die auf die Bühne projizierten Mundbewegungen der Sprechenden nicht synchron ablaufen, ist zwangsläufig der Technik geschuldet und darf ignoriert werden. In Cinemascope zu erleben ist ein Maskenfest bei Prinz Arduin, für das sich Gastgeber Alexander Absenger mit einer blauen Boa verkleidet hat und dabei auch im Urlaub auf der Insel bleibt. Conférenciers sind Roman Schmelzer als Staatsanwalt Braunigl und Ulli Maier als im Leben erfahrene Fürstin.

Sie dürfen damit immer wieder aus der Handlung aussteigen, um seltsam gute Laune zu verbreiten und sogar eine Tombola (makaberer Gewinn: ein Spielzeug-Raketenwerfer) veranstalten. Baron Falkenir erscheint würdevoll elegant in lässigem Outfit im Mittelgang, entsprechend seinem Darsteller Joseph Lorenz, um sich mit Aurelie (Silvia Meisterle) zu verloben. Er hat nicht mit Nils Arztmann gerechnet, dessen Max in femininer Kostümierung erfolgreich seine Fänge nach dessen Braut ausstreckt. Mit oranger Perücke und grüner Glockenhose verwirrt Johanna Mahaffy als Judith den potentiellen Geliebten und in glitzernder Abendrobe geigt verzweifelt Seraphine (Lili Wunderlich). Das Ensemble ist bis auf die kleinste Rolle grandios besetzt. Elisabeth ist Michaela Klamminger, Martin Niedermair gibt einen neutralen Ambros, während sich Bankpräsident Westerhaus (Matthias Luckey) aufgrund von Bankrott erschießen muss und seiner Frau Julia (Susa Meyer) damit neue Freiheiten, aber auch erotische Verwirrung schafft. Für Partystimmung sorgt DJ Flóra Lili Matisz mit Live-Musik.

 

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Ganz anderes präsentiert sich das Stück im zweiten Teil. Man trifft sich Erholung suchend auf der dänischen Insel Gilleleije, die allerdings mit dichten Nebelschwaden eher deprimierend auf die Beteiligten wirkt. Eine sanfte Erheiterung bietet der Hoteldirektor mit Robert Joseph Bartl, der der Einfachheit halber auch dessen Tochter übernimmt. Das Geschehen bleibt nun großteils auf der Bühne, auf der die Frauen das Regiment übernehmen. Deren Opfer ist Max, dessen Verführungskünste ins Leere laufen. Judith stößt ihn nach der einen versprochenen Nacht von der Bettkante und Seraphine hat sich entschlossen, das gemeinsame Kind allein aufzuziehen. Falkenir und Aurelie finden in einem gemeinsamen Tod durch Ertrinken zueinander.

Prinz Arduin zieht es vor, sich mit seiner Yacht aus Europa zu entfernen. Ein paar Tage davor, am 28. Juli 1914, ist die Kriegerklärung Österreich-Ungarns an Serbien erfolgt. Mit Melodien aus Emmerich Kálmans Csárdásfürstin (Uraufführung am 17. November 1915) wird das Ende zu einem gespenstischen Tanz auf dem Vulkan, der unter unseren Füßen nie zu brodeln aufgehört hat und heute mit bedenklichem Grollen einen neuen verheerenden Ausbruch ankündigt.

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser

Herbert Föttinger, Juliette Larat, Maria Köstlinger, Raphael von Bargen © Moritz Schell

Herbert Föttinger, Juliette Larat, Maria Köstlinger, Raphael von Bargen © Moritz Schell

WAS FÜR EIN SCHÖNES ENDE

mit Turrini und dem grandiosen Ensemble

Herbert Föttinger als versunkener Da Ponte © Moritz Schell

Herbert Föttinger als versunkener Da Ponte © Moritz Schell

Eigentlich geht es um Lorenzo Da Ponte als einen aus dem Olymp gestürzten Gott.

Marianne Nentwich tritt würdevoll auf und nimmt gnädig den dafür gespendeten Applaus entgegen. Sie stellt sich als Dorka Dušková alias Dolly Delors vor und verrät ihr Alter: Sie ist 95. Nicht viel jünger ist der Greis, der für die Lieferung von Brandy zuständig ist. Auch er erhält Beifall für sein Erscheinen. Herbert Föttinger ist Lorenzo Da Ponte in fortgeschrittenen Jahren. Vom verehrten Hofpoeten von Kaiser Joseph II. ist nichts mehr zu merken. Der als Emmanuele Conegliano im jüdischen Ghetto Venedigs geborene, später zum katholischen Priester geweihte und wegen unsittlichen Lebenswandels aus der Stadt verbannte Dichter musste aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten von London nach Amerika abtauchen. Noch in England hatte er die wesentlich jüngere Nancy Krahl geheiratet, der Maria Köstlinger das Erscheinen einer praktischen, klugen und jeder Träumerei abholden Frau verleiht. Angeblich hat ihr Vater das Sauerkraut in die Staaten gebracht und damit Geld gemacht. Das berührt wiederum ihren Gatten nur wenig, der in seinem Jammer von der Erinnerung an große Tage zehrt.

Félix Kama, Herbet Föttinger, Juliette Larat, Ljubiša Lupo Grujčić, Marcello De Nardo © Moritz Schel

Félix Kama, Herbet Föttinger, Juliette Larat, Ljubiša Lupo Grujčić, Marcello De Nardo © Moritz Schel

Marcello De Nardo, Félix Kama, Juliette Larat, Raphael von Bargen, Alexander Strömer

Marcello De Nardo, Félix Kama, Juliette Larat, Raphael von Bargen, Alexander Strömer, Herbert Föttinger © Moritz Schell

In dieser mäßig erfreulichen Lebenssituation setzt Peter Turrinis Hommage an Da Ponte ein. Sie trägt den programmatisch anmutenden Titel „Was für ein schönes Ende“. Angeblich war Da Ponte im Zuge seiner hochprozentigen Geschäfte auch nach Santa Fe gekommen, wo ein gewisser James N. Brodnik aus einem Saloon ein Opernhaus gemacht und als erste Produktion „Don Giovanni“ auf den Spielplan gesetzt hat. Raphael von Bargen weiß als windiger Möchtegern-Impressario natürlich nicht, wer das Libretto dazu geschrieben hat, und es interessiert ihn auch nicht im Geringsten. Die beiden Leibwächter sind sogar bereit, den aufsässigen Alten umzulegen, was Marcello De Nardo und Ljubiša Lupo Grujčić reichlich Gelegenheit zum Ausspielen ihrer giftigen Komik lässt. Félix Kama ist als Bambus Wilkinson eifriger Konsument von Brandy und fühlt sich gar als Kaiser, nachdem ihn Da Ponte dazu in einer krausen Erzählung ernannt hat. Die anfangs alte Dame ist hier noch blutjung.

Juliette Larat will als Vierzehnjährige partout Sängerin werden, schafft es aber lediglich in die Loge des Bürgermeisters (Johannes Seilern), vor dessen Zudringlichkeiten nur eilige Flucht hilft. Als mitten in der Vorstellung dem Tenor Manuel Rodriguez Garcia die Stimme versagt, wird er von Da Ponte kurzfristig geheilt, was ihm Alexander Strömer mit einem respektablen „Là ci darem la mano“ dankt. Der Erfolg dieser Kur ist allerdings nur von kurzer Dauer, was wiederum Da Ponte in ernsthafte Probleme bringt. Regisseur Janusz Kica hat alle diese Auseinandersetzungen vor die Eingangstür zum Zuschauerraum gesetzt und lässt nur hie und da ein paar Takte von „Mister Mozarts“ Musik herausklingen. Da Ponte ist damit von seinem Kind, von einem seiner größten Werke ausgesperrt, was aber einer ungetrübten Selbstüberschätzung in einem Monolog vor dem Vorhang keinen Abbruch tut. So ist das Ergebnis dieser geglückten Inszenierung ein Pendeln zwischen Amüsement und Mitgefühl mit einem aus dem Wiener Olymp gestürzten Gott, und das in der letzten Josefstadt-Premiere des scheidenden Direktors.

Raphael von Bargen, Johannes Seilern © Moritz Schell

Raphael von Bargen, Johannes Seilern © Moritz Schell

Martina Stilp, Claudius  von Stolzmann © Moritz Schell

Martina Stilp, Claudius von Stolzmann © Moritz Schell

HAMLET Tragödie; zügig, klar & doch ergreifend

Dominic Oley, Claudius  von Stolzmann © Moritz Schell

Dominic Oley, Claudius von Stolzmann © Moritz Schell

Wenn ohne falsche Scheu vor dem Klassiker ein ansehnliches Spektakel Shakespeare alle Ehre macht...

Das Gespenst, also der ermordete Hamlet sen., erscheint tatsächlich verlässlich in genau der Gestalt, wie sich man derlei Begegnungen mit Geistern vorstellt. Mit der zum Gruseln verwandelten Stimme von Johannes Krisch fordert die bleiche Erscheinung von Hamlet jun., dass der ihn rächen soll. Sein Bruder Claudius hat ihm beim Mittagsschlaf Gift ins Ohr geträufelt. Schlimmer noch, er hat nach schamlos kurzer Zeit darauf die Witwe geheiratet und seinen Thron besetzt. Damit nimmt eine der bekanntesten Tragödien der Literaturgeschichte ihren für eine ganze Reihe von Beteiligten tödlichen Verlauf. Üblicherweise dauert es bis zum erlösenden Satz „und der Rest ist Schweigen“ an die sechs Stunden, durch die sich ein Publikum aus verdrehten Sätzen den Sinn der Dialoge und Monologe mühsam heraussuchen muss. Regisseur Stephan Müller hat es jedoch geschafft, ohne wesentliche Verluste den Inhalt in knapp drei Stunden inkl. Pause auf die Bühne der Josefstadt zu stellen. Dank der Übersetzung von Heiner Müller (1929-1995) wird in einer bestechend klaren Sprache verständliche Ordnung in das komplizierte Gewirr von etlichen Handlungssträngen gebracht. Nicht zuletzt sorgen ein auf das Wesentliche reduziertes Bühnenbild und düster emotionale Videos von Sophie Lux für entsprechende Stimmung auf der Königsburg im faulen Dänemark.

Dominic Oley, Marcello De Nardo, Claudius von Stolzmann © Moritz Schell

Dominic Oley, Marcello De Nardo, Claudius von Stolzmann © Moritz Schell

Hamlet, Ensemble © Moritz Schell

Hamlet, Theaterszene, Ensemble © Moritz Schell

Mit Daniel Jesch als Claudius und Martina Stilp als Gertrud sind die Bösewichte bestens besetzt. Er ist ein ob seiner Untat dennoch ausnehmend fideler König, der erst in dem Moment die Nerven verliert, wenn ihm per Theater im Theater vom Neffen sein ruchloses Vorgehen auf die Nase geschlagen wird. Die Mutter hängt natürlich an ihrem Sohn und schwankt zwischen Gewissensbissen und der Last ihrer Lüge, derer sie sich durchaus bewusst ist. Johanna Mahaffy ist eine Ophelia, die in ihrer Unschuld und Schüchternheit von allen Seiten missbraucht wird. Sie wäre für den Prinzen nicht standesgemäß, erklären ihr der eigene Bruder wie auch ihr Vater. Weder Laertes (Martin Niedermair) noch der dienstfertige Polonius (Marcus Bluhm) ahnen, was sie dem sensiblen Mädchen und ihrem Geliebten, der sie übrigens ins Kloster schicken will, aber auch sich selbst damit antun.

Schließlich hebt Marcello De Nardo ihr Grab aus und macht die kleine Rolle des Totengräbers zum Erlebnis. In seiner unnachahmlich schwarzen Art und Weise räsoniert er über die von ihm ausgebuddelten Knochen und lässt nach der Trauerzeremonie die Leiche aus dem Josephinischem Sparsarg unprätentiös in die Tiefe plumpsen. Bei seiner Arbeit stören ihn Horatio (Dominic Oley) und Hamlet, der an dieser Stelle nachholt, was er bei „Sein oder Nichtsein“ unterlassen hat: Mit einem Totenschädel in der Hand zu monologisieren. Claudius von Stolzmann besteht souverän in der großen Tradition von Schauspielern, die diesem unglücklichen dänischen Prinzen in jüngerer Zeit Gestalt gegeben haben. Er spielt glaubhaft den Verrückten, holt sich geschickt die Sympathien der wenigen wahren Freunde und lässt Verräter wie Rosencrantz (wieder Niedermair) und Guildenstern (Tobias Reinthaller) kaltblütig in England hinrichten. Und er kann grandios fechten, denn ohne das finale Degenduell wäre der ganze Hamlet eine wirklich sehr traurige Angelegenheit.

Claudius von Stolzmann, Projektion des Geistes © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann, Projektion des Geistes © Moritz Schell

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

EIN DEUTSCHES LEBEN Der Versuch, das Schweigen zu brechen

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

Unverbindliche Erinnerungen einer Zeitzeugin aus dem Zentrum der Naziherrschaft

Wir Nachgeborenen stehen im Grunde ratlos vor den Verbrechen, zu denen Menschen wie du und ich vor gar nicht so langer Zeit imstande waren. Der Befall ganzer Völkerschaften von einer Ideologie wie der des Nationalsozialismus´ erinnert an Pest- und Choleraepidemien, allerdings mit dem paradox anmutenden Unterschied, dass die daran Erkrankten nicht selbst zugrunde gegangen sind, sondern diejenigen zu Opfern wurden, die als geächtete Ethnien oder Vertreter humaner Weltanschauungen an sich immun gegen diese Seuche waren. Umso erstaunlicher ist die Tatsache der plötzlichen Heilung. Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes wollte niemand mehr dabei gewesen sein. Über die Massengräber der Vernichtungslager wurde eine dicke Decke des Vergessens und Schweigens gebreitet. Erst Jahrzehnte später wurde sie allmählich gehoben, was mittlerweile aber doch zu einer von weiten Kreisen der Bevölkerung (noch) mitgetragenen Erinnerungskultur geführt hat.

 

Im Zuge dieser Aufarbeitung kamen zahlreiche Zeitzeugen von jeder Seite zu Wort. Eine der Befragten war Brunhilde Pomsel (1911-2017). Als Sekretärin war sie 1942 in das Ministerbüro von Joseph Goebbels gelangt und hatte in ihrer Funktion bis 1945 an der Reichspropaganda mitgearbeitet. 2013/2014 wurde sie dazu von einem Team um Christian Krones für den Dokumentarfilm „Ein deutsches Leben“ befragt. Die Bearbeitung des Interviews für die Bühne durch den britischen Dramatiker Christopher James Hampton ist nun in der deutschen Fassung von Sabine Pribil an der Josefstadt zu erleben. Regie geführt hat Andrea Breth. In der biederen Einrichtung eines bürgerlichen Wohnzimmers sitzt Lore Stefanek gemütllich bei einem Glas Wein.

Als Frau Pomsel erzählt sie den Werdegang eines ehrgeizigen jungen Mädchens, das auch für Juden gearbeitet hat, bis es in die Zentrale der Partei, die Deutschland damals beherrschte, aufgerückt ist. Im freundlichen Plauderton beteuert Pomsel, nichts von Vergasungen in den Konzentrationslagern oder vom wahren Umfang des Holokaust mitbekommen und nur am Rande das Verschwinden ihrer jüdischen Freundin und die Auflösung jüdischer Geschäfte registriert zu haben. Begleitet wird sie dabei von einem wie zufällig durch die sich unmerklich ändernde Szenerie wandelnden Ensemble aus Aktentaschen tragenden oder Zeitung lesenden Herren und an der Hand geführten Kindern. Zum Klavierspiel von Adam Benzwi wird mit Liedern aus dieser Zeit, z. B. „Flamme empor!“ oder „Tapfere, kleine Soldatenfrau“, der Monolog aufgelockert. Stefanek verleiht ihrer Figur Glaubwürdigkeit, die jedoch angesichts der von dieser bekleideten Position zweifelhaft wird und nach zwei Stunden mit einer bewundernswerten Leistung der 1943 geborenen Schauspielerin dennoch einen schalen Nachgeschmack an der Sinnhaftigkeit derartiger Auskünfte hinterlässt.

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig

Manuela Linshalm, Nikolaus Habjan © Moritz Schell

Manuela Linshalm, Nikolaus Habjan © Moritz Schell

SCHICKLGRUBER Hitlers letzte Tage im Führerbunker

Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm © Moritz Schell

Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm © Moritz Schell

Grandioses Puppenspiel zu einem durchaus fragwürdigen Inhalt

Adolf Hitler war Vegetarier, Abstinenzler und Nichtraucher. Die wenigen Getreuen, die mit ihm im Führerbunker unter der Reichskanzlei ausharren, haben es deswegen nicht leicht. Eva Braun, die sehnsüchtig auf die Hochzeit mit ihm wartet, wankt betrunken und unbefriedigt durch die Gänge, auf der Suche nach einer Zigarette. Joseph Goebbels, erkennbar an einer Krücke, hat so seine Probleme, die mit einem H beginnenden Vornamen seiner sechs Kinder ohne Stocken aufzusagen, vermisst das Fleisch im Essen und das Rauchen zu seiner Beruhigung. Er setzt seine Hoffungen in eine ganz große Rede, mit der Hitler das deutsche Volk noch einmal mobilisieren könnte. Hermann Göring ist der Lieferant für das Zyankali, während er dem Führer vorlügt, mit seiner Luftwaffe den verlorenen Krieg herumreißen zu können. Hitler selbst schmust mit seinem Schäferhund Blondi und hat keine anderen Sorgen, als sich darüber aufzuregen, dass an seinem 56. Geburtstag am 20. April 1945 nur eine Kerze auf der Torte brennt. Dazwischen stehen als Vertreter der Vernunft Oberzimmerführer Heinz Linge und ein greller Clown, niemand anderer als der Tod, der nach den Jahren der Naziherrschaft seiner Aufgabe müde geworden ist. Wird er es dennoch schaffen, die hier Versammelten mit sich zu reißen? Ja und nein.

Nikolaus Habjan (Joseph Goebbels), Manuela Linshalm (Eva Braun) © Moritz Schell

Nikolaus Habjan (Joseph Goebbels), Manuela Linshalm (Eva Braun) © Moritz Schell

Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm (Hermann Göring) © Moritz Schell

Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm (Hermann Göring) © Moritz Schell

Hitlers Vater Aloys hieß ursprünglich mit Familiennamen Schicklgruber, wurde aber nach einer Heirat seiner Mutter zu Hiedler und durch einen Schreibfehler zu Alois Hitler, dessen Sohn später den berüchtigten Gruß „Heil Hitler!“ daraus kreieren sollte. Deswegen lautet der Titel des Stücks von Jan Veldman und Neville Tranter, dem Altmeister des Puppenspiels, auch „Schicklguber“. Von Tranter hat Nikolaus Habjan die Puppen und den Text persönlich erhalten, damit der ihn mit seiner kongenialen Partnerin Manuela Linshalm auf die Bühne bringen sollte. In Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin ist das Stück nun ungemein erfolgreich in der Josefstadt gelandet. Das an sich zäh zu begeisternde Publikum hat auch die zweite Aufführung am Di., 30. September 2025 mit Standing Ovations gefeiert, nicht zuletzt dank der Virtuosität von Puppenspieler und -spielerin.

Man hat den Eindruck der Genugtuung, dass bekannte Horrorgestalten durch den Kakao gezogen werden. Zu leicht vergisst man darüber jedoch die Zeit, in der diese schwarze Komödie spielt. Es sind die letzten Tage eines Schreckensregimes. Obwohl der Krieg klar verloren war, büßten Tausende junge Männer, teils halbe Kinder, im sogenannten „Volkssturm“ als Kanonenfutter ihr Leben ein, während in Konzentrationslagern und auf Todesmärschen in einem letzten Rausch des Tötens noch massenweise Juden und andere „Volksschädlinge“ vernichtet wurden. Zu banal sind die Gespräche im Bunker, um diesem Wahnsinn gerecht zu werden. Es fehlt an bitterem Zynismus, wenn Hitler nur als böser Kasperl hingestellt wird. Denn trotz Zyankalikapsel und Pistolenschuss in die Schläfe bleibt ihm der Triumph der Unsterblichkeit. Der Mann mit Bärtchen, Rechtsscheitel und schnarrender Stimme ist tragischerweise zum Superstar des Bösen avanciert, einer, dem nach wie vor mit wohligem Gruseln allzu gern begegnet wird.

Nikolaus Habjan (Adolf Hitler, Blondi) © Moritz Schell

Nikolaus Habjan (Adolf Hitler, Blondi) © Moritz Schell

Johanna Mahaffy am Mikrophon © Astrid Knie

Johanna Mahaffy am Mikrophon © Astrid Knie

DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE Idealismus, Pragmatismus, Eifersucht

Günter Franzmeier, Nils Arztmann © Astrid Knie

Günter Franzmeier, Nils Arztmann © Astrid Knie

Ein Blick in dunkle Hinterzimmer der Parteien und ihren Ideologien

Jean-Paul Sartre führt uns nach Illyrien, einer kleinen Monarchie irgendwo auf dem Balkan. 1943, also zwei Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zieht sich die verbündete deutsche Wehrmacht vor der anrückenden Roten Armee der Sowjets zurück. Das Land ist in drei Parteien gespalten; in die faschistische Regierung des Regenten, in eine von einem gewissen Karsky geführte bürgerliche Partei und in die proletarische Partei, die aus dem Untergrund kämpft. Deren Anführer ist Hoederer, der jedoch aufgrund pragmatischer Ideen in Ungnade gefallen ist. Die selbsternannten Idealisten wollen ihn beseitigen. Als Attentäter bietet sich ein junger Mann an, der aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft und intellektuellen Ausbildung bisher eher unbeachtet geblieben ist. Er ist überzeugt: „Jeder könnte töten, wenn die Partei es befiehlt.“

Roman Schmelzer, Günter Franzmeier , Michael König © Astrid Knie

Roman Schmelzer, Günter Franzmeier , Michael König © Astrid Knie

Nanette Waidmann, Nils Arztmann © Astrid Knie

Nanette Waidmann, Nils Arztmann © Astrid Knie

Regisseur David Bösch hat das von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragene Stück in seiner ganzen Bedrücktheit und Finsternis auf die Bühne (Patrick Bannwart) der Josefstadt gestellt. Er konnte sich dabei auf ein grandioses Ensemble stützen, das die Nuancen zwischen mörderischem Kadavergehorsam und persönlichen Emotionen eindrucksvoll spürbar macht. Der junge Hugo (Nils Arztmann) wird von der Schreibmaschine weg mit einer Pistole ausgestattet. Hilfestellung und Tipps erfährt er von Louis, dem Oberrebell der Partei. Roman Schmelzer wird dabei zum verschlossenen Apparatschik, der mit dem Fall des Parteisekretärs offenbar nur seinen eigenen Aufstieg im Auge hat. Als sein Kettenhund, besser gesagt, als Wolf wird Nanette Waidmann in der Rolle der blonden Olga später beherzt Bomben auf die eigene Parteizentrale werfen.

Bis es soweit ist, wird Hugo jedoch als Schreibkraft bei Hoederer eingeschleust, dessen gewaltige Ausstrahlung ihn überwältigt. Günter Franzmeier ist die Verkörperung dieses Grandseigneurs einer fragwürdigen Politik, die erforderlichenfalls den Pragmatismus vor den Idealismus stellt und mit dem Prinzen (wieder Roman Schmelzer) und Karsky (Michael König) in Verhandlungen eintritt. Beschützt wird er von zwei zum Schuss aus ihren Maschinenpistolen bereiten Leibwächtern (Alexander Absenger, Oliver Rosskopf). Es wird spannend, als sie Hugos Koffer nach Waffen durchsuchen. Dass sie dabei keinen Erfolg haben, hat Hugo seiner Frau Jessica zu verdanken, einer sanguinischen jungen Weibsperson, die rechtzeitig die Pistole an sich versteckt hat. Johanna Mahaffy ist nicht nur der Lichtblick in der Angst von Hugo, sie lockert das triste Geschehen auch immer wieder mit Chansons auf, zum Beispiel verkleidet als Edith Piaf und deren „Non, je ne regrette rien“. Auch sie ist von Hoederer fasziniert, allerdings vom einsamen Mann in ihm, ohne zu bedenken, dass sie damit tödliche Schüsse auslösen könnte.

Günter Franzmeier, Nils Arztmann © Astrid Knie

Günter Franzmeier, Nils Arztmann © Astrid Knie

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Foto © Theater in der Josefstadt

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