Kultur und Weindas beschauliche MagazinKomödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser KOMÖDIE DER VERFÜHRUNG Turbulentes Warten auf den Kriegsbeginn
Max von Reisenberg ist ein attraktiver Lebemann. Keine Frau kann ihm widerstehen. Entsprechendes Vermögen ist vorhanden. Es bietet ihm die Möglichkeit, leichten Herzens eine Reihe von Liebschaften anzubahnen; ohne Rücksicht auf eventuell bereits bestehende Verhältnisse. So gibt es Aurelie, die ihr Wort bereits einem Freiherrn von Falkenir gegeben hat. Ist sie für Max deswegen so anziehend, weil deren Vater den seinen einst im Duell erschossen hat? Die junge Sängerin Judith ziert sich zwar, gewährt ihm zumindest aber eine Nacht. Verliebt in den Schürzenjäger ist auch Seraphine, ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, das es mit enormem Fleiß zu einer Geigenvirtuosin gebracht hat. Dass sich diese amourösen Verwicklungen ausgerechnet am Vorabend und am Beginn des Ersten Weltkriegs abspielen, erhebt diese im Grund tragisch endende „Komödie“ Schnitzlers jedoch über die Umtriebe einer glücklicherweise längst verflossenen adeligen Gesellschaft hinaus. Sie wird zu einer zeitlosen Metapher für den fahrlässig leichtsinnigen Umgangs mit ernsthaften Bedrohungen unseres Daseins. Genau diesen Aspekt hat Regisseurin Ildikó Gáspár für das Theater in der Josefstadt mehr als deutlich herausgearbeitet. Die Inszenierung ihrer Version des Schnitzler-Dramas besteht aus zwei gänzlich unterschiedlichen Teilen. Vor der Pause wird man beinahe schwindelig, wenn eine Live-Kamera (Balázs Domokos) die Damen und Herren des Ensembles im Foyer und im Zuschauerraum begleitet. Dass die auf die Bühne projizierten Mundbewegungen der Sprechenden nicht synchron ablaufen, ist zwangsläufig der Technik geschuldet und darf ignoriert werden. In Cinemascope zu erleben ist ein Maskenfest bei Prinz Arduin, für das sich Gastgeber Alexander Absenger mit einer blauen Boa verkleidet hat und dabei auch im Urlaub auf der Insel bleibt. Conférenciers sind Roman Schmelzer als Staatsanwalt Braunigl und Ulli Maier als im Leben erfahrene Fürstin.
Ganz anderes präsentiert sich das Stück im zweiten Teil. Man trifft sich Erholung suchend auf der dänischen Insel Gilleleije, die allerdings mit dichten Nebelschwaden eher deprimierend auf die Beteiligten wirkt. Eine sanfte Erheiterung bietet der Hoteldirektor mit Robert Joseph Bartl, der der Einfachheit halber auch dessen Tochter übernimmt. Das Geschehen bleibt nun großteils auf der Bühne, auf der die Frauen das Regiment übernehmen. Deren Opfer ist Max, dessen Verführungskünste ins Leere laufen. Judith stößt ihn nach der einen versprochenen Nacht von der Bettkante und Seraphine hat sich entschlossen, das gemeinsame Kind allein aufzuziehen. Falkenir und Aurelie finden in einem gemeinsamen Tod durch Ertrinken zueinander.
Herbert Föttinger, Juliette Larat, Maria Köstlinger, Raphael von Bargen © Moritz Schell WAS FÜR EIN SCHÖNES ENDE mit Turrini und dem grandiosen Ensemble
Marianne Nentwich tritt würdevoll auf und nimmt gnädig den dafür gespendeten Applaus entgegen. Sie stellt sich als Dorka Dušková alias Dolly Delors vor und verrät ihr Alter: Sie ist 95. Nicht viel jünger ist der Greis, der für die Lieferung von Brandy zuständig ist. Auch er erhält Beifall für sein Erscheinen. Herbert Föttinger ist Lorenzo Da Ponte in fortgeschrittenen Jahren. Vom verehrten Hofpoeten von Kaiser Joseph II. ist nichts mehr zu merken. Der als Emmanuele Conegliano im jüdischen Ghetto Venedigs geborene, später zum katholischen Priester geweihte und wegen unsittlichen Lebenswandels aus der Stadt verbannte Dichter musste aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten von London nach Amerika abtauchen. Noch in England hatte er die wesentlich jüngere Nancy Krahl geheiratet, der Maria Köstlinger das Erscheinen einer praktischen, klugen und jeder Träumerei abholden Frau verleiht. Angeblich hat ihr Vater das Sauerkraut in die Staaten gebracht und damit Geld gemacht. Das berührt wiederum ihren Gatten nur wenig, der in seinem Jammer von der Erinnerung an große Tage zehrt.
In dieser mäßig erfreulichen Lebenssituation setzt Peter Turrinis Hommage an Da Ponte ein. Sie trägt den programmatisch anmutenden Titel „Was für ein schönes Ende“. Angeblich war Da Ponte im Zuge seiner hochprozentigen Geschäfte auch nach Santa Fe gekommen, wo ein gewisser James N. Brodnik aus einem Saloon ein Opernhaus gemacht und als erste Produktion „Don Giovanni“ auf den Spielplan gesetzt hat. Raphael von Bargen weiß als windiger Möchtegern-Impressario natürlich nicht, wer das Libretto dazu geschrieben hat, und es interessiert ihn auch nicht im Geringsten. Die beiden Leibwächter sind sogar bereit, den aufsässigen Alten umzulegen, was Marcello De Nardo und Ljubiša Lupo Grujčić reichlich Gelegenheit zum Ausspielen ihrer giftigen Komik lässt. Félix Kama ist als Bambus Wilkinson eifriger Konsument von Brandy und fühlt sich gar als Kaiser, nachdem ihn Da Ponte dazu in einer krausen Erzählung ernannt hat. Die anfangs alte Dame ist hier noch blutjung.
Martina Stilp, Claudius von Stolzmann © Moritz Schell HAMLET Tragödie; zügig, klar & doch ergreifend
Das Gespenst, also der ermordete Hamlet sen., erscheint tatsächlich verlässlich in genau der Gestalt, wie sich man derlei Begegnungen mit Geistern vorstellt. Mit der zum Gruseln verwandelten Stimme von Johannes Krisch fordert die bleiche Erscheinung von Hamlet jun., dass der ihn rächen soll. Sein Bruder Claudius hat ihm beim Mittagsschlaf Gift ins Ohr geträufelt. Schlimmer noch, er hat nach schamlos kurzer Zeit darauf die Witwe geheiratet und seinen Thron besetzt. Damit nimmt eine der bekanntesten Tragödien der Literaturgeschichte ihren für eine ganze Reihe von Beteiligten tödlichen Verlauf. Üblicherweise dauert es bis zum erlösenden Satz „und der Rest ist Schweigen“ an die sechs Stunden, durch die sich ein Publikum aus verdrehten Sätzen den Sinn der Dialoge und Monologe mühsam heraussuchen muss. Regisseur Stephan Müller hat es jedoch geschafft, ohne wesentliche Verluste den Inhalt in knapp drei Stunden inkl. Pause auf die Bühne der Josefstadt zu stellen. Dank der Übersetzung von Heiner Müller (1929-1995) wird in einer bestechend klaren Sprache verständliche Ordnung in das komplizierte Gewirr von etlichen Handlungssträngen gebracht. Nicht zuletzt sorgen ein auf das Wesentliche reduziertes Bühnenbild und düster emotionale Videos von Sophie Lux für entsprechende Stimmung auf der Königsburg im faulen Dänemark.
Mit Daniel Jesch als Claudius und Martina Stilp als Gertrud sind die Bösewichte bestens besetzt. Er ist ein ob seiner Untat dennoch ausnehmend fideler König, der erst in dem Moment die Nerven verliert, wenn ihm per Theater im Theater vom Neffen sein ruchloses Vorgehen auf die Nase geschlagen wird. Die Mutter hängt natürlich an ihrem Sohn und schwankt zwischen Gewissensbissen und der Last ihrer Lüge, derer sie sich durchaus bewusst ist. Johanna Mahaffy ist eine Ophelia, die in ihrer Unschuld und Schüchternheit von allen Seiten missbraucht wird. Sie wäre für den Prinzen nicht standesgemäß, erklären ihr der eigene Bruder wie auch ihr Vater. Weder Laertes (Martin Niedermair) noch der dienstfertige Polonius (Marcus Bluhm) ahnen, was sie dem sensiblen Mädchen und ihrem Geliebten, der sie übrigens ins Kloster schicken will, aber auch sich selbst damit antun.
Lore Stefanek, Ensemble © Bernd Uhlig EIN DEUTSCHES LEBEN Der Versuch, das Schweigen zu brechen
Wir Nachgeborenen stehen im Grunde ratlos vor den Verbrechen, zu denen Menschen wie du und ich vor gar nicht so langer Zeit imstande waren. Der Befall ganzer Völkerschaften von einer Ideologie wie der des Nationalsozialismus´ erinnert an Pest- und Choleraepidemien, allerdings mit dem paradox anmutenden Unterschied, dass die daran Erkrankten nicht selbst zugrunde gegangen sind, sondern diejenigen zu Opfern wurden, die als geächtete Ethnien oder Vertreter humaner Weltanschauungen an sich immun gegen diese Seuche waren. Umso erstaunlicher ist die Tatsache der plötzlichen Heilung. Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes wollte niemand mehr dabei gewesen sein. Über die Massengräber der Vernichtungslager wurde eine dicke Decke des Vergessens und Schweigens gebreitet. Erst Jahrzehnte später wurde sie allmählich gehoben, was mittlerweile aber doch zu einer von weiten Kreisen der Bevölkerung (noch) mitgetragenen Erinnerungskultur geführt hat.
Im Zuge dieser Aufarbeitung kamen zahlreiche Zeitzeugen von jeder Seite zu Wort. Eine der Befragten war Brunhilde Pomsel (1911-2017). Als Sekretärin war sie 1942 in das Ministerbüro von Joseph Goebbels gelangt und hatte in ihrer Funktion bis 1945 an der Reichspropaganda mitgearbeitet. 2013/2014 wurde sie dazu von einem Team um Christian Krones für den Dokumentarfilm „Ein deutsches Leben“ befragt. Die Bearbeitung des Interviews für die Bühne durch den britischen Dramatiker Christopher James Hampton ist nun in der deutschen Fassung von Sabine Pribil an der Josefstadt zu erleben. Regie geführt hat Andrea Breth. In der biederen Einrichtung eines bürgerlichen Wohnzimmers sitzt Lore Stefanek gemütllich bei einem Glas Wein.
Manuela Linshalm, Nikolaus Habjan © Moritz Schell SCHICKLGRUBER Hitlers letzte Tage im Führerbunker
Adolf Hitler war Vegetarier, Abstinenzler und Nichtraucher. Die wenigen Getreuen, die mit ihm im Führerbunker unter der Reichskanzlei ausharren, haben es deswegen nicht leicht. Eva Braun, die sehnsüchtig auf die Hochzeit mit ihm wartet, wankt betrunken und unbefriedigt durch die Gänge, auf der Suche nach einer Zigarette. Joseph Goebbels, erkennbar an einer Krücke, hat so seine Probleme, die mit einem H beginnenden Vornamen seiner sechs Kinder ohne Stocken aufzusagen, vermisst das Fleisch im Essen und das Rauchen zu seiner Beruhigung. Er setzt seine Hoffungen in eine ganz große Rede, mit der Hitler das deutsche Volk noch einmal mobilisieren könnte. Hermann Göring ist der Lieferant für das Zyankali, während er dem Führer vorlügt, mit seiner Luftwaffe den verlorenen Krieg herumreißen zu können. Hitler selbst schmust mit seinem Schäferhund Blondi und hat keine anderen Sorgen, als sich darüber aufzuregen, dass an seinem 56. Geburtstag am 20. April 1945 nur eine Kerze auf der Torte brennt. Dazwischen stehen als Vertreter der Vernunft Oberzimmerführer Heinz Linge und ein greller Clown, niemand anderer als der Tod, der nach den Jahren der Naziherrschaft seiner Aufgabe müde geworden ist. Wird er es dennoch schaffen, die hier Versammelten mit sich zu reißen? Ja und nein.
Hitlers Vater Aloys hieß ursprünglich mit Familiennamen Schicklgruber, wurde aber nach einer Heirat seiner Mutter zu Hiedler und durch einen Schreibfehler zu Alois Hitler, dessen Sohn später den berüchtigten Gruß „Heil Hitler!“ daraus kreieren sollte. Deswegen lautet der Titel des Stücks von Jan Veldman und Neville Tranter, dem Altmeister des Puppenspiels, auch „Schicklguber“. Von Tranter hat Nikolaus Habjan die Puppen und den Text persönlich erhalten, damit der ihn mit seiner kongenialen Partnerin Manuela Linshalm auf die Bühne bringen sollte. In Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin ist das Stück nun ungemein erfolgreich in der Josefstadt gelandet. Das an sich zäh zu begeisternde Publikum hat auch die zweite Aufführung am Di., 30. September 2025 mit Standing Ovations gefeiert, nicht zuletzt dank der Virtuosität von Puppenspieler und -spielerin.
Johanna Mahaffy am Mikrophon © Astrid Knie DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE Idealismus, Pragmatismus, Eifersucht
Jean-Paul Sartre führt uns nach Illyrien, einer kleinen Monarchie irgendwo auf dem Balkan. 1943, also zwei Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zieht sich die verbündete deutsche Wehrmacht vor der anrückenden Roten Armee der Sowjets zurück. Das Land ist in drei Parteien gespalten; in die faschistische Regierung des Regenten, in eine von einem gewissen Karsky geführte bürgerliche Partei und in die proletarische Partei, die aus dem Untergrund kämpft. Deren Anführer ist Hoederer, der jedoch aufgrund pragmatischer Ideen in Ungnade gefallen ist. Die selbsternannten Idealisten wollen ihn beseitigen. Als Attentäter bietet sich ein junger Mann an, der aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft und intellektuellen Ausbildung bisher eher unbeachtet geblieben ist. Er ist überzeugt: „Jeder könnte töten, wenn die Partei es befiehlt.“
Regisseur David Bösch hat das von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragene Stück in seiner ganzen Bedrücktheit und Finsternis auf die Bühne (Patrick Bannwart) der Josefstadt gestellt. Er konnte sich dabei auf ein grandioses Ensemble stützen, das die Nuancen zwischen mörderischem Kadavergehorsam und persönlichen Emotionen eindrucksvoll spürbar macht. Der junge Hugo (Nils Arztmann) wird von der Schreibmaschine weg mit einer Pistole ausgestattet. Hilfestellung und Tipps erfährt er von Louis, dem Oberrebell der Partei. Roman Schmelzer wird dabei zum verschlossenen Apparatschik, der mit dem Fall des Parteisekretärs offenbar nur seinen eigenen Aufstieg im Auge hat. Als sein Kettenhund, besser gesagt, als Wolf wird Nanette Waidmann in der Rolle der blonden Olga später beherzt Bomben auf die eigene Parteizentrale werfen.
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