Kultur und Weindas beschauliche MagazinSeide Noffke (Julia), Leonard Dick (Romeo) © Patrick Rieser ROMEO UND JULIA Drama in Vers und Reim von Lucien Haug
Wenn ein Klassiker wie die berühmteste Tragödie der Theatergeschichte von einer renommierten Bühne aufgenommen wird, darf eine neue Sicht auf den überaus komplexen Inhalt erwartet werden. Das Theater in der Josefstadt hat diese Herausforderung angenommen. Auf dem Programmheft ist neben dem Titel „Romeo und Julia“ als Autor William Shakespeare zu lesen. Bescheiden gibt ein Zusatz an, dass es sich um eine Übersetzung des Schweizer Schriftstellers Lucien Haug (*1992 in Basel) handelt. Freude kommt auf! Endlich eine der Zeit angepasste Ausdrucksweise, weg von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck, über die zwar die Zeit, aber nicht deren Gebrauch hinweggezogen ist. Stutzig macht nur, dass Haug angibt, sich sehr bemüht zu haben, wo Reime sind, auch zu reimen und den Blankvers einzuhalten. Das Ergebnis ist die Neudichtung eines uralten Stoffes, auf den schon Shakespeare zurückgegriffen hat, eben die Feindschaft zweier Familien, die durch die Liebe der jungen Leute beigelegt werden könnte. Angesetzt ist die Handlung wie gehabt in Verona, aber irgendwo in einer seltsamen, Haug spricht von einer „dystopischen“ Gegenwart, in der mit gebundener Sprache, jedoch voll von Fäkal- und anderen unpassenden Kraftausdrücken Konversation betrieben wird. Salven von Kurzreimen, die witzig sein wollen, gleiten wie Herz auf Schmerz (kommt tatsächlich vor) zu Kalauern ab. Stellt sich die Frage: Wollte sich Lucien Haug damit über William Shakespeare lustig machen?
Regisseur Stefan Bucher hat die Botschaft aufgenommen. Paläste und Klause werden zu Wohnwägen, der Fürst zum monströsen Gesicht einer kahlköpfigen Frau, die mit sonorer Männerstimme die Menschen zur Eintracht auffordert, und die Musik, dargeboten von Dora de Goederen und Karolina Preuschl, ist kreischende Extremdisco (Bühne: Nina Peller, musikalische Leitung: Christopher Uhe). Mercutio (Samuel Simon), Benvolio (Felix Caspar Künzli) und Romeo (Leonard Dick) wurden vom Kostüm (Annabelle Witt), wie man in Wien sagt, z´samg´stampert. Warum tragen junge Italiener Schottenröcke? Den Montagues gegenüber stehen die Capulets nicht besser da. Tybalt ist angriffig bunt und seine Cousine Julia (Seide Noffke) ein anfangs trotziger Teenager, der nichts vom Outfit eines netten Mädchen hält. Gemordet wird nicht mit Degen, sondern in Bandenmanier mit Messern. Ausführlich widmet sich Haug den Eltern der beiden Liebenden.
Komödie der Verführung, Ensemble © Patrick Rieser KOMÖDIE DER VERFÜHRUNG Turbulentes Warten auf den Kriegsbeginn
Max von Reisenberg ist ein attraktiver Lebemann. Keine Frau kann ihm widerstehen. Entsprechendes Vermögen ist vorhanden. Es bietet ihm die Möglichkeit, leichten Herzens eine Reihe von Liebschaften anzubahnen; ohne Rücksicht auf eventuell bereits bestehende Verhältnisse. So gibt es Aurelie, die ihr Wort bereits einem Freiherrn von Falkenir gegeben hat. Ist sie für Max deswegen so anziehend, weil deren Vater den seinen einst im Duell erschossen hat? Die junge Sängerin Judith ziert sich zwar, gewährt ihm zumindest aber eine Nacht. Verliebt in den Schürzenjäger ist auch Seraphine, ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, das es mit enormem Fleiß zu einer Geigenvirtuosin gebracht hat. Dass sich diese amourösen Verwicklungen ausgerechnet am Vorabend und am Beginn des Ersten Weltkriegs abspielen, erhebt diese im Grund tragisch endende „Komödie“ Schnitzlers jedoch über die Umtriebe einer glücklicherweise längst verflossenen adeligen Gesellschaft hinaus. Sie wird zu einer zeitlosen Metapher für den fahrlässig leichtsinnigen Umgangs mit ernsthaften Bedrohungen unseres Daseins. Genau diesen Aspekt hat Regisseurin Ildikó Gáspár für das Theater in der Josefstadt mehr als deutlich herausgearbeitet. Die Inszenierung ihrer Version des Schnitzler-Dramas besteht aus zwei gänzlich unterschiedlichen Teilen. Vor der Pause wird man beinahe schwindelig, wenn eine Live-Kamera (Balázs Domokos) die Damen und Herren des Ensembles im Foyer und im Zuschauerraum begleitet. Dass die auf die Bühne projizierten Mundbewegungen der Sprechenden nicht synchron ablaufen, ist zwangsläufig der Technik geschuldet und darf ignoriert werden. In Cinemascope zu erleben ist ein Maskenfest bei Prinz Arduin, für das sich Gastgeber Alexander Absenger mit einer blauen Boa verkleidet hat und dabei auch im Urlaub auf der Insel bleibt. Conférenciers sind Roman Schmelzer als Staatsanwalt Braunigl und Ulli Maier als im Leben erfahrene Fürstin.
Ganz anderes präsentiert sich das Stück im zweiten Teil. Man trifft sich Erholung suchend auf der dänischen Insel Gilleleije, die allerdings mit dichten Nebelschwaden eher deprimierend auf die Beteiligten wirkt. Eine sanfte Erheiterung bietet der Hoteldirektor mit Robert Joseph Bartl, der der Einfachheit halber auch dessen Tochter übernimmt. Das Geschehen bleibt nun großteils auf der Bühne, auf der die Frauen das Regiment übernehmen. Deren Opfer ist Max, dessen Verführungskünste ins Leere laufen. Judith stößt ihn nach der einen versprochenen Nacht von der Bettkante und Seraphine hat sich entschlossen, das gemeinsame Kind allein aufzuziehen. Falkenir und Aurelie finden in einem gemeinsamen Tod durch Ertrinken zueinander.
Herbert Föttinger, Juliette Larat, Maria Köstlinger, Raphael von Bargen © Moritz Schell WAS FÜR EIN SCHÖNES ENDE mit Turrini und dem grandiosen Ensemble
Marianne Nentwich tritt würdevoll auf und nimmt gnädig den dafür gespendeten Applaus entgegen. Sie stellt sich als Dorka Dušková alias Dolly Delors vor und verrät ihr Alter: Sie ist 95. Nicht viel jünger ist der Greis, der für die Lieferung von Brandy zuständig ist. Auch er erhält Beifall für sein Erscheinen. Herbert Föttinger ist Lorenzo Da Ponte in fortgeschrittenen Jahren. Vom verehrten Hofpoeten von Kaiser Joseph II. ist nichts mehr zu merken. Der als Emmanuele Conegliano im jüdischen Ghetto Venedigs geborene, später zum katholischen Priester geweihte und wegen unsittlichen Lebenswandels aus der Stadt verbannte Dichter musste aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten von London nach Amerika abtauchen. Noch in England hatte er die wesentlich jüngere Nancy Krahl geheiratet, der Maria Köstlinger das Erscheinen einer praktischen, klugen und jeder Träumerei abholden Frau verleiht. Angeblich hat ihr Vater das Sauerkraut in die Staaten gebracht und damit Geld gemacht. Das berührt wiederum ihren Gatten nur wenig, der in seinem Jammer von der Erinnerung an große Tage zehrt.
In dieser mäßig erfreulichen Lebenssituation setzt Peter Turrinis Hommage an Da Ponte ein. Sie trägt den programmatisch anmutenden Titel „Was für ein schönes Ende“. Angeblich war Da Ponte im Zuge seiner hochprozentigen Geschäfte auch nach Santa Fe gekommen, wo ein gewisser James N. Brodnik aus einem Saloon ein Opernhaus gemacht und als erste Produktion „Don Giovanni“ auf den Spielplan gesetzt hat. Raphael von Bargen weiß als windiger Möchtegern-Impressario natürlich nicht, wer das Libretto dazu geschrieben hat, und es interessiert ihn auch nicht im Geringsten. Die beiden Leibwächter sind sogar bereit, den aufsässigen Alten umzulegen, was Marcello De Nardo und Ljubiša Lupo Grujčić reichlich Gelegenheit zum Ausspielen ihrer giftigen Komik lässt. Félix Kama ist als Bambus Wilkinson eifriger Konsument von Brandy und fühlt sich gar als Kaiser, nachdem ihn Da Ponte dazu in einer krausen Erzählung ernannt hat. Die anfangs alte Dame ist hier noch blutjung.
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