Kultur und Weindas beschauliche MagazinDer tollste Tag, Ensemble © Philine Hofmann DER TOLLSTE TAG Als Turrini noch zornig gedichtet hat
Die meisten von uns werden die Komödie wahrscheinlich in der Fassung von Da Ponte und Mozart kennen. Es geht um die „Die Hochzeit des Figaro“, zu der es auch in der Oper nicht kommt. Zugrunde liegt ihr das für seine Zeit ungemein mutige Theaterstück „La Folle Journée ou le Mariage de Figaro“ von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, das mit der Willkür des Adels abrechnet. Es gibt schon lange keine Grafen mehr, die trotz gegenteiliger Ansage das „Ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht für sich einfordern. An ihre Stelle sind andere Personen getreten, die aufgrund ihres gesellschaftlichen Ranges und versehen mit entsprechendem Vermögen von ihnen abhängige Menschen für ihre persönlichen sexuellen Bedürfnisse verwenden zu können glauben. In erster Linie sind die Täter männlich und die Opfer weiblich. Was bei Da Ponte in einer heiteren Beschämung des mächtigen Lustmolchs endet, erfährt in „Der tollste Tag“ von Peter Turrini ein hartes Ende. Es ist die Warnung eines damals noch jungen, von hohen Idealen erfüllten Schriftstellers, die allerdings bis in die Gegenwart herauf ihre Wirkung nicht entfaltet hat.
Für die Kammerspiele der Josefstadt hat Anna Stiepani Regie geführt. Als Sprungbrett für die Auftritte dient ein Trampolin. Gespielt wird vor und auf einer Wand, in der sich diverse Räumlichkeiten verbergen (Bühne: Jenny Schleif). Sie dienen als Zimmer des Brautpaares, aber auch als Verstecke, in denen sich diverse Lauscher verbergen. Zarte Musik kommt von einem selbstspielenden Cembalo. Dank eines grandiosen Ensembles entwickelt sich die gewohnte Handlung durchaus lustig. Claudius von Stolzmann ist der listige und redegewandte Figaro, der seine Susanne (Johanna Martini) von Herzen liebt und sich kindisch auf die Hochzeit freut. Sie ist aber die Klügere, denn sie kennt die unredlichen Pläne ihres Herrn. Dank Raphael von Bargen wird Graf Almaviva zur genialen Karikatur eines Mannes, der in sich selbst verliebt jedem Rock nachstellt.
Leonce und Lena, Ensemble © Moritz Schell LEONCE UND LENA als poetische Parodie auf das Leben
Der Autor selbst starb mit nur 23 Jahren. Wie sollte er wissen, wie sich seine Helden fühlen, wenn sie in die Jahre gekommen sind? Aber in seinen Briefen und Aufsätzen lässt Georg Büchner ein erstaunliches Maß an Lebensweisheit aufblitzen. Daran konnte sich Regisseur Torsten Fischer bedienen und mit eigener Fantasie bereichern. Entstanden ist ein wunderbares Stück Theater, das zwar den Titel des Originals trägt, sich vom gesamten Aufbau her aber eher um Fragmente der Handlung entwickelt. „Leonce und Lena“ wurden für die Kammerspiele der Josefstadt also neu interpretiert und bieten trotz einer kurzen Dauer der Aufführung von eineinhalb Stunden weite Strecken der Beschaulichkeit, ohne Gefahr zu laufen, langatmig zu sein. Kurz gesagt, es ist Poesie, die ihre Zeit fordert und dafür gedankenvolle Ruhe schenkt.
Für ein solches Experiment braucht es freilich die entsprechende Besetzung. Dank eines umtriebigen Tonio Arango als versoffener Narr Valerio wird die Suppe kräftig mit teils derben Späßen gewürzt. Zwischen verdorbener Klugheit eines Nichtsnutz und wankelmütiger Treue zu seinem Herrn pendelnd, hat er die Fäden des Geschehens fest in der Hand. Konkurrenz braucht er diesbezüglich nicht zu fürchten. Der König und sein Präsident werden von Marcus Blum zu wahren Karikaturen des jeweiligen Amtes gestempelt. Schließlich handelt es sich um eine Satire auf den Absolutismus, der zu Lebzeiten Büchners von schwachen Fürsten und anderen gekrönten Komikern mit aller Macht und der Hilfe von willfährigen Staatsräten, dargestellt von einer wandlungsfähigen Truppe, ausgeübt wurde. Sie herrschten über durchaus überschaubare Reiche. Abgesehen vom geringen Umfang der Grenzen sind wir heute wie ehedem mit solcherlei unberechenbaren Gestalten geschlagen.
Silvia Meisterle (Sophia) © Astrid Knie SOPHIA Warum ist Intelligenz immer eine Frau?
Sophia bedeutet „die Weise“ oder schlicht „Weisheit“. Schon die alten Griechen sahen darin das Weibliche, das Sokrates, Platon und Aristoteles zu geistigen Höhenflügen animierte. Mittlerweile ist Sophie einer der beliebtesten Vornamen für Mädchen. Kann es sein, dass daher die tiefe Angst von meist männlichen Softwareentwicklern und Schöpfern von Algorithmen rührt. Wird sich diese elektronisch gesteuerte Frau selbstständig weiter optimieren, ihre eigenen Programme bauen und mit einer für Menschen unzugänglichen Schaltung zu der bereits in der Antike gefürchteten Xanthippe werden? Wird sie die Welt in einer Weise terrorisieren, dass Frankenstein oder der Golem dagegen nette Puppen sind? Eines ist jedoch gewiss: Die Bühnen hat die weibliche Ausformung des Maschinenmenschen bereits erobert. Es gibt eine ganze Reihe von Theaterstücken, im Moment noch Komödien, die sich mit dieser Thematik in sehr ähnlicher Weise beschäftigen. Der deutsche Dramatiker Moritz Rinke hat das jüngste Beispiel in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt mit Erfolg präsentiert: „SOPHIA oder Das Ende der Humanisten“. Der Altertumswissenschaftler Wolfgang Bergmann hat seinen Lehrstuhl verloren und wurde von seiner Frau Marianne verlassen. Aber er hat sich zur Überwindung dieser Lebenskrise eine Neue zugelegt. Zu seinem 60. Geburtstag will Tochter Helena die Stiefmutter kennenlernen. Mit ihrem Freund Jonas erscheint sie unangemeldet in einer leer geräumten Wohnung. Das einzig verbliebene Möbelstück ist ein Sessel, auf dem nachweislich Theodor Mommsen (deutscher Historiker und bedeutender Humanist, 1817-1903) gesessen ist. Vater Wolfgang (Joseph Lorenz) ist vom Besuch keineswegs erbaut, aber Helena (burschikos ans Handy gefesselt: Alma Hasun) bleibt hartnäckig;
Katharina Klar, André Pohl © Christian Wind DIE TANZSTUNDE Eine Krücke als Gehhilfe für den Autisten
Senga Quinn ist Tänzerin. Ihre Zukunft auf der Bühne scheint aber durch einen schweren Unfall unmöglich geworden zu sein. In ihrer Verzweiflung hat sie sich in der Wohnung eingeigelt und pflegt dort verständliche Depressionen. So ist sie auch nicht begeistert, als ein verklemmter Intellektueller namens Ever Montgomery bei ihr erscheint. Er bietet ihr ein stattliches Honorar für eine Tanzstunde. Dass sie nicht mehr tanzen kann, stört ihn nicht; ein Boxtrainer kämpft ja auch nicht gegen die von ihm betreuten Boxer. Ever ist Professor für Geowissenschaften am New York Institute of Technology, leidet aber an einer angeborenen Entwicklungsstörung. Er verwendet für sich, entgegen der mittlerweile herrschenden Ansicht, den veralteten Ausdruck „Asperger-Syndrom“ und kann aus dem Stand eine ganze Reihe von Prominenten aufzählen, die wie er darunter leiden. Da ihm nun ein Preis überreicht werden soll und bei der dabei unvermeidlichen Party auch getanzt wird, will er zumindest einen Tanz, möglichst einen schnellen, absolvieren. Der US-Dramatiker Mark St. Germain lässt in „Die Tanzstunde“ Senga und Ever zu einem Team werden, das in vorsichtiger Annäherung die Behinderungen beider Beteiligter zwar nicht überwindet, aber heilsam zur Sprache bringt. In der Übersetzung von John Birke spielen unter der gefühlvollen Regie von Folke Braband Katharina Klar und André Pohl das ungleiche, aber in seiner Art ungemein liebenswürdige Paar. Sie ist die burschikose junge Frau, die sich mit Stützverband am Bein in ein Scheindasein mit ein paar wenigen Telefonkontakten geflüchtet hat. Ever Montgomery ist der Analyst, der jede Situation glasklar beurteilen kann und dies auch pointiert in Worten ausdrückt.
Markus Kofler, Claudius von Stolzmann, Kimberly Rydell, Martin Niedermair © Rita Newman SHERLOCK HOLMES Melodram und Klamauk: der Fall Moriarty
Er ist der berühmteste Brite, der nie lebte und dennoch just in der Schweiz in den Kaltenbachfällen den Tod gefunden hat. Schuld daran ist sein geistiger Vater, der von diesem überg´scheiten Fantasiegeschöpf offenbar die Nase und wohl auch das Portemonnaie gestrichen voll hatte. Nur ein Mann war würdig genug, gemeinsam mit dem Genie der Kombination und Verbrechensaufklärung in den wilden Fluten zu ertrinken: der intelligenteste Verbrecher aller Zeiten namens Professor Moriarty. So hieß die Geschichte, die von Sir Arthur Conan Doyle als letales Abenteuer von Sherlock Holmes vorgesehen war, auch „Das letzte Problem“. Darauf stieß der US-Dramatiker Ken Ludwig nach dem Bühnenerfolg mit „Der Hund von Baskerville“ auf der Suche nach einem Stoff für ein neues Sherlock Holmes-Drama. Für ein abendfüllendes Theaterstück erschien ihm der Plot zu dürftig. Nach kritischer Lektüre von 56 Kurzgeschichten fanden sich Handlungsstränge in „Ein Skandal in Böhmen“ für eine saftige Liebesgeschichte und in „Die Bruce-Partington-Pläne“ Sherlocks Bruder Mycroft als der ungeselligste Mitarbeiter eines Geheimdienstes à la 007. All das mit entsprechendem Unernst gemischt, ergibt Unterhaltung vom Feinsten, betitelt mit „Sherlock Holmes: Der Fall Moriarty“.
In Verfilmungen von Sherlock Holmes Fällen schwirren unzählige Personen, angefangen vom Zeitungsjungen über den Barkeeper bis zum leicht dümmlichen Polizeikommissar, durch die Szenen und haben alle irgend eine bestimmte Bedeutung für deren Lösung. Eine Bühne wie die Kammerspiele wäre mit einem derartigen Personalaufwand heillos überfordert. Also hat Regisseur Dominic Oley auf die Wandelbarkeit eines erstaunlich kleinen Ensembles gesetzt. Die beiden einzigen Schauspieler, die nur eine Rolle zu verkörpern haben, sind Claudius von Stolzmann als durchschnittlich menschlich erscheinender Holmes in schwarzer statt der üblich karierten Adjustierung und dessen stets sympathisch lächelnder Freund Doktor Watson. Holmes treuem Trabanten wird von Martin Niedermair die entsprechend kühle englische Noblesse zuteil.
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