Kultur und Weindas beschauliche MagazinJoseph Calzada (Slook) © Patrick Piller LA CAMBIALE DI MATRIMONIO Eine Frau lässt sich nicht verschachern
Der erst 18-jährige Gioachino Rossini (1792-1869) hatte sich für eine „farsa comica“ entschieden, als ihm die Möglichkeit geboten wurde, für das Teatro San Moisè in Venedig Opern zu komponieren. Gaetano Rossi (1774-1855) war ein bereits anerkannter Schriftsteller und erfahrener Librettist. Eine Komödie von Camillo Federici dürfte sowohl den Dichter als auch den Komponisten angesprochen haben. Darin geht es um einen Vater, der einem heiratswilligen Geschäftspartner seine eigene Tochter wie eine seiner Waren anbietet. Zum Titel „La cambiale di matrimonio“ kam es deswegen, weil dazu nach üblichen Usancen ein Wechsel ausgestellt wurde; deswegen ist im Deutschen von einem „Heiratswechsel“ die Rede. In einem Akt, der jedoch durchaus eine Pause erlaubt, ordnen sich die daraus entstandenen Turbulenzen, wobei die junge Frau selbst die entscheidende Überzeugungsarbeit leistet, um den reichen Mann aus Übersee von seinen Heiratsplänen absehen zu lassen, und damit ein kräftiges moralisches Statement setzt. In 17 Szenen ist bereits alles an Spaß, Slapstick, sängerischer Virtuosität und perlender Musik enthalten, das Rossinis nahezu unzählbare Opern bis heute als Brillanten des Belcantos auszeichnet. Der Iraner Hooman Khalatbari ist als Dirigent einer der Fixpunkte des Klassikfestivals Schloss Kirchstetten. Er versteht es wie kaum ein anderer, große Partituren für die minimale Besetzung des Orchesters Virtuosi Brunenses so zu arrangieren, dass die originale Intention der Komposition erhalten bleibt. Hilfreich dazu ist freilich die Location. Der Maulpertsch-Saal ist auch mit vollen Zuschauerreihen eher überakustisch; was aber zu einem dichten Klang führt, der es dem Solistenensemble erlaubt, die jeweilige Stimme voll auszusingen. Regisseur Richard Panzenböck hat die Aktualität des Stückes insofern deutlich gemacht, als er Versatzstücke unserer Gegenwart wie Labtop oder Telefonanlage in dieses seltsam Menschen verachtende Business einbringt. Auch die Kostüme von Almasa Jerlagic sind heutig und kleiden den Ami in Jeans und Hosenträger. Das Bühnenbild von Petra Fibich-Patzelt ist aufgrund blendender Scheinwerfer leider nicht entsprechend zu würdigen.
Wenn bereits in der Ouvertüre das Horn mit einem äußerst heiklen Solo die melodische Führung übernimmt, denkt man unwillkürlich daran, dass Rossinis Vater Hornist war. Er hat gewiss diese Passage für seinen Sohn ausprobiert und für gut geheißen. Als Vater Tobias Mill erscheint Bariton Friedo Henken; in einer Hand den Gehstock, in der anderen einen Globus. In der Cavatina „Chi mai trova il dritto, il fondo“ (Wer auch immer das Richtige findet, der Boden...) lotet er sein Chancen auf internationale Erweiterung seines Geschäftsbereiches aus. Wie ein Wunder erscheint zu diesem Behufe auch ein Herr Slook aus Kanada, der mit US-Fähnchen euphorisch begrüßt wird, diesen Fauxpas aber gnädig übersieht. Joseph Calzada, ebenfalls Bariton, gibt den lockeren Americano, der, mit europäischen Bräuchen noch nicht vertraut, der Meinung ist, dass Frauen hier wohlfeil zu erwerben seien (kommt einem doch bekannt vor). Mit ihm angekommen ist Pia Welser.
Theo Colarusso, Marco Trespioli © Andreas Anker L´OCCASIONE FA IL LADRO Rossini begeistert auch im Wilden Westen
Einst, als es noch keine Passfotos gab, brauchte man nur den Ausweis eines anderen zu finden und schon konnte man in dessen Identität schlüpfen. Anfang des 19. Jahrhunderts, als Gioachino Rossini das Libretto von Luigi Prividali nach der Vorlage eines Vaudevilles von Eugène Scribe in die „burletta per musica“ (musikalischer Witz) „L´occasione fa il ladro“ umsetzte, genügte dazu die Verwechslung von zwei Reisetaschen. Genau das passiert, als während eines Gewitters Don Parmenione und Conte Alberto in einer Herberge Schutz suchen. Parmenione findet in der Tasche des anderen das Porträt von dessen Braut. Er verliebt sich auf der Stelle in diese Frau und will sie heiraten. Die darauf abgebildete Dame selbst kennt ihren Zukünftigen noch nicht und beschließt ihrerseits dessen Prüfung. Berenice tauscht die Rolle mit ihrem Kammermädchen Ernestina, die zugleich eine gute Freundin ist. In der bei Rossini gewohnten Rasanz gerät alles gründlich durcheinander, um am Ende aus diesem Chaos wie eine probate Heiratsvermittlung die passenden Ehepartner zu vereinen.
Das kleinste Opernfestival des Landes hat es mit dieser Oper einmal mehr für einen nahezu ausverkauften Maulpertsch-Saal im Schloss Kirchstetten geschafft. Seit 20 Jahren wird erfolgreich auf „Belcanto hautnah!“ gesetzt. Damit gibt es regelmäßig die wunderbare Gelegenheit, Werke abseits des Mainstreams in einzigartiger Qualität zu erleben. Das gilt nicht nur für die lauschenden Gäste, sondern auch für das Ensemble, das mit ungeheurer Freude diese seltenen Gelegenheiten ergreift und mit spürbarer Spielfreude dieses Genre hochklassig umsetzt. Das Orchester besteht aus Musikern der Virtuosi Brunenses, das die von Dirigent Hooman Khalatbari für Kleinstbesetzung idealen Arrangements verblüffend klangvoll umsetzt. Die Bühne selbst wird von Regisseur Richard Panzenböck den knappen Gegebenheiten angepasst und stets zu einer überraschenden Ergänzung der Handlung gestaltet. Heuer war es der Wilde Westen, in den diese prickelnde Schurkerei verlegt wurde, also in eine Zeit, in der es keinerlei Sicherheiten bezüglich der Personen gab und Betrügereien an der Tagesordnung waren. Deswegen tragen nicht nur der Bariton Emilio Marcucci als eloquenter Don Parmeniore und der scheinbar geprellte Conte Alberto (Tenor Marco Trespioli) Cowboy-Hüte und Gilets. Dasselbe Outfit (Kostüme Almasa Jerlagic) ziert auch ihre Diener Martino (Bass Antoine Amariutei) und den Schauspieler Theo Colarusso. Zu Andrés Alzate Gaviria hätte ein Colt recht gut gepasst.
Statistik |




















