Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Brigitte Geller, Jessica Eccleston © Sakher Almonem

LA CLEMENZA DI TITO Dramma serio per Musica von Mozart und Trojahn

Marcela Mariana López Morales, Hans Schöpflin © © Sakher Almonem

Spannende neue Töne bereichern gewohnt prächtige Klänge

Hat es einen solchen Herrscher wie Titus Flavius Vespasianus tatsächlich gegeben? Dass er das Imperium Romanum regiert hat, zuvor als Oberbefehlshaber im Jüdischen Krieg Jerusalem und den Tempel zerstört hat, ist belegte Historie. Aber hat er tatsächlich die jüdische Sklavin Berenice geliebt und wollte er sie zur Kaiserin machen? In diesem Punkt beginnt die Legende, die Titus zum idealen Kaiser gemacht hat, nicht zuletzt durch eine ihm mehr als wohlwollende antike Presse, pardon, Geschichtsschreibung. Sein Verhältnis zum Senat soll ausgezeichnet gewesen sein und als der Vesuv wieder einmal ausgebrochen war, so heißt es dort, leitete er umgehend Hilfsmaßnahmen für die betroffene Bevölkerung ein. Eine solch ungewöhnliche Gestalt musste in die Literatur eingehen und fand in Pietro Metastasio einen Opernlibrettisten, dessen Textbuch an die siebzig Mal vertont wurde. Titus war also auch im Barock populär. Wolfgang Amadé Mozart befand den Stoff als passend für eine Oper, die anlässlich der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen uraufgeführt werden sollte.

Brigitte Geller © Sakher Almonem

Von Caterino Mazzolà ließ er Metastasios Text zur „wahren Oper“ straffen und komponierte innerhalb von kürzester Zeit eine stattliche Anzahl von traumhaft schönen Nummern für die Solisten und etliche prächtige Chorpassagen. Die Rezitative entstanden in der Werkstatt des Meisters; man nimmt an, dass sie sein Schüler Franz Xaver Süßmayr gefertigt hat. Es sollte Mozarts letzte Oper sein. Sie wurde am 6. September 1791 in Prag uraufgeführt, knapp vier Monate vor seinem Ableben am 5. Dezember dieses Jahres. Ob die bei der Aufführung anwesende Kaiserin Maria Ludovica tatsächlich von „una porcheria tedescha“, einer deutschen Sauerei, gesprochen hat, ist nicht gesichert, aber zuzutrauen wäre eine solche Entgleisung diesen Herrschaften durchaus. Die Operngeschichte hingegen weiß, dass dieses Bühnenwerk eine Zeit lang das meistgespielte von Mozart war und erst später von der Zauberflöte abgelöst wurde.

Hans Schöpflin © Sakher Almonem

Heutzutage ist es eher ein seltenes Vergnügen, „La Clemenza di Tito“ szenisch erleben zu dürfen. Das Musiktheater Linz hat dieses Wagnis auf sich genommen und sogar noch eins drauf gesetzt. Die üblicherweise von Cembalo und Cello ausgeführten Rezitative wurden durch eine Komposition des Zeitgenossen Manfred Trojahn ersetzt. Abgesehen von der Farbigkeit der Klangbilder, mit denen Trojahn den seelischen Zustand der singsprechenden Akteure drastisch herausmalt, ergibt diese Kombination von Alt und Neu eine überraschend harmonische Bereicherung der bis dato als sakrosankt geltenden Musik Mozarts. Der junge Dirigent Martin Braun holt, sofern er seinen Taktstock bei sich hat, aus dem Bruckner Orchester Linz auf beiden Ebenen das Optimum heraus, lässt die Instrumentalisten auf ihren Werkzeugen solistisch glänzen und gibt klare unübersehbare Einsätze an die Sänger auf der Bühne. François de Carpentries zeichnet für die Inszenierung verantwortlich, die großzügig die Technik der Bühne des Hauses ausnützt, um das Flair eines römischen Kaiserhofes  zu verbreiten.

Die Kostüme (Karine Van Hercke) sind nicht immer sofort erklärbar, vor allem wenn Uniformen diverser Juntas mit Tschakos von Diplomaten auf dem Wiener Kongress und heutige Straßenkleidung bunt gemischt werden. Im Orchestergraben werden die Zeiten besser als oben verbunden.

Chor und Statisten © Sakher Almonem

Die beiden jungen Herrn Sesto und Annio waren ursprünglich Kastraten. Nachdem es diese bemitleidenswerten Geschöpfe nicht mehr gibt und Counter Tenöre wohl sehr teuer sind, sind es Hosenrollen geworden. Florence Losseau ist ein strahlend junger Annio, der Freund von Sesto, dem Jessica Eccleston die Leidenschaft eines verliebten jungen Mannes gibt, der alles tun würde, um die Zuneigung von Vitellia zu erringen. Er verrät für seine Gamsigkeit sogar seine Männer-Freundschaft mit Titus.

Brigitte Geller ist dieser Teufel im schönen Frauenkörper. Sie spielt alle Dämonie eines begehrenswerten Weibes aus und demonstriert beeindruckend, zu welchen Koloraturen eine Dame fähig ist, wenn sie entweder den Kopf ihres Liebhabers unter den Röcken verbirgt oder vor Selbstmitleid über ihre eigene Bösartigkeit in höchsten Tönen jammert. Eine erfrischende Erscheinung ist Theresa Grabner als Servilia, die mit ihrer Ehrlichkeit und schönen Stimme Titus dazu bewegen kann, sie als geplante Heiratskandidatin frei zu geben. Prätorianer-Hauptmann Publio, Faktotum des Kaisers ist der Bassist Dominik Nekel. Er ist stets dabei, wenn Tito Vespasiano seine Gnade walten lässt und am Ende daran verzweifelt, als er dahinter kommt, dass nichteinmal in seiner engsten Umgebung irgendwer zu ihm ehrlich ist.

Hans Schöpflin nimmt man den zwischen Machtanspruch und Güte Schwankenden gerne ab. Er singt kraftvoll, agiert wie ein seines Amtes sicherer italienischer Ministerpräsident und leidet wie ein Hund, dass er seine Berenice (Marcela Mariana López Morales) in die Wüste schicken und sich damit den Intrigen seines Hofes aussetzen muss. Denn dort scheut niemand davor zurück, und sei es der beste Freund, ihn umzubringen und seinen Palast anzuzünden.

La Clemenza di Tito Ensemble © © Sakher Almonem
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