Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gernot Romic, Ensemble © Barbara Palffy

EIN AMERIKANER IN PARIS als mitreißendes Musical

Myrthes Monteiro, Gernot Romic © Barbara Palffy

S´Wonderful, wie die kleine Lise drei großartige Burschen durcheinander wirbelt

1928 hat George Gershwin das „Tone Poem for orchestra“ „An American in Paris“ komponiert. Er malt, inspiriert von den großen Künstlern dieser Stadt, die dort gewonnenen Eindrücke mit der Farbenpracht seiner Musik. Unter den beiden Namen George und Ira Gershwin mit der Textbearbeitung von Craig Lucas wurde das gleichnamige Filmmusical zum Bühnenstück, das am Sonntag, den 25. November 2018 im Musiktheater Linz mit deutschen Dialogen eine umjubelte Premiere feierte. Der Choreographie sieht man durchaus den Film und die Ideen von Gene Kelly an, was jedoch absolut kein Nachteil ist. Regisseur Nick Winston hat das cineastische Vorbild solid auf der großzügigen Bühne des Musiktheaters umgesetzt und damit einen mitreißenden Musicalabend geschaffen, der keine Wünsche, weder an die Sänger, Tänzer noch an die Inszenierung, offen lässt.

 

Es geht um die kleine Lise Dassin (Myrthes Monteiro), ein etwas verschrecktes Mädchen, das sich während der Nazibesetzung von Paris vor den NS-Schergen bei der Familie Baurel verstecken musste, um zu überleben.

Daniela Dett © Barbara Palffy

Die Handlung des Musicals setzt mit der Befreiung von Paris ein. Zwei amerikanische Soldaten, die sich nach Ablegen ihrer Waffen wieder ihrer eigentlichen Berufung zuwenden können, lassen die Rückfahrkarte in die Heimat in Übersee verfallen. Beide verlieben sich in Lise. Der eine, Adam Hochberg (Christof Messner), ist Komponist, Jerry Mulligan (Gernot Romic) Maler. Beide rittern um die Gunst des Mädchens. Der Musiker mit einem Ballett, das er für die begnadete Tänzerin komponiert, der Maler mit der von ihm entworfenen Ausstattung der Bühne für diesen Auftritt. Dabei lässt sich Jerry von der steinreichen Milo Davenport (Daniele Dett) keineswegs vom eigentlichen Zug seines Herzens ablenken. Aber die Kleine ist bereits dem Sohn von Madame Baurel (großartig in ihrer Selbstironie: Lynsey Thurgar), dem Nachtclubsänger Henri (Christian Fröhlich) als Braut zugesagt. Wer macht nun das Rennen?

 

Nachdem Henri zur Clique von Jerry und Adam gehört, bietet sich Gelegenheit, ein von ihm bestelltes Lied zum Hit zu machen. „I Got Rhythm“ fährt ab wie die Hölle, wenn Dirigent Tom Bitterlich nach der Pause sogar das Publikum zum Mitklatschen animiert.

Die Musiker des Bruckner Orchesters Linz setzen damit fetzig den jazzigen Rhythmus um, wie ihn sich Gershwin wohl vorgestellt hat. Die Mitglieder des Tanzensembles und von TANZLINZ zeigen, was sie an Showdance drauf haben, um dem Amerikaner in Paris, womit eigentlich Adam gemeint ist, zu zeigen, dass man in Good Old Europe nicht nur auf „Beginner´s Luck“, von dem Jerry singt, angewiesen ist, sondern einen solchen Musical-Klassiker ernsthaft und begeisternd umsetzen kann.

Gernot Romic, Ensemble © Barbara Palffy

Brigitte Geller, Jessica Eccleston © Sakher Almonem

LA CLEMENZA DI TITO Dramma serio per Musica von Mozart und Trojahn

Marcela Mariana López Morales, Hans Schöpflin © © Sakher Almonem

Spannende neue Töne bereichern gewohnt prächtige Klänge

Hat es einen solchen Herrscher wie Titus Flavius Vespasianus tatsächlich gegeben? Dass er das Imperium Romanum regiert hat, zuvor als Oberbefehlshaber im Jüdischen Krieg Jerusalem und den Tempel zerstört hat, ist belegte Historie. Aber hat er tatsächlich die jüdische Sklavin Berenice geliebt und wollte er sie zur Kaiserin machen? In diesem Punkt beginnt die Legende, die Titus zum idealen Kaiser gemacht hat, nicht zuletzt durch eine ihm mehr als wohlwollende antike Presse, pardon, Geschichtsschreibung. Sein Verhältnis zum Senat soll ausgezeichnet gewesen sein und als der Vesuv wieder einmal ausgebrochen war, so heißt es dort, leitete er umgehend Hilfsmaßnahmen für die betroffene Bevölkerung ein. Eine solch ungewöhnliche Gestalt musste in die Literatur eingehen und fand in Pietro Metastasio einen Opernlibrettisten, dessen Textbuch an die siebzig Mal vertont wurde. Titus war also auch im Barock populär. Wolfgang Amadé Mozart befand den Stoff als passend für eine Oper, die anlässlich der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen uraufgeführt werden sollte.

Brigitte Geller © Sakher Almonem

Von Caterino Mazzolà ließ er Metastasios Text zur „wahren Oper“ straffen und komponierte innerhalb von kürzester Zeit eine stattliche Anzahl von traumhaft schönen Nummern für die Solisten und etliche prächtige Chorpassagen. Die Rezitative entstanden in der Werkstatt des Meisters; man nimmt an, dass sie sein Schüler Franz Xaver Süßmayr gefertigt hat. Es sollte Mozarts letzte Oper sein. Sie wurde am 6. September 1791 in Prag uraufgeführt, knapp vier Monate vor seinem Ableben am 5. Dezember dieses Jahres. Ob die bei der Aufführung anwesende Kaiserin Maria Ludovica tatsächlich von „una porcheria tedescha“, einer deutschen Sauerei, gesprochen hat, ist nicht gesichert, aber zuzutrauen wäre eine solche Entgleisung diesen Herrschaften durchaus. Die Operngeschichte hingegen weiß, dass dieses Bühnenwerk eine Zeit lang das meistgespielte von Mozart war und erst später von der Zauberflöte abgelöst wurde.

Hans Schöpflin © Sakher Almonem

Heutzutage ist es eher ein seltenes Vergnügen, „La Clemenza di Tito“ szenisch erleben zu dürfen. Das Musiktheater Linz hat dieses Wagnis auf sich genommen und sogar noch eins drauf gesetzt. Die üblicherweise von Cembalo und Cello ausgeführten Rezitative wurden durch eine Komposition des Zeitgenossen Manfred Trojahn ersetzt. Abgesehen von der Farbigkeit der Klangbilder, mit denen Trojahn den seelischen Zustand der singsprechenden Akteure drastisch herausmalt, ergibt diese Kombination von Alt und Neu eine überraschend harmonische Bereicherung der bis dato als sakrosankt geltenden Musik Mozarts. Der junge Dirigent Martin Braun holt, sofern er seinen Taktstock bei sich hat, aus dem Bruckner Orchester Linz auf beiden Ebenen das Optimum heraus, lässt die Instrumentalisten auf ihren Werkzeugen solistisch glänzen und gibt klare unübersehbare Einsätze an die Sänger auf der Bühne. François de Carpentries zeichnet für die Inszenierung verantwortlich, die großzügig die Technik der Bühne des Hauses ausnützt, um das Flair eines römischen Kaiserhofes  zu verbreiten.

Die Kostüme (Karine Van Hercke) sind nicht immer sofort erklärbar, vor allem wenn Uniformen diverser Juntas mit Tschakos von Diplomaten auf dem Wiener Kongress und heutige Straßenkleidung bunt gemischt werden. Im Orchestergraben werden die Zeiten besser als oben verbunden.

Chor und Statisten © Sakher Almonem

Die beiden jungen Herrn Sesto und Annio waren ursprünglich Kastraten. Nachdem es diese bemitleidenswerten Geschöpfe nicht mehr gibt und Counter Tenöre wohl sehr teuer sind, sind es Hosenrollen geworden. Florence Losseau ist ein strahlend junger Annio, der Freund von Sesto, dem Jessica Eccleston die Leidenschaft eines verliebten jungen Mannes gibt, der alles tun würde, um die Zuneigung von Vitellia zu erringen. Er verrät für seine Gamsigkeit sogar seine Männer-Freundschaft mit Titus.

Brigitte Geller ist dieser Teufel im schönen Frauenkörper. Sie spielt alle Dämonie eines begehrenswerten Weibes aus und demonstriert beeindruckend, zu welchen Koloraturen eine Dame fähig ist, wenn sie entweder den Kopf ihres Liebhabers unter den Röcken verbirgt oder vor Selbstmitleid über ihre eigene Bösartigkeit in höchsten Tönen jammert. Eine erfrischende Erscheinung ist Theresa Grabner als Servilia, die mit ihrer Ehrlichkeit und schönen Stimme Titus dazu bewegen kann, sie als geplante Heiratskandidatin frei zu geben. Prätorianer-Hauptmann Publio, Faktotum des Kaisers ist der Bassist Dominik Nekel. Er ist stets dabei, wenn Tito Vespasiano seine Gnade walten lässt und am Ende daran verzweifelt, als er dahinter kommt, dass nichteinmal in seiner engsten Umgebung irgendwer zu ihm ehrlich ist.

Hans Schöpflin nimmt man den zwischen Machtanspruch und Güte Schwankenden gerne ab. Er singt kraftvoll, agiert wie ein seines Amtes sicherer italienischer Ministerpräsident und leidet wie ein Hund, dass er seine Berenice (Marcela Mariana López Morales) in die Wüste schicken und sich damit den Intrigen seines Hofes aussetzen muss. Denn dort scheut niemand davor zurück, und sei es der beste Freund, ihn umzubringen und seinen Palast anzuzünden.

La Clemenza di Tito Ensemble © © Sakher Almonem
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