Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Lynsey Thurgar, Gernot Romic © Sakher Almonem

CHESS Mitreißende Musik zum königlichen Spiel

Darian Anderson Worrell, C. Fröhlich, A. Schirasi-Fard, G. Romic, R. Helbig-Kostka © Sakher Almonem

Eine Geschichte aus der Zeit, als Russland und der Westen patt gestanden sind

So unglaublich es heutzutage klingen mag, aber vor gut 40 Jahren blickte die Welt gespannt auf die Schachweltmeisterschaft. Champion war der rotzfreche Bobby Fischer, der 1972 den Titel in Reykjavik im „Match des Jahrhunderts“ gegen den Russen Boris Spasski erobert hatte. Dahinter standen zwei Ideologien, die in dieser Auseinandersetzung kräftig mitmischten. Auf der einen Seite waren es die Kommunisten und die UDSSR, die mit den USA im kalten Krieg standen. Mit ihren Großmeistern wollten sie beweisen, dass ihr System stärker war als das des Westens, der damals geschlossen hinter Bobby Fischer stand. Ort dieses Stellvertreterkrieges war das Schachbrett. Es ist eine kämpferische Angelegenheit, wenn schwarze und weiße Soldaten aufeinander zumarschieren, wenn Türme auf der geraden Linie alles was ihnen im Weg steht abräumen, wenn Springer überraschend um die Ecke hüpfen und womöglich die Dame schlagen und die Läufer schräg über das Feld sausen, um dabei ihre Beute zu machen. Im Endeffekt geht es aber um den König, der sich selbst kaum wehren kann.

Ariana Schirasi-Fard © Sakher Almonem

Er muss aber vor den Angreifern beschützt werden, um nicht kalt, also matt gestellt zu werden. Schach war damals und ist bis heute eine Parabel für die in tiefen Bunkern verborgenen Atomraketen, die allerdings nicht so leise fallen wie ein in genialen Zügen ausgespieltes Matt.

Anaïs Lueken, Christian Fröhlich © Sakher Almonem

Chess, so das englische Wort für Schach, ist auch ein Musical, das auf die Ereignisse in den 1970er-Jahren anspielt. Es hat wenig von einer beschaulichen Schachpartie, die den Spielern Zeit gibt, zwischen den einzelnen Zügen lange, lange nachzudenken. Es hat Schwung, Rhythmus, feurige Melodien und erstaunlich ernsthaft komponierte Musik. Eben diese stammt von den beiden Mitgliedern der Schlagertruppe ABBA, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die Texte von Tim Rice vertont haben.

Ohne eine Liebesgeschichte kommt nicht einmal ein Schachspiel aus, also wurde eine solche eingebaut. Die Managerin des amerikanischen Spielers verliebt sich in dessen russischen Konkurrenten. Dass dieser verheiratet ist und zwei Kinder hat, macht das Ganze zumindest emotional spannend. Wer jeweils am Brett die Oberhand behält, ist eher eine Angelegenheit des begleitenden Stabes, der beidseitig mit den miesesten Tricks dem jeweiligen Kämpfer zum Sieg verhelfen will. Wie in jeder guten Geschichte braucht es auch attraktive Schauplätze. In diesem Fall sind es das traumhafte Meran und Bangkok, das mit dem Hit „One Night in Bangkok“ das Ohr auch nach dem Schlussapplaus nicht verlässt.

Hanna Kastner, Christian Fröhlich, Gernot Romic, Anaïs Lueken © Sakher Almonem

Tom Bitterlich hatte bei der Premiere im Musiktheater Linz die musikalische Leitung inne. Er führte souverän das den jazzigen Klängen durchaus zugeneigte Bruckner Orchester Linz, verstärkt von einer Band, die mit Keyboards, Gitarre, E-Bass und Drums den entsprechenden Musical-Sound erzeugt. Zusammen begleiteten sie ein Ensemble aus Solisten, das zwar äußerlich nicht ganz den Rollen entspricht, aber mit vollem Rohr die Nummern gesanglich beeindruckend umsetzt.

Christian Fröhlich ist ein sehr entspannter Anatoly Sergievsky, der sich in aller Ruhe vom goscherten Freddy Trumper (Gernot Romic) den Titel holt. Dass ihm auch dessen Managerin Florence Vassy (Anaïs Lueken) in den Schoß fällt, ist nur so lange ein Glücksfall, bis seine Gattin zum nächsten Turnier geholt wird. Die Russin Svetlana Sergievskaya wird von der zarten Hanna Kastner mit all dem Jammer einer verlassenen Ehefrau gesungen, zumal ihr Angetrauter zuvor in den Westen abgesprungen ist und nur mehr mit einer Linken wieder zu ihr zurück gebracht werden kann. Dafür und für die übrigen Umtriebe sorgen Alexander Molokov (Darian Anderson Worrell) und Walter de Courcey (Rafael Helbig-Kostka), die sich am Ende sogar einig darüber sind, dass ein Russe nicht so frei wie Sergievsky herumlaufen darf. Auf die Spielregeln achtet resolut Ariana Schirasi-Fard als Arbiter (Schiedsrichterin). Einen kurzen, aber ungemein komischen Auftritt absolvieren mit Charme und Melone Domen Fajfar und Christoph Messner als Civil Servants.

Hübsch ist auch das Schachspiel, das vom Tanzensemble in weiß und schwarz bis zum Fall des Königs gespielt wird. Als Zuschauer wird man von der Regisseurin Petra Jagušić bestens bedient. Sie setzt auf eine konzertante Inszenierung, mit den Musikern auf der Bühne, einer Hebebühne für den Chor, den übrigen Darstellern dazwischen in lockeren Auf- und Abtritten und dankenswerter Weise mit deutschen Zwischentexten, um sich zwischen Damengambit und Rochade zurecht zu finden.

Ensemble © Sakher Almonem

Goldenes Vlies, Landestheater Linz © Reinhard Winkler

MÉDÉE Rosenkrieg mit tödlichem Ausgang

Chor Landestheater Linz, Brigitte Geller © Reinhard Winkler

Opéra-comique im Trump Tower

Jason hat das Goldene Vlies erfolgreich geraubt, Glück hat es ihm aber bekanntlich keines gebracht. Medea, die der Zauberkünste mächtige Königstochter von Kolchis, war bei diesem Coup nicht unwesentlich beteiligt. In der Folge heiratete sie den griechischen Helden, hatte mit ihm zwei Kinder und liebte ihren Gatten über alle Maßen. Kaum befand sich dieser Kerl aber in seiner Heimat, gefiel ihm die Tochter des Korinthischen Königs Kreon besser als seine Barbarin. Glauke hieß die Schöne, die ebenfalls bereit war, mit Jason den Bund der Ehe einzugehen. Im Zuge der daraus resultierenden Scheidung verfiel Medea auf grausame Rachegedanken, die sie in der Folge konsequent ausführte. Dieser umfangreiche und im Grunde bittere Stoff aus der griechischen Mythologie hat bis heute Dichter, zum Beispiel Franz Grillparzer, zur Bearbeitung inspiriert, deren Werke wiederum von Komponisten in Opern umgearbeitet wurden. Heutzutage selten aufgeführt ist die Opéra-comique Médée von Luigi Cherubini (1760 bis 1842).

Martin Achrainer, Theresa Grabner, Chor Landestheater Linz © Reinhard Winkler

Dieser aus Italien stammende Komponist genoss Zeit seines erstaunlich langen Lebens durchaus Popularität, sein Schaffen geriet aber größtenteils in Vergessenheit. Am 13. März 1797 fand in Paris die Uraufführung statt, die einige Jahre später in deutscher Fassung in Wien aufgeführt wurde und 1953 durch Maria Callas in der Titelpartie breiten Kreisen in der Operwelt wieder in Erinnerung gerufen wurde. Nun steht diese Opernrarität in Linz auf dem Spielplan und gibt bestens Gelegenheit, sich erstens mit Cherubini, zweitens mit einem Musiktheater, das zwischen Barock, Klassik und Empire angesiedelt ist, auf schönste Weise bekannt zu machen.

Matjaž Stopinšek, Chor Landestheater Linz © Reinhard Winkler

Bruno Weil steht am Pult des Bruckner Orchesters Linz und verfügt über großartige Solisten, die sowohl das Französische ausgezeichnet beherrschen als auch mit den Anforderungen einer hemmungslos dramatischen Melodik fertig werden. Am 8. Mai 2019 war Brigitte Geller eine dämonisch und ausnehmend differenziert agierende Médée, die fühlbar um Grausamkeit bemüht ist. Schließlich zählt zu den Racheplänen auch die Tötung ihrer beiden Söhne (Nepomuk Pichler, Lars Schuster).

Damit soll Jason (ein strahlender Tenor: Matjaž Stopinšek) getroffen werden, der ihr die Kinder nicht überlassen will. Bei Dircé (Theresa Gruber), so seine Meinung, wären sie besser aufgehoben. Der Schwiegervater in spe, Créon (Martin Achrainer), begrüßt die neue Verbindung und steht kompromisslos auf Jasons Seite. Auch Médée hat eine verlässliche Vertraute, ihre Begleiterin Néris. Jessica Eccleston hat als solche von Cherubini eine wahrhaft zu Herzen gehende Arie bekommen, in der sie ihrer Herrin unbedingte Treue versichert. Margaret Jung Kim und Yoon Mi Kim-Ernst sind zwei reizende Frauen aus Dircés Gefolge.

 

Regisseur Guy Montavon hat die antike Tragödie im musikalischen Gewand aus dem Ende des 18. Jahrhunderts konsequent und sehr stimmig in die Gegenwart versetzt.

Die Handlung spielt in einem Hochhaus in New York, vielleicht sogar im Trump Tower, der sich dafür sehr gut eigenen würde. In der obersten Etage ist das multinationale Finanzunternehmen von Medea und Jason etabliert. Der Chor des Landestheaters Linz wird darin zu Büroangestellten, die an ihren Bildschirmen arbeiten und singen. Sie dürfen mitfeiern, wenn Jason seine jüngsten Heiratspläne umzusetzen gedenkt. Medea ist inzwischen aus der Firma ausgeschieden, schließlich ist sie eine Verbrecherin, derer man sich auch in diesen Kreisen schämen muss. Kreon wird Chef des neu aufgestellten Unternehmens. Seine Autorität zerschellt aber an Medea, die zurückkehrt und ihr Recht an Mann und Kindern einfordert. Ihrer jungen Rivalin erzeugt sie grausliche Angst. Es genügt, ihr als Hochzeitsgeschenk eine Pistole zu geben, um Dircé zum Selbstmord zu bewegen. Leidtragende der Rachefurie werden auch die Mitarbeiter, die hilflos verbrennen, als Medea das Gebäude anzündet. Übrig bleibt nur Jason, der fassungslos in den letzten ergreifenden Tönen Cherubinis vor dem Nicht steht.

Hans Schöpflin, Brigitte Geller, Kinder-Statisterie © Reinhard Winkler

Dshamilja Kaiser © Reinhard Winkler

PENTHESILEA die Amazone, halb Furie, halb Grazie

Dshamilja Kaiser. Ensemble © Reinhard Winkler

Der antike Mythos als Oper in faszinierend ungewöhnlicher Klangsprache

Der Preuße Heinrich von Kleist und der Schweizer Othmar Schoeck haben sich im alten Griechenland getroffen. Ihr „gemeinsames“ Werk überwindet Jahrtausende, die zwischen Handlung und Aufführung liegen, ebenso leichtfüßig wie die 119 Jahre, die von der Fertigstellung des Dramas (1808) bis zur Uraufführung der Oper „Penthesilea“ (1927) vergangen sind. Den letzten Schliff an Zeitlosigkeit hat Regisseur Peter Konwitschny der Geschichte einer vor Liebe rasenden Amazone verpasst, als er sie 2017 in der Oper Bonn inszenierte und diese Produktion nun in das Musiktheater Linz übertragen hat. Die Oberösterreichische Landeshauptstadt darf sich eines Hauses erfreuen, das für derlei zeitliche Bocksprünge wie geschaffen erscheint. Es bietet den perfekten Rahmen für jede Art von Experimenten, von denen in diesem Fall ausgiebig Gebrauch gemacht wurde. Auf der Bühne selbst sitzt das Bruckner Orchester, dirigiert von Leslie Suganandarajah, hinter seinem Rücken der stattliche Chor, eingestreut zwischen Zuschauern, die von drei Seiten eine rechteckige Plattform umschließen.

Dshamilja Kaiser, Martin Achrainer © Reinhard Winkler

Auf dieser kämpfen auf und unter zwei Klavieren (Andrea Szewieczek und Elias Gillesberger) Penthesilea und Achilles gegen- und miteinander auf Leben und Tod. Statt Lanzen, mit denen Heldin und Held aufeinander einstechen, ist es eine Pistole, deren Projektil auch den als unverwundbar geltenden Peliden (abgesehen von der legendären Ferse) tödlich verwundet. Dass sich Kleist in diesem Punkt nicht an den Mythos gehalten hat, darf als dichterische Freiheit akzeptiert werden. Laut Ilias erschlägt er die Amazonenkönigin. Da aber Liebe im Spiel war, zieht es Kleist vor, eine Handlung zu erfinden, die am Ende beide tot am Boden liegen lässt.

Dshamilja Kaiser, Vaida Raginskytė © Reinhard Winkler

Dshamilja Kaiser ist nicht nur stimmlich eine beeindruckende Penthesilea, deren Liebreiz allein dadurch unterstrichen wird, dass sie nicht in Helm und eherner Rüstung auftritt, sondern in einem neckischen Unterrock. Als Königin des kämpferischen Weibervolks darf sie nur einen Mann lieben, den sie besiegt hat. Ihr gegenüber steht der Feschak Martin Achrainer als Achilleus, der in seiner Verliebtheit gerne mitspielt und in Unterhosen und Leiberl freiwillig den Unterlegenen mimt.

Penthesilea würde sich allzu gern von seinem wunderbaren Bariton bezaubern lassen, wäre da nicht die Oberpriesterin der Diana, die ihr von der Loge aus die Leviten liest. Aller Schwindel, auch nicht die großzügigste Auslegung des uralten, längst sinnlos gewordenen, die Männer hassenden Regelwerks hilft nichts. Es könnte ja so interpretiert werden, dass Achilleus in seiner Zuneigung sozusagen der Unterlegene ist, aber nein, es muss zu einem neuerlichen Zweikampf, der eigentlich als Show geplant ist, angetreten werden. Die gute Amazone übersieht den Wink mit dem Zaunpfahl und bringt den Geliebten in ihrer Raserei um, nicht nur das, sie zerfleischt ihn mit ihren Zähnen.

Sie hat ihn schließlich zum Fressen gern. Unterstrichen werden die Aufwallungen der Gefühle von der Musik des Komponisten Schroeck. Düster ist das Tongemälde, das mit wenigen Violinen auskommt, dafür die tiefen Streicher stattlich besetzt. Schlagzeug, Blech und Klarinette tragen die Farbpunkte auf, die sich in einer anfangs irritierenden Harmonik und delikaten Rhythmik zu einem emotionalem Opernerlebnis verbinden, das vom Linzer Publikum groß bejubelt wurde.

Bühnenansicht Penthesilea Musiktheater Linz
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