Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Goldenes Vlies, Landestheater Linz © Reinhard Winkler

MÉDÉE Rosenkrieg mit tödlichem Ausgang

Chor Landestheater Linz, Brigitte Geller © Reinhard Winkler

Opéra-comique im Trump Tower

Jason hat das Goldene Vlies erfolgreich geraubt, Glück hat es ihm aber bekanntlich keines gebracht. Medea, die der Zauberkünste mächtige Königstochter von Kolchis, war bei diesem Coup nicht unwesentlich beteiligt. In der Folge heiratete sie den griechischen Helden, hatte mit ihm zwei Kinder und liebte ihren Gatten über alle Maßen. Kaum befand sich dieser Kerl aber in seiner Heimat, gefiel ihm die Tochter des Korinthischen Königs Kreon besser als seine Barbarin. Glauke hieß die Schöne, die ebenfalls bereit war, mit Jason den Bund der Ehe einzugehen. Im Zuge der daraus resultierenden Scheidung verfiel Medea auf grausame Rachegedanken, die sie in der Folge konsequent ausführte. Dieser umfangreiche und im Grunde bittere Stoff aus der griechischen Mythologie hat bis heute Dichter, zum Beispiel Franz Grillparzer, zur Bearbeitung inspiriert, deren Werke wiederum von Komponisten in Opern umgearbeitet wurden. Heutzutage selten aufgeführt ist die Opéra-comique Médée von Luigi Cherubini (1760 bis 1842).

Martin Achrainer, Theresa Grabner, Chor Landestheater Linz © Reinhard Winkler

Dieser aus Italien stammende Komponist genoss Zeit seines erstaunlich langen Lebens durchaus Popularität, sein Schaffen geriet aber größtenteils in Vergessenheit. Am 13. März 1797 fand in Paris die Uraufführung statt, die einige Jahre später in deutscher Fassung in Wien aufgeführt wurde und 1953 durch Maria Callas in der Titelpartie breiten Kreisen in der Operwelt wieder in Erinnerung gerufen wurde. Nun steht diese Opernrarität in Linz auf dem Spielplan und gibt bestens Gelegenheit, sich erstens mit Cherubini, zweitens mit einem Musiktheater, das zwischen Barock, Klassik und Empire angesiedelt ist, auf schönste Weise bekannt zu machen.

Matjaž Stopinšek, Chor Landestheater Linz © Reinhard Winkler

Bruno Weil steht am Pult des Bruckner Orchesters Linz und verfügt über großartige Solisten, die sowohl das Französische ausgezeichnet beherrschen als auch mit den Anforderungen einer hemmungslos dramatischen Melodik fertig werden. Am 8. Mai 2019 war Brigitte Geller eine dämonisch und ausnehmend differenziert agierende Médée, die fühlbar um Grausamkeit bemüht ist. Schließlich zählt zu den Racheplänen auch die Tötung ihrer beiden Söhne (Nepomuk Pichler, Lars Schuster).

Damit soll Jason (ein strahlender Tenor: Matjaž Stopinšek) getroffen werden, der ihr die Kinder nicht überlassen will. Bei Dircé (Theresa Gruber), so seine Meinung, wären sie besser aufgehoben. Der Schwiegervater in spe, Créon (Martin Achrainer), begrüßt die neue Verbindung und steht kompromisslos auf Jasons Seite. Auch Médée hat eine verlässliche Vertraute, ihre Begleiterin Néris. Jessica Eccleston hat als solche von Cherubini eine wahrhaft zu Herzen gehende Arie bekommen, in der sie ihrer Herrin unbedingte Treue versichert. Margaret Jung Kim und Yoon Mi Kim-Ernst sind zwei reizende Frauen aus Dircés Gefolge.

 

Regisseur Guy Montavon hat die antike Tragödie im musikalischen Gewand aus dem Ende des 18. Jahrhunderts konsequent und sehr stimmig in die Gegenwart versetzt.

Die Handlung spielt in einem Hochhaus in New York, vielleicht sogar im Trump Tower, der sich dafür sehr gut eigenen würde. In der obersten Etage ist das multinationale Finanzunternehmen von Medea und Jason etabliert. Der Chor des Landestheaters Linz wird darin zu Büroangestellten, die an ihren Bildschirmen arbeiten und singen. Sie dürfen mitfeiern, wenn Jason seine jüngsten Heiratspläne umzusetzen gedenkt. Medea ist inzwischen aus der Firma ausgeschieden, schließlich ist sie eine Verbrecherin, derer man sich auch in diesen Kreisen schämen muss. Kreon wird Chef des neu aufgestellten Unternehmens. Seine Autorität zerschellt aber an Medea, die zurückkehrt und ihr Recht an Mann und Kindern einfordert. Ihrer jungen Rivalin erzeugt sie grausliche Angst. Es genügt, ihr als Hochzeitsgeschenk eine Pistole zu geben, um Dircé zum Selbstmord zu bewegen. Leidtragende der Rachefurie werden auch die Mitarbeiter, die hilflos verbrennen, als Medea das Gebäude anzündet. Übrig bleibt nur Jason, der fassungslos in den letzten ergreifenden Tönen Cherubinis vor dem Nicht steht.

Hans Schöpflin, Brigitte Geller, Kinder-Statisterie © Reinhard Winkler

Dshamilja Kaiser © Reinhard Winkler

PENTHESILEA die Amazone, halb Furie, halb Grazie

Dshamilja Kaiser. Ensemble © Reinhard Winkler

Der antike Mythos als Oper in faszinierend ungewöhnlicher Klangsprache

Der Preuße Heinrich von Kleist und der Schweizer Othmar Schoeck haben sich im alten Griechenland getroffen. Ihr „gemeinsames“ Werk überwindet Jahrtausende, die zwischen Handlung und Aufführung liegen, ebenso leichtfüßig wie die 119 Jahre, die von der Fertigstellung des Dramas (1808) bis zur Uraufführung der Oper „Penthesilea“ (1927) vergangen sind. Den letzten Schliff an Zeitlosigkeit hat Regisseur Peter Konwitschny der Geschichte einer vor Liebe rasenden Amazone verpasst, als er sie 2017 in der Oper Bonn inszenierte und diese Produktion nun in das Musiktheater Linz übertragen hat. Die Oberösterreichische Landeshauptstadt darf sich eines Hauses erfreuen, das für derlei zeitliche Bocksprünge wie geschaffen erscheint. Es bietet den perfekten Rahmen für jede Art von Experimenten, von denen in diesem Fall ausgiebig Gebrauch gemacht wurde. Auf der Bühne selbst sitzt das Bruckner Orchester, dirigiert von Leslie Suganandarajah, hinter seinem Rücken der stattliche Chor, eingestreut zwischen Zuschauern, die von drei Seiten eine rechteckige Plattform umschließen.

Dshamilja Kaiser, Martin Achrainer © Reinhard Winkler

Auf dieser kämpfen auf und unter zwei Klavieren (Andrea Szewieczek und Elias Gillesberger) Penthesilea und Achilles gegen- und miteinander auf Leben und Tod. Statt Lanzen, mit denen Heldin und Held aufeinander einstechen, ist es eine Pistole, deren Projektil auch den als unverwundbar geltenden Peliden (abgesehen von der legendären Ferse) tödlich verwundet. Dass sich Kleist in diesem Punkt nicht an den Mythos gehalten hat, darf als dichterische Freiheit akzeptiert werden. Laut Ilias erschlägt er die Amazonenkönigin. Da aber Liebe im Spiel war, zieht es Kleist vor, eine Handlung zu erfinden, die am Ende beide tot am Boden liegen lässt.

Dshamilja Kaiser, Vaida Raginskytė © Reinhard Winkler

Dshamilja Kaiser ist nicht nur stimmlich eine beeindruckende Penthesilea, deren Liebreiz allein dadurch unterstrichen wird, dass sie nicht in Helm und eherner Rüstung auftritt, sondern in einem neckischen Unterrock. Als Königin des kämpferischen Weibervolks darf sie nur einen Mann lieben, den sie besiegt hat. Ihr gegenüber steht der Feschak Martin Achrainer als Achilleus, der in seiner Verliebtheit gerne mitspielt und in Unterhosen und Leiberl freiwillig den Unterlegenen mimt.

Penthesilea würde sich allzu gern von seinem wunderbaren Bariton bezaubern lassen, wäre da nicht die Oberpriesterin der Diana, die ihr von der Loge aus die Leviten liest. Aller Schwindel, auch nicht die großzügigste Auslegung des uralten, längst sinnlos gewordenen, die Männer hassenden Regelwerks hilft nichts. Es könnte ja so interpretiert werden, dass Achilleus in seiner Zuneigung sozusagen der Unterlegene ist, aber nein, es muss zu einem neuerlichen Zweikampf, der eigentlich als Show geplant ist, angetreten werden. Die gute Amazone übersieht den Wink mit dem Zaunpfahl und bringt den Geliebten in ihrer Raserei um, nicht nur das, sie zerfleischt ihn mit ihren Zähnen.

Sie hat ihn schließlich zum Fressen gern. Unterstrichen werden die Aufwallungen der Gefühle von der Musik des Komponisten Schroeck. Düster ist das Tongemälde, das mit wenigen Violinen auskommt, dafür die tiefen Streicher stattlich besetzt. Schlagzeug, Blech und Klarinette tragen die Farbpunkte auf, die sich in einer anfangs irritierenden Harmonik und delikaten Rhythmik zu einem emotionalem Opernerlebnis verbinden, das vom Linzer Publikum groß bejubelt wurde.

Bühnenansicht Penthesilea Musiktheater Linz

Chor Landestheater Linz © Reinhard Winkler

ELEKTRA Bittere Rache in großer Strauss´scher Musik

Miina Liisa Värelä (Elektra) © Reinhard Winkler

Wenn Gesang und Orchester eine Inszenierung gnädig vergessen lassen

Der antike Sagenkreis um Agamemnon, König von Mykene, hat bis in die Gegenwart Dichter zur immer neuer Aufarbeitung bewegt. So hat Hugo von Hofmannsthal das von Sophokles ursprünglich als Satyrspiel verfasste Stück „Elektra“ in seinem Sinn neu geschrieben und schließlich nach einigem Hin und Her für den Komponisten Richard Strauss als Libretto für die gleichnamige Oper bearbeitet. Strauss hat die Rachgedanken, von denen die Tochter Agamemnons besessen ist, als ein gewaltiges, für seine Zeit revolutionäres Klangbild vertont. Nichts an dieser Oper erinnert mehr an Richard Wagner, das große Vorbild von Strauss, und schon gar nichts an die bis dahin geschaffenen italienischen und französischen Opern. Im Rausch von nie gehörten Klangfarben eines riesig besetzten Orchesters wird vieles, was ein Text einfach nicht sagen kann, hörbar. Wenn es nur der verzweifelte Schrei „Agamemnon“ ist, den Elektra gleich zu Beginn ausstößt, dann sind es die Töne, die von ihrem Hass der Mutter und deren Liebhaber gegenüber erzählen. Diese beiden haben schließlich ihren Vater erschlagen.

Kateryna Lyaschenko, Katherine Lerner, Etelka Sellei © Reinhard Winkler

Elektra lebt für die Vergeltung und lässt es ihre Umgebung deutlich spüren. Jeden Tag zur Stunde des Mordes trauert sie um Agamemnon. Die einzige große Hoffnung ist ihr Bruder Orest, der als Kind außer Landes gebracht wurde, um dort zum Rächer des Vaters heranzuwachsen. Die Mutter Klytämnestra wird von bösen Träumen geplagt und muss sich von Elektra anhören, dass nur sie als Opfertier geschlachtet werden kann, um die Götter zu versöhnen. Wieder ist es die Musik, die all die tödliche Spannung wiedergibt, die am Hofe von Mykene herrscht. Erst als genügend Blut geflossen ist, Klytämnestra und Aegisth getötet sind, gerät Elektra in ekstatische Entzückung und ist bereit im Triumph zu tanzen.

Brigitte Geller (Chrysothemis) © Reinhard Winkler

Allein mit dem Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Markus Poschner ist die Umsetzung der Strauss´schen Komposition eine Wonne. Dazu kommen grandiose Solisten wie die stimmgewaltige Miina-Liisa Värelä als Elektra, Brigitte Geller als deren biedere Schwester Chrysothemis oder Katherine Lerner als elegante, aber von ihrem schlechten Gewissen gefolterte Klytämnestra. Michael Wagner ist ein entschieden und sehr männlich auftretender Orest mit beruhigendem Bariton.

Was Hofmannsthal als Dichter des Fin de Siècle zur szenischen Umsetzung gesagt hätten, können nur Michael Schulz (Inszenierung), Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal schlüssig beantworten. Ein Kinderzimmer, ein schmuckloser Aufenthaltsraum für das (durchwegs bestechend gut singende und spielende) Personal und ein enger Innenhof mit einem Baum in der Mitte, aus dem Chysothemis nachvollziehbarer Weise ausbrechen will, sind der Königshof von Mykene.

Dass Aegisth (der Tenor Matthäus Schmidlechner) per Oldtimer-KFZ anreist, bevor ihn Elektra im Glitzerkleid in sein Verderben lockt, mag mit einigem guten Willen zur Kleidung passen, mit denen das Gefolge von Klytämnestra ausstaffiert wurde, aber warum trägt Chrysothemis dann eine schmucklose Kombination von H&M? Aber irgendwie wird alles zu erklären sein, und wenn nicht, kann man bei der hervorragenden Qualität von Gesang und Orchester gnädig darüber hinweg sehen.

Matthäus Schmidlechner, Philipp Kranjc, Mathias Frey © Reinhard Winkler

Gernot Romic, Ensemble © Barbara Palffy

EIN AMERIKANER IN PARIS als mitreißendes Musical

Myrthes Monteiro, Gernot Romic © Barbara Palffy

S´Wonderful, wie die kleine Lise drei großartige Burschen durcheinander wirbelt

1928 hat George Gershwin das „Tone Poem for orchestra“ „An American in Paris“ komponiert. Er malt, inspiriert von den großen Künstlern dieser Stadt, die dort gewonnenen Eindrücke mit der Farbenpracht seiner Musik. Unter den beiden Namen George und Ira Gershwin mit der Textbearbeitung von Craig Lucas wurde das gleichnamige Filmmusical zum Bühnenstück, das am Sonntag, den 25. November 2018 im Musiktheater Linz mit deutschen Dialogen eine umjubelte Premiere feierte. Der Choreographie sieht man durchaus den Film und die Ideen von Gene Kelly an, was jedoch absolut kein Nachteil ist. Regisseur Nick Winston hat das cineastische Vorbild solid auf der großzügigen Bühne des Musiktheaters umgesetzt und damit einen mitreißenden Musicalabend geschaffen, der keine Wünsche, weder an die Sänger, Tänzer noch an die Inszenierung, offen lässt.

 

Es geht um die kleine Lise Dassin (Myrthes Monteiro), ein etwas verschrecktes Mädchen, das sich während der Nazibesetzung von Paris vor den NS-Schergen bei der Familie Baurel verstecken musste, um zu überleben.

Daniela Dett © Barbara Palffy

Die Handlung des Musicals setzt mit der Befreiung von Paris ein. Zwei amerikanische Soldaten, die sich nach Ablegen ihrer Waffen wieder ihrer eigentlichen Berufung zuwenden können, lassen die Rückfahrkarte in die Heimat in Übersee verfallen. Beide verlieben sich in Lise. Der eine, Adam Hochberg (Christof Messner), ist Komponist, Jerry Mulligan (Gernot Romic) Maler. Beide rittern um die Gunst des Mädchens. Der Musiker mit einem Ballett, das er für die begnadete Tänzerin komponiert, der Maler mit der von ihm entworfenen Ausstattung der Bühne für diesen Auftritt. Dabei lässt sich Jerry von der steinreichen Milo Davenport (Daniele Dett) keineswegs vom eigentlichen Zug seines Herzens ablenken. Aber die Kleine ist bereits dem Sohn von Madame Baurel (großartig in ihrer Selbstironie: Lynsey Thurgar), dem Nachtclubsänger Henri (Christian Fröhlich) als Braut zugesagt. Wer macht nun das Rennen?

 

Nachdem Henri zur Clique von Jerry und Adam gehört, bietet sich Gelegenheit, ein von ihm bestelltes Lied zum Hit zu machen. „I Got Rhythm“ fährt ab wie die Hölle, wenn Dirigent Tom Bitterlich nach der Pause sogar das Publikum zum Mitklatschen animiert.

Die Musiker des Bruckner Orchesters Linz setzen damit fetzig den jazzigen Rhythmus um, wie ihn sich Gershwin wohl vorgestellt hat. Die Mitglieder des Tanzensembles und von TANZLINZ zeigen, was sie an Showdance drauf haben, um dem Amerikaner in Paris, womit eigentlich Adam gemeint ist, zu zeigen, dass man in Good Old Europe nicht nur auf „Beginner´s Luck“, von dem Jerry singt, angewiesen ist, sondern einen solchen Musical-Klassiker ernsthaft und begeisternd umsetzen kann.

Gernot Romic, Ensemble © Barbara Palffy
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