Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Izabela Matula, Chor © Reinhard Winkler

IL TROVATORE Strahlende Musik zu düsteren Bildern

Federico Longhi (Graf Luna) © Reinhard Winkler

Die Rache der Zigeunerin als „novità e bizzaria“ für Verdi

In ihrem Wahn wirft Azucena das eigene Kind in die Flammen, in denen ihre Mutter soeben qualvoll umgekommen ist. Statt den von ihr für diese Vergeltung geraubten Sohn des Grafen von Luna nachzuschmeißen, zieht sie diesen auf, mit aller Hingabe, die sie nur aufzubringen imstande ist, allerdings mit dem perfiden Hintergedanken, ihn bei späterer Gelegenheit als Werkzeug für ihre Rache einzusetzen. Da der Graf den Tod seines Sohnes nicht wahrhaben will, beauftragt er den älteren Sohn mit der Suche nach diesem und der Tochter der Zigeunerin. Die beiden Brüder, die freilich nichts von ihrer Verwandtschaft zueinander wissen, stehen im spanischen Bürgerkrieg Anfang des 15. Jahrhunderts auf zwei verschiedenen Seiten, erbitterte Todfeinde werden sie aber wegen einer Frau, die den einen, den angeblichen Sohn der Zigeunerin, genannt Troubadour, liebt, vom anderen aber leidenschaftlich, wenngleich vergeblich begehrt wird. Die Zigeunerin offenbart ihre von langer Hand vorbereite List erst, als Luna ihren Ziehsohn hingerichtet und Leonora sich vergiftet hat und der junge Graf nun damit leben muss.

Katherine Lerner (Azucena), Sung-Kyu Park (Troubadour) © © Reinhard Winkler

Diese Schauergeschichte wurde begeistert weiter erzählt und in einem Drama des spanischen Dichters Antonio García Gutiérrez erstmals auf die Bühne gebracht. Giuseppe Verdi war vom Stoff auf der Stelle begeistert, der ihm „novità e bizzaria“, also Neues und Bizarres bot. Die Inspiration packte ihn mit einer derartigen Gewalt, dass er ohne Auftrag zu komponieren begann und den Librettisten Salvadore Cammaro in dieses wirtschaftlich nicht ungefährliche Abenteuer mitriss. Verdi schwebte die Vision eines neuen Musiktheaters vor, die allerdings an die Grenzen seiner musikalischen Vorstellungskraft stieß. 1854 wurde „Il trovatore“ in Rom uraufgeführt und bot dem Publikum die erwartet mitreißenden Kantilenen in den Arien und ins Ohr gehende Chöre, aber keine Spur einer neuen, sich vom bisherigen Werk grundlegend unterscheidenden Oper.

Dominik Nekel (Ferrando), Ensemble © Reinhard Winkler

Vielleicht ist es diese Ähnlichkeit mit dem „gewohnten Verdi“, die „Il trovatore“ nach wie vor zu einer der am häufigsten aufgeführten Opern macht. Was immer der Beweggrund war, aber sie wurde auch im Musiktheater Linz ins Programm genommen, um am 11. Jänner 2020 eine durchaus umjubelte Premiere zu feiern. Für brillante Italianità sorgte am Pult Enrico Calesso mit dem Bruckner Orchester Linz, das auch in den vielen düster instrumentierten Passagen um Verdisches Strahlen bemüht war.

Das Betteln der mit Tarnanzügen gewandeten Soldaten, die von Hauptmann Ferrando (Bassist Dominik Nekel) partout vor dem Schlafengehen diese gruselige Geschichte hören wollen, das zum Mitsingen reizende „Vedi! le fosche notturne spoglie“ der Zigeuner (der berühmte Zigeunerchor) oder der fromme Gesang der Klosterschwestern, von Elena Pierini mit dem Chor des Landestheaters Linz einstudiert, sind dieser Vorgabe hervorragend angepasst. Graf Luna, gesungen vom Bariton Federico Longhi, ist der wuchtige Böse, der schon von der Rolle her kein Mitgefühl mit seinem Rivalen, offenbar aber auch keine zärtlichen Töne der von ihm geliebten Frau gegenüber anschlagen darf, ungeachtet der beiden geheimnisvollen Gestalten, dem Engerl und Bengerl, einem weißen und schwarzen Engel als schweigende Begleiter der Handlung. Als Troubadour, von seiner Ziehmutter Manrico genannt, lässt der geborene Südkoreaner Sung-Kyu Park nichts vom zu Herzen gehenden Schmelz eines italienischen Tenors vermissen. Sie wären ein hübsches Paar, er und Leonora, der Izabela Matula warme Fraulichkeit und einen großen, dennoch weichen Sopran verleiht.

Ihr Gegenstück ist Katherine Lerner als Zigeunerin Azucena, die mit einem Einkaufswagerl anstelle des Planenwagens über die mit lodernden Flammen und blutverschmierten Säulen allgemein recht finster gehaltene Bühne (Inszenierung: Gregor Horres, Bühne: Jan Bammes, Video: Volker Köster) webt. Sie verwirklicht mit ihrem in allen Höhenlagen sicheren und ungeheuer dramatischen Mezzo eine Ahnung dieser ursprünglichen Intention, die Verdi bei „Il trovatore“ möglicherweise vorgeschwebt ist.

Leichen in Säcken bedecken den Boden der Bühne © Reinhard Winkler

Jeffrey Hartman, Ensemble © Barbara Pálffy

LE PROPHÈTE Musikalische Enttarnung der Volksverführer

Jeffrey Hartman, Ennsemble © Barbara Pálffy

Eine der seltenen Gelegenheiten, den Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer zu erleben

Die Geschichte von den Wiedertäufern, die im 16. Jahrhundert die Stadt Münster eingenommen haben und dort ihren „König Johannes I.“ ausrufen ließen, hat die französischen Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps zu einem Libretto für eine große Oper inspiriert. Komponiert wurde sie von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), dem Star der Opéra Paris. Sein Ruhm ist erst mit dem Erscheinen von Richard Wagner und Giuseppe Verdi verblasst, wobei die Musikgeschichte unter anderem den Grund dafür anführt, dass Meyerbeer Jude war und von Wagner deswegen angefeindet wurde. Wenn man aber, wie bei der Premiere im Musiktheater Linz „Le Prophète“, seine Musik hört, dann ist jeder Vergleich mit den beiden Kontrahenten unangebracht. Die Grand Opéra von Meyerbeer unterscheidet sich grundlegend von den verführerischen Melodien des Italieners Verdi und hat nichts mit den gewaltigen Klanggemälden Wagners gemein. Allein die Orchestrierung der Arien und Duette wie auch Ouvertüre und Zwischenaktmusik haben ihre eigenen Reize.

Katherine Lerner, Brigitte Geller © Reinhard Winkler

Sie spiegeln in Rhythmus und Melodik trotz aller Dramatik des Geschehens die Leichtigkeit des Savoir-vivre wider. Wenn die Trompete solistisch eine warm ins Ohr gehende Weise anstimmt, kann das Ganze so schrecklich nicht sein, wie es die Protagonisten dem Publikum weismachen wollen. Dabei gibt es genügend Gewalt, Blut und Tod, die im Fall von „Le Prophète“ nicht nur einige wenige, sondern ausnahmslos alle Beteiligten ins Jenseits befördert.

Matthäus Schmidlechner, Jeffrey Hartman, Adam Kim © Reinhard Winkler

Wie schon angedeutet, geht es um die Umtriebe einiger düsterer Gesellen, die mittels biblischer Botschaften das Volk gegen seine Tyrannen aufwiegeln wollen. So schlecht ist dieser Gedanke gar nicht, wäre er nur in den rechten Händen. Denn es gibt den Grafen von Oberthal (Martin Achrainer als zünftiger Bariton und in seiner Darstellung des miesen Herren überzeugend), der dem liebreizenden Waisenkind Berthe (ein glockenheller Sopran: Brigitte Geller) die Erlaubnis zum Heiraten verweigert.

Ihre Geliebter Jean de Leyde (Tenor Jeffrey Hartmann als nicht gerade ideale Besetzung) kann seine Braut zwar verstecken, aber Oberthal ergreift dessen Mutter Fidès (Katharina Lerner mit Raum füllender und schöner Stimme) und droht sie zu erschlagen, wenn Jean das Mädchen nicht herausgibt. Die Liebe zur Mutter siegt in diesem Moment. Aber der junge Mann wird dadurch in die Arme der Wiedertäufer getrieben, die mit dessen Charisma ihre Ideen umsetzen wollen. In diesem Fall sind es Zacharie, mit dem der Bassist Dominik Nekel als hintertriebener, aber überzeugender Verführer das Volk verrückt macht. Neben seiner Dominanz haben Jonas (Matthäus Schmidlechner) und Mathisen (Adam King) nur wenig zum ausrichten. Ihre Galionsfigur Jean wird zum Propheten hochstilisiert, der von keiner Frau geboren und daher beinahe Gott gleich sei. Nachdem in Münster dieser von seiner Mutter erkannt wird, kommt es zur einer heimlichen Aussprache. Er beschließt, sein falsches Tun aufzugeben und mit ihr und seiner wieder aufgetauchten Braut zu fliehen.

Katherine Lerner, Jeffrey Hartman © Barbara Pálffy

Berthe will mit dem falschen Propheten aber nichts mehr zu tun haben. Sie verflucht ihn, trinkt das Gift, das Jean aufgrund der Ablehnung seitens seiner Liebe für sich gedacht hatte und stirbt herzergreifend smorzando. Damit gibt es auch für Jean keinen Sinn mehr zum Weiterleben. Nachdem ihn die Wiedertäufer an die kaiserlichen Truppen verraten haben, um selbst freies Geleit zu erhalten, lässt er das Munitionslager unter dem Palast detonieren und reißt die ganze Gesellschaft mit ins Verderben.

Das Bruckner Orchester unter Markus Poschner schlägt sich wacker mit den teils ungewöhnlichen Herausforderungen, die Giacomo Meyerbeer in die Partitur geschrieben hat. Drei große Chöre (Chor, Extrachor und der Kinder- und Jugendchor, alle vom Landestheater Linz) werden aufgeboten, um das Volk jubeln und skeptisch gleichzeitig sein zu lassen oder mit dem mystisch klingenden Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ unheimliche bis bedrohliche Stimmung zu machen.

Einen wesentlichen Teil zu dieser Wirkung trägt die Begleitung von tiefen Bläsern bei. Inszeniert hat Alexander von Pfeil, der gemeinsam mit Piero Vinciguerra eine Bühne und Ausstattung geschaffen hat, die grau in grau trotz einfacher Aufbauten und seltsamer Einsprengsel aus dem 20. und 21. Jahrhundert wie Kampflieger, Handy, Wachposten mit MP und Einkaufswagen in die Zeit zurückführt, in der anstelle heutiger Populisten religiöse Fanatiker die Menschen in die Irre geführt haben.

Jeffrey Hartman © Reinhard Winkler
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