Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Jeffrey Hartman, Ensemble © Barbara Pálffy

LE PROPHÈTE Musikalische Enttarnung der Volksverführer

Jeffrey Hartman, Ennsemble © Barbara Pálffy

Eine der seltenen Gelegenheiten, den Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer zu erleben

Die Geschichte von den Wiedertäufern, die im 16. Jahrhundert die Stadt Münster eingenommen haben und dort ihren „König Johannes I.“ ausrufen ließen, hat die französischen Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps zu einem Libretto für eine große Oper inspiriert. Komponiert wurde sie von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), dem Star der Opéra Paris. Sein Ruhm ist erst mit dem Erscheinen von Richard Wagner und Giuseppe Verdi verblasst, wobei die Musikgeschichte unter anderem den Grund dafür anführt, dass Meyerbeer Jude war und von Wagner deswegen angefeindet wurde. Wenn man aber, wie bei der Premiere im Musiktheater Linz „Le Prophète“, seine Musik hört, dann ist jeder Vergleich mit den beiden Kontrahenten unangebracht. Die Grand Opéra von Meyerbeer unterscheidet sich grundlegend von den verführerischen Melodien des Italieners Verdi und hat nichts mit den gewaltigen Klanggemälden Wagners gemein. Allein die Orchestrierung der Arien und Duette wie auch Ouvertüre und Zwischenaktmusik haben ihre eigenen Reize.

Katherine Lerner, Brigitte Geller © Reinhard Winkler

Sie spiegeln in Rhythmus und Melodik trotz aller Dramatik des Geschehens die Leichtigkeit des Savoir-vivre wider. Wenn die Trompete solistisch eine warm ins Ohr gehende Weise anstimmt, kann das Ganze so schrecklich nicht sein, wie es die Protagonisten dem Publikum weismachen wollen. Dabei gibt es genügend Gewalt, Blut und Tod, die im Fall von „Le Prophète“ nicht nur einige wenige, sondern ausnahmslos alle Beteiligten ins Jenseits befördert.

Matthäus Schmidlechner, Jeffrey Hartman, Adam Kim © Reinhard Winkler

Wie schon angedeutet, geht es um die Umtriebe einiger düsterer Gesellen, die mittels biblischer Botschaften das Volk gegen seine Tyrannen aufwiegeln wollen. So schlecht ist dieser Gedanke gar nicht, wäre er nur in den rechten Händen. Denn es gibt den Grafen von Oberthal (Martin Achrainer als zünftiger Bariton und in seiner Darstellung des miesen Herren überzeugend), der dem liebreizenden Waisenkind Berthe (ein glockenheller Sopran: Brigitte Geller) die Erlaubnis zum Heiraten verweigert.

Ihre Geliebter Jean de Leyde (Tenor Jeffrey Hartmann als nicht gerade ideale Besetzung) kann seine Braut zwar verstecken, aber Oberthal ergreift dessen Mutter Fidès (Katharina Lerner mit Raum füllender und schöner Stimme) und droht sie zu erschlagen, wenn Jean das Mädchen nicht herausgibt. Die Liebe zur Mutter siegt in diesem Moment. Aber der junge Mann wird dadurch in die Arme der Wiedertäufer getrieben, die mit dessen Charisma ihre Ideen umsetzen wollen. In diesem Fall sind es Zacharie, mit dem der Bassist Dominik Nekel als hintertriebener, aber überzeugender Verführer das Volk verrückt macht. Neben seiner Dominanz haben Jonas (Matthäus Schmidlechner) und Mathisen (Adam King) nur wenig zum ausrichten. Ihre Galionsfigur Jean wird zum Propheten hochstilisiert, der von keiner Frau geboren und daher beinahe Gott gleich sei. Nachdem in Münster dieser von seiner Mutter erkannt wird, kommt es zur einer heimlichen Aussprache. Er beschließt, sein falsches Tun aufzugeben und mit ihr und seiner wieder aufgetauchten Braut zu fliehen.

Katherine Lerner, Jeffrey Hartman © Barbara Pálffy

Berthe will mit dem falschen Propheten aber nichts mehr zu tun haben. Sie verflucht ihn, trinkt das Gift, das Jean aufgrund der Ablehnung seitens seiner Liebe für sich gedacht hatte und stirbt herzergreifend smorzando. Damit gibt es auch für Jean keinen Sinn mehr zum Weiterleben. Nachdem ihn die Wiedertäufer an die kaiserlichen Truppen verraten haben, um selbst freies Geleit zu erhalten, lässt er das Munitionslager unter dem Palast detonieren und reißt die ganze Gesellschaft mit ins Verderben.

Das Bruckner Orchester unter Markus Poschner schlägt sich wacker mit den teils ungewöhnlichen Herausforderungen, die Giacomo Meyerbeer in die Partitur geschrieben hat. Drei große Chöre (Chor, Extrachor und der Kinder- und Jugendchor, alle vom Landestheater Linz) werden aufgeboten, um das Volk jubeln und skeptisch gleichzeitig sein zu lassen oder mit dem mystisch klingenden Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ unheimliche bis bedrohliche Stimmung zu machen.

Einen wesentlichen Teil zu dieser Wirkung trägt die Begleitung von tiefen Bläsern bei. Inszeniert hat Alexander von Pfeil, der gemeinsam mit Piero Vinciguerra eine Bühne und Ausstattung geschaffen hat, die grau in grau trotz einfacher Aufbauten und seltsamer Einsprengsel aus dem 20. und 21. Jahrhundert wie Kampflieger, Handy, Wachposten mit MP und Einkaufswagen in die Zeit zurückführt, in der anstelle heutiger Populisten religiöse Fanatiker die Menschen in die Irre geführt haben.

Jeffrey Hartman © Reinhard Winkler

Sister Act  Ensemble © Barbara Pálffy

SISTER ACT das ungewöhnliche Geschenk des Himmels

Tertia Botha, Daniela Dett © Barbara Pálffy

„Musica Sacra“, die sogar den Frömmsten von seinem Sessel reißt

„Wie kriegt man eine Nonne rum?“ ist die große Frage, die den drei Ganoven Joey (David Arnsperger), TJ (Lukas Sandmann) und Pablo (Christian Fröhlich) Gelegenheit gibt, ihre Verführungskünste im Trockenschwimmen auszuprobieren. Es geht schließlich darum, die in einem Kloster versteckte Deloris Van Cartier (eine Wucht: Tertia Botha) für ihren Boss, den abgrundmiesen Curtis Jackson (Karsten Kenzel), von dort herauszuholen. Dabei geht es dem Obergangster nicht um ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten, sondern um deren Beseitigung. Sie hat blöderweise zugesehen, als er einen Zund (Verräter bei der Polizei) aus den eigenen Reihen per Pistolenschuss erledigt hat. Der brave, aber patscherte Polizist Eddie Fritzinger (Gernot Romic), in der Unterwelt bekannt als Schwitzefritze, hat die Sängerin bei den Klosterfrauen in Sicherheit gebracht, um sie für den Prozess als Zeugin am Leben zu haben. Nachdem die drei Burschen tolle Komiker, aber nicht gerade talentierte Aufreißer sind, lässt sie ihr Chef in Nonnentracht stecken, um sie bei den geistlichen Schwestern einzuschleusen.

Tertia Botha, William Mason, Daniela Dett © Barbara Pálffy

Die Bräute Gottes sind aber längst nicht mehr g´schreckte Jungfrauen. Sie haben von Deloris mittlerweile einiges an Weltlichem gelernt, vor allem aber, wie man mutig und mit voller Stimme fröhlich singen kann. Die Damen haben also Selbstbewusstsein, zumal ihr Chor just an diesem Tag vor niemand Geringerem als dem Heiligen Vater persönlich auftreten soll. Sie jagen die Kerle in Nonnentracht frisch vor sich her, bis allerdings Curtis auftaucht und ihrer Chorleiterin Deloris die Krachen ansetzt. Dass alles gut ausgeht, ist der Gnade Gottes in Form eines Glückstreffers von Eddie zu verdanken und einem Ensemble, das mit dem Musical „Sister Act“ den gleichnamigen Film rasch vergessen lässt. Allein die vielen, vielen Songs sind ein wahrhaft himmlischer Genuss, der sogar den alten Monsignore O´Hara (William Mason) derart ausflippen lässt, dass er angetan mit Glitzerkasel die Messbesucher, pardon, das Publikum zum Mitschunkeln anfeuert.

Lukas Sandmann, Christian Fröhlich, Karsten Kenzel, David Arnsperger © Barbara Pálffy

Andreas Gergen hat dieses Meisterwerk von Alan Menken (Musik) auf die Bühne des Musiktheaters Linz im wahrsten Sinn des Wortes gedreht. Um das Skelett einer Kirche sind Polizeistation, Gangsterkarre, Klosterzelle und Wohnzimmer von Eddie so geschickt angeordnet, dass ein kurzer Schwenk genügt, um die jeweils passende Szene vor sich zu haben (Bühne: Walter Vogelweider). Im Zentrum steht klarerweise der Schauplatz, auf dem die Nonnen singen und tanzen was das Zeug hält.

Wenngleich Mutter Oberin (Daniela Dett) ihre persönlichen Probleme mit den Umtrieben der Nachtclubsängerin Deloris hat, bringt sie doch selbst eine stattliche Stimme mit, mit der sie ihre Skrupel eindrucksvoll zu Gehör bringt. Die anderen aber, Nonnen wie Mary Lazarus (Viktoria Schubert), Mary Patrick (Sanne Mieloo), Mary Olympia (Silke Braas-Wolter), Mary Honorata (Dawn Bullock), Mary Curata (Susanna Hirschler), Mary Theresa (Anja Karmanski), Mary Passionata (Isabella Prühs), Mary Pieta (Celina dos Santos), Mary Nirvana (Lynsey Thurgar), Mary vom göttlichen Herzen Jesu (Nina Weiß) und die reizende kleine Postulantin Mary Robert (Hanna Kastner) haben ihren Spaß an den Melodien und am Gospelrhythmus, wenn sie in der ausgezeichneten Choreographie von Kim Duddy durch die Kirche ihres Klösterchens fegen.

Den fetzigen Sound dazu liefert die mit Trompeten, Posaunen, Saxophonen, E- & Kontrabass, Drums, und Keybords besetzte „Sixtinische Kapelle“ unter „Regens Chori“ Tom Bitterlich. Für Andacht ist also gesorgt, wenn mit voller Röhre die Bitte „Zeig mir den Himmel“ an den darob gewiss amüsierten Allerhöchsten gerichtet wird, zumal auch durch die in Deutsch gesungenen Songtexte von Glenn Slater die ganze rührende Geschichte zu einem herzerwärmenden emotionalen Erlebnis wird.

Gernot Romic, Ensemble © Barbara Pálffy
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