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THE WAVE Ein Musical als Warnung vor dem Massenwahn

Christian Fröhlich, Ensemble © Reinhard Winkler

Aus (fast) jedem kann ein Nazi werden!

1981 ist der Roman „The Wave“ erschienen. Der US-amerikanische Schriftsteller Morton Rhue lässt darin einen engagierten Geschichtslehrer an einer Highschool in einer Kleinstadt ein Experiment durchführen. Für seine Schüler sind Phänomene wie der Nationalsozialismus und der damals noch aktuelle totalitäre Kommunismus unbegreiflich. Nach und nach schafft es der Pädagoge jedoch, die Kids zu einer diesen Systemen ähnlichen Gemeinschaft zu formen, um ihnen am Schluss zu zeigen, wohin sie der unkritische Glaube an einen offenbar unfehlbaren Führer bringen kann.

Hanna Kastner, Celina dos Santos © Reinhard Winkler

Die Welle (so der deutsche Titel) wächst sich jedoch zu einem Tsunami aus, der kaum mehr kontrolliert werden kann. Es ist schwer, den Jugendlichen erklären zu müssen, dass sich ihr Erfolg, den sie seit Beginn dieses Unternehmens zweifellos erleben, lediglich aufgrund einer Ideologie eingestellt hat, von der man annehmen sollte, dass um ihre Ablehnung in der Freien Welt ein unerschütterlicher Konsens herrscht.

Christian Fröhlich, Ensemble © Reinhard Winkler

Es gibt also viel zum Nachdenken, wenn sich im Landestheater Linz ein tolles junges Ensemble über die Uraufführung des Musicals „THE WAVE“ wagt und diese – vorläufig zwar nur online – am Sa., den 20. März 2021 der Öffentlichkeit präsentiert hat. Gesprochen und gesungen wird auf Deutsch (Übersetzung von Jana Mischke), inszeniert hat Christoph Drewitz und am Pult steht Juheon Han. Als resoluter Lehrer Ron bringt Christian Fröhlich die bunte Schar seiner (laut eigenem Urteil schwachen, durchschnittlich, beeinflussbaren) Schüler auf Linie. Man würde kaum wagen, sich ihm zu widersetzen, wenn er die zum guten Teil lernunwillige Schar mit seltsamen Übungen, wie in Rekordzeit die Plätze im Klassenraum einzunehmen, trainiert. Es genügt das Motto „Kraft durch Disziplin!“, um auch den als Schüler eher unbedarften Basketballspieler Stevie (Malcolm Henry, einer der Studenten an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, von denen man in diesem Fach bestimmt noch sehr viel hören wird) zur Anpassung zu bewegen. James (Samuel Bertz) ist ohnehin kein Aufmucker.

Der sympathische junge Mann stammt aus reichem Hause und verbringt seine Freizeit damit, Jimi Hendrix an der Gitarre nachzueifern, wäre da nicht Ella, die in Poesie vergrabene Einzelgängerin, auf die er ein Auge geworfen hat. Hanna Kastner ist dieses selbstbewusste Mädel, die ihrerseits tatsächliche Kraft zeigt, nicht nur mit erstaunlicher Röhre, sondern auch mit schauspielerischem Talent, das sie glaubhaft zur Wellenbrecherin werden lässt. Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Jess (Celina dos Santos) verschafft sich bescheidenen Luxus durch schnelles Zugreifen ohne zu bezahlen. Der Underdog schlechthin ist Robert. Als Hackfresse erscheint Lukas Sandmann verhüllt mit einer Kapuze und wird lustvoll von den anderen gemobbt, bis er von der Welle nach oben geschwappt und zum strammen Vorkämpfer der Bewegung wird.

Es geht um gute Noten, um ein neues, faszinierendes Gefühl des Zusammenhalts und um persönliche Bestätigung. Das alles sind Faktoren, die keiner missen will, wenn er sich damit einmal eingelassen hat. Eine Reihe von Solonummern trägt das an sich ernste Stück und macht es zu einem unterhaltsamen Musical, das ausnehmend professionell über die Rampe kommt, fast zu locker in seiner Beziehung zum Inhalt, der zeitlos vermittelt, dass es keinesfalls Psychosen sein müssen, die dem Wahnsinn eines umfassenden Totalitarismus unterliegen.

Ensemble © Reinhard Winkler
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