Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Christoph Schlingensief, Ohne Titel, Installationsansicht © Stefan Altenburger Photography

Christoph Schlingensief, Ohne Titel, Installationsansicht © Stefan Altenburger Photography

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF „Es ist nicht mehr mein Problem!“

Christoph Schlingensief, The African Twin Towers, Production Still, 2005 © Aino Laberenz

C. S.,, The African Twin Towers,  2005 © Aino Laberenz

Erste umfassende Ausstellung zu einem in seiner Vielseitigkeit ungreifbaren Künstler

Christoph Schlingensief (1960-2010) war ein kreativer Unruhestifter. Unter dieser gewiss reißerischen Verkürzung steckt eine Persönlichkeit, die in ihrem Schaffen keine Gattungsgrenzen anerkannt hat. Man kennt ihn als Filmemacher und als politischen Aktivisten, man hat sich mit dem Boulevard über seine Regiearbeiten an Theater und Oper alteriert und sein Schaffen als Künstler kritisch diskutiert. Nebenbei war Schlingensief auch Autor von Bestsellern, die es dem Leser erlaubten, zumindest einen kleinen Schritt in seine Gedankenwelt einzudringen. Gemeinsam mit der „Freien Republik“ unter der Leitung ihres autoritären „Präsidenten“ Milo Rau wurde nun vom MAK eine anschauliche Möglichkeit geschaffen, das Universum „Christoph Schlingensief“ in einer umfangreichen Ausstellung zu durchwandern.

Christoph Schlingensief, Church of Fear, 2003 © kunst-dokumentation.com/MAK

Christoph Schlingensief, Church of Fear, 2003 © kunst-dokumentation.com/MAK

Christoph Schlingensief, Freakstars 3000 (2002) © kunst-dokumentation.com/MAK

Christoph Schlingensief, Freakstars 3000 (2002) © kunst-dokumentation.com/MAK

Seit der Zeit, in der Schlingensief aktiv war, hat sich offenbar nicht viel geändert. So bildet die Installation „Church of Fear“ den Auftakt. Erstmals präsentiert wurde die Kirche der Angst bei der Biennale von Venedig anno 2003 und war eine parodistische Antwort auf die weltweite Stimmung nach dem schrecklichen Vorfällen des 9/11. Kurator ist der Schweizer Kunsthistoriker Raphael Gygax, der mit Bühnen- und Kostümbildnerin Aino Laberenz, der langjährigen Weggefährtin von Schlingensief, einen wahrhaften Erlebnisparcours geschaffen hat. Zu bereisen ist er auf zwei Zeitschienen. Auf der einen fährt der Zug in die Vergangenheit, wo politische und performative Arbeiten der späten 1990er- und frühen 2000er Jahre versammelt sind.

Es ist eine Erinnerung an mittlerweile vergessene Aufreger wie „Chance 2000“ (1998), „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“ (2000) oder die inklusiven „Freak Stars 3000“ (2002). Nach vorn, Richtung Gegenwart, wird der Fokus auf filmische und opernhafte Werke gelegt. Zu bestaunen sind „The African Twin Towers“ (2005/2007), „Der Fliegende Holländer“ (Manaus, 2007) neben der Videoinstallation „Ohne Titel“ ergänzt mit der Erläuterung des Inhalts „Hasenverwesung, Drosophila Melanogaster“. Es darf auch gegrübelt werden. Nicht leicht zu verstehen ist das Zitat, in dem Schlingensief Einblick in seine Herangehensweise an die Kunst gewährt: „Man kann meines Erachtens voller Lust, Freude und Vorsatz scheitern. In meiner Arbeit war das immer ein Scheitern, das durch die Aufhebung von Zielgerade und Zielpunkt, von Raum und Zeit entstanden ist. Wenn man es innerlich schafft zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns bedarf, um Kräfte nutzbar zu machen, wird viel passieren.“ Ist was passiert seither? Viel, aber selten im Sinn des radikalen Weltverbesserers Christoph Schlingensief.

Christoph Schlingensief, Ausstellungsansicht

Christoph Schlingensief, Ausstellungsansicht

Séance de Travail Défilé # Hiver 98/99 mit Daniel Küpper, Armbruster, Tatjana Patitz. MAK

Séance de Travail Défilé # Hiver 98/99 mit Daniel Küpper, Armbruster, Tatjana Patitz. MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.

HELMUT LANG Séance de Travail en Mode Minimaliste

Helmut Lang, New York City Taxi Top, Foto: MAK/Christian Mendez.

Helmut Lang, New York City Taxi Top, Foto: MAK/Christian Mendez.

Ein Blick in das Archiv des Erfinders tragbarer „minimalistischer“ Mode

Seit 2005 lebt und arbeitet Helmut Lang (1956 in Wien geboren) als bildender Künstler in New York City. Davor war sein Name ein Begriff für Mode, der die Gesellschaftsseiten von Zeitungen und Hochglanzmagazinen beherrschte. Lang verstand es, seinen Namen mit seinen Schöpfungen so zu verbinden, dass er als Marke unübersehbar wurde. Berühmt ist das Taxi Top mit seinem Namen auf den gelben Cabs in den Straßen Manhattens. Für Kreative und Intellektuelle war er der „Vater der Coolness“, gleichermaßen geschätzt von Frauen wie Männern. Sie konnten unter seinem Label ihr Erscheinungsbild, angefangen von den Schuhen über die Unterwäsche bis zum Duft, in ansprechender und doch nobel unauffälliger Weise stylen. Helmut Lang hatte die Codes der internationalen Modewelt neu geschrieben und ein unverwechselbares ästhetisches Vokabular entwickelt.

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige mit handschriftlichen Anmerkungen für Vogue Italia MAK

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige mit handschriftlichen Anmerkungen für Vogue Italia MAK Helmut Lang Archiv, LNI 572-6-2. Courtesy of hl-art.

Helmut Lang, Interieur des Helmut Lang Design Studios mit Spider Couple (2003) von Louise Bourgeois

Helmut Lang, Interieur des Helmut Lang Design Studios mit Spider Couple (2003) von Louise Bourgeois, 142 Greene Street, New York (2004). MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.

Das MAK zeigt nun bis 3. Mai 2026 im Erdgeschoss der Ausstellungshalle eine ungemein umfangreiche Auswahl aus seinem Archiv mit dem eleganten Titel „HELMUT LANG. Séance de Travail 1986-2005“, also eine Arbeitssitzung, kuratiert von der Expertin Marlies Wirth. Sie ist Kustodin der MAK Sammlung Design und damit die Verwalterin des größten und einzigen offiziellen öffentlichen Archivs, das seit 2011 Teil der MAK-Sammlung ist. In aufwändiger Architektur, maßstabsgerecht angelehnt an das Interieur des Helmut Lang Headquarters und der Flagship Stores, abwechselnd mit üblichen Vitrinen werden Details wie Probedrucke von Werbeanzeigen und Illustrationen in Modemagazinen, Seiten eines Lookbooks oder sogenannte Show Fitting Polaroids aus Papier mit handschriftlichen Look Beschreibungen präsentiert.

Man tritt in den für das Publikum normalerweise unzugänglichen „Backstage-Bereich“ ein, um dort auf Fotos Models, Stylists und Insidern zu begegnen. Insgesamt sind es sieben Themen, mit denen die Schau strukturiert ist. Deren Zentrum ist eine in Lebensgröße als Video gezeigte Séance de Travail, mit der Helmut Land seine Collectionen ab 1988 in für dieses Genre unüblichen Umgebungen wie dem Espace Commines in Paris oder dem Dia Center for the Arts in New York präsentierte, mit Bodenplänen der Sitzordnung. Er selbst hat dabei der Gestalterin Einblicke in seinen kreativen Prozess gewährt und als persönliche Zugabe eine Botschaft für das Museum bereitgestellt: „Das MAK Archiv ist als ‚lebendiges Archiv‘ gedacht. Ich hoffe, es inspiriert andere, den Mut zu haben, ihre eigene Stimme zu finden. Die Vergangenheit ist nie einfacher als die Gegenwart; die Gegenwart ist immer die Möglichkeit.

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige für die Zeitschrift Art in America, MAK Helmut Lang

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige für die Zeitschrift Art in America, MAK Helmut Lang Archiv, LNI 566-9-5-1. Courtesy of hl-art.

MAk Logo 300

Statistik