Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht © Marco Cappelletti e Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio

Ausstellungsansicht © Marco Cappelletti e Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio

TEXTILIEN UND TEPPICHE Neupräsentation der Schausammlung

Savonnerieteppich mit Blumenstück © MAK/Branislav Djordjevic

Savonnerieteppich mit Blumenstück © MAK/Branislav Djordjevic

Erlesene Kostbarkeiten werden von einem italienischen Designstudio atmosphärisch ins Licht gesetzt.

Auf dem Gebiet Textilien und Teppichen darf sich das MAK rühmen, einer der weltweit wertvollsten und umfangreichsten musealen Sammlungen zu besitzen. Wie jedes Gewebe sind die hier verwahrten Stoffe äußerst heikel und eine konservatorische Herausforderung. Trotzdem dürfen diese Schätze nicht unsichtbar bleiben. Nach neuesten technischen Vorgaben und kunstvoll inszeniert vom Designstudio Formafantasma (Mailand) wurde im Geschoss oberhalb von “Wien 1900“ ein Saal mit herausragenden Objekten des textilen Bestandes gestaltet. Der Schwerpunkt sind unübersehbar die Teppiche, begleitet oder wie es im Kuratorenjargon heißt, kontextualisiert von Stoffarbeiten wie einer opulent mit Rosen bestickten Kasel, japanischen Meisen Kimonos oder einer Strickjacke aus dem 17. Jahrhundert.

Quadratisches Zierstück (Tabula) auf Leinengewebe; Gesicht umrahmt von Weinblättern und Trauben

Zierstück auf Leinengewebe; Gesicht umrahmt von Weinblättern und Trauben, Achmim/Panopolis, Ägypten, 4.–5. Jh. © MAK

No-Theater-Gewand (vermutlich Atsuita), Japan, 18./19. Jh. © MAK/Georg Mayer

No-Theater-Gewand (vermutlich Atsuita), Japan, 18./19. Jh. © MAK/Georg Mayer

Bereits beim Anstieg wird der Blick von einem riesigen seidenen Mamlukenteppich aus dem 16. Jahrhundert gefangen, allerdings als Spiegelbild des auf einem Podium aufgebreiteten Originals. Die Wände des Raumes sind in zarten Farbakzenten gehalten, das Licht ist eingezogen und die Vitrinen großformatig, um den Betrachtenden möglichste Nähe zu den Details zu ermöglichen. Seitens von Formafantasma heißt es dazu: „Wir haben das MAK und seine bemerkenswerte Textil- und Teppichsammlung, die zu den weltweit bedeutendsten zählt, schon lange bewundert.

Diese Neuaufstellung gab uns die Möglichkeit, mit Werken zu arbeiten, die Jahrhunderte des Austauschs verkörpern – von Mamluken- und Safawidenteppichen bis hin zu europäischen Tapisserien und zeitgenössischem Design – und die Wege von Motiven und Techniken durch unterschiedliche Kulturräume nachzuzeichnen. Anstatt einzelne Meisterwerke hervorzuheben, haben wir ein räumliches Narrativ entwickelt, das Verbindungen aufzeigt und die vielschichtigen Geschichten der Objekte in den Mittelpunkt stellt.“ In diesem Sinn stammt ein Objekt von IKEA, das sich neben Stücken, die in historischer Zeit geknüpft oder gewebt wurden, durchaus wohl zu fühlen scheint. Wenn, wie Direktorin Lilli Hollein verspricht, die derzeit mit schwarzer Schrift auf dunklem Metall ausgeführten Beschriftungen und Wandtexte leserlich gestaltet sind, lassen sich auch kulturelle Querverbindungen und die Wanderung von Motiven verfolgen, in die Geschichte der Mogulenherrscher eintauchen, ein Krimi um den „Tintoretto-Teppich“ erleben und vieles mehr an spannenden Inhalten erfahren.

Ausstellungsansicht © Marco Cappelletti e Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio

Ausstellungsansicht, Mamlukenteppich © Marco Cappelletti e Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio

WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk, Gustav Klimt, 9 Werkzeichnungen © kunst-dokumentation.com/MAK

WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk, Gustav Klimt, 9 Werkzeichnungen © kunst-dokumentation.com/MAK

WIEN 1900 – ALLTAG Gesamtkunst-Handwerk neu gedacht

WIEN 1900, Ausstellungsansicht © kunst-dokumentation.com/MAK

WIEN 1900, Ausstellungsansicht © kunst-dokumentation.com/MAK

Die Schatzkammer des Museums neu präsentiert in drei atmosphärisch verschieden gestalteten Schausälen

Zuerst muss eine kahle Wand überwunden, besser gesagt, umgangen werden, bis die Augen von einer glänzenden Fülle an Schaustücken beinahe erschlagen werden. Rechts strahlen Artefakte aus Messing und Glas. Ihnen gegenüber drängen sich an einem überdimensionalen Leporello hunderte bemalte Postkarten, deren Hersteller mit „Wiener Werkstätte“ angegeben ist. Schon dieser erste Eindruck will über die museale Präsentation hinaus auf seine darunter liegende Eben verweisen; auf das Gesamtkunstwerk, das wie eine Klammer die drei im ersten Stock damit eingerichteten Räume überspannt. „Wien 1900 – Alltag“ ist das Werk von Markus Schinwald. Der Österreicher ist Künstler und dazu Professor für Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Schinwald widmet sich den ständig wechselnden Bedingungen von Geschichtsschreibung, Autorschaft und Erinnerungskultur. Sein Ziel lautet Erkenntnisbildung, gewonnen aus dem Zusammenspiel von Wissen und Erfahrung, um an das öffentliche Interesse weitergegeben zu werden.

WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk © kunst-dokumentation.com/MAK

WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk © kunst-dokumentation.com/MAK

Josef Hoffmann, „Zimmereinrichtung für eine großen Star“, gezeigt auf der Pariser Weltausstellung

Josef Hoffmann, „Zimmereinrichtung für eine großen Star“, gezeigt auf der Pariser Weltausstellung 1937 im Hintergrund: Metropolis, 1927 Filmstill © kunst-dokumentation.com/MAK

Was zugegebenermaßen kompliziert klingt, ist letztlich ungemein zugänglich und dank ausgezeichneter Beschriftung der einzelnen Objekte ein faszinierender Rundgang durch eine Periode unglaublicher Kreativität. Wer es sich leisten konnte, richtete seine Wohnung nach Plänen eines Koloman Moser ein, bewirtete seine Gäste in Gläsern und Geschirr im Design von Josef Hoffmann und trug nach dem Diner mit einer Keramik von Michael Powolny zur Konversation bei. Die Hausfrau trug gegebenenfalls als Hauskleid eine Kreation von Emilie Flöge und genoss den späten Abend im bequemen Armsessel aus dem Atelier Singer-Dicker. Für die gehobene Gesellschaftsschicht war es also Alltag, was heute im Museum bewundert wird.

Wer mehr dazu wissen will, darf dort eine Reihe von Laden aufziehen und beispielsweise über die stets beklagten mangelnden Chancen von begabten Frauen und deren Schaffen nachlesen oder sich mit einem wohltuend kritischen Text über die verbrecherischen Umtriebe eines Adolf Loos oder Peter Altenberg informieren. Stylische Sitzmöbel sind reihum tatsächlich zum Hinsetzen aufgestellt, wenn sich die Füße vom langen Stehen vor vollen Vitrinen schmerzhaft melden, und man braucht auch bei dieser kurzen Rast nicht auf anregende Schauerlebnisse wie neun breit ausgestellte Werkzeichnungen von Gustav Klimt zu verzichten. Wien war damals eine Stadt des Aufbruchs, der allerdings durch den Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen wurde. Doch auch in der Zeit des Massensterbens und des Mangels hatte die Wiener Werkstätte Ideen, um den maroden Finanzen der Monarchie entgegenzukommen. Es wurde kunstvoll für die Kriegsanleihe geworben und als aus heutiger Sicht makaberes Andenken eine eigene Serie von Trinkgläsern aufgelegt. Im Ganzen sind es 20 Hauptthemen, die in kleinteilige, nahezu intime Kapitel aufgeteilt sind und so organisch vom großen Ganzen in die reizvollen Details dieses blühenden Kunst-Handwerks führen.

Josef Hoffmann, „Zimmereinrichtung für eine großen Star“, gezeigt auf der Pariser Weltausstellung

Josef Hoffmann, „Zimmereinrichtung für eine großen Star“, gezeigt auf der Pariser Weltausstellung 1937 © kunst-dokumentation.com/MAK

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