Kultur und Weindas beschauliche MagazinKalter weißer Mann, Ensemble © Robert Peres KALTER WEISSER MANN Tiefsinnig witziges Gerangel an der Urne
Mitten aus dem blühenden Leben gerissen wurde Wolfhardt Steininger. Der Patriarch der von ihm gegründeten Firma für Unterwäsche war gerade einmal zarte 94 Jahre alt, als er das Zeitliche segnete. In dieser Moll-Tonart hat der stellvertretende Geschäftsführer Hubert Zacherl seine Rede bei der Einsegnung der in einer Urne aufgebahrten Asche angelegt. In Golddruck sind auf der Schleife des kostengünstig erworbenen Kranzes die ergreifenden Worte „In tiefer Trauer“ und „Deine Mitarbeiter“ zu lesen. Doch damit ist Zacherl, der sich schon als sicherer Nachfolger des Verblichenen sieht, der erste Fauxpas passiert. „Wo bleiben die Mitarbeiterinnen?“ will die ihm zur Seite gestellte Führungskraft in Gestalt von Alina Bernreiter wissen. Eine zwar zähe, aber dennoch ungemein kurzweilige Diskussion um „alte weiße Männer“, Gendersterne, LGTBQ+ und sonstiger Political Correctness nimmt Fahrt auf, um in einer allseitigen Befetzung und schließlich gemeinsamen Ratlosigkeit zu keinem Ergebnis zu führen.
Die beiden Spezialisten für unterhaltsame Aufarbeitung jüngster gesellschaftlicher Probleme wie beispielsweise die schwindende Akzeptanz von „Extrawurst“, Dietmar Jacobs & Moritz Netenjakob, haben in der an sich wenig lustigen Trauerfeier den gewaltigen Unterhaltungswert für eine abendfüllende Farce entdeckt. Marcus Strahl, Prinzipal der Neuen Bühne Wien, hat deren „Kalter weißer Mann“ nach Wien gebracht. Unter seiner Regie wurde von einem grandiosen Ensemble in der Bar Casanova Vienna das darin enthaltene Feuerwerk an Pointen gezündet und dem Publikum ein Dauerlachen beschert. Michelle Catherine Härle, Claudia Rohnefeld © Robert Peres Zu einer Einsegnung braucht es einen Geistlichen, den Hubert Wolf als unglaublich geduldiger Priester an der zerstrittenen Trauergemeinde mit seiner tröstlichen „Frohbotschaft“ scheitern lässt. Am lautesten setzt sich Michelle Catherine Härle als selbstbewusste Praktikantin Emma Kernstock durch. Sie ist Studentin und Influencerin, die alles und jedes ganz genau und noch besser weiß. Ihr kann nicht einmal Alina als Head of new development das Wasser reichen. Adriana Zartl ist in dieser Rolle erst vor ein paar Tagen für Verena Scheitz eingesprungen. Mit einer Protokollmappe bewaffnet empfiehlt sie sich als heimliche Nachfolgerin des nunmehr eingeäscherten Firmenchefs – wäre da nicht ein Kevin (Alexander Hoffelner). Er ist Experte für Social Media, hängt deswegen dauernd am Handy und löst mit patscherten Postings einen veritablen Shitstorm aus.
CARMEN DARF NICHT PLATZEN Ein bewährter Stoff in fester Frauenhand
Die bescheidene Jo hat so gar nichts von einer Diva an sich. Anna Sophie Krenn, vom Kostüm (Petra Teufelsbauer) in unscheinbares Braun gewandet und mit einer wenig vorteilhaften Nerd Brille auf der Nase, gibt die brave Sekretärin der eleganten und tüchtigen Mrs. Wylie (Anita Kolbert). Die beiden Frauen warten in einer Hotelsuite (eingerichtet von Martin Gesslbauer) auf den Star des Abends. Kein Wunder, dass die Intendantin der Cleveland Grand Opera aufgeregt ist. Die angesagte Primadonna hat sich verspätet und das Haus ist bereits ausverkauft. Unnötig wie ein Blinddarm treibt sich auch deren Sohn Jerry (Leopold Dallinger) dort herum, um der Sängerin seine Bewunderung persönlich auszudrücken und eventuell wie bei einer zurückliegenden Begegnung in freudige Ohnmacht zu fallen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, was sich in diesen Räumlichkeiten in Kürze an Turbulenzen abspielen wird. Die folgende Story ist soweit bekannt, nur eben ohne Othello und Blackfacing. Die Figur der Carmen ist zwar von ihrer ethnischen Herkunft auch nicht ganz unproblematisch, was aber nicht ausdrücklich betont werden muss (es genügt ein Blick ins Libretto), um diesen in seiner Komik grandiosen Stoff für die Bühne zu retten. Autor Ken Ludwig hat das Verwirrspiel um Einspringen und Aussperren geschickt den Frauen übertragen und damit gleich mehrere Anforderungen zum Stichwort Geschlechtergerechtigkeit abgedeckt. Für die Neue Bühne Wien unter Prinzipal Marcus Strahl wurde Monika Steiner für die Regie engagiert, was von vornherein eventuelles Hochziehen der Brauen seitens der Weiblichkeit verhindert. Sie hatte also freie Hand, diesen genialen Spaß als richtige Hetz und Lachschlager umzusetzen. Wenn Elena Firenzi und deren Gatte Pasquale endlich erscheinen, sollte man zumindest einige italienische Schimpfwörter im Programm haben.
Fekix Kurmayer, Nici Neiss, Georg Hasenzagl © Robert Peres BASKERVILLE Gruslige G´schicht mit Spaß zum Quadrat
Wird Sherlock Holmes auch diesen Fall lösen? Man darf gespannt sein, denn die Vorzeichen stehen alles andere als günstig. Schuld daran ist der US-Dramatiker Ken Ludwig, der in seiner Gruselkomödie „Baskerville“ alles daransetzt, um dem Meisterdetektiv das Leben schwer zu machen. Mit dem Appell „the play´s afoot“ (das Spiel kann/soll beginnen!) hetzt er einen Riesenhund mit Glutaugen auf die Nachkommen des bösen Ahnen Hugo. „Was soll der uralte Aberglaube?“ ist man geneigt zu sagen, und trotzdem findet sich nach Mark erschütterndem Geheul Sir Henry Baskerville mit vom Schreck verzerrtem Gesicht tot im Park seines Anwesens mitten in den Sümpfen der Region Dartmoor. Wird der aus Texas angereiste Generalerbe Sir Charles Baskerville das nächste Opfer? Oder steckt eine ganz andere Übeltat dahinter? Es zahlt sich aus, bei den Ermittlungen im Theater Center Forum dabei zu sein. Neben dem gesunden Schrecken gibt es nämlich genügend Möglichkeiten, das Zwerchfell zu trainieren.
Pension Schöller, Ensemble © Robert Peres PENSION SCHÖLLER Alter Spaß in überraschend neuem Gewand
Man kennt und schätzt Stefan Vögel als Autor feinsinniger Komödien, die sich humorvoll und doch mit entsprechender Schärfe an den Schwächen und Seltsamkeiten seiner Zeitgenossen abarbeiten. In einer Überarbeitung von „Pension Schöller“ hat er jedoch die Sau rausgelassen; mit Erfolg! Aus der bekannten Handlung wurde der Klamauk extrahiert und zum Handlungsträger erhoben, mit flotten Tanz- und Gesangsnummern zusammengekittet, zeitgemäß mit einer woken Verwirrung der Geschlechter bereichert, um den letzten Akt gekürzt und von den Schauplätzen her der Ökonomie halber auf das Gastzimmer der Pension reduziert (praktisch einfach: Martin Gesslbauer). 1890 wurde dieses Lustspiel erstmals aufgeführt, in Berlin. Nun ist es in Wien angesiedelt; der Musik (Twist und Rock´n´ Roll) und anderer verräterischer Kleinigkeiten (z. B. bezahlt wird in Schilling, Kostüme aus der Zeit von Petra Teufelsbauer) nach zu schließen in den frühen 1960ern.
Was macht dieses kuriose Etablissement so unterhaltsam? Es sind normale Leute, die in dieser geschützten Zone ihre Eigenarten ausleben. Für die Neue Bühne Wien unter Macus Strahl hat Nici Neiss für ihre Inszenierung optimal passende Typen ins Ensemble geholt. Robert Kolar wird zur allseits lästigen Schriftstellerin Ida von Wellental-Halberswegen, die alles von den zukünftigen Helden ihres Romans erfahren will. Bei ihrer Recherche trifft sie auf den weit gereisten Ornithologen Professor Bernardi (Victor Kautsch) und dessen Begeisterung für angeblich ausgestorbene Vögel. Nicht ohne ist auch der frustrierte Major Rupf (Gerhard Karzel), den Wörter wie Pension, Ehefrau oder Rechtsanwalt in bedenkliche Rage bringen. Eine derartig kuriose Gästeschar muss den Bummelstudenten Alfred Klapproth (Wilhelm Prainsack) einfach auf eine blöde Idee bringen,
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