Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ciro Gael Miró (El Duende) © Fotowerk

MARÍA DE BUENOS AIRES Astor Piazzolla in den Schlossberg-Kasematten

María de Buenos Aires Szenenfoto © Fotowerk

Der Tango als mitreißender Erzähler eines Frauen-Lebens

María steht für die Frau schlechthin, für die Mutter Gottes ebenso wie für die kleine Hure in einer Straße von Buenos Aires, für Verehrung und Vergewaltigung, für Liebe und Angst und für Lebensfreude und Verzweiflung. Der in Uruguay geborene Horacio Ferrer hat für den von ihm von Jugend an verehrten Astor Piazzolla diese vielschichtige Frauengestalt in ein Libretto für eine Tango-Oper gefasst. Für den als Bandoneonspieler berühmt gewordenen Piazzolla war es eine Gelegenheit, alle die angesprochenen Emotionen in einem packenden musikalischen Bild der Stadt Buenos Aires auszudrücken. Der Komponist war zu dieser Zeit bereits bekannt als Reformer. Sein Tango Nuevo hatte sich von kleinen Tanzlokalen bereits zuvor gelöst gehabt und war zu Ehren der Konzertsäle aufgestiegen, ohne jedoch seine Erdigkeit, seine Unmittelbarkeit der spannungsgeladenen Begegnung von Mann und Frau zu verlieren, mit denen dieser streng rhythmische Tanz die untersten Bevölkerungsschichten mit den Reichen und Schönen Argentiniens als Ausdruck ihrer ureigensten Identität verbindet.

Christin Schmölzer (María jung), Martin Veszelovicz (Bandoneon), Ivan Oreščanin © Fotowerk

Man begegnet in „María de Buenos Aires“ allen den Gestalten, die ein solches Schicksal auf ihre Weise mitgestalten: Straßenmusikanten, Tänzer in einem Nachtlokal, dem Bettler und rüden Matrosen, genauso aber auch den frommen Frauen, die der Mater Dolorosa vor einem Kreuz mit den Schmerzensnägeln eine Statue stiften.

Anna Brull (María), Ivan Oreščanin (Ein Sänger) © Fotowerk

Von der Oper Graz wurde der Schauplatz in die Kasematten des Schlossbergs verlegt und damit eine gegebene Kulisse eindrucksvoll genützt. Im Zentrum steht ein riesiges Herz und blutrote Adern winden sich durch die niedrigen Arkaden des einstigen Festungsbaus. Sie machen auf den ersten Blick deutlich, worum es in dieser Tango-Oper geht. Liebe ist das Hauptthema, mit dem die Tagödie der vielen Marías der Stadt Buenos Aires, aufgelockert durch wenige glückliche Momente, an diesem Abend erzählt wird.

Für die geglückte Inszenierung zeichnet Rainer Vierlinger verantwortlich. Er nutzt geschickt den breiten Platz vor der Zuschauertribüne, um das Geschehen immer wieder mit mehreren Seitenszenen, ausgeführt vom Chor der Oper Graz, einem Bewegungschor oder einem Tanzpaar zu bereichern. María hat mit Anna Brull die ideale Tango-Stimme gefunden; so herrlich tief und sinnlich wie man sich diese Hauptfigur nur vorstellen kann. Ihr zur Seite steht ein Sänger (Ivan Oreščanin), der nur selten aus dem Spanischen ins Deutsche wechselt und dennoch durch Gestik und Mimik die Handlung schlüssig erklärt. El Duende ist der unglückliche Liebhaber von María.

Ihm verleiht der in Gran Canaria geborene Ciro Gael Miró die leidenschaftliche Gestalt des mit seinem Unglück hadernden Argentiniers. Die beiden Straßenmusikanten Martin Veszelovicz (Bandoneon) und Hanspeter Kapun (Gitarre) schaffen mit Virtuosität auf ihren Instrumenten glänzende Solopunkte in der Musik von Astor Piazzolla. Das Grazer Philharmonische Orchester unter der sicheren Leitung von Marcus Merkel wird zur klangfarbigen Tango-Kapelle, der sich sowohl Tänzer wie Sänger sichtlich genussvoll anvertrauen können.

Anna Brull (María) © Fotowerk

Il Viaggio a Reims Ensemble © Werner Kmetitsch

IL VIAGGIO A REIMS Rossinis Belcanto wird europäisch

Il Viaggo a Reims Solistenensemble © Werner Kmetitsch

Dramatische Arien in den Niederungen köstlichen Humors

Was mit soviel Eifer und Leidenschaft geplant wird, kommt letztlich nicht zustande. Eine illustre Gesellschaft ist auf dem Weg zu den Krönungsfeierlichkeiten von Karl X. in Reims. Man steigt im Hotel „Zur goldenen Lilie“ in Plombières-les-Bains ab, beseelt vom festen Vorsatz, dem neuen König der Franzosen zu huldigen. Dabei sind Russe, Polin, Italiener, Spanier, Deutscher, Griechin, Belgier, englischer Lord und selbst eine Französin. Betreut werden sie von Madama Cortese, der aus Tirol stammenden Eigentümerin des Hauses. Auch Gioachino Rossini, damals künstlerischer Leiter des Théâtre-Italien in Paris, sah in dieser Krönung einen Auftrag, um dazu eine Oper zu komponieren. Mit dem Libretto seines Bühnenleiters Giuseppe Luigi Balocchi entstand jedoch alles andere als ein Kniefall vor dem neuen Herrscher. Es wurde ein Dramma giocoso, das die Gesellschaft dieser Tage mit viel Ironie und hörbarem Spaß am Unernst des Geschehens porträtiert. Der König war jedoch alles andere als beleidigt, vielmehr scheint er diese Persiflage genossen zu haben.

Il Viaggio a Reims Solistenensemble © Werner Kmetitsch

Er soll Rossini ein Porzellanservice als Zeichen der Dankbarkeit geschenkt haben. Immerhin ist der mächtige Schlusschor mit jubelnden Hochrufen aller auf der Bühne vertretenen Solisten im Original ihm gewidmet. Auslöser der Freude ist ein Brief, der den Reisenden die Teilnahme am großen Fest in Paris verspricht. Rossini selbst, der damit einen Erfolg gelandet hatte, zog das Stück jedoch nach drei Aufführungen zurück. Musikhistoriker vermuten, dass er die unglaublich verschwenderische Fülle an Melodien für ein anderes Werk nützen wollte. Genauso dürfte es auch gewesen sein. Große Teile der Musik finden sich in der drei Jahre später entstandenen Oper Le comte Ory.

Il Viaggio a Reims Blumenchor © Werner Kmetitsch

Für die Produktion der Oper Graz wurde das bewährte Leading Team um Regisseur Bernd Mottl engagiert. Nicht nur dem König wird gehuldigt, sondern auch der Harmonie in Europa. In diesem Fall ist es Corinna, mit der sogar ein beeindruckend muskelbepackter Stier, als der Zeus einst die schöne phönizische Königstochter entführt hat, seinen großen Auftritt hat. Diese kleine, aber wesentliche Änderung ist so geschickt in die Handlung eingebaut, als hätte Rossini die EU (mit Russland) vorausgesehen.

Über allen den Eigenheiten der diversen Nationen und deren Fahnen schwebt die blaue Flagge mit den goldenen Sternen, die mit dem letzten Ton als Papierschnitzel ins Publikum geschossen werden. Bevor es aber so weit ist, haben alle Vertreter ihrer Länder ausreichend Gelegenheit, deren Eigenarten in schönstem Belcanto zu präsentieren. Die Kulisse ist unaufgeregt einfach, eben ein mondänes Hotel im Stil dieser Zeit, in dem Platz für einen Richterstuhl, eine Guillotine und einer Wagenremise ist (Bühne & Licht: Friedrich Eggert). Auch bei den Kostümen (Alfred Mayerhofer) wurde nicht unnötig experimentiert. Die Pagen und Stubenmädchen sehen aus wie Pagen und Stubenmädchen, die Chefin gibt sich in bescheidenem Grau und wenn´s sein muss, wird der Damenchor in einen herzigen Blumenstrauß verwandelt. Dirigentin ist Oksana Lyniv, musikalische Leiterin der Oper Graz, die mit sicherem Schlag Orchester, Bühnenmusiker, Sänger und Chor auch in mörderischen Tempi und abenteuerllichsten Konstellationen zusammenhält.

Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Anna Brull (Marchesa Melibea) © Werner Kmetitsch

Allein neun große Stimmen braucht man für die Gäste des Hotels „Zur goldenen Lilie“ und eine für die Hotelbetreiberin. Die Herausforderungen, die Rossini an die Sänger stellt, sind bekannt. Bei dieser Oper kommt noch das schauspielerische Element dazu, das in den ernsthaft klingenden Cantilenen über die Späße, die der Komponist in die Orchesterbegleitung eingebaut hat, erhaben sein muss. Elena Galitskaya „stirbt“ sehenswert als Contessa di Folleville, als sie hört, dass die Kutsche mit ihrem Gepäck verunglückt ist.

Kurz darauf erwacht sie wieder zum Leben und unter allgemeinen Gaudium gräbt sie im Takt Rossinis aus dem geretteten Koffer einen winzigen Hut in neuester Pariser Mode heraus. Don Profondo (Wilfried Zelinka) ist einer der wenigen, die von der Seuche des Verliebtseins verschont bleiben. Umso mehr hat es Conte di Libenskof (Miloš Bulajić) erwischt, mit dem die attraktive Marchesa Melibea (Anna Brull) anregende SM-Spielchen betreibt. Auch Lord Siney (Peter Kellner ganz in Rosa) ist von den Flammen der Liebe entzündet. Seine Angebetete ist Corinna. Tetiana Miyus lässt wirklich den Atem anhalten, wenn sie, in der Badewanne liegend, zu Harfenbegleitung (Christine Heger im goldenen Kleid) die Freude und die Liebe besingt. Cavaliere Belfiore (Pavel Petrov) betreibt sein Liebeswerben bei Corinna mit derart unwiderstehlichem Tenor, dass man sich wundert, als er gnadenlos abblitzt. Ivan Oreščanin ist der einhändige Don Alvaro, der im Grunde unschuldig zu einem Duell gefordert wird und den auch der wirklich komische Hinweis auf seine Behinderung nicht vor dem Schießen bewahrt. Es passiert zum Glück nix. Also kann Barone di Trombonok (Dariusz Perezak) als Moderator einer Euro-Show die vertretenen Nationen mit jeweils einem Lied präsentieren. Jetzt hat auch Madama Cortese eine Möglichkeit, ihre österreichische Herkunft im Dirndl zu zeigen. Rossini hat ihr extra einen Älpler geschaffen, dessen ländlerische Leichtigkeit Sonja Šarić nach virtuoser Stimmakrobatik in den Arien davor deutlich hörbar genießt.

Vom Stubenmädchen zur Flötistin auf der Bühne avanciert Heike Straub Kossegg, die dem turbulenten Geschehen glitzernde Punkte aufsetzt, bevor sie ihr Instrument bei einem im Augenblick bewusstlosen Gast als Stethoskop einsetzt. Kein Wunder, dass das Premierenpublikum begeistert war, ob der durchwegs gesanglich großen Leistungen, der exakten Begleitung und der vielen Gags, mit denen hochdramatische Arien in die Niederungen köstlichen Humors herabgeholt werden.

Tetiana Miyus (Corinna) © Werner Kmetitsch

Ragtime Ensmeble © Werner Kmetitsch

RAGTIME Zündender Unterricht in amerikanischer Geschichte

Ragtime Ensemble © Volker Beinhof

Musik der „zerrissenen Zeit“ für eine Zeit der Zerrissenheit

Das New York am Beginn des 20. Jahrhunderts ist am 13. Jänner 2018 endlich in Graz gelandet. 1996 war das Musical Ragtime in Toronto erstmals aufgeführt worden. Am Broadway wurde es von 1998 bis 2000 erfolgreich gespielt, erlebte 2003 in London seine Premiere und wurde erst nach einer kleinen Ewigkeit für ein derartiges fetzendes Stück Musiktheater 2015 im Staatstheater Braunschweig inszeniert. Nun hat sich die Oper Graz an „Ragtime“ herangewagt und mit der Österreichpremiere sich nicht nur als mutige, sondern auch als hochprofessionelle Musicalbühne bewiesen, vor allem aber mit dem Orchester des Hauses (Leitung: Robin Engelen) und einer internationalen Topbesetzung. Das auf den Roman „Ragtime“ von E. L. Doctorow basierende, mit einem Buch von Terrence McNally und der Musik von Stephen Flaherty gefertigte Musical ist keineswegs „preisgünstig“ an die Leute zu bringen. Es verlangt eine gewaltige Besetzung an Statisterie, Chor und vor allem exzellente Solisten, die drei grundverschiedene Gesellschaftsschichten abdecken müssen.

Dionnne Wudu, Alvin Le Bass © Werner Kmetitsch

Es gibt die Reichen, also einen Hersteller von Feuerwerkskörpern, dessen Frau, im Stück nur die Mutter, deren Sohn und den jüngeren Bruder, die in einem noblen Vorort von New York wohnen. Zu ihnen stößt durch eine Verzweiflungstat Sarah, eine Schwarze, die ihr Neugeborenes vor deren Haus ablegt, und in ihrem Gefolge der Vater des Kindes, Coalhouse Walker, ein Pianist. Ein richtiger Michael Kohlhaas wird er auch, wenn er bis zur Selbstvernichtung Gerechtigkeit fordert, nachdem seine Frau erschossen wurde und rüde rassistische Gesellen von der Feuerwache seinen ganzen Stolz, einen neues Auto, versenkt haben.

Randy Diamond © Werner Kmetitsch

Schwarz und Weiß prallen aufeinander, die Verachtung der Nigger gegen den Hass der Rechtlosen. Gleichzeitig erlebt Tateh, ein Jude aus Lettland, den Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten. Er hat sich nach dem Tod seiner Frau mit der Tochter auf den Weg nach Amerika gemacht. Nach harten Zeiten bringt er es als talentierter Hersteller von Scherenschnitten bis zum Produzenten in der eben entstehenden Filmindustrie. Dazwischen wird dieses New York von historischen Personen repräsentiert.

Harry Houdini, die um das Recht der Unterprivilegierten kämpfende Emma Goldmann, Henry Ford oder der in einem Eifersuchtsdrama ermordete Architekt Charles S. Whitman treten ebenso auf wie Booker T. Washington, ein farbiger Sozialreformer und Bürgerrechtler. Sie alle erzählen sowohl die tragische Geschichte von Coalhouse, als auch über das Amerika dieser Tage, dessen Musik der Ragtime war, in freier Übersetzung die „zerrissene Zeit“, die über alle Gesellschaftsschichten und Vorurteile hinweg wie eine Klammer über den tiefen zwischenmenschlichen Klüften gelegen ist, ohne diese jedoch schließen zu können.

Monika Staszak, Wolfgang Höltzel © Volker Beinhof

An dieser Zerrissenheit hat sich erschreckender Weise auch nach 100 Jahren wenig geändert. Das ist eine der unüberhörbaren Botschaften dieses Musicals, das von Philipp Kochheim nach Braunschweig und Kassel auch für Graz inszeniert wurde. Als Sarah konnte dafür die faszinierende schwarze Stimme Dionne Wudu gewonnen werden. Ihr gegenüber steht nicht weniger stimmgewaltig die Sopranistin Monika Staszak als Mutter ihres beachtlich reif agierenden Buben (Maximilian Hörmann).

Randy Diamond ist ein warmherziger Tateh, dem man auf der Stelle ein paar Daumenkinos abkaufen möchte, damit er mit seiner Tochter (Selina Bacher) in der Neuen Welt überlebt. Markus Schneider ist der jüngere Bruder vom Vater, der eine wundersame Wandlung in Bezug auf seine soziale Einstellung erlebt, während der ältere (Wolfgang Höltzel) bis zuletzt an seiner Abneigung gegenüber Schwarzen festhält. Erst als Coalhouse Walker von den von ihm als Ehrenmänner bezeichneten Ordnungskräften trotz erhobener Hände erschossen wird, erkennt er den Wahnsinn, den eine solche Trennung zwischen den Hautfarben hervorgerufen hat.

Alvin Le Bass lässt keinen Moment den geringsten Zweifel aufkommen, dass der von ihm verkörperte Coalhouse auf Seiten des Rechts steht. Er führt das Publikum durch das Geschehen, klimpert auf einem verstimmten Klavier virtuos einen Ragtime, singt mit der Überzeugung eines unterdrückten Schwarzen und hinterlässt im – übrigens begeisterten – Publikum das Gefühl, dass noch einiges zu tun ist, um die zerrissene Zeit mit zündenden Rhythmen und ins Ohr gehenden Balladen endgültig zusammen nähen zu können.

Ragtime Ensemble @ Werner Kmetitsch

Ballett und Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

EINE NACHT IN VENEDIG als launige Serenade

Sieglinde Feldhofer, Lothar Odinius, Elena Puszta © © Werner Kmetitsch

Und der Himmel hängt voller Gondeln

Diese drei Frauen bestimmen das Geschehen und machen sich mit den Männern ihren speziellen Karnevalsspaß. Da helfen weder Eifersuchtsszenen säumiger Bräutigame, volle Hosen der Ehemänner noch die routinierte Zudringlichkeit eines Herzogs. Es macht den Reiz dieser Operette von Johann Strauß Sohn aus, dass diese bewusste „Eine Nacht in Venedig“ zwar für keinen der Herren so verläuft, wie er es sich vorgestellt hat, dass sie am Ende dennoch alle zufrieden sind. Diese allgemeine Glückseligkeit überträgt sich unmittelbar auch auf das Publikum und bringt es zum Träumen. Wer möchte nicht einmal in seinem Leben in einem der Palazzi Karneval feiern, losgelöst von der Moral des Alltags, versteckt hinter einer Maske sich Liebesschwüren eines galanten Kavaliers hingeben oder solche in das Ohr einer unbekannten Schönen flüstern. Wenn diese Herrschaften dann noch so großartig singen können, wie die Solisten der Oper Graz, dann steht einem exquisiten Faschingsvergnügen nichts mehr im Wege. Also auf nach Venedig am Kaiser Josef-Platz 10!

Ivan Oreščanin (Pappacoda), Alexander Geller (Caramello) © Werner Kmetitsch

Man darf sich in diese launige Serenade einfach hineinfallen lassen ohne dabei in einen der Kanäle zu plumpsen. Man ist hingerissen von den traumhaften Melodien unseres Walzerkönigs und bestens unterhalten von den humorigen Texten, mit denen Richard Genée und F. Zell diese von Witz und Leichtlebigkeit sprühende Handlung in ein musikalisch ansprechendes Libretto verpackt haben.

Alexander Geller (Caramello), Sieglinde Feldhofer (Ciboletta) © Werner Kmetitsch

Peter Langdal war in seiner Inszenierung die unverbindliche Heiterkeit dieser Operette offenbar ein Anliegen, das er konsequent umgesetzt hat. Dass es alles andere als bierernst zugeht, macht schon der Musiker klar, der mit seiner Violine als eine Art Pausenclown das Publikum auffordert, die Handys abzudrehen und vor dem zweiten Teil unbeholfen mit einer zerlegten Posaune erscheint, die aber auch im Ganzen an seinen Lippen nichts als einen gräuslichen Furz von sich gibt.

Der bestens einstudierte Chor wird zu einer diebischen Bande, die hemmungslos Kerzenleuchter und sonstige Wertgegenstände aus dem Palazzo fortschleppt. Stets präsent ist das quirlige Ballett, das alle die Rollen übernimmt, die man sich bei einem solchen venezianischen Fest erwartet.

Ivan Oreščanin (Pappacoda), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Während der vom Orchester unter der Leitung von Marius Burkert ernsthaft gespielten Ouvertüre wird ein morgendlich ramponierter Herzog Guido von Urbino (Lothar Odinius) aus dem Bett geholt und gestylt, um später als eleganter Karl Lagerfeld die Frau des Senators Bartolomeo Delaqua (Götz Zemann) abschleppen zu können. Barbara (Elisabeth Pratscher) ist ausnehmend attraktiv, aber auch schlau, und sie weiß, wie sie es anstellen muss, um sich mit ihrem Neffen Enrico Piselli (Benjamin Rufin) vergnügen zu können.

Ihr Gatte, den Herzog kennend, will sie nämlich für die kritische Zeit sicherheitshalber in ein Kloster abschieben. Statt ihrer wird aber ihre Ammenschwester, das Fischermädchen Annina (Elena Puszta) in eine Gondel gesetzt, die wiederum von Caramello (Alexander Geller), dem Barbier des Herzogs, in dessen Auftrag entführt wird. Da es auch dieser jungen Dame nicht an Charme und gutem Aussehen mangelt, ließe sich der Tausch ganz einfach durchführen. Wäre da nicht ein stets nicht eingelöstes Heiratsversprechen seitens von Caramello, der nunmehr zuschauen muss, wie sich sein Herr ungeniert an seine Braut heranmacht.

Senator Delaqua spitzt auf den Posten des Verwalters beim Herzog und will ihm Cibolletta (Sieglinde Feldhofer), die Zofe seiner Frau, als Barbara unterjubeln. Irgendwann fällt auch dem mittlerweile sexuell auf Hochtouren laufenden Herzog zwangsläufig auf, dass eine Barbara ein Fake sein muss. Aber was soll´s, der Kompromiss, beide zu nehmen, ist schnell geschlossen. Ciboletta gefallen die Avancen des mächtigen und reichen Mannes. Sie ist gar nicht abgeneigt, ihrem säumigen Bräutigam Pappacoda (Ivan Oreščanin), einem Spaghettikoch, untreu zu werden. Zuletzt, und da hängt in diesem vom Bühnenbildner Ashley Martin-Davis geschaffenen Venedig tatsächlich der Himmel voller Gondeln, erscheint die wahre Barbara, mit ihrem Liebhaber an der Hand. Der Herzog sieht ein, dass er bei dieser Frau, für die er das alles veranstaltet hat, keine Chance hat. Kurzerhand macht er Pappacoda zum Leibkoch und Caramello zum Verwalter. Immerhin hat er nun deren lebenslustige Gattinnen für eventuelle amouröse Abenteuer bequem bei sich im Haus.

Eine Nacht in Venedig Ensemble © Werner Kmetitsch

Nora Sourouzian (Azucena), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

IL TROVATORE als Varieté aus dem Berlin von 1930

Nora Sourouzian (Azucena), Stefano Secco (Manrico), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Eine düstere Rumpelkammer voll Hass, Eifersucht und Mord

Es handelt sich tatsächlich um eine äußerst unselige Verkettung fataler Umstände. Eine alte Frau wird am Bettchen des Kindes eines Grafen betreten. Nachdem dieses in Folge ihres Besuches kränkelt, wird die Alte umgehend verdächtigt, mit ihren Hexenkünsten Unheil über das Kind gebracht zu haben. Sie wird deswegen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Deren Tochter hat das gräfliche Kind an sich genommen und will es in die Flammen werfen. In einem Anfall von Wahnsinn tötet sie aber den eigenen Sohn und zieht, im Hinterkopf voller Rachegelüste, den fremden Buben als eigens Kind auf. Antonio García Gutiérrez, dem Dichter des Schauspiels „El trovador“, war diese Tragödie noch lange nicht genug grausames Schicksal. Der herangewachsene junge Mann verliebt sich in dieselbe Frau wie sein Bruder, der natürlich keine Ahnung hat, dass sein Rivale, der Troubadour, mit ihm verschwistert ist. Es kommt zur blutigen Auseinandersetzung, die letztendlich zum Tod des Liebespaares führt. Triumphierend verkündet die Ziehmutter, dass der Tote der Bruder des jungen Grafen ist.

Lana Kos (Leonora) © Werner Kmetitsch

Ihre raffiniert eingefädelte Rache ist gelungen. So unwahrscheinlich das Ganze klingt, so wahr dürfte es sein. Die Handlung, die Giuseppe Verdi in seiner Oper „Il Trovatore“ vertont hat, lässt sich zeitlich relativ exakt in die Jahre 1412 und 1413 mit den Kämpfen um die vakant gewordene Krone von Aragón einordnen. Sogar die Schauplätze will man gefunden haben. Bei der Feste Castellor dürfte es sich um die Burg von Castellar westlich von Saragossa handeln. In der Burg von Aljaferia zeigt man heute noch die „Torre del Trovador“, wo der junge Mann gefangen gehalten wurde.

Stefano Secco (Manrico), Lana Kos (Leonora), Ensemble der Oper Graz © Werner Kmetitsch

In der Oper Graz hat man den Troubadour in das Berlin um 1930 verlegt. Regisseur Ben Baur ist überzeugt, dass damals der Tanz auf dem Vulkan „Freigeister, Militärs, Verführer und Verführte“ in den Varietés und Tanzpalästen der Stadt versammelte. Die Parallele sieht er „im Schimmer dieser undurchsichtigen Zeit“, in der sich die Figuren verweben. Er treibt diesen Vergleich so weit, dass sogar ein Nummerngirl wie im Stummfilm in aufreizender Aufmachung ein Textschild über die Bühne trägt.

Leicht bekleidete Mädchen tanzen lasziv mit feuer-flammenden Federfächern und aus dem Zigeunerchor wird die belustige Gästeschar eines nächtlichen Etablissements. Die Bühne ist eine düstere, zeitweise recht voll geräumte Rumpelkammer, in der Hass, Eifersucht und Mord fröhliche Urständ feiern. Wem diese Interpretation zu weit hergeholt erscheint, darf sich guten Mutes in die herrliche Klangwelt dieser Oper fallen lassen und einfach Verdi genießen. Die Inszenierung ist trotz aller der oben genannten Einwände ungemein dicht und emotional mitreißend.

 

Eine Wonne für die Ohren bietet das Ensemble der Oper Graz. Ferrando (Wilfried Zelinka) wird mit weiß geschminktem Gesicht und fast nacktem Oberkörper (Kostüme: Uta Meenen) zu einem geheimnisvollen Jolly Joker, der mit wohltuendem Bass den Soldaten die Geschichte von der Hexe erzählt und immer dann beruhigend eingreift, wenn das Geschehen zu turbulent zu werden droht. Rodion Pogossov singt mit imponierendem Bariton den Grafen Luna.

Er kann von Eifersucht zerrissen richtig böse sein und doch mit seinem Gewissen hadern, also auch großartig spielen. Die Zigeunerin Acucena ist Nora Sourouzian, deren Mezzosopran nicht nur in der Tiefe, sondern auch in dramatischer Höhe ein Erlebnis ist. Lana Kos als Leonora verdient sich zu Recht jeden Sonderapplaus nach virtuos halsbrecherischen Ausflügen zu Spitzentönen, an denen Verdi in ihrer Rolle nicht gespart hat. Manrico Stefano Secco erinnert speziell in der Arie „Di quella pira l’orrendo foco“ (Das Feuer des Scheiterhaufens brennt auch in mir) an große Verdi-Tenöre, die noch so tragische Inhalte mit Schmelz und frischem Schwung interpretieren können. Sie alle werden vom Grazer Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Andrea Sanguineti mit vollen Klängen und feinen Tempi behutsam getragen. Zuletzt eine kleine Bemerkung zur Besetzung: In dieser Oper hat man die seltene Gelegenheit, einen Cimbasso zu hören, eine Bass-Ventilposaune, die von Verdi anstelle der Tuba eingesetzt wurde, da sie sich aufgrund ihrer zylindrischen Mensur klanglich besser mit den Posaunen mischt.

Stefano Secco (Manrico), Nora Sourouzian (Azucena) © Werner Kmetitsch
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