Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

POLNISCHE HOCHZEIT Missing Link zwischen Revue, Musical und Operette

Szabolcs Brickner (Graf Boleslav Zagorsky), Katharina Melnikova (Jadja) © Werner Kmetitsch

Eine „Polonaise“, die aufhorchen lässt

Die Handlung ist ungemein turbulent. Ein verbannter junger Graf kehrt unerkannt nach Hause zurück, um dort sein Erbteil anzutreten und seine große Liebe zu heiraten. Diesem Vorhaben steht allerdings sein Onkel im Weg, der seinerseits die junge Frau zu ehelichen gedenkt und nicht die geringste Bereitschaft zeigt, seinem Neffen das ihm zustehende Vermögen auszuzahlen. Wäre da nicht die kratzbürstige Verwalterin am herabgekommenen Hof des Brautvaters, ginge der perfide Plan des Alten glatt durch, denn der Junge muss sich hüten, nicht wieder eingesperrt zu werden. Es wird gesoffen, was das Zeug hält, wie es wohl auf einer zünftigen „Polnischen Hochzeit“ seit jeher zugegangen ist, bis sich herausstellt, dass Onkel nicht die sanfte, wenn auch darob unglückliche junge Frau, sondern die gewitzte Verwalterin geheiratet hat. Nachdem ihm diese den Honeymoon zur Hölle macht, gibt er sie frei und zeigt sich am Ende erstaunlich geläutert, was darin gipfelt, dass er nach nunmehr sechs Scheidungen auf die Frauen für den Rest seines Lebens freiwillig Verzicht zu leisten gedenkt.

Mareike Jankowski (Suza), Markus Butter (Graf Staschek Zagorsky) © Werner Kmetitsch

Happy End mit besinnlichen Tönen. Aber bis es soweit ist, geht wahrlich die Post ab. Es wird geküsst und getanzt, dass es eine Freude ist, und dabei großartig gesungen und vor allem Schmäh geführt, dass man herzlich lachen kann, wenn zum Beispiel der Junior des verarmten Barons beim Vorhaben, den heiratswütigen Grafen unter den Tisch zu trinken, selbst in die Knie geht, aber in seinem Rausch noch die Fähigkeit aufbringt, sich mutig mit der reschen Verwalterin zu verloben.

Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

Chapeau! vor der Oper Graz, die dieses voll Humor und wunderbaren Melodien steckende Stück Musiktheater dem Vergessen entrissen hat. Joseph Beer war bis zum Einmarsch der Nazis, vor denen er nach Frankreich flüchten musste, ein erfolgreicher Wiener Komponist. Seine „Polnische Hochzeit“ schlug mit der Uraufführung 1937 in Zürich mit Richard Tauber in der Hauptrolle wie eine Bombe ein. Das Libretto von Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald wurde in acht Sprachen übersetzt.

Man wollte sich europaweit an dieser mitreißenden polnischen Folklore delektieren. Im Exil wurde es um Beer still, auch um seine Werke, von denen bis zu seinem Tod 1987 noch etliche folgten, aber in keiner Weise an den Erfolg der „Polnischen Hochzeit“ anschließen konnten. Was das Publikum damals begeistert hat, war wohl die Mischung aus Revue, Operette und bereits ein Vorausfühlen in das Musical, wie man sie auch von Emmerich Kálmán und Paul Abraham bis heute schätzt. Die Musik pendelt zwischen der Fülle plüschiger Orchesterarrangements und rasanten Jazz-Elementen, das sich auch im Instrumentarium ausdrückt, das satte Streicherteppiche ebenso vorsieht wie Big Band-Sound mit Saxophon, Blech und zündenden Rhythmen.

Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

Sebastian Ritschel führt Regie und wird darin dem Wesen dieses Missing Link des Musiktheaters konsequent gerecht. Man hat den Eindruck, dass nichts wirklich ernst genommen und dennoch mit aller Ernsthaftigkeit ausgeführt wird. So sind die Bauern (Ballett und Chor der Oper Graz) auf dem Hof von Baron Oginsky (Josef Forstner) wandelnde Playmobil-Figuren (Kostüme: Andy Besuch), das von ihnen geerntete Gemüse ist überdimensional und das Anwesen selbst ein großer Früchtekorb.

Als solcher lässt er sich im Handumdrehen von der Tenne über den Festsaal bis zum Traualtar ummodeln (Bühne: Martin Miotk). Auf und vor diesem bukolischen Gebinde spielen sich die kleinen und großen Tragödien und Komödien ab, die am Ende zur glücklichen Paarung von Casimir (Ivan Oreščanin) und der Wildkatze Suza (Mareike Jankowski attraktiv als Peitsche schwingende Domina) führen, aber auch zur Bekehrung des dem Trunke ergebenen Staschek (Markus Butter).

Freilich findet auch das Traumpaar Boleslav (ein Operettentenor wie aus dem Bilderbuch: Szabolcs Brickner) und die reizende Jadja (mit zartem Sopran leidet und liebt Katharina Melnikova) zueinander. Sie alle schaffen erfreulich neue Hörerlebnisse mit „Lange war die Wanderschaft“, „Polenland, mein Heimatland“, „Das ist der Walzer der Liebe“ oder dem Hit verdächtigen „Katzenaugen“, die sie über stellenweise etwas zu mächtige Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Marius Burkert schmettern.

Polnische Hochzeit Solisten-Ensemble © Werner Kmetitsch

Salome Ensemble © Werner Kemtitsch

SALOME Eine biblische Geschichte aus Frauensicht

Johanni van Oostrum (Salome), Statisterie © Werner Kmetitsch

Der tödliche Orgasmus einer zurückgewiesenen Prinzessin

Der Evangelist Matthäus beschreibt in Kapitel 14 den Tod des Täufers Johannes. Der Vierfürst Herodes, Herodias, die Frau von dessen Bruder Philippus, die nun mit Herodes zusammenlebt, und die Tochter von Herodias, in der Bibel ohne Namen, kommen darin gar nicht gut weg. Der König hat Angst vor dem Propheten, weil diesen das Volk schätzt, aber er will dennoch die Kritik an seinem Lebenswandel nicht so im Raum stehen lassen und lässt Johannes in eine Zisterne werfen. Derlei Umgang mit Kritikern kommt einem bekannt vor. Als die Tochter seine Buhlin anlässlich des Gurtstages für Herodes tanzt, verspricht ihr dieser, ihr jeden Gefallen zu erweisen. Dass sie auf Anraten von Herodias, die vom Dasein dieses Predigers mehr als irritiert ist, ausgerechnet das Haupt des Johannes auf einer Silberschüssel begehrt, bereitet ihrem Stiefvater zwar arge Skrupel, aber er willigt schließlich ein und serviert der jungen Dame das Gewünschte. Die Geschichte hat natürlich Biss, was Oscar Wilde zu einem Drama inspiriert hat. Die Tochter von Herodias und Titelheldin war zu dieser Zeit bereits als Salome bekannt.

Johanni van Oostrum (Salome) © Werner Kmetitsch

Deren Seelenleben hat Oscar Wilde schonungslos seziert. Richard Strauss wiederum war von diesem Stoff dermaßen angetan, dass er eine Oper daraus gemacht hat. Mit seiner Musik untermalt er das auf psychologischen Annahmen Wildes beruhende Verhalten von Salome und macht damit den Orgasmus der in ihrem Stolz und ihrer Zudringlichkeit verletzten jungen Frau in der unvergleichlichen Farbenpracht seiner Orchestrierung bis zur persönlichen Betroffenheit der Zuhörer spürbar. Aus Johannes wird Jochanaan, der vom ersten Moment an klar macht, dass er den Verführungskünsten dieser Frau nicht erliegen wird, auch wenn es seinen Tod bedeutet.

Salome Ensemble © Werner Kmetitsch

Für die Produktion in der Oper Graz haben sich Frauen der Umsetzung dieser Strauss-Oper angenommen. Regisseurin Florentine Klepper hat aus der dämonischen Verführerin ein verwöhntes Girly gemacht, dem bisher jeder Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Dass sie an Jochanaan scheitern wird, will sie einfach nicht wahr haben. Warum führt man den armen Kerl, der nichts anders macht, als Moral predigen, in Handschellen vor, noch dazu von einer Seite, auf der er sich gar nicht befunden hat.

Salome gruselt links vorne in seine Zisterne hinein und er wird von rechts oben herabgeschleift und unmotiviert grob herumgestoßen. Richard Strauss hat für Salome einen Schleiertanz komponiert, der üblicherweise nicht nur Herodes, sondern auch das (nicht nur männliche) Publikum entzückt. In dieser Inszenierung muss man auf dieses erotisch prickelnde Detail verzichten. Mit nicht nachvollziehbaren Projektionen auf Gazevorhängen wird diese Szene schamvoll überbrückt, als ob man vor voyeuristischen Opernbesuchern Angst hätte. Es gibt auch kein abgeschlagenes Haupt, sondern nur den ganzen, allerdings übel zugerichteten Jochanaan, auf den sich am Schluss Salome stürzt und unter eine Decke legt, nachdem sie angekündigt hat, seinen Mund zu küssen.

Pavel Petrov, Johanni van Oostrum, Thomas Gazheli © Werner Kmetitsch

Das Orchester, also die Grazer Philharmoniker, führt Oksana Lyniv souverän. Sie hat keine Scheu vor mächtigen, teils schrägen Klängen, die vor allem im tiefen Blech, mit dem Strauss nicht sparsam umgeht, wunderbar ausgeglichen sind. Die Besetzung ist beachtlich, es gibt 15 Solisten. Herodes (Manuel von Senden) und der selbstmörderische Hauptmann Narraboth (Pavel Petrov) sind zwei strahlend schlanke Tenöre, denen Iris Vermillion als gewissenlose, aber attraktive Herodias gegenübersteht.

Wenn Jochanaan (Thomas Gazheli) hinter der Szene zu predigen anhebt, dann ist man gewiss, dass man eine solche Stimme auch mit dem tiefsten Erdloch nicht zum Verstummen bringen kann. Das ist dramatische Urgewalt, die sich ins Lyrische wandelt, wenn er Salome auffordert, den zu suchen, der sie retten kann: „Er sitzt in einem Nachen auf dem See von Galiläa und redet zu seinen Jüngern.“

Strauss hat mit dieser Stelle eine kurze, aber auch eine der schönsten Kantilenen der Operngeschichte geschaffen. Salome will aber nichts davon hören und lässt jede Schmähung seitens Jochanaans an sich abprallen. Johanni van Oostrum ist ein großer Sopran, der die Herausforderungen dieser Rolle auch wunderbar spielend meistert und die Intention eines Oscar Wilde genauso wie die gewaltigen Vorgaben des für seine Zeit absolut fortschrittlichen Komponisten bewegend und mitreißend umsetzt.

Johanni van Oostrum (Salome) © Werner Kmetitsch

Pagliacci Szenenfoto © Werner Kmetisch

CAVALLERIA RUSTICANA & PAGLIACCI Totentanz der Clowns

Pagliacci Szenenfoto © Werner Kmetisch

Viele neue und gute Ideen für zwei oft gespielte Opern

Zwei traumhafte Melodien in zwei verschiedenen Opern an einem Abend; dabei kann es sich nur um Cavalleria rusticana und Pagliacci, besser bekannt als Bajazzo, handeln. Der eine E-musikalische Ohrwurm ist das sogenannte Intermezzo sinfonico, mit dem das Publikum während eines Umbaus in friedliche Osterstimmung versetzt werden soll, der andere die Arie „Ridi, pagliacco“, die in wenigen Takten dem Sänger des Canio eine unglaubliche Fülle an Emotionen ermöglicht. Die Komponisten Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo, der auch das Libretto verfasste, haben sich jeweils auf etwas mehr als eine Stunde beschränkt, um einen durchschlagenden Erfolg zu landen. Damit ein Opernabend auch gefüllt wird und sich der Kauf üblicherweise teurer Karten auszahlt, führt man die 1890 und 1892 entstandenen Werke zusammen auf und entführt damit das Publikum gut drei Stunden lang in das „wahre“ Italien am Ende des 19. Jahrhunderts. Die damals in der italienischen Oper aufgekommene Richtung des Verismo bestimmt die Handlung und den im Grunde sehr ähnlichen Inhalt der Stücke.

Cavalleria rusticana Szenenfoto © Werner Kmetisch

Was in beiden Fällen als Eifersuchtsmord blutig endet, wird in der Cavalleria von einer vom späteren Opfer zurückgestoßenen jungen Frau, in Bajacco von einem verschmähten Verehrer der Ehefrau des nachmaligen Täters ausgelöst. Es gibt also weder da noch dort ein Happy End und dennoch garantiert die Kombination dieser beiden Opern regen Zuspruch und volle Häuser.

Ezgi Kutlu (Santuzza), Aldo Di Toro (Turiddu) © Werner Kmetisch

In der Oper Graz wurde die schwierigste Aufgabe, nämlich die Inszenierung, an den Italiener Lorenzo Fioroni übertragen. Er kommt aus dem Konzertbetrieb. Fioroni ist auch virtuoser Cellist. Das ist wohl auch der Grund, dass er Musik und Regie harmonisch vereinigen und aus eigentlich abgespielten Stücken noch gewaltig viel Neues herausholen kann, ohne in abgehobenes Regietheater abzugleiten; was er in der Paarung „Cavalleria rusticana & Pagliacci“ eindrucksvoll bewiesen hat.

Ideen abseits des musikalischen Geschehens können durchaus zu einer Vertiefung der Kompositionen beitragen. Pagliacci wird zu einem Totentanz der Clowns. Fioroni lässt seinen Canio in armseligen Klamotten mittels eines Videos in ein Kino gehen, wo als Film das verhängnisvolle Stück läuft, in dem er später seine untreue Nedda erstechen wird. Schauplatz dieser Bluttat ist eine Küche im Stil der 1960er-Jahre. Das kommentierende Publikum stellt der Chor im Zuschauerraum der Oper Graz. Ein besonders reizvoller Gag ist ihm zur Zwischenmusik in der Cavalleria eingefallen. Eine Hand voll Bühnenmusikern spielt diese recht unernst – der omnipräsente Clown Geronimo (Jörn Heypke) darf auf der Trompete sogar kräftig kieksen und Choristen erzählen während dessen am Mikrofon ganz banale Sachen –, bevor die junge Dirigentin Oksana Lyniv mit den Grazer Philharmonikern eine warme Dusche aus schönem Klang über die Zuhörer rieseln lässt, dass einem die Gänsehaut über den Rücken läuft.

 

Die Solisten sind durchwegs stimmsicher und gegen Orchester und Chor absolut durchsetzungsfähig. Berührend sind die Auftritte von Cheryl Studer, die als Mamma Lucia ihre wenigen Einsätze auffallend dramatisch gestaltet. Ezgi Kutlu ist eine Santuzza, die sehens- und hörenswert leidet, dass der Mann, der ihr die Ehre genommen hat, nichts mehr von ihr wissen will. Aber was soll das Bauernmädchen gegen eine Lola (Mareike Jankowski) ausrichten, wenn der Windbeutel von Turiddu trotz deren Heirat mit Alfio (Audin Iversen) in sie verliebt ist. Aldo Di Toro, ein strahlender Tenor, wurde für diese Rolle jedoch vom Kostüm (Annette Braun) in die Kluft eines Fabrikarbeiters gesteckt, was schwer verständlich macht, warum sich zwei Frauen dieser Klasse um ihn bemühen.

In Paggliacci ist Aldo Di Toro der eifersüchtige Canio, der nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch zur Hochform aufläuft. Silvio (Neven Crnić) und Audun Iversen als der hintertriebene Tonio haben neben einem solchen Schwergewicht kein leichtes Spiel, zumal Canio von ihnen zwar in vielerlei Beziehungen hintergangen wird, aber dennoch Gatte von Nedda und Chef dieser Comedia dell´Arte-Truppe ist, dem es einzig und allein obliegt festzustellen: „La commedia è finito.“

Pagliacci Szenenfoto © Wernere Kmetisch
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