Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Mareike Jankowski (Tebaldo), Chor der Oper Graz, Oksana Volkova (Eboli) © Werner Kmetitsch

DON CARLO Flanderns verhinderter Wohltäter

Mykhailo Malafii, Timo Riihonen, Aurelia Florian, Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Opulente Stimmen, delikater Orchestersound, kalorienreduzierte Inszenierung

Es war ein böser Kuhhandel, den König Philipp II. mit Caterina de' Medici einging. Die wenigste Rücksicht wurde auf die Kinder der beiden genommen. Leidtragend auf der einen Seite war das 14jährige Mädchen Elisabeth, die von ihrer Mutter kaltherzig an den in die Jahre gekommenen Regenten verschachert wurde, rein aus dem politischen Interesse heraus, mit Spanien endlich ein friedlicheres Verhältnis als bisher zu schaffen. Auf der anderen Seite war es Infant Don Carlos, dem Elisabeth ursprünglich als Frau versprochen worden war. Wie sehr sich die beiden jungen Leute tatsächlich geliebt haben, darüber berichten die historischen Quellen wenig bis gar nichts. Allein aber die Vorstellung, wie groß das Leid gewesen sein könnte, ließ den Mythos um Don Carlos entstehen. Friedrich Schiller packte den Stoff in ein voll Herz und Schmerz triefendes dramatisches Gedicht, das wiederum Giuseppe Verdi zur Grand Opéra „Don Carlos“ inspirierte. 1884 wurde eine zweite, gekürzte Fassung in italienischer Sprache aufgeführt, die als „Don Carlo“ seither das Opernpublikum begeistert.

Mykhailo Malafii (Don Carlo) © Werner Kmetitsch

Neben der Liebesgeschichte haben darin die Probleme der Herrschaft Spaniens in Flandern eine wichtige Stellung inne, was wiederum auf die Härte des spanischen Königs in Religionsfragen anspielt. Er setzte rücksichtslos die Gegenreformation durch und erregte damit in den protestantischen Niederlanden Widerstand, der brutal niedergeschlagen wurde. Angeregt von Rodrigo, Marquis von Posa, sollte der Thronfolger den Aufständischen die Freiheit in Glaubensfragen lassen. Derlei liberales Denken rief freilich den Großinquisitor auf den Plan, der diese Bemühungen im Keim erstickte. Die Opfer sind, so erzählt uns das Libretto, Rodrigo, der durch einen Schuss aus dem Hinterhalt niedergestreckt wird, und Don Carlo, der sich je nach Interpretation umbringt oder in ein Kloster zurückzieht.

Mykhailo Malafii (Don Carlo) und Neven Crnić (Marquis von Posa) © Werner Kmetitsch

In Graz setzte Regisseurin Jetske Mijnssen auf das Ableben des Helden. Sie hat das Libretto gestrafft, was trotzdem noch mehr als drei Stunden Aufführungsdauer übrig lässt. Die Bühne (Gideon Davey) ist vor allem praktisch. Durch Verschieben von Wänden und Bildern im Hintergrund lassen sich leicht die einzelnen Schauplätze anschaulich machen. Die Botschafter Flanderns werden als blutig geschundene Kreaturen auf einem makaberen Laufband liegend über die Szene gezogen.

Damit wird ein besonders schauerlicher Effekt erzielt, bei dem es einzig und allein darum geht, König Philipp als besonders grausam hinzustellen. Timo Riihonen kommt diesem Auftrag beeindruckend nach. Sein Bass ist gerade so mächtig wie seine Statur. Der echte Philipp wäre stolz auf eine so imponierende Erscheinung gewesen. Wenn Riihonen mit dem Großinquisitor Dmitrii Lebamba in den tiefsten Tönen über den dunklen Klängen der tiefen Streicher zu streiten beginnt, dann weiß man, was mit des Basses Grundgewalt gemeint ist. Der König, der in Gegenwart der ihm sexuell zu Diensten stehenden Prinzessin Eboli (ein strahlender Sopran und ausnehmend hübsch: Oksana Volkova) über die mangelnde Zuneigung seiner Gattin und die Sterblichkeit jammert, hat er sich den spontanen Szenenapplaus wahrlich verdient.

 

Das Trio mit den guten Herzen besteht aus Don Carlo (Mykhailo Malafii), Rodrigo, Marquis von Posa (Neven Crnić) und Elisabeth von Valois (Aurelia Florian). Die junge Dame gibt ihrer Verzweiflung eine wunderschöne, warme Stimme, wenn sie dem feschen Don Carlo, der nun ihr Sohn ist, entsagen muss. Für ihn und seinen Kumpel in Sachen Freiheit hat Verdi die wohl schönste Hymne auf eine Männerfreundschaft komponiert: Dio che nell'alma infondere Amor..

Tenor und Bariton in enger Zweistimmigkeit zu einer Melodie, an der man sich nicht satt hören kann, das lässt Tränen in die Augen steigen, vor allem ganz am Schluss, wenn Rodrigo stirbt und dazu in den Holzbläsern diese zu Gemüt gehende Weise wieder ertönt. Dafür zuständig sind die Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Oksana Lyniv, die nicht nur subtil die Sänger begleiten, sondern wie beispielsweise das Cello in der Einleitungsmusik nach der Pause ganz groß solistisch aufspielen.

Timo Riihonen (Philipp II.) und Oksana Volkova (Prinzessin Eboli) © Werner Kmetitsch

Ana Durlovski (Lucia), Albert Memeti (Lord Arturo Bucklaw), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

LUCIA DI LAMMERMOOR Große Stimmen im Anatomischen Theater

Ana Durlovski (Lucia), Pavel Petrov (Edgardo di Ravenswood) © Werner Kmetitsch

Wenn die Inszenierung eine neue Opernhandlung schreibt...

Die Wahnsinnsarie, auf was sonst wartet man zwei Drittel dieser Oper von Gaetano Donizetti!? Derart eingeschränkt könnte man aber zu leicht vieles andere überhören, was sich in dieser Musik voller wunderbarer Klänge an Schönheit verbirgt. Es kann auf der Bühne noch so düster und traurig zugehen, die Melodien und die Instrumentierung des Orchesters können ihre italienische Heiterkeit und Leichtigkeit nicht verleugnen. Besonders dann, wenn Andrea Sanguineti am Pult der Grazer Philharmoniker steht und den Belcanto eines Donizetti offenbar schon mit der Muttermilch eingesogen hat. So nützt Rodion Pogossov gleich zu Beginn die herrliche Gelegenheit, dem Widerpart Edgardo mit wohlklingendem Bariton die Pest an den Hals zu wünschen. Sein Cruda, funesta smania (Grausame, finstere Raserei) ist einer der ersten Höhepunkte dieser Oper und das verheißt nichts Gutes. Zumal seine Schwester Lucia ausgerechnet in diesen verhassten Kerl verliebt ist, was er mit allen Mitteln, ohne vor Lügen und gefakten Briefen zurückzuschrecken, zu hintertreiben versucht.

Ana Durlovski (Lucia) © Werner Kmetitsch

Wenn dann Edgardo persönlich erscheint, weiß man, warum die Tochter aus gegnerischem Hause leider nicht unsterblich, sondern am Ende sehr letal diesem Mann verfallen ist. Pavel Petrov ist ein Tenor, der keine Wünsche offen lässt. Er hat eine sichere Höhe, Schmelz und Kraft und sieht dabei noch gut aus, was in dieser Rolle alles andere als ein Fehler ist. Es müssen natürlich die Gräber der Ahnen sein, auf die er und Lucia sich mit dem Duett Sulla tomba che rinserra ewige Liebe schwören.

Alexey Birkus (Raimondo Bidebent), Ana Durlovski (Lucia) © Werner Kmetitsch

Freilich würde man sich eine schottische Umgebung wünschen, in der Eifersucht und Wahnsinn ihre prächtigsten Blüten treiben. Wenn man dazu noch weiß, warum die Ashtons (Protestanten) und die Ravenswoods (Katholiken) bittere Abneigung gegeneinander pflegen, stünde einem aufschlussreichen Opernabend nichts mehr im Wege. Regisseurin Verena Stoiber hat aber auf eine Verlegung des Schauplatzes in ein Anatomisches Theater, ein „operation theatre“, gesetzt.

Vorne wird mit Skalpellen operiert und gemordet, an der Rückseite des Podiums werden bei Zigarettenrauch Intrigen gesponnen und konspirative Treffen absolviert. Die Sitzreihen des Hörsaals sind praktisch, weil darauf Chor und Extrachor der Oper Graz bequem Platz finden und bestens einstudiert das Geschehen kommentieren können. Aus dem Erzieher und Vertrauten Lucias wird ein Geistlicher. Alexey Birkus verleiht mit seinem mächtigen Bass seinem Raimondo Bidebent die entsprechende Autorität, wenn er seinem Schützling gegenüber feststellt, dass eine Heirat gilt, wenn sie von einem Geistlichen abgesegnet ist. Dass er dann selber zum Messer greift, um den frisch angetrauten Lord Arturo Bucklav (Albert Memeti, ein schlanker Tenor, den man gern auch in einer Mozartoper hören möchte) abzumurksen, gibt dem Ganzen eine seltsame Wendung. Bisher war es immer Lucia di Lammermoor, die sich von dieser ungewollten Ehe durch Zustechen befreit hat. Sie hat dafür natürlich eine Entschuldigung. Sie ist verrückt geworden. Ana Durlovski hat den Sopran und das schauspielerische Talent, um diese Liebende und Wahnsinnige beeindruckend zu verkörpern.

Dass sie auch im Liegen und in Schräglage zur Begleitung einer Glasharmonika (Christa Schönfeldinger) in Il dolce suono und Spargi d’amaro pianto die höchsten Töne sicher trifft, ist ausschließlich ihrem Können zu verdanken, das auch mit einer solchen von der Regie erschwerten Pose fertig zu werden vermag. Das Publikum war sich in diesem Punkt durchaus einig. Applaus und Bravos für die Sänger waren gewaltig, aber auch Pfiffe und Buhrufe beim Erscheinen des Leading Teams.

Ana Durlovski, Rodion Pogossov, Albert Memeti, Martin Fournier, Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsc
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