Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alexey Birkus (Don Giovanni), Neven Crnić (Leporello) © Werner Kmetitsch

DON GIOVANNI Das Ende des ewig verführten Verführers

Katerina Tretyakova (Donna Anna), Alexey Birkus (Don Giovanni), Neven Crnić © Werner Kmetitsch

Mozart pur in Stimmen und Orchester und einem Selfie-stick als Kontrapunkt

Die beiden jungen Frauen Elisabeth Stöppler (Regie) und Marlene Hahn (Dramaturgie) haben sich mit dem Mann Lorenzo Da Ponte angelegt. Der große Menschenkenner mit dem unbestechlichen Blick auf alle die Schwächen beiderlei Geschlechts hat in seinem Libretto zu „Don Giovanni“ eine ganze Reihe von Typen skizziert, die von der Macht des vitalsten unserer Triebe, dem der sexuellen Vereinigung, bis zur Selbstaufgabe durchgebeutelt werden. Dabei blieb er jedoch stets maskulin logisch. Die jeweiligen Handlungen der Betroffenen sind für den männlich denkenden Teil der Gesellschaft nachvollziehbar. Der Komtur kann die Ehre seiner Tochter nur durch einen Zweikampf retten, nachdem diese von einem Wüstling in ihrem Zimmer bedrängt wurde. Leporello verlegt sich eher aufs Faulsein und Fressen, nimmt aber mit Handkuss die Gelegenheit wahr, in der Verkleidung seines Herrn eine der Schönen zu vernaschen. Der gute Depp und seiner Braut ergebene Don Ottavio liebt, wie man nur eine Dame von Herzen lieben kann, sofern diese von ihm nicht gerade blutige Rache fordert.

Dariusz Perczak (Masetto), Eva-Maria Schmid (Zerlina) © Werner Kmetitsch

Masetto schwimmt hilflos zwischen Eifersucht und Unterwürfigkeit dahin. Über allen steht Don Giovanni, ein unersättlicher Aufreißer, dem die Weiblichkeit verfallen ist, sich damit aber nicht abfinden will und dem – Gott sei´s gedankt – zudringlichen Galan den Stempel des ruchlosen Wüstlings aufdrückt. Das Duo aus dem Leading Team hat dazu noch eine eigene, von jedem erfahrenen Mann bereits leidvoll erlebte feminine Marotte eingebracht und eine Inszenierung geschaffen, die nur aus dem Blickpunkt weiblicher Unlogik zu durchschauen ist. Zuerst reizen die Frauen den Mann bis zum Äußersten, um dann lauthals MeToo zu schreien. Damit gewinnt dieser Grazer „Don Giovanni“ durchaus eine pikante bis schlüpfrige Note, die sich zeitlos mit der in solchen Belangen nicht unadäquaten Musik eines Wolfgang Amadée Mozart verbindet.

Katerina Tretyakova (Donna Anna), Pavel Petrov (Don Ottavio) mit Selfie-stick © Werner Kmetitsch

Ein ausgezeichnetes Beispiel für oben Gesagtes ist die attraktive Donna Anna (Katerina Tretyakova), bei der Don Giovanni des Nachts einsteigt. In anregender Unterwäsche lässt sie sich per Selfie-stick in lasziven Posen filmen, um bei Erscheinen ihres Vaters (Dmitrii Lebamba als bis zum Gruseln mächtig singender Bass und Rudi Widerhofer als schweigender Komtur) um Hilfe zu rufen und diesen in den Tod zu treiben. Dass sie nach Rache ruft, hat viel mit ihrem schlechten Gewissen zu tun.

An der letalen Eskalation ist sie schließlich nicht unschuldig. Ihr armes Opfer ist Don Ottavio. Sie hält ihn an der langen Leine, was schwer einzusehen ist, da Pavel Petrov mit seinem warm schmelzenden Tenor ihr Herz auf der Stelle gewinnen müsste. Die reizende Zerlina (Eva-Maria Schmid mit zierlichem Sopran) treibt´s ähnlich, wenn sie den Hochzeitsgast mit eindeutigen Blicken auffordert, um sie zu werben, um dann in geheuchelter Reue ihren Masetto (Dariusz Perczak) um Schläge zu bitten. Donna Elvira wird von der ausnehmend stimmstarken Anna Brull als elegante Dame angelegt, die ihre Souveränität erst dann schmerzlich einbüsst, wenn sie statt des Geliebten von dessen Diener (Neven Crnić als absolut hörenswerter Leporello) aufs Kreuz gelegt wird. Nolens volens muss auch sie sich in die Reihe der Verfolger einreihen. Der Mann, dem am Ende alle bis zum steinernen Gast nachrennen, ist Alexey Birkus. Wir Männer sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen.

Sein Don Giovanni trägt Kapuzenjacke und Jeans, hat stets Selfie-stick und Pistole bei der Hand und webt als ausgesprochen schlampiger Typ von Weib zu Weib. Sein basso cantate, heute sagen wir Bariton, ist schlank, der Rolle in seiner faszinierenden Beweglichkeit angemessen und ergänzt das durchwegs großartige Solisten-Ensemble. Am Pult steht der Italiener Andrea Sanguineti, um als Mozarts Vertreter dessen Musik mit den Grazer Philharmonikern in all ihrer Schönheit erklingen zu lassen.

Neven Crnić (Leporello), Alexey Birkus (Don Giovanni) © Werner Kmetitsch

Mareike Jankowski (Tebaldo), Chor der Oper Graz, Oksana Volkova (Eboli) © Werner Kmetitsch

DON CARLO Flanderns verhinderter Wohltäter

Mykhailo Malafii, Timo Riihonen, Aurelia Florian, Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Opulente Stimmen, delikater Orchestersound, kalorienreduzierte Inszenierung

Es war ein böser Kuhhandel, den König Philipp II. mit Caterina de' Medici einging. Die wenigste Rücksicht wurde auf die Kinder der beiden genommen. Leidtragend auf der einen Seite war das 14jährige Mädchen Elisabeth, die von ihrer Mutter kaltherzig an den in die Jahre gekommenen Regenten verschachert wurde, rein aus dem politischen Interesse heraus, mit Spanien endlich ein friedlicheres Verhältnis als bisher zu schaffen. Auf der anderen Seite war es Infant Don Carlos, dem Elisabeth ursprünglich als Frau versprochen worden war. Wie sehr sich die beiden jungen Leute tatsächlich geliebt haben, darüber berichten die historischen Quellen wenig bis gar nichts. Allein aber die Vorstellung, wie groß das Leid gewesen sein könnte, ließ den Mythos um Don Carlos entstehen. Friedrich Schiller packte den Stoff in ein voll Herz und Schmerz triefendes dramatisches Gedicht, das wiederum Giuseppe Verdi zur Grand Opéra „Don Carlos“ inspirierte. 1884 wurde eine zweite, gekürzte Fassung in italienischer Sprache aufgeführt, die als „Don Carlo“ seither das Opernpublikum begeistert.

Mykhailo Malafii (Don Carlo) © Werner Kmetitsch

Neben der Liebesgeschichte haben darin die Probleme der Herrschaft Spaniens in Flandern eine wichtige Stellung inne, was wiederum auf die Härte des spanischen Königs in Religionsfragen anspielt. Er setzte rücksichtslos die Gegenreformation durch und erregte damit in den protestantischen Niederlanden Widerstand, der brutal niedergeschlagen wurde. Angeregt von Rodrigo, Marquis von Posa, sollte der Thronfolger den Aufständischen die Freiheit in Glaubensfragen lassen. Derlei liberales Denken rief freilich den Großinquisitor auf den Plan, der diese Bemühungen im Keim erstickte. Die Opfer sind, so erzählt uns das Libretto, Rodrigo, der durch einen Schuss aus dem Hinterhalt niedergestreckt wird, und Don Carlo, der sich je nach Interpretation umbringt oder in ein Kloster zurückzieht.

Mykhailo Malafii (Don Carlo) und Neven Crnić (Marquis von Posa) © Werner Kmetitsch

In Graz setzte Regisseurin Jetske Mijnssen auf das Ableben des Helden. Sie hat das Libretto gestrafft, was trotzdem noch mehr als drei Stunden Aufführungsdauer übrig lässt. Die Bühne (Gideon Davey) ist vor allem praktisch. Durch Verschieben von Wänden und Bildern im Hintergrund lassen sich leicht die einzelnen Schauplätze anschaulich machen. Die Botschafter Flanderns werden als blutig geschundene Kreaturen auf einem makaberen Laufband liegend über die Szene gezogen.

Damit wird ein besonders schauerlicher Effekt erzielt, bei dem es einzig und allein darum geht, König Philipp als besonders grausam hinzustellen. Timo Riihonen kommt diesem Auftrag beeindruckend nach. Sein Bass ist gerade so mächtig wie seine Statur. Der echte Philipp wäre stolz auf eine so imponierende Erscheinung gewesen. Wenn Riihonen mit dem Großinquisitor Dmitrii Lebamba in den tiefsten Tönen über den dunklen Klängen der tiefen Streicher zu streiten beginnt, dann weiß man, was mit des Basses Grundgewalt gemeint ist. Der König, der in Gegenwart der ihm sexuell zu Diensten stehenden Prinzessin Eboli (ein strahlender Sopran und ausnehmend hübsch: Oksana Volkova) über die mangelnde Zuneigung seiner Gattin und die Sterblichkeit jammert, hat er sich den spontanen Szenenapplaus wahrlich verdient.

 

Das Trio mit den guten Herzen besteht aus Don Carlo (Mykhailo Malafii), Rodrigo, Marquis von Posa (Neven Crnić) und Elisabeth von Valois (Aurelia Florian). Die junge Dame gibt ihrer Verzweiflung eine wunderschöne, warme Stimme, wenn sie dem feschen Don Carlo, der nun ihr Sohn ist, entsagen muss. Für ihn und seinen Kumpel in Sachen Freiheit hat Verdi die wohl schönste Hymne auf eine Männerfreundschaft komponiert: Dio che nell'alma infondere Amor..

Tenor und Bariton in enger Zweistimmigkeit zu einer Melodie, an der man sich nicht satt hören kann, das lässt Tränen in die Augen steigen, vor allem ganz am Schluss, wenn Rodrigo stirbt und dazu in den Holzbläsern diese zu Gemüt gehende Weise wieder ertönt. Dafür zuständig sind die Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Oksana Lyniv, die nicht nur subtil die Sänger begleiten, sondern wie beispielsweise das Cello in der Einleitungsmusik nach der Pause ganz groß solistisch aufspielen.

Timo Riihonen (Philipp II.) und Oksana Volkova (Prinzessin Eboli) © Werner Kmetitsch
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