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Chor und Ballettschule der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Chor und Ballettschule der Oper Graz © Werner Kmetitsch

DIE PERLENFISCHER Dank dem Mut zu einem raren Opern-Juwel

Andrzej Lampert (Nadir), Dariusz Perczak (Zurga) © Werner Kmetitsch

Andrzej Lampert (Nadir), Dariusz Perczak (Zurga) © Werner Kmetitsch

Archaische Exotik übersetzt in französische Klang- und Melodienpracht

Wird die Freundschaft von zwei Männern besungen, dann hat nicht nur Giuseppe Verdi die harmonische Zweistimmigkeit von Tenor und Bariton (Don Carlos und Posa) bemüht. Auch Georges Bizet lässt den Jäger Nadir und den zum Oberhaupt der Perlenfischer gewählten Zurga in herzerwärmend zuckersüßen Sexten, ätherisch begleitet von Harfe und Flöten, ewige Freundschaft schwören. „Au fond du temple saint“ wurde zum Hit der Wunschsendungen und hat schon viele Tränen der Rührung fließen lassen. Sehr oft wird aber vergessen, dass sich um dieses Duett herum eine ganze Oper abspielt. Der Ort der Handlung ist aber alles andere als in diesem Genre üblich. Irgendwann in ferner, alter Zeit haben die Perlenfischer Ceylons ihren Anführer gewählt und eine Tempelpriesterin installiert, die mit ihrem Gesang zur Brahma fleht und die bösen, Unglück bringenden Geister von diesem gefährlichen Metier fernhalten soll. Dass diese Dame, der für ihr Amt ein strenger Zölibat auferlegt ist, ausgerechnet mit den Protagonisten in einem sehr engen Verhältnis steht, schafft die letztlich fatalen Probleme sowohl für das Volk als auch für ihren Häuptling. Der überraschend auftauchende Nadir und Leïla, die Priesterin, sind seit langem heftig ineinander verliebt. Zurga, der seit Kindheitstagen ein Freund von Nadir ist, wurde wiederum einst von Leïla, als diese noch ein Kind war, vor Verfolgern gerettet und hat ihr zum Dank eine Halskette geschenkt. Auch er liebt diese Frau und seine Eifersucht führt letztlich zur Katastrophe. Das Libretto, nicht die Musik, lässt aber wie in einem Krimi bis zum Schluss offen, ob daran diese so grandios besungene Männerfreundschaft zerbricht.

Ensemble und Solisten (li. Daeho Kim als Nourabad) © Werner Kmetitsch

Ensemble (u. a. li. Daeho Kim als Nourabad) © Werner Kmetitsch

Tetiana Miyus (Leïla), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Tetiana Miyus (Leïla), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Georges Bizet hat dazu (über das angesprochene Duett hinaus) eine ungemein vielschichtige Musik komponiert. Pentatonische Elemente aus einer fernöstlichen Urzeit sind mit großen Kantilenen und dem Klangbild der europäischen Oper des 19. Jahrhunderts verquickt. So haben alle drei Hauptdarsteller beachtliche Arien zu bewältigen, die mit den schwierigsten Partien dieser Zeit vergleichbar sind. Es ist also alles da, was auch ein verwöhntes Publikum mitreißen könnte. Warum „Les pêcheurs de perles“ nach der Uraufführung 1863 kein Erfolg beschieden war, lässt sich nur mehr schwer nachvollziehen. Sogar die Originalpartitur ist in Verschollenheit geraten. Geblieben war lediglich ein Klavierauszug, aus dem eine Orchesterbesetzung erarbeitet konnte.

Wenn die Oper heute zur Aufführung gelangt, hat man es also mit einer rekonstruierten Fassung zu tun. Damit ist auch Marcus Merkel, der am 17. Dezember 2021 in der Oper Graz die gefeierte Premiere dirigierte, nicht ganz unbeteiligt, wenn aus dem Graben eine in jeder Hinsicht farbenreiche Musik nicht nur das Geschehen auf der Bühne untermalt, sondern auch zum immer wieder überraschten Hinhören auf ungewöhnliche Einfälle des Arrangeurs verleitet. Für eine Augenweide sorgt das Regie-Duo Ben Baur & Beate Vollack. Erster und zweiter Akt sind eine romantisch urige Felsenlandschaft, die sich im dritten Akt auf geheimnisvolle Weise verabschiedet und den Showdown dem Ensemble auf einer leeren schwarzen Bühne überlässt. Ben Baur ist überzeugt, dass diese Oper für eine konzertante Aufführung zu schade ist, allein schon wegen der zahlreichen, auch im Text erwähnten Tanzszenen. Volk, mystische Greisinnen und Gestalten mit Totenschädeln von Tieren schaffen das archaische Bild, in dem die Solisten ihre Liebe, ihre Eifersucht, aber auch ihre Skrupel offen legen können.

Tetiana Miyus (Leïla) © Werner Kmetitsch

Tetiana Miyus (Leïla) © Werner Kmetitsch

Nourabad, der Gemeindeälteste, ist der Bassist Daeho Kim, der allerdings nur mit einer kleinen Gesangspartie beteilt wurde. Er hat vielmehr darauf aufzupassen, dass Leïla, überwältigend gesungen von der kraftvollen (Koloratur-)Sopranistin Tetiana Miyus, keusch bleibt. Ihre Zuneigung zu Nadir ist jedoch stärker als der Eid, den sie ablegen musste. Andrzej Lampert war zu Beginn leichte Nervosität anzuhören, die sich jedoch im Laufe des Abends in einen warmen, schlanken Tenor wandelte. Er kniet Hände haltend mit dem Bariton Dariusz Perczak als Zurga vor einem lodernden Feuer. Ein Treueschwur in einer derartig gefühlsbetonten Kulisse abgelegt, sollte eingehalten werden. Er wird aber gebrochen und damit auch der Zorn seines Freundes verständlich, den Perczak überzeugend in seiner Arie ausdrückt. Bleibt nur mehr der Dank dafür, dass die Oper Graz den Mut aufgebracht hat, dieses rare Opern-Juwel aus dem vergessenen Schmuckkästchen zu kramen und ohne emotionale Einschränkungen einem begeisterten Publikum zu schenken.

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