Kultur und Weindas beschauliche MagazinKristiane Kaiser, Vitaliy Kovalchuk, Chor der OPER BURG GARS © Michael Pöhn MADAMA BUTTERFLY Auch Geisha-Mädchen sind nicht käuflich
Benjamin Franklin Pinkerton ist ein richtiger Ami. Er ist überzeugt, um Geld alles kaufen zu können. Als Marineoffizier ist er Ende des 19. Jahrhunderts in Nagasaki stationiert. Der windige Heiratsvermittler Goro weiß, wie er den Reichtum dieses Yankees anzapfen kann. Er verklopft ihm ein Haus für 999 Jahre samt Personal und einer sogenannten Geisha namens Butterfly. Pinkerton heiratet das Mädchen unter der Aussicht, die Ehe nach japanischem Recht jederzeit kündigen zu können. An dieser Stelle wird das Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica zu einer Abrechnung mit zutiefst männlichen Moralvorstellungen. Der überhebliche Pinkerton ignoriert hartnäckig, dass er innig und wahrhaftig geliebt wird. Er ist ein Rüpel, der seine japanische Gattin einfach verlässt, daheim in den USA noch einmal heiratet und bei seiner Rückkunft in Japan mit seiner nunmehrigen Frau das gemeinsame Kind kurzerhand der Mutter entreißen möchte. Das traurige Ergebnis dieser Schurkerei à la „giapponese“ ist bekannt. Giacomo Puccini war von diesem Culture Clash zwischen Amerika und Japan angetan und komponierte dazu zuerst einen Zweiakter, später eine Oper mit drei Akten, die 1904 in Brescia uraufgeführt wurde. Seither ist „Madama Butterfly“ aus dem Repertoire der großen Häuser nicht mehr wegzudenken. Seine Musik erfasst das Gemüt des Publikums und lässt es große Gefühle wie Freude und Schmerz unmittelbar empfinden. Zudem trägt die Kombination aus fernöstlicher und italienischer Harmonik einen Hauch von Exotik, die in eine ferne und menschlich gesehen doch so nahe Welt führen. Clemens Unterreiner erwartet nicht zu Unrecht einen Ansturm auf seine Produktion dieser Oper (Open Air ohne Verstärkung). Vor dem wild romantischen Gemäuer der Burg Gars wurde von Regisseur Matthias von Stegmann gemeinsam mit David Gamel eines der zarten Häuschen Japans mit einem malerischen Garten als Schauplatz errichtet. Laura Madgé Hörmann hat bei den Kostümen auf allgegenwärtige Fächer statt auf traditionell japanische Tracht gesetzt und damit eine etwas irritierende Einheitskleidung entworfen. Im Pavillon am Rande der Bühne lässt das Orchester der OPER BURG GARS unter der Leitung von Karsten Januschke das Werk des Klangzauberers Puccinis in den über das Waldviertel anbrechenden Abend erklingen.
Den ersten Auftritt noch bei Tageslicht hat Christian Drescher. Der Heiratsvermittler Goro ist geldgierig und gewissenlos, wenn es um seinen Vorteil geht. Er überzeugt Pinkerton, dass er ihm unverbindlichen Spaß zukommen lässt. Bei der Premiere am 11. Juli 2026 wagte sich Vitaliy Kovalchuk im ersten Akt an die herausfordernde Tenorpartie. Die Probleme, die ihm eine akute, schwere Allergie bereitete, waren jedoch nicht zu überhören. In aller Eile wurde für den dritten Akt die heuer erstmals vorgesehene Zweitbesetzung aus dem Hotel abgeholt. Gabriel Arce rettete die Aufführung mit seiner brillanten, in allen Lagen sicheren Stimme. Ruhepol in diesen emotionalen Wirrnissen ist Bariton Paolo Rumetz. Sein Konsul Sharpless steht jedoch hilflos zwischen dem leichtsinnigen Pinkerton und dem zarten, aber missbrauchten Schmetterling.
Übersichtsaufnahme der Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz LA TRAVIATA Pariser Liebesleben in würdigem Gemäuer
„Eine gute Regie ist jene, die man nicht merkt“, meint zu Recht Cornelius Obonya, der auch heuer gemeinsam mit Carolin Pienkos für die zweite Inszenierung unter der Intendanz von Clemens Unterreiner verantwortlich ist. Bei dieser einmaligen Freiluftbühne gibt es bekanntlich etliche Besonderheiten zu beachten. Orchester und Sängerensemble wirken ohne Verstärkung, was eine erstaunlich gute Akustik durchaus erlaubt, aber jedenfalls robuste Stimmen erfordert, nicht zuletzt wegen des Waldviertler Wetters, das in diesem rauen Landstrich Niederösterreichs mit kühler und oft feuchter Luft für alle Anwesenden, eingeschlossen das Publikum, eine nicht zu ignorierende Herausforderung darstellt. Schließlich gibt es eine historische Kulisse: die pittoresken Reste der einstigen Festung der Babenberger, die natürlich mitspielen wollen. Damit stellt sich bei Giuseppe Verdis „La traviata“ jedoch ein Problem. Die Handlung spielt in noblen Salons von Paris und einem Landgut. Mittelalterliches Gemäuer ist damit an sich nicht kompatibel. Also wurde auf Reduktion gesetzt, auf eine in eleganten Farbtönen gehaltene Spielfläche, bestückt mit sparsamer Meublage und mit Zugängen über einfach zu dekorierende Öffnungen in der Bruchsteinmauer dahinter (Bühnenbild: Devin McDonough).
Dadurch entsteht der Eindruck einer halbszenischen Aufführung, die ihren Glanz ausschließlich durch eine ausnahmslos stimmgewaltige Sängerriege erhält. Begleitet wird diese vom Orchester der Oper Burg Gars unter Levente Török, der bereits aus dem Vorjahr Erfahrungen mit dieser Ausnahmesituation mitbringt. In den Salons und dem Pariser Faschingstreben ist ein teils seltsam gewandeter Chor (Kostüme: Laura Madgé Hörmann) am Werk. Es sind die „Amici“, die Freunde, deren oberflächliche Gesellschaft das letztlich tragische Geschehen nicht zu verstehen imstande ist. Einer, dessen Sinn sich radikal wandelt, ist Vater Giorgio Germont. In schwarzem Paletot erscheint Bariton KS Morten Frank Larsen, der überhebliches Befehlen über Bitten und Flehen bis zum Schmerz über den Verlust einer „Tochter“ kraftvoll und vor allem glaubhaft zum Ausdruck bringt.
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