Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kristiane Kaiser, Vitaliy Kovalchuk, Chor der OPER BURG GARS © Michael Pöhn

Kristiane Kaiser, Vitaliy Kovalchuk, Chor der OPER BURG GARS © Michael Pöhn

MADAMA BUTTERFLY Auch Geisha-Mädchen sind nicht käuflich

Kristiane Kaiser mit Chor © Michael Pöhn

Kristiane Kaiser mit Chor © Michael Pöhn

Emotionale Premiere mit tragischer Liebe und einem mutigen Einspringer

Benjamin Franklin Pinkerton ist ein richtiger Ami. Er ist überzeugt, um Geld alles kaufen zu können. Als Marineoffizier ist er Ende des 19. Jahrhunderts in Nagasaki stationiert. Der windige Heiratsvermittler Goro weiß, wie er den Reichtum dieses Yankees anzapfen kann. Er verklopft ihm ein Haus für 999 Jahre samt Personal und einer sogenannten Geisha namens Butterfly. Pinkerton heiratet das Mädchen unter der Aussicht, die Ehe nach japanischem Recht jederzeit kündigen zu können. An dieser Stelle wird das Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica zu einer Abrechnung mit zutiefst männlichen Moralvorstellungen. Der überhebliche Pinkerton ignoriert hartnäckig, dass er innig und wahrhaftig geliebt wird. Er ist ein Rüpel, der seine japanische Gattin einfach verlässt, daheim in den USA noch einmal heiratet und bei seiner Rückkunft in Japan mit seiner nunmehrigen Frau das gemeinsame Kind kurzerhand der Mutter entreißen möchte. Das traurige Ergebnis dieser Schurkerei à la „giapponese“ ist bekannt.

Daria Sushkova (Suzuki) © Michael Pöhn

Daria Sushkova (Suzuki) © Michael Pöhn

Kristiane Kaiser (Madama Butterfly) © Michael Pöhn

Kristiane Kaiser (Madama Butterfly) © Michael Pöhn

Giacomo Puccini war von diesem Culture Clash zwischen Amerika und Japan angetan und komponierte dazu zuerst einen Zweiakter, später eine Oper mit drei Akten, die 1904 in Brescia uraufgeführt wurde. Seither ist „Madama Butterfly“ aus dem Repertoire der großen Häuser nicht mehr wegzudenken. Seine Musik erfasst das Gemüt des Publikums und lässt es große Gefühle wie Freude und Schmerz unmittelbar empfinden. Zudem trägt die Kombination aus fernöstlicher und italienischer Harmonik einen Hauch von Exotik, die in eine ferne und menschlich gesehen doch so nahe Welt führen. Clemens Unterreiner erwartet nicht zu Unrecht einen Ansturm auf seine Produktion dieser Oper (Open Air ohne Verstärkung). Vor dem wild romantischen Gemäuer der Burg Gars wurde von Regisseur Matthias von Stegmann gemeinsam mit David Gamel eines der zarten Häuschen Japans mit einem malerischen Garten als Schauplatz errichtet. Laura Madgé Hörmann hat bei den Kostümen auf allgegenwärtige Fächer statt auf traditionell japanische Tracht gesetzt und damit eine etwas irritierende Einheitskleidung entworfen. Im Pavillon am Rande der Bühne lässt das Orchester der OPER BURG GARS unter der Leitung von Karsten Januschke das Werk des Klangzauberers Puccinis in den über das Waldviertel anbrechenden Abend erklingen.

Paolo Rumetz (Konsul Sharpless), Kristiane Kaiser (Madama Butterfly) © Michael Pöhn

Paolo Rumetz (Konsul Sharpless), Kristiane Kaiser (Madama Butterfly) © Michael Pöhn

Evgeny Solodovnikov (Onkel Bonze) © Michael Pöhn

Evgeny Solodovnikov (Onkel Bonze) © Michael Pöhn

Den ersten Auftritt noch bei Tageslicht hat Christian Drescher. Der Heiratsvermittler Goro ist geldgierig und gewissenlos, wenn es um seinen Vorteil geht. Er überzeugt Pinkerton, dass er ihm unverbindlichen Spaß zukommen lässt. Bei der Premiere am 11. Juli 2026 wagte sich Vitaliy Kovalchuk im ersten Akt an die herausfordernde Tenorpartie. Die Probleme, die ihm eine akute, schwere Allergie bereitete, waren jedoch nicht zu überhören. In aller Eile wurde für den dritten Akt die heuer erstmals vorgesehene Zweitbesetzung aus dem Hotel abgeholt. Gabriel Arce rettete die Aufführung mit seiner brillanten, in allen Lagen sicheren Stimme. Ruhepol in diesen emotionalen Wirrnissen ist Bariton Paolo Rumetz. Sein Konsul Sharpless steht jedoch hilflos zwischen dem leichtsinnigen Pinkerton und dem zarten, aber missbrauchten Schmetterling.

Ähnlich ergeht es Daria Sushkova, die als ergebene Dienerin Suzuki mit solidem Mezzo erfreulich auffällt. Kristiane Kaiser ist eine Butterfly, den man am liebsten tröstend umarmen möchte. Ihr Sopran erinnert an ganz Große in dieser Rolle. Dazu beherrscht sie die Schauspielerei. Beide Stärken vereint machen nicht nur aus „Un bei di, vedremo“ (Eines schönen Tages werden wir sehen) ein herzzerreißendes Erlebnis. Die Vorfreude auf das Wiedersehen ist kindlich und deshalb so berührend und wem bei „Tu, tu piccolo iddio“ (Du, du kleiner Gott), dem Abschied von ihrem Kind, nicht die Tränen in die Augen steigen, der ist fehl am Platz. Wenn ihr Onkel Bonze (Evgeny Solodovnikov) wild auf sie einbrüllt, weil sie Christin geworden ist, oder die Verwandtschaft (Chor der OPER BURG GARS) sich von ihr lossagt, bleibt Pinkerton dennoch ungerührt kalt. Er will sein Vergnügen und kapiert nicht, dass er sich grausam über die Gefühle eines Menschen hinwegsetzt. Mit dieser Oper wurde aber vielen solcher Opfer ein wunderbares, weil einzigartiges Denkmal gesetzt.

Christian Drescher (Goro) © Michael Pöhn

Christian Drescher (Goro) © Michael Pöhn

Übersichtsaufnahme der Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

Übersichtsaufnahme der Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

LA TRAVIATA Pariser Liebesleben in würdigem Gemäuer

Violetta Valéry (Hila Fahima) © Alexander Ch. Wulz

Violetta Valéry (Hila Fahima) © Alexander Ch. Wulz

Auch bei Verdi spielt das Waldviertel eine empfindlich wichtige Rolle.

„Eine gute Regie ist jene, die man nicht merkt“, meint zu Recht Cornelius Obonya, der auch heuer gemeinsam mit Carolin Pienkos für die zweite Inszenierung unter der Intendanz von Clemens Unterreiner verantwortlich ist. Bei dieser einmaligen Freiluftbühne gibt es bekanntlich etliche Besonderheiten zu beachten. Orchester und Sängerensemble wirken ohne Verstärkung, was eine erstaunlich gute Akustik durchaus erlaubt, aber jedenfalls robuste Stimmen erfordert, nicht zuletzt wegen des Waldviertler Wetters, das in diesem rauen Landstrich Niederösterreichs mit kühler und oft feuchter Luft für alle Anwesenden, eingeschlossen das Publikum, eine nicht zu ignorierende Herausforderung darstellt. Schließlich gibt es eine historische Kulisse: die pittoresken Reste der einstigen Festung der Babenberger, die natürlich mitspielen wollen. Damit stellt sich bei Giuseppe Verdis „La traviata“ jedoch ein Problem. Die Handlung spielt in noblen Salons von Paris und einem Landgut. Mittelalterliches Gemäuer ist damit an sich nicht kompatibel. Also wurde auf Reduktion gesetzt, auf eine in eleganten Farbtönen gehaltene Spielfläche, bestückt mit sparsamer Meublage und mit Zugängen über einfach zu dekorierende Öffnungen in der Bruchsteinmauer dahinter (Bühnenbild: Devin McDonough).

La traviata, Ensemble © Alexander Ch. Wulz

La traviata, Ensemble © Alexander Ch. Wulz

Violetta Valéry (Hila Fahima) und Giorgio Germont (Morten Frank Larsen) © Alexander Ch. Wulz

Violetta Valéry (Hila Fahima) und Giorgio Germont (Morten Frank Larsen) © Alexander Ch. Wulz

Dadurch entsteht der Eindruck einer halbszenischen Aufführung, die ihren Glanz ausschließlich durch eine ausnahmslos stimmgewaltige Sängerriege erhält. Begleitet wird diese vom Orchester der Oper Burg Gars unter Levente Török, der bereits aus dem Vorjahr Erfahrungen mit dieser Ausnahmesituation mitbringt. In den Salons und dem Pariser Faschingstreben ist ein teils seltsam gewandeter Chor (Kostüme: Laura Madgé Hörmann) am Werk. Es sind die „Amici“, die Freunde, deren oberflächliche Gesellschaft das letztlich tragische Geschehen nicht zu verstehen imstande ist. Einer, dessen Sinn sich radikal wandelt, ist Vater Giorgio Germont. In schwarzem Paletot erscheint Bariton KS Morten Frank Larsen, der überhebliches Befehlen über Bitten und Flehen bis zum Schmerz über den Verlust einer „Tochter“ kraftvoll und vor allem glaubhaft zum Ausdruck bringt.

Als dessen Sohn Alfredo liebt und leidet Filip Filipović, ein junger kroatischer Tenor, der die von Verdi geschaffenen Bravourarien mit spielerischer Leichtigkeit meistert. Man könnte seinem Alfredo übel nehmen, dass er die Geliebte in aller Öffentlichkeit als käufliche Kurtisane blamiert, nachdem diese wieder zu ihrem Baron Douphol (Nicolas Legoux) zurückgekehrt ist. Aber den wahren Grund ihrer scheinbaren Untreue erfährt Alfredo erst am Totenbett von Violetta, wohin ihn seine ungebrochene Liebe getrieben hat. Hila Fahimas Sopran trägt den Abend. Die israelische Sängerin ist Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und beherrscht nicht nur souverän extrem hohe Töne wie den finalen Aufschrei „O Gioia!“ (Freude!), sie spielt auch gekonnt mit den Emotionen, denen eine von wahrer Liebe erfasste Lebedame unterworfen ist. Sie alle, auch Annina (Andjela Spaic), Flora Bervoix (Flaka Goranci) oder der Bass Evgeny Solodovnikov als Doktor Grenvil wurden für ihren Einsatz nach einem Augenblick gebührender Stille mit anhaltendem Applaus und Bravorufen bedankt.

Violetta Valéry (Hila Fahima) und Alfredo Germont (Filip Filipović) © Alexander Ch. Wulz

Violetta Valéry (Hila Fahima) und Alfredo Germont (Filip Filipović) © Alexander Ch. Wulz

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