Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Bacchanal (Masterclass der Dancefactory Klosterneuburg) © Schark

Bacchanal (Masterclass der Dancefactory Klosterneuburg) © Schark

SAMSON UND DALILA Grand Opéra mit biblischer Geschichte

Margarita Gritskova, Kristian Benedikt © Schark

Margarita Gritskova, Kristian Benedikt © Schark

Man sollte es nützen, dieses seltene Musikvergnügen im Kaiserhof des Stiftes.

Der Schauplatz von „Samson und Dalila“ lässt aufhorchen. Gaza in Palästina wurde von den Philistern erobert. Die Hebräer sind dadurch in die Sklaverei geraten. Diese Gegend hat also eine traurige Tradition in kriegerischen Auseinandersetzungen. In diesem Fall ist es die Bibel, die uns schon im Buch der Richter (zwischen 1100 und 1000 v. Chr. entstanden) dazu eine einschlägige Begebenheit erzählt. Das Volk Israel war von ihrem Gott dafür bestraft worden, dass es sich dem Polytheismus zugewandt und damit das erste Gebot gebrochen hatte. Jahwe hatte dennoch Mitleid und sandte Samson, einen Mann mit übermenschlichen Kräften, der ihnen Mut einflößte und sie in den Befreiungskampf führte. Die vom Aufruhr überraschten Philister setzten eine Frau auf ihn an und nutzten so seine schwache Seite. Er verfiel ihren Reizen und verriet das Geheimnis seiner Stärke. Das Ende ist bekannt: Der geblendete Samson erhält im letzten Moment seine Kraft zurück. Er reißt den Tempel ihres Gottes Dagon ein und begräbt sich und die Feinde darunter.

Kristian Benedikt bedrängt Philisterinnen © Schark

Kristian Benedikt bedrängt Philisterinnen © Schark

Ivo Kovrigar bedrängt eine Hebräerin © Schark

Ivo Kovrigar bedrängt eine Hebräerin © Schark

Ferdinand Lemaire schuf daraus ein Libretto, das von Camille Saint-Saëns zischen 1868 und 1877 vertont wurde. Entstanden war anstelle des ursprünglich angedachten Oratoriums eine typisch französische Oper mit allem Drum und Dran, wie es das Pariser Publikum liebte. Ein Held wird von einer unwiderstehlich schönen Frau überwältigt. Leidenschaft, Zweifel und Falschheit werden in mitreißenden Melodien ausgedrückt. Dazu gibt es ausladende Chorpartien und Balletteinlagen wie das Bacchanal, das fern an den Venusberg von Richard Wagner erinnert. Dem Erfolg stand nichts im Wege, dennoch wurde es still um diese Oper. Dank Peter Edelmann, dem Intendanten der operklosterneuburg, ist sie in diesem Sommer im Kaiserhof des Stiftes in ihrer ganzen Pracht wieder zum Leben erweckt worden. Die Akustik dieses Ortes erlaubt es, ohne Verstärkeranlage unter freiem Himmel zu spielen. Damit gewinnt die Aufführung enorm an Wirkung; was allerdings ein stimmkräftiges Ensemble voraussetzt. Die Sprache bleibt Französisch, die Übersetzung kann aber seitlich mitgelesen werden.

Margarita Gritskova, Ivo Kovrigar © Schark

Margarita Gritskova, Ivo Kovrigar © Schark

Margarita Gritskova, Serban Vasile, Ballett © Schark

Margarita Gritskova, Serban Vasile, Ballett © Schark

Auf der von Hans Kudlich entworfenen schrägen Bühne hat Mario Pavle del Monaco die biblische Geschichte erstaunlich rutschfest inszeniert. Wuchtig wirkende „Steinquader“ erlauben einen raschen Umbau und dienen letztlich als die todbringenden Säulen des Tempels. Zu Fall gebracht werden diese von Samson. Dem stämmigen Kristian Benedikt nimmt man gerne ab, dass er imstande ist, mit einem der tonnenschweren Steine den Stadthalter der Philister zu erschlagen. Ivo Kovrigar als Abimélech hat als Sänger damit nur einen kurzen Auftritt, muss als Leiche im zweiten Teil jedoch in deren Heiligtum aufgebahrt ausharren und dem Oberpriester des Dagon (Bariton Serban Vasile) beim Entwurf der List lauschen. Der hat eine Schönheit zur Hand: Dalila.

Den Liebesschwüren des russischen Mezzo Margarita Gritskova würde wohl kaum ein Mann widerstehen, wenngleich sie dabei zu schamlosen Übertreibungen neigt. Sie spricht sogar von Tränen, die sie einsam am Fluss um Samson vergießt. Nach eher zähen Verhandlungen um die Glaubhaftigkeit ihrer Gefühle räumt sie mit der ins Gemüt gehenden Arie „Mon cœur s'ouvre à ta voix“ (Mein Herz öffnet sich deiner Stimme) jeden seiner Zweifel aus, bis zum verhängnisvollen Haare ab! Getanzt wird auf der schiefen Ebene gekonnt von den Mitgliedern der Masterclass der Dancefactory Klosterneuburg, die Chöre werden vom Chor Klosterneuburg und der Chorakademie gestellt. Am Pult des Orchesters der operklosterneuburg steht Thomas Rösner, der die Komposition von Camille Saint-Saëns in ihrer romantischen Farbenpracht erstrahlen lässt. Fragt sich am Schluss nur, welcher Gott jeweils gemeint ist. Ist der philistische Dagon nicht vielleicht derselbe wie Jahwe, nur unter einem anderen Namen? Eine Klärung dieses Problems wäre für den Frieden in dieser Region schon damals eine durchaus probate Lösung gewesen.

Kristian Benedikt und Knaben © Schark

Kristian Benedikt und Knaben © Schark

Mesner (Horst Lamnek), Chor der operklosterneuburg © operklosterneuburg

Mesner (Horst Lamnek), Chor der operklosterneuburg © operklosterneuburg

TOSCA Die Engelsburg im Kaiserhof des Stiftes

Scarpia (Serban Vasile), Tosca (Federica Vitali) © operklosterneuburg

Scarpia (Serban Vasile), Tosca (Federica Vitali) © operklosterneuburg

Puccinis Oper lässt es an nichts fehlen: Es gibt Liebe, Gewalt und Arien für große Stimmen.

Scarpia wird von Tosca in höchster Emotion erstochen. Er hat vorher um den Preis, dass ihm die schöne Sängerin zu Willen ist, ihr zugestanden, den von ihm gefolterten Cavaradossi nur zum Schein erschießen zu lassen, und ein Papier verfasst, das den beiden Liebenden freies Geleit aus dem Vatikanstaat zusichert. Diese Szene ist gewiss der Höhepunkt der Oper, sowohl von der Handlung als auch von der Komposition her. Giacomo Puccini hat das Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, das eine nur scheinbar historische Handlung aus der Zeit der Napoleonischen Kriege in Rom erzählt, zu einem ewigen Meisterwerk der Opernkunst erhöht. Es ist eine Partie für die berühmtesten Sopranistinnen, die seit der Erfindung der Tonaufnahme damit unsterblich geworden sind. Gefordert sind aber auch die Männerstimmen: Als Tenor der Sänger des Mario Cavaradossi und für den Bariton, der als böser Polizeichef Scarpia nach einem höchst anspruchsvollen zweiten Akt sein Leben aushaucht, eine nahezu unbegreifliche Mammutaufgabe.

Scarpia (Serban Vasile) Cavaradossi (Fabian Lara) Valentino Blasina (Spoletta) Federica Vitali

Scarpia (Serban Vasile), Cavaradossi (Fabian Lara), Valentino Blasina (Spoletta), Federica Vitali (Tosca) © Lukas Beck

Tosca (Federica Vitali), Scarpia (Serban Vasile) © operklosterneuburg

Tosca (Federica Vitali), Scarpia (Serban Vasile) © operklosterneuburg

Die zum Theaterfest NÖ zählende operklosterneuburg hat sich unter der neuen Intendanz des Opermsängers Peter Edelmann erfolgreich, wenn auch in einer etwas gerafften Fassung dieser Oper angenommen. Für die Regie wurde Leonard Prinsloo gewonnen, für eine zeitlich nicht immer stimmige Inszenierung in einer multifunktionalen Kulisse (mit wenig Aufwand erlaubt sie drei Schauplätze); aber dieser Routinier wird schon wissen, warum die Kostüme (Karin Fritz) nicht historisch waren. In der erstaunlich guten Akustik des Kaiserhofes des mächtigen und prächtigen Augustiner Chorherrenstifts stand Francesco Cilluffo am Pult der Beethoven Philharmonie. Der 1979 in Turin geborene Komponist und Dirigent wird als der „Hohepriester der italienischen Oper zwischen Verdi und Puccini“ bezeichnet und wurde diesem Beinamen vollkommen gerecht. Er lässt Puccinis Komposition in ihrer genial instrumentierten Farbenpracht erblühen, mit feinem Gespür für Tempi und Dynamik, was es nicht zuletzt der Solistin und den beiden stimmgewaltigen Herren in ihrer Gesellschaft ermöglich hat, Arien und Duette hinreißend zu interpretieren. Fabián Lara ist ein Tenor, dem höchste Töne und weite Kantilenen offensichtlich einen Mordsspaß machen.

Sein Cavaradossi überzeugt die Geliebte von der Treue ebenso kraftvoll wie er Scarpia noch nach schweren Misshandlungen schmäht. Seine Hochform erreicht er unter den Sternen, die am Himmel über dem Stift bei der Premiere bereits geblitzt haben. Mit „E lucevan le stelle“ berührt er die Herzen. Ein ähnlich sängerisches Kaliber ist Serban Vasile. Dessen Bariton ist jedoch zum Fürchten mächtig. Er beherrscht nicht nur seine Polizisten, sondern auch den Chor operklosterneuburg, der sich in diversen Kostümen professionell hören lässt. Die Diva des Abends ist Federica Vitali. Als Tosca wirbelt sie eifersüchtig durch die Kirche Sant´Andrea della Valle, weil sie im Versteck des geflohenen Cesare Angelotti (Bass: Karl Huml) eine Nebenbuhlerin vermutet. Schließlich entlockt sie nach zähem Hin und Her dem zudringlichen Scarpia den Freibrief. Sie bewegt nicht nur ihn zum Einlenken, sondern lässt auch das Publikum den Atem anhalten, wenn sie erklärt, nur für die Kunst und die Liebe zu leben. Bei „Vissi d´arte“ hätte man eine Stecknadel fallen gehört, so ergreifend schön hat diese Traumarie den Kaiserhof erfüllt.

Tosca Federica Vitali © Mark Glassner

Tosca Federica Vitali © Mark Glassner

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