Kultur und Weindas beschauliche MagazinEin Sommernachtstraum, Ensemble und Bühne © Johannes Ehn EIN SOMMERNACHTSTRAUM zur wundersamen Klärung von Konflikten
Wir sind im alten Griechenland, genauer gesagt, in Athen. Der legendäre Held Theseus will die von ihm überwundene Königin der Amazonen heiraten, während im Stockwerk darüber, also in der Feenwelt, Oberon mit seiner Gattin um einen wunderschönen Knaben streitet. Dazu kommen zwei Paare, deren Liebesverhältnisse nicht den Vorstellungen des Brautvaters entsprechen. Als Draufgabe gibt es ambitionierte Handwerker, die anlässlich der anberaumten Hochzeit eine klassische Tragödie zum Besten geben wollen. William Shakespeare lässt diese vier Handlungsstränge in einem Traum zusammenlaufen, in dem ein Kobold namens Puck Regie führt. „Der Sommernachtsraum“ ist trotz dieses nicht unkomplizierten Aufbaus eines seiner meist gespielten Dramen, da es große amouröse Emotionen, kleinliche Befindlichkeiten und derbe Komik über die Antike hinaus zeitlos verbindet.
Christian Spatzek ist erfolgreicher Intendant der Festspiele Stockerau und Spezialist für Johann Nestroy. Dennoch war es ein lang gehegter Wunsch, zu seinem 70. Geburtstag ein ganz großes Werk, eben diesen Shakespeare zu inszenieren. Er hat sich dabei klugerweise auf keine Experimente à la Regiertheater eingelassen und das vielschichtige Geschehen solide auf eine von Manfred Waba geschaffene Bühne gestellt. Im Handumdrehen wird aus dem eleganten Königspalast mit Zentauren und Götterstatuen ein geheimnisvoller Wald, in dem die Geister das Sagen haben. Dazu kommen Musik und Songs, die Peter Uwira nicht nur auf dem Keyboard spielt, sondern selbst dazu komponiert hat, nicht ohne deutliche Anklänge an den berühmten Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Treue an der Zeit setzt sich in den stimmigen Kostümen von Babsi Langbein & Anatol Rieger fort, mit denen ein Athener für Puck sofort an seinem Outfit zu erkennen ist und sich die Elfen deutlich von den Sterblichen mit zarten Gewändern abheben. Wie es ihnen gelungen ist, dass der Esel beim Reden sein Maul fast natürlich bewegt, bleibt wohl ihr Geheimnis. Als Theseus ist Peter Windhofer das lebende Abbild eines Helden, der sich auf die Hochzeitsnacht mit einer eher distanzierten Hippolyta freut. Susanna Hirschler lässt mit eher verschlossener Mimik keinen Zweifel daran, dass sie diesem Mann recht unwillig in das Ehebett folgen wird. Die beiden sind auch in der Feenwelt zugange. Windhofer ist als Oberon eine unernste Erscheinung, der mit seinem windigen Adlatus recht seltsame Aktionen ausführt. Hirschler ist hingegen eine würdige Titania, die diesen Umtrieben bekanntlich schmerzlich auf den Leim geht. Große Schuld daran trägt Puck, dem Caroline Vasicek nicht nur charmanten Schabernack, sondern in originellen Gesangseinlagen auch eine beachtliche Stimme verleiht. Auf ihr Konto geht auch, dass sich vier Teenager ordentlich in die Haare kriegen. Lysander (Fabian Spatzek) liebt Hermia (Michelle Härle), deren Vater Egeus (Christan Spatzek) Demetrius (Manuel Sonnleitner) als Schweigersohn erwählt hat. Auf der Strecke bliebe Selina Heindl als Helena, die bis zur Selbstaufgabe in Demetrius verknallt ist. Pucks schlimmster Streich gilt aber dem Protagonisten eines Laienensembles, den er in einen Esel und damit in Titanias haarigen Liebhaber verwandelt. Unterbrochen wird damit die Probe, die Peter Squenz für die große Aufführung am Königshof anlässlich der Hochzeit leitet.
Der Talisman, Ensemble © Ingo Folie DER TALISMAN Eine Verbeugung vor allen „Kupferdachln“
Nestroy lässt kein gutes Haar an Schwarzgelockten, Blonden, Brünetten und nicht einmal in Ehren Ergrauten. Sein Held bekam von der Natur aus einen roten Kopfschmuck mit ins Leben und wird damit zum Außenseiter, zum schwarzen Schaf in der blöd blökenden Herde der Weißen. Die Zeiten haben sich diesbezüglich zwar geändert und rot hat sich zu einer Modefarbe weiblicher Frisuren gewandelt. Geblieben ist aber die Skepsis gegenüber Individuen, die sich nicht in den Mainstream fügen wollen oder können; sei es, weil sie sich von den Lastern der Allgemeinheit fern halten oder Gedanken wälzen, die für eine intellektuell unterlegene Mehrheit nicht nachvollziehbar sind. Früher wurden solche Menschen als Sektierer oder Hexen verbrannt, heute werden sie als unerträgliche Sonderlinge mittel Social Media angepöbelt und ausgestoßen; was im Grund auf das Gleiche herauskommt. Nestroy konnte sich in „Der Talisman“ an das Phänomen einer Pigmentarmut halten, wenn er seinem Titus Feuerfuchs eine schwarze Perücke zukommen lässt und ihm damit letztlich trügerische Erfolge beschert. Dass dabei seitens der von ihm Gescholtenen von Herzen gelacht werden kann, ist seinem unvergleichlichen Wortwitz und dem obligaten Happy End zu verdanken. Christian Spatzek stellt für die Stockerauer Festspiele eine quasi klassische Inszenierung dieser Komödie auf die von Manfred Waba konsequent biedermeierlich gestaltete Bühne. Die von Barbara Langbein entworfenen Kostüme tragen wesentlich zur allgemeinen Stimmigkeit bei. Das Ensemble ist dicht gespickt mit prominenten Namen, die alle erstens die Sprache Nostroys bravourös beherrschen und zweitens ihren jeweiligen Figuren noch einiges an Spielfreude draufsetzen. So wuchtet sich Peter Josch als patscherter Plutzerkern durch den Garten von Flora Baumscheer (Claudia Rhonefeld), die sich ihrerseits von schwarzen Locken zur Übertretung eines feierlichen Versprechens an ihren verblichenen Gatten verführen lässt. Nadja Maleh als Kammerfrau Constantia vergisst aus selbigem Grund umgehend auf ihren Bräutigam Monsieur Marquis (Christian Spatzek), dem Friseur der betagten Frau von Cypressenburg. Ulli Fessl kokettiert ungeniert mit der verbliebenen Lust am jungen Blondeau und verschwendet keinen Gedanken daran, dass dieser Mann eventuell besser zu ihrer Tochter Emma (Lisa Marie Bachlechner) passen könnte. Zur Musik von Peter Uwiras Akkordeon tanzt ausgelassen die Dorfjugend und überschüttet Salome Pockerl mit Spott und Hohn. Es gibt ja eine Menge böser Ausdrücke wie Kupferdachl, Feuerkopf oder Karottenschädel. Eine berührende Caroline Vasicek gibt die Hüterin der Gänse (eine reizende Idee, das weiße Geflügel in ihrem Gefolge watscheln zu lassen) und sie verfügt in dieser Rolle über eben eine derart verpönte Haartracht. Ihre Argumentation, dass Rot „doch g´wiß a schöne Farb´“ wär´, wie die edlen Rosen oder das prächtige Morgenrot, geht ins Leere.
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