Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ein Sommernachtstraum, Ensemble und Bühne © Johannes Ehn

Ein Sommernachtstraum, Ensemble und Bühne © Johannes Ehn

EIN SOMMERNACHTSTRAUM

zur wundersamen Klärung von Konflikten

Susanna Hirschler als Titania mit Elfen © Johannes Ehn

Susanna Hirschler als Titania mit Elfen © Johannes Ehn

Ein Shakespeare zum 70er als fantastisches Geschenk des Intendanten

Wir sind im alten Griechenland, genauer gesagt, in Athen. Der legendäre Held Theseus will die von ihm überwundene Königin der Amazonen heiraten, während im Stockwerk darüber, also in der Feenwelt, Oberon mit seiner Gattin um einen wunderschönen Knaben streitet. Dazu kommen zwei Paare, deren Liebesverhältnisse nicht den Vorstellungen des Brautvaters entsprechen. Als Draufgabe gibt es ambitionierte Handwerker, die anlässlich der anberaumten Hochzeit eine klassische Tragödie zum Besten geben wollen. William Shakespeare lässt diese vier Handlungsstränge in einem Traum zusammenlaufen, in dem ein Kobold namens Puck Regie führt. „Der Sommernachtsraum“ ist trotz dieses nicht unkomplizierten Aufbaus eines seiner meist gespielten Dramen, da es große amouröse Emotionen, kleinliche Befindlichkeiten und derbe Komik über die Antike hinaus zeitlos verbindet.

Ein Sommernachttraum, Ensemble © Johannes Ehn

Ein Sommernachtstraum, Ensemble © Johannes Ehn

Fabian Spatzek, Michelle Härle, Selina Heindl, Manuel Sonnleitner © Johannes Ehn

Fabian Spatzek, Michelle Härle, Selina Heindl, Manuel Sonnleitner © Johannes Ehn

Christian Spatzek ist erfolgreicher Intendant der Festspiele Stockerau und Spezialist für Johann Nestroy. Dennoch war es ein lang gehegter Wunsch, zu seinem 70. Geburtstag ein ganz großes Werk, eben diesen Shakespeare zu inszenieren. Er hat sich dabei klugerweise auf keine Experimente à la Regiertheater eingelassen und das vielschichtige Geschehen solide auf eine von Manfred Waba geschaffene Bühne gestellt. Im Handumdrehen wird aus dem eleganten Königspalast mit Zentauren und Götterstatuen ein geheimnisvoller Wald, in dem die Geister das Sagen haben. Dazu kommen Musik und Songs, die Peter Uwira nicht nur auf dem Keyboard spielt, sondern selbst dazu komponiert hat, nicht ohne deutliche Anklänge an den berühmten Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Treue an der Zeit setzt sich in den stimmigen Kostümen von Babsi Langbein & Anatol Rieger fort, mit denen ein Athener für Puck sofort an seinem Outfit zu erkennen ist und sich die Elfen deutlich von den Sterblichen mit zarten Gewändern abheben. Wie es ihnen gelungen ist, dass der Esel beim Reden sein Maul fast natürlich bewegt, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Die Handwerker bei der Probe © Johannes Ehn

Die Handwerker bei der Probe © Johannes Ehn

Die Handwerker bei der Aufführung © Johannes Ehn

Die Handwerker bei der Aufführung © Johannes Ehn

Als Theseus ist Peter Windhofer das lebende Abbild eines Helden, der sich auf die Hochzeitsnacht mit einer eher distanzierten Hippolyta freut. Susanna Hirschler lässt mit eher verschlossener Mimik keinen Zweifel daran, dass sie diesem Mann recht unwillig in das Ehebett folgen wird. Die beiden sind auch in der Feenwelt zugange. Windhofer ist als Oberon eine unernste Erscheinung, der mit seinem windigen Adlatus recht seltsame Aktionen ausführt. Hirschler ist hingegen eine würdige Titania, die diesen Umtrieben bekanntlich schmerzlich auf den Leim geht. Große Schuld daran trägt Puck, dem Caroline Vasicek nicht nur charmanten Schabernack, sondern in originellen Gesangseinlagen auch eine beachtliche Stimme verleiht. Auf ihr Konto geht auch, dass sich vier Teenager ordentlich in die Haare kriegen. Lysander (Fabian Spatzek) liebt Hermia (Michelle Härle), deren Vater Egeus (Christan Spatzek) Demetrius (Manuel Sonnleitner) als Schweigersohn erwählt hat. Auf der Strecke bliebe Selina Heindl als Helena, die bis zur Selbstaufgabe in Demetrius verknallt ist. Pucks schlimmster Streich gilt aber dem Protagonisten eines Laienensembles, den er in einen Esel und damit in Titanias haarigen Liebhaber verwandelt. Unterbrochen wird damit die Probe, die Peter Squenz für die große Aufführung am Königshof anlässlich der Hochzeit leitet.

Peter Josch ist Textdichter, Dramaturg und Regisseur in einer Person. Mit Engelsgeduld versucht er einem Haufen untalentierter Handwerkskollegen ein Schauspiel einzutrichtern. Versammelt wurde dazu eine namhafte Riege an Komikern, die aus der sogenannten Rüpelkomödie ein Fest fröhlicher Unterhaltung machen. Christoph Fälbl erntet die Lacher unter anderem als Wand, die sich zwischen Niklas Zettel und Franz Flaut aufbaut. Andreas Lust ist der Tragöde, der als Pyramus mit großem Pathos und mehrfachen Erstechen seiner selbst sogar die edlen Zuschauer bei Hofe zu Tränen (allerdings des Lachens) rührt. Ihm gegenüber steht der bärtige Reinhard Nowak als Thisbe mit roten Wangen, einem verführerischen Kleidchen über behaarten Beinen und spaßig bemühter Fistelstimme. Das entscheidende Kompliment des Fürsten räumt Franz Suhrada als Schnock ab: „Gut gebrüllt, Löwe!“ Zusammengeführt hat sie alle jedoch eine Nacht, deren seltsame Ereignisse allzu gern in das Land der Träume abgeschoben und damit tunlichst ungeschehen gemacht werden sollten.

Caroline Vasicek als Puck © Johannes Ehn

Caroline Vasicek als Puck © Johannes Ehn

Der Talisman, Ensemble © Ingo Folie

Der Talisman, Ensemble © Ingo Folie

DER TALISMAN Eine Verbeugung vor allen „Kupferdachln“

Christoph Fälbl, Christian Spatzek © Ingo Folie

Christoph Fälbl, Christian Spatzek © Ingo Folie

Die grandios launige Inszenierung einer hochmoralischen Posse

Nestroy lässt kein gutes Haar an Schwarzgelockten, Blonden, Brünetten und nicht einmal in Ehren Ergrauten. Sein Held bekam von der Natur aus einen roten Kopfschmuck mit ins Leben und wird damit zum Außenseiter, zum schwarzen Schaf in der blöd blökenden Herde der Weißen. Die Zeiten haben sich diesbezüglich zwar geändert und rot hat sich zu einer Modefarbe weiblicher Frisuren gewandelt. Geblieben ist aber die Skepsis gegenüber Individuen, die sich nicht in den Mainstream fügen wollen oder können; sei es, weil sie sich von den Lastern der Allgemeinheit fern halten oder Gedanken wälzen, die für eine intellektuell unterlegene Mehrheit nicht nachvollziehbar sind. Früher wurden solche Menschen als Sektierer oder Hexen verbrannt, heute werden sie als unerträgliche Sonderlinge mittel Social Media angepöbelt und ausgestoßen; was im Grund auf das Gleiche herauskommt. Nestroy konnte sich in „Der Talisman“ an das Phänomen einer Pigmentarmut halten, wenn er seinem Titus Feuerfuchs eine schwarze Perücke zukommen lässt und ihm damit letztlich trügerische Erfolge beschert. Dass dabei seitens der von ihm Gescholtenen von Herzen gelacht werden kann, ist seinem unvergleichlichen Wortwitz und dem obligaten Happy End zu verdanken.

Caroline Vasicek © Ingo Folie

Caroline Vasicek © Ingo Folie

Christoph Fälbl © Ingo Folie

Christoph Fälbl © Ingo Folie

Christian Spatzek stellt für die Stockerauer Festspiele eine quasi klassische Inszenierung dieser Komödie auf die von Manfred Waba konsequent biedermeierlich gestaltete Bühne. Die von Barbara Langbein entworfenen Kostüme tragen wesentlich zur allgemeinen Stimmigkeit bei. Das Ensemble ist dicht gespickt mit prominenten Namen, die alle erstens die Sprache Nostroys bravourös beherrschen und zweitens ihren jeweiligen Figuren noch einiges an Spielfreude draufsetzen. So wuchtet sich Peter Josch als patscherter Plutzerkern durch den Garten von Flora Baumscheer (Claudia Rhonefeld), die sich ihrerseits von schwarzen Locken zur Übertretung eines feierlichen Versprechens an ihren verblichenen Gatten verführen lässt. Nadja Maleh als Kammerfrau Constantia vergisst aus selbigem Grund umgehend auf ihren Bräutigam Monsieur Marquis (Christian Spatzek), dem Friseur der betagten Frau von Cypressenburg. Ulli Fessl kokettiert ungeniert mit der verbliebenen Lust am jungen Blondeau und verschwendet keinen Gedanken daran, dass dieser Mann eventuell besser zu ihrer Tochter Emma (Lisa Marie Bachlechner) passen könnte.

Ulli Fessl, Lisa Marie Bachlechner © Ingo Folie

Ulli Fessl, Lisa Marie Bachlechner © Ingo Folie

Peter Josch, Ensemble © Ingo Folie

Peter Josch, Ensemble © Ingo Folie

Zur Musik von Peter Uwiras Akkordeon tanzt ausgelassen die Dorfjugend und überschüttet Salome Pockerl mit Spott und Hohn. Es gibt ja eine Menge böser Ausdrücke wie Kupferdachl, Feuerkopf oder Karottenschädel. Eine berührende Caroline Vasicek gibt die Hüterin der Gänse (eine reizende Idee, das weiße Geflügel in ihrem Gefolge watscheln zu lassen) und sie verfügt in dieser Rolle über eben eine derart verpönte Haartracht. Ihre Argumentation, dass Rot „doch g´wiß a schöne Farb´“ wär´, wie die edlen Rosen oder das prächtige Morgenrot, geht ins Leere.

Der Polterer vom Dienst ist Stephan Paryla Raky. Sein Deus ex machina namens Spund, seines Zeichens vermögender Bierversilberer, wendet das Schicksal seines Vetters Titus schließlich zum Guten, allerdings nur unter dem Vorzeichen, dass dieser in einer einzigen Nacht ergraut wäre. Christoph Fälbl schafft eine Ahnung, wie einst Nestroy selbst diese Rolle angelegt haben könnte. Schwarzer Zynismus nicht zuletzt in den Couplets und unübertroffene Eloquenz pointierter Formulierungen vereinigt sich mit ausgelassener Komik. Titus dringt sogar vor bis zur Selbsterkenntnis, dass er unter diversen Perücken ja ganz genau der selbe Unmensch wie alle anderen ist. Deswegen schlägt er als Alleinerbe diverse Anträge der gut gestellten Damen aus. Geheiratet wird Salome. Seinem Vetter erklärt er den Grund dafür: „Die roten Haar´ mißfallen Ihnen, sie missfallen fast allgemein. Warum aber? Weil der Anblick zu ungewöhnlich is; wann´s recht viel´ gäbet, käm´ die Sach´ in Schwung.“ Und dafür können die beiden Rotschöpfe in aller Liebe „zu dieser Vervielfältigung das unsrige beitragen.

Peter Uwira als unermüdliches „Orchester“ © Ingo Folie

Peter Uwira als unermüdliches „Orchester“ © Ingo Folie

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