Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

DIE GEREIZTE REPUBLIK Den Untergang des österr. Imperiums daherjammern

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

Eine ans Absurde reichende Satire über das intellektuelle Prekariat

Journalisten, die gefragt sind, begeben sich zum Gedankenaustausch in das Forum Alpbach. Andere, die nicht so gut im Geschäft stehen, müssen mit dem Semmering vorlieb nehmen. Also trifft man sich, ganz wie im Decamerone knapp 100 Kilometer von der Stadt entfernt und beschließt, für zwei Tage das Handy abzugeben und miteinander zu reden. Diese Abkehr vom Tagesgeschäft hat System und Tradition. Man erinnert sich gern, was der eine da vor einem Jahr gesagt hat und was der andere dort passiert ist, um homerisch darüber zu lachen. Es dauert aber nicht lang und schon ist Jammern angesagt. Denn die vier Frauen und vier Männer haben sich im Grunde nichts zu sagen. Die Fassade der Angeberei ist bald abgeblättert und übrig bleiben hackenstade Journalisten, die mit unzulänglichen Überlebensversuchen ihr einziges Können, eben das Schreiben, über die restliche Lebensdistanz, sprich Zukunft, zu retten versuchen. Ein einziger von ihnen hat´s zu was gebracht. Er ist geschäftsführender Chefredakteur eines großen Boulevardblattes. Um seine fetten Angebote anzunehmen, sind sich die Herrschaften zu gut.

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Sie ziehen es eher vor, der aktuellen Regierung die Schuld an ihrer Misere zu geben. Unwillkürlich ist man an den uralten Witz erinnert, in dem ein besoffener Bauer im Wirtshaus randaliert und die Gendarmen anbrüllt, dass er die ganze Regierung kaufen werde. Als die ihn einsperren, kommt seine Frau auf den Posten und fragt, was er denn verbrochen hätte. Als sie hört, was er gesagt hat, meint sie nur beschwichtigend, dass er im Rausch immer wieder den größten Blödsinn kaufen würde. So kauen die Frauen bis zum Überdruss uralten Feminismus wieder und die Männer erörtern in der Dialektik der 1970er-Jahre sattsam bekannte Probleme, ohne sich nur ansatzweise an einer längst eingetretenen Wirklichkeit zu orientieren.

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

Ed. Hauswirth hat mit dem Ensemble das Stück mit dem stattlichen Titel „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ erarbeitet. Es enthält alles, was eine gute Satire am Theater ausmacht, von der Hirschbrunft, mit der die Männer einander aus dem Feld röhren wollen, bis zum fein formulierten Stutenbeißen der Frauen. Die einzelnen Darsteller überzeichnen gekonnt das Lamento einer nunmehr von den politischen Futtertrögen weg gesperrten linken Gesellschaft.

Die sanfte Dora (Juliette Eröd) bringt es auf den Punkt, wenn sie sich wortreich in gedankliche Höhenflüge versteigt, denen keiner der Anwesenden, schon gar nicht der bescheidene Leser einer ihrer Publikationen  verstandesmäßig folgen könnte. Der Vater ihrer Kinder ist überhaupt ein armes Würstel. Lorenz Kabas gibt einen stillen Clemens, der vergebens um Dora und um sein eignes Fortkommen kämpft. Die junge Birgit (Lisa Schrammel) möchte ausgerechnet vom längst ausgebrannten Frank (Jens Claßen) ein Kind und scheitert sehenswert mit ihren Versuchen, ihn von Drogen und Spinnereien wieder in ein normales Leben zurück zu führen. Harry ist die ideale Rolle für Georg Schubert, der zuerst lässig vom Redenschreiben für hochrangige Politiker spricht, später über die Pistole für den Selbstmord referiert, bis er sich beim Einschlagen eines Nagels den Arm auskegelt. Als ihm Dora diesen wieder einrichtet, stellt sich sein Guter mächtig auf, was er auf die weibliche Hilfe zurückführt und düpiert dabei seine Lebensgefährtin Barbara (Beatrix Brunschko).

Der letzte Rest von Freundlichkeit verschwindet, wenn die einstmals erfolgreiche Journalistin Linde (Monika Klengel) ihren ehemaligen Volontär und jetzigen Chefredakteur Markus (Raphael Nicholas fast nackt an der Ukulele ein Erlebnis) erbärmlich blutig prügelt. Man lacht dazu, wo es eigentlich nichts zum Lachen gibt. Aber das haben die Produktionen des TAG so an sich. Sie sind jedesmal garantiert noch nie dagewesenes Theater, dem man sich ruhig ausliefern darf, um danach draufzukommen, dass man es trotzdem gesehen haben muss.

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

UNterm Strich Jahrmarkt der Eitelkeit Ensemble © Anna Stöcher

UNTERM STRICH: Im Grund genommen sind wir alle Loser

Georg Schubert, Petra Strasser © Anna Stöcher

Was sonst steigert deinen Marktwert mehr als die Eitelkeit?!

Margit Mezgolich, bewährte Autorin für das TAG, vergreift sich in „UNTERM STRICH Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“ ausgerechnet an den Damen und Herren, die ihre Stücke auf der Bühne umsetzen sollen. Fünf Schauspieler, die 1989 gemeinsam ihre Lehre abgeschlossen haben, vereinbaren 29 Jahre danach ein Klassentreffen. Was ist aus dieser oder jenem geworden? Die Neugier ist groß, aber größer das Bedürfnis, gegenüber den anderen nicht als Verlierer dastehen zu müssen. Die Initiative dazu ist von Stefan ausgegangen, einem richtig crazy Typen, der irgendwo in ländlicher Einsamkeit mit improvisierten Möbeln und einem Haus ohne Fenster zu leben vorgibt. Er empfängt seine Gäste im selben barocken Kostüm, das er bei einer Abschlussvorstellung der Schauspielschule getragen hat. Er stellt sich, nachdem sich alle zusammengedoodelt haben und erschienen sind, als Spielleiter vor. Er versteht es, die Zeit zurück zu drehen und die vier anderen durch die zurückgelegten Jahre ihre Rollen bis in die Gegenwart herauf mit ihren durchwegs verpfuschten Leben durchspielen zu lassen.

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Sie sind, und er macht daraus kein Hehl, seine Marionetten, denen er ihr Ende mit dem Satz „Kommt lasst uns die Puppen in die Kiste stecken, denn unser Spiel ist aus“ klarmacht. Er ist der geheimnisvolle Magier, dem alle, wenn auch murrend, den ganzen Abend lang brav gehorchen und nichteinmal groß maulen, als der Gruß aus Küche leider nicht serviert werden kann, weil er verbrannt ist.

Jens Claßen, Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Raphael Nicholas ist Spielleiter Stefan, der seine Besucher mit dem Akkordeon und einem Saxophon blendend unterhält, wenn er nicht gerade im viktorianischen Pathos Selbstverständlichkeiten aus dem „Jahrmarkt der Eitelkeit“ von William Makepeace Thackeray (erschienen 1849) deklamiert, um damit das Spiel der Betroffenen zu lenken. Der einzige, der es als Schauspieler wirklich zu was gebracht hat, ist nicht erschienen. Dafür aber der goscherte und längst glatzerte Martin (Georg Schubert).

Seinerzeit hat er mit blonder Mähne die Mädels reihenweise nur so umgelegt, auch die aus gutem Hause stammende Emma (Lisa Schrammel). Wegen einer Schwangerschaft hat sie ein Engagement am Volkstheater sausen lassen und aufgrund seelischer Aufgewühltheit nach einem entdeckten Seitensprung Martins einen Unfall gebaut, der ihr ein steifes Bein eingebracht hat. Einer, der nie zu Wort kommt, weil der denkt, bevor er redet, ist Richard (Jens Claßen). In seinem erlernten Beruf hat er es zu nichts gebracht, jedoch als Unternehmer, da hat er Millionen gescheffelt. Aber was bringt das ganze Geld, wenn er die Frau, die er heimlich liebt, eben Emma, nicht bekommt. Am ehesten kommt die bestens gestellte Becky (Petra Strasser) mit ihrer Erfolglosigkeit zurande. Bei jeder der Lebensstationen, in die das Ensemble in die Vergangenheit zurück geschickt wird, hat sie ein neues Projekt oder eine andere Partnerschaft, unter anderem auch einen Geschäftsmann, der sein Büro in den Twin Towers hatte, als die Flugzeuge reinkrachten, und just an diesem Tag mit einem Flittchen an einem Strand sicher in der Sonne gelegen ist.

 

Weltgeschichte von 1989 bis 2018 wird also aufgerollt, mit Humor und in der schrägen Weise, wie man sie am TAG, dem Theater an der Gumpendorfer Straße, seit der Aera Gernot Plass schätzt.

Sehr viel tragen dazu auch die damit beschäftigten Schauspieler bei, die keinerlei Problem haben, mit Perücken und ein paar Vintage-Klamotten virtuos durch die Lebenszeit ihrer Figuren zu springen. Jede und jeder von ihnen kommt authentisch rüber, ob als Zwanzigjähriger Aufreißer oder als eine vom Dasein geprügelte Fünfzigjährige. Was sie alle vereint, die Spieler und die Gespielten, ist Eitelkeit, ohne die kein Schauspieler halbwegs überzeugend vor ein Publikum treten könnte.

Lisa Schrammel, Raphael Nicholas © Anna Stöcher
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