Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Glaube Liebe Hoffnung Ensemble © Anna Stöcher

Glaube Liebe Hoffnung Ensemble © Anna Stöcher

GLAUBE LIEBE HOFFNUNG Ein dramatisches Zeitdokument der 1930er-Jahre

Lisa Schrammel, Ensemble © Anna Stöcher

Lisa Schrammel, Ensemble © Anna Stöcher

DALLI DALLI über´s anatomische Institut in die Verzweiflung

Arbeitslosigkeit ist eine stets aktuelle Geißel der wirtschaftlich zivilisierten Menschheit. Dank eines doch hervorragend funktionierenden Sozialsystems hat der Verlust des Jobs und des damit verbundenen Einkommens seine größten Schrecken verloren. Als Ödön von Horváth Anfang der 1930er-Jahre das erschütternde Drama um die ausweglose Situation einer jungen Frau geschrieben hat, war ein solcher Zustand jedoch die Existenz bedrohend. War jemand ausgesteuert, dann gab es nichts mehr, nichts, außer vielleicht Gelegenheitsarbeiten oder die Prostitution gleichermaßen von Frauen wie Männern bei den wenigen, die von dieser Not nicht betroffen waren. Von ewiger Gültigkeit sollten auch die drei Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung sein, waren damals aber bestenfalls eine Angelegenheit derjenigen, die sich den Luxus von Moral leisten konnten. Elisabeth, so heißt die erbarmungswürdige Kreatur, hat lediglich harmlose Schwindeleien begangen, um den Wandergewerbeschein zu erhalten. Ungeschickt, wie sie ist, fasst sie deswegen eine Geldstrafe aus. Um das Geld dafür aufzutreiben, versucht sie ihren Körper im anatomischen Institut zu verkaufen. Der dort beschäftigte Präparator fasst Zuneigung zu ihr. Er streckt ihr die Summe vor, allerdings unter dem Vorwand, dass sie damit ihre Lizenz als Vertreterin bezahlen wolle. Sie wird wegen Betruges zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Durch diese Vorstrafe hat auch die Liebe zwischen ihr und dem jungen Polizisten Alfons keine Chance. Es bleibt nur der Gang ins Wasser...

Jens Claßen als Showmaster © Anna Stöcher

Jens Claßen als Showmaster © Anna Stöcher

Andreas Gaida (Schupo), Lisa Schrammel (Elisabeth) © Anna Stöcher

Andreas Gaida (Alfons), Lisa Schrammel (Elisabeth) © Anna Stöcher

Horváth und sein Koautor Lukas Kristl nennen das Stück einen kleinen Totentanz in 5 Bildern. Als solcher wird er mit dem Ensemble des TAG-Theaters zum bitter komischen Ballett in der kompromisslosen Choreographie von Georg Schmiedleitner. Rahmenhandlung ist die TV-Show DALLI DALLI mit Jens Claßen als stets lustigen und zynisch aufmunternden Moderator und Gesangseinlagen in Form von deutschen Schnulzen. Ein Versatzstück jüngster Fernsehunterhaltung gibt es mit „Die Höhle des Löwen“, als die Investoren Michaela Casper, Andreas Gaida, Petra Strasser und Georg Schubert mit der ratlosen Elisabeth ihre reinste Hetz haben. In dunkle Mäntel gehüllt treten dieselben als Kriminaler auf. In den übrigen Rollen sind Casper die knallharte Chefin für den Versand von Mieder und Reizwäsche, Schubert der Präparator und Petra Strasser die wohlmeinende Frau Amtsgerichtsrat. Der junge Schupo Alfons (Andreas Gaida) hätte gute Lust, das sympathische Mädel Elisabeth zu heiraten, stünden nicht die bekannten Gründe dagegen. Eine großartige Lisa Schrammel konfrontiert letztlich jedoch die ganze Gesellschaft mit deren Verlogenheit und Lieblosigkeit, wenn die von ihr mit mächtigem Einsatz verkörperte Elisabeth den einzigen Ausweg in einer Flucht aus ihrem Leben sieht.

Jen Claßen, Alina Schaller, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Jen Claßen, Alina Schaller, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

DIE ÜBERFLÜSSIGEN Wenn sich der Lebenssinn vertschüsst

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Ein Pas de deux in ein Burnout der Wunschlosigkeit

Das Ensemble des TAG könnte, wie man früher gesagt hat, das Telefonbuch herunterspielen und keine der 110 Minuten wäre vergeudet. Wie kurzweilig muss dann erst eine hochintelligente Überschreibung von Anton Tschechows „Iwanow“ sein?! Die Theatermacherin Sina Heiss hat das zwischen Komödie und Tragödie pendelnde Stück aus dem Jahr 1887 in die Nähe der Gegenwart Wiens transferiert und mit Tiefsinn enthaltenden Gesprächen auf diese Bühne perfekt zugeschnitten. Wo Worte zu viel oder zu laut wären, bemüht sie den Tanz. Die Musik dazu liefert ein ganz normaler, altmodischer Plattenspieler, der mehr oder weniger gekonnt von den Darstellern bedient wird. Junge, verbotene Liebe wird zum gefühlvollen Pas de deux und Ratlosigkeit zu einem ineinander Drehen und Schwingen des Corps de Ballett. Der sich durch den Abend ziehende rote Faden ist eine Antriebslosigkeit, die Menschen unvermittelt überfällt, meistens völlig unvorbereitet und zu einem im Stück angesprochenen Paradoxon führt. Es geht ums Zeit sparen, um sie später tot schlagen zu können. Man nennt es auch Burnout, was viel besser klingt und in unserer saturierten Gesellschaft, die krampfhaft nach offenen Wünschen sucht, nicht selten wie ein Verdienstkreuz am Revers getragen wird.

Georg Schubert © Anna Stöcher

Georg Schubert © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Zurück zum Ensemble: Georg Schubert ist Michael, ein gewöhnungsbedürftiger, vom Alkohohl gestählter Pointendrescher und wesentlicher Mitarbeiter in der Firma von Nicki (im Original: Nikolaj Aleksejevitsch Iwanow). Sein Gegenspieler Konstantin (Jens Claßen), ein Arzt, der liebevoll die todkranke Gattin Nickis zu behandeln versucht, weiß um die Vergeblichkeit seines Bemühens. Michaela Kaspar als Anna muss ausgerechnet an ihrem Geburtstagsfest dahinter kommen, dass ihre Masseuse, die blutjunge Alex (Alina Schaller), ihr den Mann auszuspannen versucht. Aufgerieben wird dazwischen Nicki, den Raphael Nicholas unentschlossen und sinnentleert mit wirrem Haar und irrem Blick durch seine an sich kleine Welt taumeln lässt. Die Kulisse dazu sind Schnüre, die als transparente Wände verschoben werden können, und die Ausstattung ist ein Schachspiel, in dem im Laufe des Geschehens zwar ohne jede Strategie gezogen wird, und das dennoch mit einem Schachmatt all der Überschüssigen endet.

Ödipus, Ensemble © Anna Stöcher

Ödipus, Ensemble © Anna Stöcher

ÖDIPUS Endlich einmal lachen in der ganzen Misere

Stefan Lasko, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Der Beweis, dass man sich über Orakel, Seher & Co köstlich lustig machen kann

Etliche Jahrhunderte nach Sophokles haben sich nun zwei Theatermenschen des zutiefst tragischen Stoffes um den vom Schicksal geschlagenen König Ödipus angenommen. Kaja Dymnicki und Alexander Pschill haben haarscharf erkannt, dass all das scheinbar Unausweichliche nur deswegen passiert ist, weil sämtliche Beteiligte in einer Form des Kadavergehorsams die an sich schrecklichen Aussichten ernst genommen und ihr gesamtes Handeln darauf ausgerichtet haben. Die daraus entstandene Tragödie wird umgehend zur Komödie, wenn man sich von dieser Zukunftsangst löst und den ganzen Krempel von Weissagungen einfach im großen Mistkübel mit der Aufschrift „Das Unnötigste im Leben“ entsorgt. Wenn die beiden Autoren dazu noch über kabarettistischen Wortwitz verfügen, dann wird daraus eine flotte „lachhafte“ Posse, die im Verlauf von gut zwei Stunden auch dem ernsthaftesten Altphilologen zumindest ein Schmunzeln entlockt.

Jens Claßen, Georg Schubert © Anna Stöcher

Jens Claßen, Georg Schubert © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Florian Carove © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Florian Carove © Anna Stöcher

Mit dem Ensemble des TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße) ist es das geringste Problem, eine stattliche Reihe von Rollen und sogar den Chor des antiken Theaters zu bestreiten. Die Damen und Herren sind es gewöhnt, sich in Sekundenschnelle in eine andere Person zu verwandeln und das Publikum mit dieser nahezu affenartigen Behändigkeit zu verblüffen. So gelingt es auch im Falle von „Ödipus“, die illustre Gästeschar einer Party mit einem Quartett zu bestreiten. Florian Carove und Julia Edtmeier sind in der ersten Hälfte das lästige Ratepaar Janus und Isabella Sphinkt, um später in seinem Fall als blinder Seher Theresias mit enormem Einsatz seiner Komik einen nie geschehenen Mord aufzuklären und sie als pubertierende Tochter Antigone mit dem peinlichen Verhalten ihrer angeblichen Eltern zu hadern. Dazu muss gesagt werden, dass sich das Ganze in der Gegenwart abspielt. König Laios (Georg Schubert) ist ein ganz normaler Politiker – äh – Herrscher, der aus Korruption, subtiler Brutalität und entsprechendem Koks-Konsum kein Hehl macht.  Mit seiner Gattin Iokaste (Michaela Kaspar) veranstaltet er im Beisein seines coolen Schwagers Kreon (Raphael Nicholas) ca. 18 Jahre nach Weglegung des Kindes eine Fete.

Raphael Nicholas  © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Der Unheil verkündende Chor © Anna Stöcher

Der Unheil verkündende Chor © Anna Stöcher

Unter den Gästen befindet sich auch ein Ehepaar namens Mayer (Jens Claßen als Polybos, Lisa Schrammel als Merope), das irrtümlich eingeladen wurde, da eigentlich Korruptions-Staatsanwalt Meyer gemeint war. Doch die beiden sind zufällig die guten Leutchen, die das auf einer Parkbank ausgesetzte Baby einst bei sich aufgenommen und als ihren Sohn aufgezogen haben. Während sich die Tische unter Platten mit Fingerfood und Bowle biegen, haben die Zuschauer Gelegenheit, sich unter ihren FFP2-Masken vor Lachen zu krümmen. Einer der Gründe dafür ist Ödipus, ein schlaksiger junger Mann, der mit Begeisterung Rätsel löst und damit die Begehrlichkeit der ihres Gatten längst überdrüssigen Iokaste erweckt. Stefan Lasko spielt erfrischend natürlich den jugendlichen Neurotiker, der ein Abo beim Orakel hat und wenn er nicht mehr weiter weiß, auch das Publikum befragt. Nachdem aufgrund eines Stromausfalls und einer irrtümlich abgefeuerten Kugel Laios leblos am Boden liegt und nach dessen Entsorgung Iokaste den Burschen ehelicht, scheint sich die düstere Prophezeiung erfüllt zu haben. Aber was ist der Schein? Er kann trügen, und wie! Sonst wäre es ja keine lustige Tragödie.

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