Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Raphael Nicholas © Anna Stöcher

DORIAN GRAY. DIE AUFERSTEHUNG im schrägen Kunstmarkt

Dorian Gray. Die Auferstehung. Ensemble © Anna Stöcher

Schöne Jünglinge sind zeitlos gefragte Modelle

Einen ganz g´scheiten Satz sagt Madame Eleonora Raffalovich: „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek.“ Gemeint ist damit die Historikerin Heather Graham, die partout eine neue und gründliche Biographie von Oscar Wilde verfassen will und sich dieses Behufs wegen zu einer Verwandten eines der Personen aus dem Umkreis des irischen Dichters begeben hat. Man trifft sich in deren Wohnung in Wien, wo sich Heather für ihre Arbeit neue Erkenntnisse aus dem Nachlass von Oscar Wilde und John Gray, dem Lebensgefährten Wildes erhofft. Beim heimlichen Stöbern auf dem Dachboden steht sie unvermittelt dem berühmten Porträt der Romanfigur Dorian Gray gegenüber. Dass es sich dabei um einen Spiegel handelt, in dem sich Raffalovichs Butler Jirzi in Pose geworfen hat, erkennt sie erst, nachdem sie einen Mords Wirbel auf dem Kunstmarkt losgetreten hat. Galerist Adi Kunz sieht sofort die Chance auf das große Geld, Kurator Daniel Droste die Möglichkeit, damit rauszukommen und Zeitungsschreiber Otto Kraus gewinnbringende Schlagzeilen.

Elisabeth Veit © Anna Stöcher

Ein Betrug erschlägt den nächsten. Es werden Unsummen geboten, auch für ein Leintuch, das von Otto und seinem Toyboy Chris Crisp in aller Eile zum Unzuchtslaken von Wild und Gray gefälscht und um 100.000 Pfund versteigert wird. Experten werden bestochen, um ein nachgemaltes Bild mit einem Echtheitszertifikat zu versehen und vom windigen Vertreter Howard mit einer entsprechenden Summe versichern zu lassen. Weil keiner mehr wegschauen will, mutiert Jirzi langsam aber sicher zur Romanfigur, als die er sogar den Kosmetikguru Kurt Lacomb für die Rechte an einem authentischen Dorian Gray Parfüm um eine erkleckliche Summe erleichtert.

Alexander E. Fennon © Anna Stöcher

Die vielseitige Künstlerin Mara Mattuschka hat das Potential erkannt, das für eine beißende Satire auf Kunsthandel und die damit verbundenen Umtriebe in „Das Bildnis des Dorian Gray“ steckt. Sie hat im TAG auch gleich selbst Regie geführt und ein amüsant böses (Spiegel-)Bild dieser Zunft rasant auf die mit Teppichen, Koffern und einem leeren Bilderrahmen ausgestattete Bühne gestellt. Das Ensemble dieses Theaters ist bekanntermaßen in der Bewältigung etlicher Rollen in einem Stück ungemein versiert.

In affenartigem Tempo und mit Hilfe von Peter Paradise (Kostüm) wird aus Georg Schubert Otto Kraus, der seinem Freund unter der Decke einen runterholt, der Versicherer Howard, der professionell von allerlei Gefahren warnt, denen eine Kunstsammlung ausgesetzt sein könnte, bevor er als Kurt Lacomb den alternden Carl Lagerfeld in seiner ganzen Blasiertheit bei einer Talkshow lebendig werden lässt. Flott ist auch Elisabeth Veit. Sie wird im Handumdrehen zur TV-Moderatorin Barbara, zum etwas beschränkten Kommissar Bamminger und zur feministischen Malerin Eva Frank, die sich Knall auf Fall in Heather Graham (Anna Mendelssohn) verliebt, um diese als Kurator Daniel Droste als widerlich abzulehnen. Der wortgewandte Kunsthändler und Besitzer eines Fabergé-Eis Adi Kunz (Alexander E. Fennon) wird über Gustav Knapp, den witzigen Gast der TV-Show, zum Forensiker Bianchi, der seinen nicht unwesentlichen Teil zu den Verwirrungen beiträgt.

Eher ruhig kann es Alexander Braunshör angehen. Eleonora Raffalovic darf meiste Zeit im Fauteuil ruhen, bevor er aus dem Off den Auktionator gibt und mit Perücke den Wiedergänger Oscar Wilde mimt. Raphael Nicholas ist Butler Jirzi, Chris Crisp, Charles, Kuranda, Werbefigur und John Gray, der, kein Geheimnis, das literarische Vorbild für Dorian Gray gewesen ist. In all der Fülle verliert er nie den Überblick und bleibt stets das würdige Modell für dieses nie existierende Bildnis.

Dorian Gray. Die Auferstehung Ensemble © Anna Stöcher

Die Ratten Szenenfoto © Anna Stöcher

DIE RATTEN im Kampf um eine postfötale Existenz

Michaela Kaspar, Jens Claßen © Anna Stöcher

Wenn sich der Naturalismus eines Dramas einer virtuosen Kunstsprache geschlagen geben muss

Der deutsche Dramatiker Gerhard Hauptmann hat vor gut 100 Jahren in seinen Stücken das Milieu auf die Bühne gebracht. Nicht mehr die Helden der Antike, sondern Menschen aus einfachsten Verhältnissen werden bei ihm zu großen Tragödiengestalten, die dabei auch reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wenn sich nun ein österreichischer Autor wie Bernd Liepold-Mosser an eines seiner Stücke heran macht und daraus etwas ganz Neues erschafft, dann ist von vornherein klar, dass auch die Dialoge nicht mehr dieselben sind wie im Original. Dass er aber die armseligen Kreaturen, wie sie beispielsweise in „Die Ratten“ erscheinen, plötzlich wie bestens gebriefte Teilnehmer eines Managerseminars reden, dann entsteht satirische Spannung, die aus der düsteren Handlung eine unterhaltsame Kurzfassung des naturalistischen Klassikers macht. Wenn es um den Streit geht, welche der beiden Frauen das Kind nicht geboren, sondern aus ihrem Leib gepresst hat, wird nicht mit einfachen Verbalinjurien gestritten. Man wirft einander Ausdrücke wie postfötale Existenz für das Neugeborene an den Kopf.

Michaela Kaspar, Lisa Schrammel © Anna Stöcher

Dass daraus nun schwierigste Schwierigkeiten und umständlichste Umstände das absehbare letale Auslaufen dieses kurzen vitalen Projekts und seiner submental veranlagten Produzentinnen bewirken, ist kurz gesagt die Handlung, die auf den Theaterdirektor ebenso wie auf die verkommene Nachbarin verzichtet. Deren Stellen übernimmt ein mehr als neugieriger Nachbar, der als lästiger Aufdecker für das tragische Ende sorgt.

Die Ratten Enssmble © Anna Stöcher

Wo sonst als im TAG, also im Theater an der Gumpendorfer Straße, könnte diese Neuinterpretation Hauptmanns zur Uraufführung gelangen?! Dort und nur dort erwartet man ungewöhnliche und bizarre Bearbeitungen anderswo längst zur Schulpflicht gewordener Bühnenhadern. Freilich gibt es hier auch das entsprechende Ensemble, das die Bocksprünge zwischen Original und Neudichtung behände mitmachen und so interpretieren kann, dass man meint, ein vollkommen neues Stück zu sehen.

Georg Schubert ist der Nachbar mit dem sonnigen Gemüt und den für jede Schandtat aufnahmebereiten Ohren, sofern er nicht als Ratte über den Boden kriechen muss. Als anfangs schwangere Pauline hadert Lisa Schrammel als Angehörige des Prekariats mit ihrem Entschluss, die unwillkommene Leibesfrucht mit ihr gemeinsam in der Donau zu ertränken, bis sie von der stets hilfsbereiten Frau John (Michaela Kaspar) gegen gutes Geld davon erlöst wird. Deren Mann ist immerhin eine fixe Größe auf dem Arbeitsmarkt, und das will in Zeiten wie diesen was heißen. Jens Claßen ist der Glückliche, der monatelang wegen seines Jobs von zuhause weg ist und deswegen glauben darf, dass der heiß gehegte Kinderwunsch seiner Frau in Erfüllung gegangen ist. Es wäre ja alles gut, käme nicht Pauline trotz gut bezahltem Fernbleibeversprechen zurück, um das Kind doch an sich zu nehmen, und wäre da nicht der missratene Bruder von Frau John.

Bruno ist eine infizierte Zelle im sozialen Organismus, der sich in der Person von Raphael Nicholas ernsthaft darüber Gedanken macht, mit seiner kriminellen Energie bei den Schauspielern gut aufgehoben zu sein, oder besser bei Politikern und Großindustriellen, die derlei Anlagen ungestraft ausleben könnten. Nachdem er das ergreifende Lied vom Rattennest im Körper eines Mordopfers gesungen hat, geht er daran, den Störfaktor Pauline für seine Schwester aus deren Dasein gewaltsam zu eliminieren.

Die Ratten Ensemble © Anna Stöcher

Kirschgarten Ensemble © Georg Mayer

KIRSCHGARTEN Tschechow in der Fassung für Ungeduldige

Michaela Kaspar, Georg Schubert © Georg Mayer

Ätzende Ignoranten ihres eigenen Untergangs

Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, und davon gleich ein ganzer Garten, von dem man weit und breit mit Bewunderung spricht. Wer hätte da das Herz, diese Pracht mit Axt und Säge zu attackieren? Einen solchen Barbaren gibt es tatsächlich. Lopachin, ein zu sehr viel Geld gekommener Nachkomme ehemaliger Leibeigener dieses russischen Gutes, sieht nur im Abholzen eine Lösung für die prekäre Situation der Besitzerfamilie. Anstelle der Kirschen könnten Sommerhäuser verpachtet werden und die nunmehr leere Börse sowohl der verschwenderischen Ljubow Ranjewskaja als auch deren seltsamen Bruder Leonid Gajew wohltuend füllen. Von diesem noch nicht vorhandenen Geld leben übrigens auch die 17jährige Anja, deren Stiefschwester Warja, der ewige Student Pjotr Trofimow, die Gouvernante Charlotta und der steinalte Diener Firs. Einen guten Teil des Vermögens hat Ranjewskaja in Paris durchgebracht und ist ausgerechnet in dieser Krisensituation heimgekehrt. Weder sie noch ihr Bruder wollen auf das Ansinnen von Lopachin einsteigen und lachen nur darüber.

Karola Niederhuber, Michaela Kaspar © Georg Mayer

Eine realistische Idee, wie man das weitere Auskommen sichern könnte, hat keiner von ihnen. Es wird geredet und geredet und geredet, über Gott und die Welt, über Liebe und Überliebe und das ehrwürdige Alter einer Tür. Geflissentlich wird darauf vergessen, dass das Anwesen in ein paar Tagen versteigert werden soll. Als es dann so weit ist und Lopachin alle aus dem Haus raus wirft, ist der Jammer groß. Ranjewskaja geht wieder nach Paris, die anderen verduften kommentarlos wie die Kirschblüten, lediglich Firs wird im Haus eingesperrt und legt sich friedlich hin zum Sterben.

Raphael Nicholas, Lisa Schrammel © Georg Mayer

Was Anton Pawlowitsch Tschechow für mindestens zweieinhalb Stunden russischer Breite angelegt hat, schafft Arturas Valudskis im TAG locker in 90 MInuten und kommt dabei mit sechs Schauspielern aus, die einen guten Teil der 14 Rollen bestreiten. Es wurde einfach viel gescheites Gelaber gestrichen und die Ignoranz dem eigenen Untergang gegenüber betont. Dazu kommen Gags auf einem Niveau, wie man es vom TAG und seinen stets außergewöhnlichen Literatur-Bearbeitungen erwartet.

Jens Claßen ist ein rückgradloser Lopachin, der den hochmütigen Spott ebenso überhört wie die grundherrliche Abneigung seinem Geld gegenüber. Die noch junge Mamutschka Ranjewskaja wird von Michaela Kaspar entsprechend frivol und weltläufig dargestellt und man möchte nicht glauben, dass es sich bei dieser durch und durch Dame um eine abgebrannte Person handelt. Karola Niederhuber webt als Gouvernante Charlotta mit ihren komödiantischen Einlagen durch das Landgut und weiß nicht so recht, wie sie dazu gekommen ist, in solch trostlosen Weiten Russland zu stranden. Der Zyniker par excellence ist Georg Schubert, dessen Gajew von immer neuen Wechseln phantasiert, um die Schulden umzulegen, und den Rest seiner Zeit mit Frühstücken in der Stadt und ähnlichen Tagdiebereien verbringt. Lisa Schrammel braucht nur das Schürzchen umzulegen, um als Warja auf einen Heiratsantrag von Lopachin zu warten, und dieses wieder abzunehmen, wenn sie als liebreizende Anja mit dem mehr als verschrobenen Pjotr flirtet.

Raphael Nicholas ist der Verwandlungskünstler schlechthin. Als Student Trofimow lässt er keinen Zweifel daran, dass für ihn unnötiges Gerede lebenserhaltend ist, und wird in gebückter Haltung zum alten Firs und in seiner aufdringlichen Untergebenheit zum einzigen Sympathieträger einer ganzen Gesellschaft, die anfangs auf sechs Sesseln im Hintergrund Platz findet. Von dort wird nach und nach aufgebrochen, um zwischen einer Doppeltür und einem Fensterrahmen diese „Komödie ohne Bäume“ abzuhandeln.

Jens Claßen © Georg Mayer

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

DIE GEREIZTE REPUBLIK Den Untergang des österr. Imperiums daherjammern

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

Eine ans Absurde reichende Satire über das intellektuelle Prekariat

Journalisten, die gefragt sind, begeben sich zum Gedankenaustausch in das Forum Alpbach. Andere, die nicht so gut im Geschäft stehen, müssen mit dem Semmering vorlieb nehmen. Also trifft man sich, ganz wie im Decamerone knapp 100 Kilometer von der Stadt entfernt und beschließt, für zwei Tage das Handy abzugeben und miteinander zu reden. Diese Abkehr vom Tagesgeschäft hat System und Tradition. Man erinnert sich gern, was der eine da vor einem Jahr gesagt hat und was der andere dort passiert ist, um homerisch darüber zu lachen. Es dauert aber nicht lang und schon ist Jammern angesagt. Denn die vier Frauen und vier Männer haben sich im Grunde nichts zu sagen. Die Fassade der Angeberei ist bald abgeblättert und übrig bleiben hackenstade Journalisten, die mit unzulänglichen Überlebensversuchen ihr einziges Können, eben das Schreiben, über die restliche Lebensdistanz, sprich Zukunft, zu retten versuchen. Ein einziger von ihnen hat´s zu was gebracht. Er ist geschäftsführender Chefredakteur eines großen Boulevardblattes. Um seine fetten Angebote anzunehmen, sind sich die Herrschaften zu gut.

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Sie ziehen es eher vor, der aktuellen Regierung die Schuld an ihrer Misere zu geben. Unwillkürlich ist man an den uralten Witz erinnert, in dem ein besoffener Bauer im Wirtshaus randaliert und die Gendarmen anbrüllt, dass er die ganze Regierung kaufen werde. Als die ihn einsperren, kommt seine Frau auf den Posten und fragt, was er denn verbrochen hätte. Als sie hört, was er gesagt hat, meint sie nur beschwichtigend, dass er im Rausch immer wieder den größten Blödsinn kaufen würde. So kauen die Frauen bis zum Überdruss uralten Feminismus wieder und die Männer erörtern in der Dialektik der 1970er-Jahre sattsam bekannte Probleme, ohne sich nur ansatzweise an einer längst eingetretenen Wirklichkeit zu orientieren.

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher

Ed. Hauswirth hat mit dem Ensemble das Stück mit dem stattlichen Titel „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ erarbeitet. Es enthält alles, was eine gute Satire am Theater ausmacht, von der Hirschbrunft, mit der die Männer einander aus dem Feld röhren wollen, bis zum fein formulierten Stutenbeißen der Frauen. Die einzelnen Darsteller überzeichnen gekonnt das Lamento einer nunmehr von den politischen Futtertrögen weg gesperrten linken Gesellschaft.

Die sanfte Dora (Juliette Eröd) bringt es auf den Punkt, wenn sie sich wortreich in gedankliche Höhenflüge versteigt, denen keiner der Anwesenden, schon gar nicht der bescheidene Leser einer ihrer Publikationen  verstandesmäßig folgen könnte. Der Vater ihrer Kinder ist überhaupt ein armes Würstel. Lorenz Kabas gibt einen stillen Clemens, der vergebens um Dora und um sein eignes Fortkommen kämpft. Die junge Birgit (Lisa Schrammel) möchte ausgerechnet vom längst ausgebrannten Frank (Jens Claßen) ein Kind und scheitert sehenswert mit ihren Versuchen, ihn von Drogen und Spinnereien wieder in ein normales Leben zurück zu führen. Harry ist die ideale Rolle für Georg Schubert, der zuerst lässig vom Redenschreiben für hochrangige Politiker spricht, später über die Pistole für den Selbstmord referiert, bis er sich beim Einschlagen eines Nagels den Arm auskegelt. Als ihm Dora diesen wieder einrichtet, stellt sich sein Guter mächtig auf, was er auf die weibliche Hilfe zurückführt und düpiert dabei seine Lebensgefährtin Barbara (Beatrix Brunschko).

Der letzte Rest von Freundlichkeit verschwindet, wenn die einstmals erfolgreiche Journalistin Linde (Monika Klengel) ihren ehemaligen Volontär und jetzigen Chefredakteur Markus (Raphael Nicholas fast nackt an der Ukulele ein Erlebnis) erbärmlich blutig prügelt. Man lacht dazu, wo es eigentlich nichts zum Lachen gibt. Aber das haben die Produktionen des TAG so an sich. Sie sind jedesmal garantiert noch nie dagewesenes Theater, dem man sich ruhig ausliefern darf, um danach draufzukommen, dass man es trotzdem gesehen haben muss.

Der Untergang des österreichischen Imperiums Ensemble © Anna Stöcher
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