Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

ICH, GALILEO Wahrheit brennt wie „scharfer Toback“

Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

Wenn ein Blick durch das Teleskop Glaubensdogmen erschüttert

„Und sie dreht sich doch!“ soll ein Ausspruch von Galileo Galilei sein, allerdings nur von der Fama überliefert. Wohl deshalb dürfte Gernot Plass, literarisch pointiert schreibender Prinzipal des TAG, auch auf diesen wirksamen Schlussgag verzichtet haben, wenn er dem 1564 in Pisa geborenen Wissenschaftler in „Ich, Galileo“ einen Theaterabend widmet. Plass lässt seinen Helden an seltsam unvernünftig anmutenden Umständen, die seinen empirisch gewonnenen Erkenntnissen entgegenstehen, wortgewaltig verzweifeln. Er braucht dazu nur einen Schauspieler. Für Georg Schubert bieten ein paar wenige Kostüme und der auf ihn zugeschnittene Monolog genügend Möglichkeiten, von Herrn G. über den Menschen G., den Katholiken G., den Skeptiker G. bis zum kleinen Mönch die geistigen Wirren und die Verstocktheit offenbar alles wissender Mächtiger aus dem Jahrhundert nach der Kopernikanischen Zeitenwende in der Gegenwart aufzublättern. Galileo hat schließlich das Teleskop neu entwickelt und mit eigenen Augen die Monde des Jupiter und die Phasen der Venus beobachtet.

Georg Schubert als Galileo mit Alter Ego im Video © Anna Stöcher

Jeder könnte an diesem Gerät Richtung Himmel schauen, aber gewisse Kräfte der Kirche haben zu sehr Angst, das Gleiche wie der Astronom zu sehen und nicht den Rand der Welt mit der sich darüber spannenden himmlischen Sphäre, wie es, basierend auf dem Bericht aus der Genesis, als Dogma des christlichen Glaubens gelehrt wird. Da könnte ja jeder kommen und behaupten, dass die Erde nur einer der Planeten im Sonnensystem ist und damit – Gott bewahre! – den Menschen aus dem Zentrum des Universums stoßen.

Georg Schubert als Galileo mit Videoscreens © Anna Stöcher

Vier Bildschirme sind praktische Assistenten, auf denen immer wieder Schubert in diversen Rollen mit dem auf der Bühne real agierenden laut nachdenkenden Protagonisten interagiert. Es sind bescheidene Mittel, die jedoch große Wirkung hervorbringen. Eine Tiefkühltruhe wird zum Schreibpult, auf dem gleich zu Beginn Galileos Eingeständnis, einem fatalen Irrtum unterlegen zu sein, vor dem Tribunal festgehalten wird. Die Rehabilitation seitens der römisch-katholischen Kirche erfolgte erst 1992(!).

Der beachtliche Zeitraum lässt tief in Abgründe einer Ignoranz blicken, mit der Meinungsmacher durch die Zeiten alles das bis zum brennenden Scheiterhaufen verfolgen, was ihren Interessen entgegenstehen könnte. In einer der dichtesten Szenen wird Schubert zum launig durchgedrehten TV-Moderator. Seine Talkshow nennt sich „Scharfer Toback“. Per Video zugeschaltete Gäste sind ein grantiger Galileo Galilei und der rhetorisch geschliffen argumentierende Bruder Kreutel, der mit überheblichem Lächeln zwischen Anerkennung und Ablehnung eines neuen Weltbildes switcht.

Dass er überhaupt mit einem Ketzer spricht, scheint bereits ein Gnadenakt zu sein, vielleicht auch Respekt vor dem Mann der Wissenschaft, der immerhin Hochschullehrer in Pisa, Professor in Padua und Hofmathematiker in Florenz war. Dass Galileo nicht zum Flammentod verurteilt wurde, sondern „nur“ zu Hausarrest, mag ebenfalls auf dieser Prominenz beruhen. So betrachtet war diese Entscheidung Glück für eine Kirche, die bis heute gewisse Probleme damit hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

Die lebenden Bücher, Ensemble © Anna Stöcher

FAHRENHEIT 451: Das anno 1951 angesagte Ende der Bücher

Georg Schubert (Beatty), Raphael Nicholas (Montag) © Anna Stöcher

Eine nachdenklich machende Bühnenshow zwischen SciFi und längst gewordener Realität

Wenn dich nach einem Theaterbesuch das Handy mit der freundlichen Frage „Wie war es im TAG?“ begrüßt, dann weißt du, dass irgendwo ein Algorithmus gute Arbeit geleistet hat. Nachdem ein Abend im Theater an der Gumpendorfer Straße auch in Corona-Zeiten kein Verbrechen darstellt, zumal dort wie kaum anderswo besonders penibel auf die Einhaltung der von der Regierung angesagten Sicherheitsregeln geachtet wird, kannst du getrost den restlichen Abend mit einem guten Glas Wein genießen und brauchst dir keine weiteren Gedanken zu machen, was man sonst noch alles über dich in diesem ungreifbaren Universum weiß. Vielleicht liest du vor dem Einschlafen sogar noch ein gutes Buch, einen Krimi oder gar einen utopischen Roman über eine Gesellschaft, die keine Langeweile kennt, weil die Wände des Wohnzimmers über 24 Stunden Unterhaltungsprogramm bieten. Sofern du brav zuhause und nicht außerehelich unterwegs bist, stört es auch kaum, dass dort beim späten Telefonat auch das andere Ende der Gesprächsverbindung zu sehen ist.

Michaela Kaspar (Mildred) © Anna Stöcher

Hoppala, den Videoanruf gibt´s ja schon! Und schwupps ist der Zukunftsroman „Fahrenheit 451“ Gegenwart. Einzig mit dem Unterschied, dass derzeit die Feuerwehr noch Brände löscht und nicht deine am Nachtkasterl gehorteten Bücher verbrennt. Dass du vielleicht den Text auf dem Bildschirm deines E-books liest, wird zwar die herkömmlichen Schmöker mit den zwischen zwei Deckel gebundenen Blättern bald ablösen, aber auch darum wäre es schade, denn das öde Fernsehangebot auf der mega TVD-Videowall unterscheidet sich nur geringfügig von den Bildern, mit denen die Bewohner dieses angeblich frei erfundenen Staates systematisch verblödet werden.

Raphael Nicholas (Montag), Jens Claßen (Faber) © Anna Stöcher

Susanne Draxler und Mimu Merz haben die erschreckende Vision, die der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradburry (1920-2012) erstmals in „Galaxy Science Fiction“ 1951 veröffentlicht hat, zu einem packenden Stück Theater konzentriert. 451 °F ist die Temperatur, bei der sich Papier entzündet. Als Brennhilfe wird Kerosin darüber gespritzt. Chef dieser perversen Feuerwehr ist der souverän zynische Captain Beatty (Georg Schubert), der seinen Kameraden tief in die Seele blicken kann.

Er versteht es, mit hohlen Parolen Zusammenhalt bis zum Sieg zu vermitteln. Anfangs ist Feuerwehrmann Montag schwer davon überzeugt. Es obliegt Raphael Nicholas, die Wendung zum nachdenklichen Zweifler dem Zuschauer glaubhaft zu machen. Was ihm auch überzeugend gelingt. Ausgelöst werden seine Skrupel von Lisa Schrammel als Clarisse, einem Mädchen, das sich mit „17 und total von Sinnen“ vorstellt. So wird aus dem Feuerwehrmann und „Hüter der Seelenruhe“ bald ein Buchdieb und –leser. Seine Gattin Mildred (Michaela Kaspar) ist darob klarerweise entsetzt. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine vierte Bildwand, führt am Telefon Smalltalk mit Freundinnen und konsumiert bis zur Bewusstlosigkeit massenweise Glückspillen.

Nach Kurzauftritten als eine Art Conchita Wurst am Telefon und in ungeheuer komischer Paarung mit Schubert als Sanitäter schlägt für Jens Claßen als Literaturprofessor Faber die große Stunde. Er führt den jungen Montag väterlich in die Lektüre ein und nimmt ihn in den Kreis der lebenden Bücher auf, allesamt bibliophile Narren, die den zuletzt unzulänglichen Versuch unternehmen, Bücher auswendig zu lernen und so die Weltliteratur für eine Zeit nach diesem Wahnsinn der Menschheit zu erhalten.

Lisa Schrammel (Clarisse) © Anna Stöcher

Petra Strasser am Morgen nach gemietetem Sex © Anna Stöcher

REIGEN eines Ringelspiels sexueller Nichtbefriedigung

Raphael Nicholas als Musicalstar © Anna Stöcher

Wird heutzutage wirklich nur mehr zerredet statt gebummst?

Arthur Schnitzler hat in seinem Skandalstück „Reigen“ vorgezeigt, wie man Sex statt Liebe macht und dabei einen Kreisel von allseits nichtglücklich machenden Affären flott zum Drehen bringt. Damals barg unkontrollierter Beischlaf zumindest noch etliche Risiken. So konnte sie schwanger werden, er hatte die Chance auf eine unter Umständen tödlich verlaufende Geschlechtskrankheit. Abgesehen von Aids, das nach Vorweis eines aktuellen Blutspenderausweises mit großer Sicherheit auszuschließen ist, gibt es in unseren Pillen- und Kondomtagen kaum mehr Hindernisse, frisch fröhlich drauflos zu schnackseln. Sollte man meinen. Thomas Richter, Schauspieler, Theatermusiker und Bühnenautor, zeigt uns in dem von ihm verfassten „Reigen“ eine ganz andere Welt. Sex ist out! Drüber reden ist nur bedingt erlaubt und dran zu denken zählt bereits als mords Schweinerei.

 

Es beginnt mit dem Engagement einer Prostituierten seitens eines Bodybuilders. Georg Schubert ist bepackt mit sehenswerten Muskeln.

Michaela Kaspar als Yogatrainerin © Anna Stöcher

Die können jedoch nichts dazu beitragen, um für Michaela Kaspar im anregenden Outfit einer Sexarbeiterin den dafür notwendigen Ständer aufzubauen. So bleibt nur das Fitnesscenter, das zwar schöne Körper schafft, zur Sinnlichkeit aber wenig beiträgt. Im Gegensatz dazu wüsste der in die Jahre gekommene Human Resource Manager Jens Claßen durchaus, was er mit seiner Angestellten, der Personalverrechnerin Lisa Schrammel, so alles anstellen könnte. Das Gespräch gleitet aber bald in die Irrgänge der Social Media ab und frisst sich dort im Wegwischen möglicher Partner fest. Nur mit knapper Not entgeht er einem MeeToo. Daheim im Schlafzimmer hat er es mit Petra Strasser als Gattin zu tun, um am Versuch, eine trostlose Ehestandnummer hinzulegen, zu zerbrechen.

Die Frau probiert es mit einem Verhältnis. Ziel ihrer weiters nur schwer zu definierenden erotischen Wünsche ist das Casual Date Raphael Nicholas, der als Versicherungskaufmann ihren Vorstellungen nicht einmal im Dirty Talk entspricht. Obwohl man auf der Straße vor dem Restaurant einträchtig raucht, wird wieder nichts draus. Yoga erweist sich ebenfalls als unzulängliche Krücke, ebenso wie alle die anderen missglückten Versuche, irgendwann beseligt miteinander im Bett zu landen.

Georg Schubert und Raphael Nicholas im Luxusiglu © Anna Stöcher

Der Arbeit von Regisseurin Dora Schneider sieht man die diebische Schadenfreude an, wenn sie den Menschen zeigt, dass nichts mehr geht, wenn es für die Geilheit rien ne va plus heißt. Niemand bleibt davon verschont, nicht der Chef, nicht die schaumgebremst geile Möchtegernseitenspringerin, nicht das lesbische Paar (Michaela Kaspar als Kriminalbeamtin und Lisa Schrammel als Filmeditorin bei einer abgesagten Scheidung) und schon gar nicht die beiden Männer (Chief Executive Officer Georg Schubert & Musicalstar Raphael Nicholas), die an der Kälte von 2000 Höhenmetern im Luxusiglu mit Jakuzzi in getrennten Schlafsäcken nichts anderes als Nichtgefühle füreinander empfinden.

Was bleibt, ist die Miete, die zumindest Frau Aufsichtsrätin (Petra Strasser) für gutes Geld eine Nacht mit Sex beschert, dank einem potenten Stricher, der seine Sache laut eigener Aussage so gut verstanden hat, dass sie am Morgen danach ganz Schnitzler über gehabte Freuden frustriert räsonieren kann. Zu erleben ist also eine ernüchternde Abrechung mit einer Gesellschaft, die offenbar das Erregendste und Schönste auf dieser Welt, nämlich einander zu befriedigen, gründlich verlernt hat.

Jen Claßen als Männercoach, Kriminalbeamtin Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Michaela Kaspar, Lisa Schrammel © Anna Stöcher

Ganz normale Eifersucht, grausam überhöht von MEDEA

Der Chor des antiken Theaters im TAG © Anna Stöcher

Die zähen Verhandlungen eines klassischen Rosenkriegs

Der gebriefte Besucher des TAG hat sich vor dem Besuch in der Gumpendorfer Straße mit dem originalen Inhalt des dort stets in eine neue Form gegossenen Stücks sicherheitshalber auseinandergesetzt. Wenn er es nicht getan hat, dann bleibt ihm zumindest noch der Spaß, großartigen Schauspielern dabei zuzuschauen, wie sie in rasender Verwandlungsfähigkeit in etliche Rollen schlüpfen, pointiert formulierten Sätzen nachzusinnen und von der Einfachheit der eingesetzten Mittel und der daraus resultierenden erstaunlich großen Wirkung beeindruckt zu sein. Wenn als Titel „Medea“ aufscheint, dann erlebt man mit Sicherheit nicht die Tragödie von Euripides, sondern die in einem neuen Schauspiel sichtbar gemachten Überlegungen von Gernot Plass, dem Prinzipal dieser Bühne. In diesem Sinn ist auch das Ich, ich, ich, ich! im Untertitel zu verstehen. Jede der vier Gestalten ist von ihrem Ego gesteuert unterwegs, das zumindest gleich stark ist wie die Geilheit und lediglich nur dem mächtigsten aller Triebe, der Eifersucht unterliegt. Damit wären wir auch schon mitten drinn im antiken Mythos.

Michaela Kaspar, Julian Loidl © Anna Stöcher

Der zeigt uns eine fasznierende Frau, die aus Gekränktheit, Enttäuschung und der daraus resultierenden Verbitterung grausame Rache an allen jenen nimmt, die daran in irgendeiner Weise Schuld tragen. In diesem Zustand ist sie imstande, nicht nur die Nebenbuhlerin und deren Vater umzubringen, sondern dem treulosen Gatten den größten Schmerz anzutun, der in ihrer Macht steht: Sie bringt die gemeinsamen und an ihrer Verzweiflung wahrlich unschuldigen Kinder um; ganz nach dem Motto: Die Zukunft ist Chaos, nichts tröstet, wie es der Unheil kündende Chor hinter seinen Masken schon immer gewusst hat.

Julian Loidl, Lisa Schrammel, Jens Claßen © Anna Stöcher

Wir befinden uns im Jetzt. Andrea (Michaela Kaspar) ist dahinter gekommen, dass ihr smarter Walter (Julian Loidl) eine andere hat. Nach dem wohl den meisten von uns bekannten Geplänkel, den Vorwürfen und dem Abstreiten, geht es in medias res. Wir lernen seine neue Flamme (Lisa Schrammel als sanfte Elisa) kennen und deren Vater, den allmächtigen Bürgermeister Peter (Jens Claßen), der alles andere als erfreut ist, dass sich seine Tochter ausgerechnet diesen Burschen aufgerissen hat. Was weiß er?

Die mythischen Hintergründe wie die Hilfsbereitschaft beim Raub des Goldenes Vlieses, beim Mord an Vater und Bruder und bei der Flucht aus ihrer barbarischen Heimat werden angedeutet. Soll sich jeder selbst vorstellen, wo dieses wilde Kolchis liegt, Anregungen dazu finden sich in jeder Tageszeitung. Dorthin soll sie nun wieder abgeschoben werden, weil sie Walter in seiner Zivilisation im Weg steht; was ihren sicheren Tod bedeuten würde. Aber er hat offenbar vergessen, dass sie die Zauberin geblieben ist, die über Giftkunde und magisches Hexenwerk verfügt.

Dass Peter und Andrea ebenfalls ein Verhältnis haben und Elisa ihre beste Freundin ist, darf als freundliche Draufgabe gewertet werden. Gegenseitiges Belügen und versuchtes Austricksen gestalten die zähen Verhandlungen dieses Rosenkriegs kurzweilig. Letztlich geht es aber um die Kinder, die Medea mit Jason und Andrea mit Walter hat. Sie werden da wie dort von der Frau als stärkste Waffe eingesetzt, in einem blutigen Zweikampf, in dem kein Mann bis heute je auch nur die geringste Chancen hatte.

Antiker Chor und Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

DORIAN GRAY. DIE AUFERSTEHUNG im schrägen Kunstmarkt

Dorian Gray. Die Auferstehung. Ensemble © Anna Stöcher

Schöne Jünglinge sind zeitlos gefragte Modelle

Einen ganz g´scheiten Satz sagt Madame Eleonora Raffalovich: „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek.“ Gemeint ist damit die Historikerin Heather Graham, die partout eine neue und gründliche Biographie von Oscar Wilde verfassen will und sich dieses Behufs wegen zu einer Verwandten eines der Personen aus dem Umkreis des irischen Dichters begeben hat. Man trifft sich in deren Wohnung in Wien, wo sich Heather für ihre Arbeit neue Erkenntnisse aus dem Nachlass von Oscar Wilde und John Gray, dem Lebensgefährten Wildes erhofft. Beim heimlichen Stöbern auf dem Dachboden steht sie unvermittelt dem berühmten Porträt der Romanfigur Dorian Gray gegenüber. Dass es sich dabei um einen Spiegel handelt, in dem sich Raffalovichs Butler Jirzi in Pose geworfen hat, erkennt sie erst, nachdem sie einen Mords Wirbel auf dem Kunstmarkt losgetreten hat. Galerist Adi Kunz sieht sofort die Chance auf das große Geld, Kurator Daniel Droste die Möglichkeit, damit rauszukommen und Zeitungsschreiber Otto Kraus gewinnbringende Schlagzeilen.

Elisabeth Veit © Anna Stöcher

Ein Betrug erschlägt den nächsten. Es werden Unsummen geboten, auch für ein Leintuch, das von Otto und seinem Toyboy Chris Crisp in aller Eile zum Unzuchtslaken von Wild und Gray gefälscht und um 100.000 Pfund versteigert wird. Experten werden bestochen, um ein nachgemaltes Bild mit einem Echtheitszertifikat zu versehen und vom windigen Vertreter Howard mit einer entsprechenden Summe versichern zu lassen. Weil keiner mehr wegschauen will, mutiert Jirzi langsam aber sicher zur Romanfigur, als die er sogar den Kosmetikguru Kurt Lacomb für die Rechte an einem authentischen Dorian Gray Parfüm um eine erkleckliche Summe erleichtert.

Alexander E. Fennon © Anna Stöcher

Die vielseitige Künstlerin Mara Mattuschka hat das Potential erkannt, das für eine beißende Satire auf Kunsthandel und die damit verbundenen Umtriebe in „Das Bildnis des Dorian Gray“ steckt. Sie hat im TAG auch gleich selbst Regie geführt und ein amüsant böses (Spiegel-)Bild dieser Zunft rasant auf die mit Teppichen, Koffern und einem leeren Bilderrahmen ausgestattete Bühne gestellt. Das Ensemble dieses Theaters ist bekanntermaßen in der Bewältigung etlicher Rollen in einem Stück ungemein versiert.

In affenartigem Tempo und mit Hilfe von Peter Paradise (Kostüm) wird aus Georg Schubert Otto Kraus, der seinem Freund unter der Decke einen runterholt, der Versicherer Howard, der professionell von allerlei Gefahren warnt, denen eine Kunstsammlung ausgesetzt sein könnte, bevor er als Kurt Lacomb den alternden Carl Lagerfeld in seiner ganzen Blasiertheit bei einer Talkshow lebendig werden lässt. Flott ist auch Elisabeth Veit. Sie wird im Handumdrehen zur TV-Moderatorin Barbara, zum etwas beschränkten Kommissar Bamminger und zur feministischen Malerin Eva Frank, die sich Knall auf Fall in Heather Graham (Anna Mendelssohn) verliebt, um diese als Kurator Daniel Droste als widerlich abzulehnen. Der wortgewandte Kunsthändler und Besitzer eines Fabergé-Eis Adi Kunz (Alexander E. Fennon) wird über Gustav Knapp, den witzigen Gast der TV-Show, zum Forensiker Bianchi, der seinen nicht unwesentlichen Teil zu den Verwirrungen beiträgt.

Eher ruhig kann es Alexander Braunshör angehen. Eleonora Raffalovic darf meiste Zeit im Fauteuil ruhen, bevor er aus dem Off den Auktionator gibt und mit Perücke den Wiedergänger Oscar Wilde mimt. Raphael Nicholas ist Butler Jirzi, Chris Crisp, Charles, Kuranda, Werbefigur und John Gray, der, kein Geheimnis, das literarische Vorbild für Dorian Gray gewesen ist. In all der Fülle verliert er nie den Überblick und bleibt stets das würdige Modell für dieses nie existierende Bildnis.

Dorian Gray. Die Auferstehung Ensemble © Anna Stöcher

Die Ratten Szenenfoto © Anna Stöcher

DIE RATTEN im Kampf um eine postfötale Existenz

Michaela Kaspar, Jens Claßen © Anna Stöcher

Wenn sich der Naturalismus eines Dramas einer virtuosen Kunstsprache geschlagen geben muss

Der deutsche Dramatiker Gerhard Hauptmann hat vor gut 100 Jahren in seinen Stücken das Milieu auf die Bühne gebracht. Nicht mehr die Helden der Antike, sondern Menschen aus einfachsten Verhältnissen werden bei ihm zu großen Tragödiengestalten, die dabei auch reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wenn sich nun ein österreichischer Autor wie Bernd Liepold-Mosser an eines seiner Stücke heran macht und daraus etwas ganz Neues erschafft, dann ist von vornherein klar, dass auch die Dialoge nicht mehr dieselben sind wie im Original. Dass er aber die armseligen Kreaturen, wie sie beispielsweise in „Die Ratten“ erscheinen, plötzlich wie bestens gebriefte Teilnehmer eines Managerseminars reden, dann entsteht satirische Spannung, die aus der düsteren Handlung eine unterhaltsame Kurzfassung des naturalistischen Klassikers macht. Wenn es um den Streit geht, welche der beiden Frauen das Kind nicht geboren, sondern aus ihrem Leib gepresst hat, wird nicht mit einfachen Verbalinjurien gestritten. Man wirft einander Ausdrücke wie postfötale Existenz für das Neugeborene an den Kopf.

Michaela Kaspar, Lisa Schrammel © Anna Stöcher

Dass daraus nun schwierigste Schwierigkeiten und umständlichste Umstände das absehbare letale Auslaufen dieses kurzen vitalen Projekts und seiner submental veranlagten Produzentinnen bewirken, ist kurz gesagt die Handlung, die auf den Theaterdirektor ebenso wie auf die verkommene Nachbarin verzichtet. Deren Stellen übernimmt ein mehr als neugieriger Nachbar, der als lästiger Aufdecker für das tragische Ende sorgt.

Die Ratten Enssmble © Anna Stöcher

Wo sonst als im TAG, also im Theater an der Gumpendorfer Straße, könnte diese Neuinterpretation Hauptmanns zur Uraufführung gelangen?! Dort und nur dort erwartet man ungewöhnliche und bizarre Bearbeitungen anderswo längst zur Schulpflicht gewordener Bühnenhadern. Freilich gibt es hier auch das entsprechende Ensemble, das die Bocksprünge zwischen Original und Neudichtung behände mitmachen und so interpretieren kann, dass man meint, ein vollkommen neues Stück zu sehen.

Georg Schubert ist der Nachbar mit dem sonnigen Gemüt und den für jede Schandtat aufnahmebereiten Ohren, sofern er nicht als Ratte über den Boden kriechen muss. Als anfangs schwangere Pauline hadert Lisa Schrammel als Angehörige des Prekariats mit ihrem Entschluss, die unwillkommene Leibesfrucht mit ihr gemeinsam in der Donau zu ertränken, bis sie von der stets hilfsbereiten Frau John (Michaela Kaspar) gegen gutes Geld davon erlöst wird. Deren Mann ist immerhin eine fixe Größe auf dem Arbeitsmarkt, und das will in Zeiten wie diesen was heißen. Jens Claßen ist der Glückliche, der monatelang wegen seines Jobs von zuhause weg ist und deswegen glauben darf, dass der heiß gehegte Kinderwunsch seiner Frau in Erfüllung gegangen ist. Es wäre ja alles gut, käme nicht Pauline trotz gut bezahltem Fernbleibeversprechen zurück, um das Kind doch an sich zu nehmen, und wäre da nicht der missratene Bruder von Frau John.

Bruno ist eine infizierte Zelle im sozialen Organismus, der sich in der Person von Raphael Nicholas ernsthaft darüber Gedanken macht, mit seiner kriminellen Energie bei den Schauspielern gut aufgehoben zu sein, oder besser bei Politikern und Großindustriellen, die derlei Anlagen ungestraft ausleben könnten. Nachdem er das ergreifende Lied vom Rattennest im Körper eines Mordopfers gesungen hat, geht er daran, den Störfaktor Pauline für seine Schwester aus deren Dasein gewaltsam zu eliminieren.

Die Ratten Ensemble © Anna Stöcher

Kirschgarten Ensemble © Georg Mayer

KIRSCHGARTEN Tschechow in der Fassung für Ungeduldige

Michaela Kaspar, Georg Schubert © Georg Mayer

Ätzende Ignoranten ihres eigenen Untergangs

Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, und davon gleich ein ganzer Garten, von dem man weit und breit mit Bewunderung spricht. Wer hätte da das Herz, diese Pracht mit Axt und Säge zu attackieren? Einen solchen Barbaren gibt es tatsächlich. Lopachin, ein zu sehr viel Geld gekommener Nachkomme ehemaliger Leibeigener dieses russischen Gutes, sieht nur im Abholzen eine Lösung für die prekäre Situation der Besitzerfamilie. Anstelle der Kirschen könnten Sommerhäuser verpachtet werden und die nunmehr leere Börse sowohl der verschwenderischen Ljubow Ranjewskaja als auch deren seltsamen Bruder Leonid Gajew wohltuend füllen. Von diesem noch nicht vorhandenen Geld leben übrigens auch die 17jährige Anja, deren Stiefschwester Warja, der ewige Student Pjotr Trofimow, die Gouvernante Charlotta und der steinalte Diener Firs. Einen guten Teil des Vermögens hat Ranjewskaja in Paris durchgebracht und ist ausgerechnet in dieser Krisensituation heimgekehrt. Weder sie noch ihr Bruder wollen auf das Ansinnen von Lopachin einsteigen und lachen nur darüber.

Karola Niederhuber, Michaela Kaspar © Georg Mayer

Eine realistische Idee, wie man das weitere Auskommen sichern könnte, hat keiner von ihnen. Es wird geredet und geredet und geredet, über Gott und die Welt, über Liebe und Überliebe und das ehrwürdige Alter einer Tür. Geflissentlich wird darauf vergessen, dass das Anwesen in ein paar Tagen versteigert werden soll. Als es dann so weit ist und Lopachin alle aus dem Haus raus wirft, ist der Jammer groß. Ranjewskaja geht wieder nach Paris, die anderen verduften kommentarlos wie die Kirschblüten, lediglich Firs wird im Haus eingesperrt und legt sich friedlich hin zum Sterben.

Raphael Nicholas, Lisa Schrammel © Georg Mayer

Was Anton Pawlowitsch Tschechow für mindestens zweieinhalb Stunden russischer Breite angelegt hat, schafft Arturas Valudskis im TAG locker in 90 MInuten und kommt dabei mit sechs Schauspielern aus, die einen guten Teil der 14 Rollen bestreiten. Es wurde einfach viel gescheites Gelaber gestrichen und die Ignoranz dem eigenen Untergang gegenüber betont. Dazu kommen Gags auf einem Niveau, wie man es vom TAG und seinen stets außergewöhnlichen Literatur-Bearbeitungen erwartet.

Jens Claßen ist ein rückgradloser Lopachin, der den hochmütigen Spott ebenso überhört wie die grundherrliche Abneigung seinem Geld gegenüber. Die noch junge Mamutschka Ranjewskaja wird von Michaela Kaspar entsprechend frivol und weltläufig dargestellt und man möchte nicht glauben, dass es sich bei dieser durch und durch Dame um eine abgebrannte Person handelt. Karola Niederhuber webt als Gouvernante Charlotta mit ihren komödiantischen Einlagen durch das Landgut und weiß nicht so recht, wie sie dazu gekommen ist, in solch trostlosen Weiten Russland zu stranden. Der Zyniker par excellence ist Georg Schubert, dessen Gajew von immer neuen Wechseln phantasiert, um die Schulden umzulegen, und den Rest seiner Zeit mit Frühstücken in der Stadt und ähnlichen Tagdiebereien verbringt. Lisa Schrammel braucht nur das Schürzchen umzulegen, um als Warja auf einen Heiratsantrag von Lopachin zu warten, und dieses wieder abzunehmen, wenn sie als liebreizende Anja mit dem mehr als verschrobenen Pjotr flirtet.

Raphael Nicholas ist der Verwandlungskünstler schlechthin. Als Student Trofimow lässt er keinen Zweifel daran, dass für ihn unnötiges Gerede lebenserhaltend ist, und wird in gebückter Haltung zum alten Firs und in seiner aufdringlichen Untergebenheit zum einzigen Sympathieträger einer ganzen Gesellschaft, die anfangs auf sechs Sesseln im Hintergrund Platz findet. Von dort wird nach und nach aufgebrochen, um zwischen einer Doppeltür und einem Fensterrahmen diese „Komödie ohne Bäume“ abzuhandeln.

Jens Claßen © Georg Mayer
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