Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ödipus, Ensemble © Anna Stöcher

Ödipus, Ensemble © Anna Stöcher

ÖDIPUS Endlich einmal lachen in der ganzen Misere

Stefan Lasko, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Michaela Kaspar © Anna Stöcher

Der Beweis, dass man sich über Orakel, Seher & Co köstlich lustig machen kann

Etliche Jahrhunderte nach Sophokles haben sich nun zwei Theatermenschen des zutiefst tragischen Stoffes um den vom Schicksal geschlagenen König Ödipus angenommen. Kaja Dymnicki und Alexander Pschill haben haarscharf erkannt, dass all das scheinbar Unausweichliche nur deswegen passiert ist, weil sämtliche Beteiligte in einer Form des Kadavergehorsams die an sich schrecklichen Aussichten ernst genommen und ihr gesamtes Handeln darauf ausgerichtet haben. Die daraus entstandene Tragödie wird umgehend zur Komödie, wenn man sich von dieser Zukunftsangst löst und den ganzen Krempel von Weissagungen einfach im großen Mistkübel mit der Aufschrift „Das Unnötigste im Leben“ entsorgt. Wenn die beiden Autoren dazu noch über kabarettistischen Wortwitz verfügen, dann wird daraus eine flotte „lachhafte“ Posse, die im Verlauf von gut zwei Stunden auch dem ernsthaftesten Altphilologen zumindest ein Schmunzeln entlockt.

Jens Claßen, Georg Schubert © Anna Stöcher

Jens Claßen, Georg Schubert © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Florian Carove © Anna Stöcher

Stefan Lasko, Florian Carove © Anna Stöcher

Mit dem Ensemble des TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße) ist es das geringste Problem, eine stattliche Reihe von Rollen und sogar den Chor des antiken Theaters zu bestreiten. Die Damen und Herren sind es gewöhnt, sich in Sekundenschnelle in eine andere Person zu verwandeln und das Publikum mit dieser nahezu affenartigen Behändigkeit zu verblüffen. So gelingt es auch im Falle von „Ödipus“, die illustre Gästeschar einer Party mit einem Quartett zu bestreiten. Florian Carove und Julia Edtmeier sind in der ersten Hälfte das lästige Ratepaar Janus und Isabella Sphinkt, um später in seinem Fall als blinder Seher Theresias mit enormem Einsatz seiner Komik einen nie geschehenen Mord aufzuklären und sie als pubertierende Tochter Antigone mit dem peinlichen Verhalten ihrer angeblichen Eltern zu hadern. Dazu muss gesagt werden, dass sich das Ganze in der Gegenwart abspielt. König Laios (Georg Schubert) ist ein ganz normaler Politiker – äh – Herrscher, der aus Korruption, subtiler Brutalität und entsprechendem Koks-Konsum kein Hehl macht.  Mit seiner Gattin Iokaste (Michaela Kaspar) veranstaltet er im Beisein seines coolen Schwagers Kreon (Raphael Nicholas) ca. 18 Jahre nach Weglegung des Kindes eine Fete.

Raphael Nicholas  © Anna Stöcher

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Der Unheil verkündende Chor © Anna Stöcher

Der Unheil verkündende Chor © Anna Stöcher

Unter den Gästen befindet sich auch ein Ehepaar namens Mayer (Jens Claßen als Polybos, Lisa Schrammel als Merope), das irrtümlich eingeladen wurde, da eigentlich Korruptions-Staatsanwalt Meyer gemeint war. Doch die beiden sind zufällig die guten Leutchen, die das auf einer Parkbank ausgesetzte Baby einst bei sich aufgenommen und als ihren Sohn aufgezogen haben. Während sich die Tische unter Platten mit Fingerfood und Bowle biegen, haben die Zuschauer Gelegenheit, sich unter ihren FFP2-Masken vor Lachen zu krümmen. Einer der Gründe dafür ist Ödipus, ein schlaksiger junger Mann, der mit Begeisterung Rätsel löst und damit die Begehrlichkeit der ihres Gatten längst überdrüssigen Iokaste erweckt. Stefan Lasko spielt erfrischend natürlich den jugendlichen Neurotiker, der ein Abo beim Orakel hat und wenn er nicht mehr weiter weiß, auch das Publikum befragt. Nachdem aufgrund eines Stromausfalls und einer irrtümlich abgefeuerten Kugel Laios leblos am Boden liegt und nach dessen Entsorgung Iokaste den Burschen ehelicht, scheint sich die düstere Prophezeiung erfüllt zu haben. Aber was ist der Schein? Er kann trügen, und wie! Sonst wäre es ja keine lustige Tragödie.

Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

ICH, GALILEO Wahrheit brennt wie „scharfer Toback“

Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

Wenn ein Blick durch das Teleskop Glaubensdogmen erschüttert

„Und sie dreht sich doch!“ soll ein Ausspruch von Galileo Galilei sein, allerdings nur von der Fama überliefert. Wohl deshalb dürfte Gernot Plass, literarisch pointiert schreibender Prinzipal des TAG, auch auf diesen wirksamen Schlussgag verzichtet haben, wenn er dem 1564 in Pisa geborenen Wissenschaftler in „Ich, Galileo“ einen Theaterabend widmet. Plass lässt seinen Helden an seltsam unvernünftig anmutenden Umständen, die seinen empirisch gewonnenen Erkenntnissen entgegenstehen, wortgewaltig verzweifeln. Er braucht dazu nur einen Schauspieler. Für Georg Schubert bieten ein paar wenige Kostüme und der auf ihn zugeschnittene Monolog genügend Möglichkeiten, von Herrn G. über den Menschen G., den Katholiken G., den Skeptiker G. bis zum kleinen Mönch die geistigen Wirren und die Verstocktheit offenbar alles wissender Mächtiger aus dem Jahrhundert nach der Kopernikanischen Zeitenwende in der Gegenwart aufzublättern. Galileo hat schließlich das Teleskop neu entwickelt und mit eigenen Augen die Monde des Jupiter und die Phasen der Venus beobachtet.

Georg Schubert als Galileo mit Alter Ego im Video © Anna Stöcher

Jeder könnte an diesem Gerät Richtung Himmel schauen, aber gewisse Kräfte der Kirche haben zu sehr Angst, das Gleiche wie der Astronom zu sehen und nicht den Rand der Welt mit der sich darüber spannenden himmlischen Sphäre, wie es, basierend auf dem Bericht aus der Genesis, als Dogma des christlichen Glaubens gelehrt wird. Da könnte ja jeder kommen und behaupten, dass die Erde nur einer der Planeten im Sonnensystem ist und damit – Gott bewahre! – den Menschen aus dem Zentrum des Universums stoßen.

Georg Schubert als Galileo mit Videoscreens © Anna Stöcher

Vier Bildschirme sind praktische Assistenten, auf denen immer wieder Schubert in diversen Rollen mit dem auf der Bühne real agierenden laut nachdenkenden Protagonisten interagiert. Es sind bescheidene Mittel, die jedoch große Wirkung hervorbringen. Eine Tiefkühltruhe wird zum Schreibpult, auf dem gleich zu Beginn Galileos Eingeständnis, einem fatalen Irrtum unterlegen zu sein, vor dem Tribunal festgehalten wird. Die Rehabilitation seitens der römisch-katholischen Kirche erfolgte erst 1992(!).

Der beachtliche Zeitraum lässt tief in Abgründe einer Ignoranz blicken, mit der Meinungsmacher durch die Zeiten alles das bis zum brennenden Scheiterhaufen verfolgen, was ihren Interessen entgegenstehen könnte. In einer der dichtesten Szenen wird Schubert zum launig durchgedrehten TV-Moderator. Seine Talkshow nennt sich „Scharfer Toback“. Per Video zugeschaltete Gäste sind ein grantiger Galileo Galilei und der rhetorisch geschliffen argumentierende Bruder Kreutel, der mit überheblichem Lächeln zwischen Anerkennung und Ablehnung eines neuen Weltbildes switcht.

Dass er überhaupt mit einem Ketzer spricht, scheint bereits ein Gnadenakt zu sein, vielleicht auch Respekt vor dem Mann der Wissenschaft, der immerhin Hochschullehrer in Pisa, Professor in Padua und Hofmathematiker in Florenz war. Dass Galileo nicht zum Flammentod verurteilt wurde, sondern „nur“ zu Hausarrest, mag ebenfalls auf dieser Prominenz beruhen. So betrachtet war diese Entscheidung Glück für eine Kirche, die bis heute gewisse Probleme damit hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Georg Schubert als Galileo © Anna Stöcher

Die lebenden Bücher, Ensemble © Anna Stöcher

FAHRENHEIT 451: Das anno 1951 angesagte Ende der Bücher

Georg Schubert (Beatty), Raphael Nicholas (Montag) © Anna Stöcher

Eine nachdenklich machende Bühnenshow zwischen SciFi und längst gewordener Realität

Wenn dich nach einem Theaterbesuch das Handy mit der freundlichen Frage „Wie war es im TAG?“ begrüßt, dann weißt du, dass irgendwo ein Algorithmus gute Arbeit geleistet hat. Nachdem ein Abend im Theater an der Gumpendorfer Straße auch in Corona-Zeiten kein Verbrechen darstellt, zumal dort wie kaum anderswo besonders penibel auf die Einhaltung der von der Regierung angesagten Sicherheitsregeln geachtet wird, kannst du getrost den restlichen Abend mit einem guten Glas Wein genießen und brauchst dir keine weiteren Gedanken zu machen, was man sonst noch alles über dich in diesem ungreifbaren Universum weiß. Vielleicht liest du vor dem Einschlafen sogar noch ein gutes Buch, einen Krimi oder gar einen utopischen Roman über eine Gesellschaft, die keine Langeweile kennt, weil die Wände des Wohnzimmers über 24 Stunden Unterhaltungsprogramm bieten. Sofern du brav zuhause und nicht außerehelich unterwegs bist, stört es auch kaum, dass dort beim späten Telefonat auch das andere Ende der Gesprächsverbindung zu sehen ist.

Michaela Kaspar (Mildred) © Anna Stöcher

Hoppala, den Videoanruf gibt´s ja schon! Und schwupps ist der Zukunftsroman „Fahrenheit 451“ Gegenwart. Einzig mit dem Unterschied, dass derzeit die Feuerwehr noch Brände löscht und nicht deine am Nachtkasterl gehorteten Bücher verbrennt. Dass du vielleicht den Text auf dem Bildschirm deines E-books liest, wird zwar die herkömmlichen Schmöker mit den zwischen zwei Deckel gebundenen Blättern bald ablösen, aber auch darum wäre es schade, denn das öde Fernsehangebot auf der mega TVD-Videowall unterscheidet sich nur geringfügig von den Bildern, mit denen die Bewohner dieses angeblich frei erfundenen Staates systematisch verblödet werden.

Raphael Nicholas (Montag), Jens Claßen (Faber) © Anna Stöcher

Susanne Draxler und Mimu Merz haben die erschreckende Vision, die der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradburry (1920-2012) erstmals in „Galaxy Science Fiction“ 1951 veröffentlicht hat, zu einem packenden Stück Theater konzentriert. 451 °F ist die Temperatur, bei der sich Papier entzündet. Als Brennhilfe wird Kerosin darüber gespritzt. Chef dieser perversen Feuerwehr ist der souverän zynische Captain Beatty (Georg Schubert), der seinen Kameraden tief in die Seele blicken kann.

Er versteht es, mit hohlen Parolen Zusammenhalt bis zum Sieg zu vermitteln. Anfangs ist Feuerwehrmann Montag schwer davon überzeugt. Es obliegt Raphael Nicholas, die Wendung zum nachdenklichen Zweifler dem Zuschauer glaubhaft zu machen. Was ihm auch überzeugend gelingt. Ausgelöst werden seine Skrupel von Lisa Schrammel als Clarisse, einem Mädchen, das sich mit „17 und total von Sinnen“ vorstellt. So wird aus dem Feuerwehrmann und „Hüter der Seelenruhe“ bald ein Buchdieb und –leser. Seine Gattin Mildred (Michaela Kaspar) ist darob klarerweise entsetzt. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine vierte Bildwand, führt am Telefon Smalltalk mit Freundinnen und konsumiert bis zur Bewusstlosigkeit massenweise Glückspillen.

Nach Kurzauftritten als eine Art Conchita Wurst am Telefon und in ungeheuer komischer Paarung mit Schubert als Sanitäter schlägt für Jens Claßen als Literaturprofessor Faber die große Stunde. Er führt den jungen Montag väterlich in die Lektüre ein und nimmt ihn in den Kreis der lebenden Bücher auf, allesamt bibliophile Narren, die den zuletzt unzulänglichen Versuch unternehmen, Bücher auswendig zu lernen und so die Weltliteratur für eine Zeit nach diesem Wahnsinn der Menschheit zu erhalten.

Lisa Schrammel (Clarisse) © Anna Stöcher
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