Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Michelle Haydn, Florian-Raphael Schwarz © Rolf Bock

MAGIC AFTERNOON Der schräge Zauber sinnentleerter Tage

Michelle Haydn, Florian-Raphael Schwarz © Rolf Bock

Reminiszenzen an wilde Zeiten, so wir sie selbst genossen haben könnten

Wolfgang Bauer war sein ganzes Leben lang bemüht, ein Enfant terrible der Literatur zu sein. Wirklich gelungen ist ihm dies aber nur in sehr jungen Jahren. Mit seinen ersten Werken, zwei gewagten Einaktern für das damals brandneue Grazer Forum Stadtpark, war der Einundzwanzigjährige auf den Gusto gekommen. Es galt, das biedere Establishment zu sekkieren, sich von der konservativen Kritik Beschimpfungen abzuholen und in einer Vorahnung auf die 68er-Revolution seiner Meinung nach freies Gedankengut unter die Leute zu bringen. Dass eine Bühnengeschichte gewordene Provokation namens „Magic Afternoon“ just in diesem Jahr ihre Uraufführung erlebte, mag Programm gewesen sein, nachdem 40 Bühnen das Stück zuvor abgelehnt hatten. Trotz vielseitigen Aufschreiens konnte kein noch so geifernder Beckmesser verhindern, dass Wolfgang Bauer zu einem der bedeutendsten Dramatiker Österreichs aufstieg und seither in einem Atemzug mit Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek oder Peter Handke genannt wird. Ein Klassiker der Gegenwartsliteratur war geboren.

Bernhard Dreisiebner, Florian-Raphael Schwarz © Rolf Bock

Er wird in Schulen gelehrt und in prominenten Theatern aufgeführt. All dieser Ruhm konnte jedoch nicht verhindern, dass Bauer und sein Werk großteils der Vergessenheit anheim gefallen sind. Wer erinnert sich noch an „Der Rüssel“, in dem ein hochaktuelles Thema, nämlich der Klimawandel, bereits 1962 ungemein witzig thematisiert wurde und erst 2018 im Akademietheater posthum zu Aufführungsehren gekommen ist. Geblieben ist von Wolfgang Bauer in der breiten Wahrnehmung einzig und allein nur der verzauberte Nachmittag.

Florian-Raphael Schwarz, Bernhard Dreisiebner, Michelle Haydn © Rolf Bock

Vier junge Menschen lassen sich von existentialistischer Langeweile durch das Leben treiben. Ihre Sprache ist der Dialekt und das Verhalten das von im Grunde natürlichen Mädchen und Burschen, lediglich mit dem Unterschied, dass sie bar aller Perspektiven ihr Dasein zu begründen versuchen. Es wird gesoffen, geschnackselt und gegiftelt, um in der Zwischenzeit Popmusik zu hören und vom Schreiben eines Theaterstücks zu träumen. Freilich mag es solche Typen heute noch geben.

Die Wiege dieses Verhaltens stand jedoch in den 1960ern. Beatles, Rolling Stones und ähnliche Gruppen haben das Copyright auf eine Zügellosigkeit, die in Zeiten von kleinlichen Rauchverboten und panischer Angst vor Aids bestenfalls als Karikatur des Originals gelebt werden kann. Umso dankbarer sollte man einer Bühne wie dem Theater Experiment sein, das „Magic Afternoon“ in sein Programm nimmt. Erich Martin Wolf hat auf der von Erwin Bail als abgewohntes Jugendzimmer eingerichteten Bühne inszeniert. Ein großartiges Quartett zeigt uns, wie man damals die Zeit und anders mehr todgeschlagen hat. Florian-Raphael Schwarz mit langen Haaren und schwarzem Vollbart ist die ideale Verkörperung des Möchtegernintellektuellen Charly, der sich mit dem eher pragmatischen Mädchen Birgit (Michelle Haydn) schlägt, liebt und gemeinsam besäuft.

Den Joe spielt Bernhard Dreisiebner als an sich netten Kerl, der jedoch zu plötzlichen Aggressionsausbrüchen neigt und dadurch seiner hübschen Freundin Monika (Sandra Schuller) per Nasenbeinbruch den Auftritt verkürzt. Zur eigentlichen Eskalation an diesem von einem bösen Zauber durchwobenen Nachmittag führt ein Joint , der die beiden Männer einander näher bringt und nach einem Heiterkeitsausbruch das Unvorhergesehene, eben die einst skandalöse Katastrophe zeitigt.

Florian-Raphael Schwarz, Bernhard Dreisiebner, Michelle Haydn © Rolf Bock
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