Kultur und Wein

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Der Prozess Ensemble © Rolf Bock

DER PROZESS Kafkas Abrechung mit dem ungreifbaren Oben

Bernhard Georg Kölbl, Claudio Györgyfalvay, René Ribeiz © Rolf Bock

Das Gericht wird von der Schuld angezogen, wenngleich eine solche gar nicht existiert

Es ist ein Romanfragment, das erst postum erschienen ist. Franz Kafkas Leben war kurz, nur knapp 31 Jahre waren ihm gegönnt. Neben einem Brotberuf, wie er selbst seine Anstellungen bei Versicherungen bezeichnete, war er Schriftsteller, Erfinder bizarrer Erzählungen, die zumeist außerhalb des Rationalen angesiedelt waren. Unvorhergesehenes passierte, wie die Verwandlung, in der ein Mann als ungeheures Ungeziefer aufwacht. Ähnlich geht es auch dem Bankangestellten Josef K., in dessen Wohnung eines Morgens zwei Männer auftauchen und ihm erklären, dass er verhaftet ist. Nach und nach erfährt er, dass ein Prozess gegen ihn läuft. Erschöpfende Antworten auf seine Fragen gibt es nicht, vor allem nicht auf seine immer wieder beteuerte Unschuld. Er muss sich damit abfinden, dass man ihm seitens untergeordneter Instanzen erklärt, dass das Gericht von der Schuld angezogen wird, also auch eine solche bestehen muss. Was er verbrochen haben soll, wird ihm jedoch nicht verraten. Immer wieder sind es Frauen, die ihm Hilfe anbieten, ob als Gerichtsbeamtin oder als Anwaltssekretärin.

Anna Dangel, Claudio Györgyfalvay © Rolf Bock

Deren Bereitwilligkeit erweist sich jedoch für den Fortgang seines Verfahrens kontraproduktiv. Ein von seinem Onkel zu Hilfe geholter Advokat ist unfähig, ein Maler, der angeblich mit den höchsten Richtern in bestem Einvernehmen steht, schafft trotz juristischer Ratschläge ebenfalls keine Hilfe und der Gefängniskaplan kann nur weitschweifig seine Ansichten über Schuld und Unschuld ausbreiten. Josef K. bleibt einer diffusen Anklage ausgeliefert und wird ihr Opfer, ohne je erfahren zu haben, warum. Seine letzten Worte vor der seltsamen Hinrichtung sind: „Wie ein Hund!“

René Rebeiz, Erwin Bail, Anna Dangel, Claudio Györgyfalvay © Rolf Bock

Aus dem Roman wurde bereits für Gottfried von Einem ein Opernlibretto geschrieben, in dem viele prozessuale Fragen mit der Musik geklärt werden. Erwin Bail hat nun für sein Theater Experiment Dialoge und kurze Zitate aus dem Text für ein Sprechstück extrahiert – ein durchaus mutiges Unterfangen. Das Ensemble besteht aus ihm selbst, Claudio Györgyfalvay als Josef K. und in den vielen anderen Rollen Anna Dangel, Angela Nagy, Andrea Schwent, Bernhard Georg Kölbl und René Rebeiz.

Sie alle stellen sich tapfer der Herausforderung, die zwischen logisch nachvollziehbaren Argumenten und absurden Gesprächen fluktuierenden Diskussionen von Josef K. mit den ihm begegnenden Gestalten dem Publikum nahezubringen. Es wäre zuviel gesagt, dass damit die geheimnisvollen Verflechtungen, auf die Kafka anspielt, verständlich oder gar durchschaubar gemacht würden. Aber vor dem grau in grau gehaltenen Bühnenbild wird dennoch fühlbar, dass jeder von uns irgendwann in einem solchen Prozess gefangen ist, den er sich selbst nicht erklären kann – eine Erkenntnis, die es absolut wert ist, nach diesem Kellerabend mit nachhause genommen zu werden.

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