Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Titanic, Ensemble © Judith Stehlik

TITANIC. Eine Ozean-Phantasie, Ensemble © Judith Stehlik

TITANIC als ergreifende Erzählung der Katastrophe

Veronika Zellner (Küchenjunge), Erwin Bail (Koch) © Judith Stehlik

Veronika Zellner (Küchenjunge), Erwin Bail (Koch) © Judith Stehlik

Mit 70 hat sich die Bühne verjüngt und präsentiert eine gelungene Romanbearbeitung.

Es ist allein schon ein mutiges Experiment, wenn sich ein junges Team für die Einstandspremiere an das Werk einer Schriftstellerin wagt, die zu den vergessenen Größen österreichischer Literatur gezählt werden muss. Marie Eugenie Delle Grazie (1864-1931) zählte in ihrer Zeit neben Marie von Ebner Eschenbach zu den prominentesten Autorinnen und hatte sich vor allem als Vertreterin des Realismus einen Namen gemacht. Ihr Œuvre, bestehend aus Lyrik und Prosa, ist umfangreich und geprägt von Anliegen wie Freiheit und Menschenwürde. Mit ihrem 1928 erschienen Roman „Titanic“ wird Delle Grazie im wahrsten Sinn des Wortes in einer „Ozean-Phantasie“ wieder vor den Vorhang geholt. In der Bearbeitung von Stefanie Elias, die gleichzeitig Regie geführt hat, werden die letzten Stunden des angeblich unsinkbaren Luxusdampfers in einer geschickten Mischung aus Originaltext und Dialogen zu einem Stück Theater, das nachdenklich macht, genauso aber auch eine kurzweilige Darstellung menschlicher Unzulänglichkeiten bietet.

Andrea Nitsche (Sängerin), Veronika Zellner (Erster Offizier) © Judith Stehlik

Andrea Nitsche (Sängerin), Veronika Zellner (Erster Offizier) © Judith Stehlik

Andreas Paul Seidl (Missionar), Veronika Zellner (alte Dame) © Judith Stehlik

Andreas Paul Seidl (Missionar), Veronika Zellner (alte Dame) © Judith Stehlik

Auf der Bühne hängen an metallenen Ketten griffbereit die Kostüme. Die Mitglieder des Ensembles haben damit die Möglichkeit, sich im Handumdrehen für die jeweilige Rolle zu verkleiden. Das Urgestein des EX., Erwin Bail, erscheint vor seinem Auftritt als Koch mit Frack und Zylinder. Er ist nun der Konstrukteur der Titanic und preist dem Naturforscher mit Schnurrbart und Pfeife (Veronika Zellner) und einem betagten Diplomaten (Andrea Nitsche) seine Großtat im Schiffbau an, die ohne jeden Zweifel das Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlantiks erringen wird. Irritation tritt ein, als von hinten eine zweifelnde Stimme ertönt und sich nach den Rettungsbooten erkundigt.

Stephan Weinberger, an sich zuständig für die Abendspielleitung und die Lichtregler, ist die geheimnisvolle Gestalt, die mit düsteren Auftritten nicht nur der Besatzung, sondern auch dem Publikum die Gänsehaut des Grauens beschert. Andreas Paul Seidl wird unter anderem zu einem frommen Missionar, der in der als Greisin getrimmten Veronika Zellner seine frühere große Liebe erkennt, aber auch zum Kapellmeister, der mit seiner Geige noch in den letzten Momenten vor dem Untergang den Choral „Näher mein Gott zu dir“ gespielt hat. Auch in dieser Funktion ereilt ihn die Begegnung mit der einst geliebten Frau, die als gefeierte Sängerin (Andrea Nitsche) mit Isoldes Liebestod die Mitreisenden unterhält und ungeniert mit dem Ersten Offizier (Veronika Zellner) flirtet. Die Hauptrolle spielt aber das nächtliche Meer, das mit seiner Unendlichkeit die Augen blendet und mit so treffenden Worten beschrieben wird, dass man augenblicklich den Entschluss fasst, sich im nächsten Antiquariat den Roman „Titanic“ von Delle Grazie als erbauliche Bettlektüre zu besorgen.

Erwin Bail (Konstrukteur) © Judith Stehlik

Erwin Bail (Konstrukteur) © Judith Stehlik

Erwin Bail, Doris Drechsel, Thomas Bauer © Karin VOGT

Erwin Bail, Doris Drechsel, Thomas Bauer © Karin VOGT

ADOLF LOOS und der dreckige Hang zu „süßen Mädeln“

Doris Drechsel, Thomas Bauer © Karin VOGT

Doris Drechsel, Thomas Bauer © Karin VOGT

Gerichtsakten entlarven den genialen Architekten als kriminellen Päderasten.

2015 ist der Strafakt „Adolf Loos“ im Zuge einer Haushaltsauflösung aufgefunden worden. Seinerzeit war die Öffentlichkeit vom Strafprozess ausgeschlossen gewesen. Zum einen war der Angeklagte zu prominent, um ihn vor neugierigen Gerichtskibitzen und einer auf Sensationsenthüllungen harrenden Wiener Bevölkerung an den Pranger zu stellen. Zum anderen ging es um den Schutz der Kinder, deren Zeugenaussagen das ekelhafte Bild eines gewissenlosen Verführers an den Tag brachten. Ein weiterer Grund für die Geheimhaltung des Verfahrens war wohl auch die Presse, die teils von modern-fortschrittlich Denkenden geführt wurde. Sie konnten oder wollten nicht wahrhaben, dass ein in ihren Augen Unschuldiger wegen eines Sexualverbrechens vor dem Richter stand, einer der ihren, die es mit der vom Gesetz geschützten Jugend ihrer Geliebten durchaus nicht so tragisch nahmen, zumal diese „süßen Mädeln“ ja nur aus den ärmlichen Verhältnissen der Vorstadt stammten und für ein paar Schilling von den Eltern bereitwillig zur Verfügung gestellt wurden.

 

Erwin Bail vom Theater Experiment am Lichtenwerd hat in die Akte Einsicht genommen und lässt nun in einem packenden und mutigen Gerichtsdrama sowohl den Angeklagten als auch die Zeugen postum zu Wort kommen. In einem Aktenschrank entdecken die „Archivare“ Doris Drechsel und Thomas Bauer die Bananenschachtel mit den Mappen. Sie beginnen darin zu lesen und beweisen damit einen guten Magen, der sich bei der Lektüre der Protokolle allzu gern umdrehen möchte. So sagt ein zehnjähriges Mädchen aus, dass er sie dort geschleckt hätte wo sie wischerlt, weil der Saft einer Melone in ihre (Loos wörtlich) Fut rinnt. Die Kinder erzählen mit ihnen zugänglichen Ausdrücken das Geschehen; wie sie beispielsweise von Loos gebadet und nackt in seltsamen Stellungen gezeichnet wurden oder dass sie das, mit dem ein Mann Lulu macht, küssen hätten sollen.

Abseits von ihnen verteidigt sich Adolf Loos, verkörpert von Erwin Bail. Er zeigt keine Reue, hat nicht das geringste Unrechtsbewusstsein. Die Verlogenheit seiner Ausreden ist greifbar und das soziale Engagement, Kinder nach Paris bringen zu wollen, stellt sich deutlich als übler Modus Operandi eines Päderasten heraus. In Einspielungen, gesprochen von Paul Wiborny, sind Zeitungsberichte zu hören, verfasst von Alfred Polgar, als Versuch einer Apologie für den von konservativen Kreisen angefeindeten Künstler und Freund. Wenngleich viele Jahre seither vergangen sind und alle Beteiligten die kühle Erde deckt, ist es dennoch ein notwendiges Unterfangen, die abartige Seite einer nach wie vor gefeierten Persönlichkeit (das Wohnzimmer, also der Tatort, von Adolf Loos war bei der Eröffnung des neuen Wien Museums unkommentiert zu bewundern) ohne falsche Rücksichten frei zu legen. Übrigens: Verurteilt wurde Adolf Loos 1928 am Landesgericht für Strafsachen Wien I wegen des Verdachts der Schändung sowie Verführung zur Unzucht mit Minderjährigen bedingt zu vier Monaten schweren Kerker.

Erwin Bail © Karin VOGT

Erwin Bail © Karin VOGT

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