Kultur und Weindas beschauliche MagazinTITANIC. Eine Ozean-Phantasie, Ensemble © Judith Stehlik TITANIC als ergreifende Erzählung der Katastrophe
Es ist allein schon ein mutiges Experiment, wenn sich ein junges Team für die Einstandspremiere an das Werk einer Schriftstellerin wagt, die zu den vergessenen Größen österreichischer Literatur gezählt werden muss. Marie Eugenie Delle Grazie (1864-1931) zählte in ihrer Zeit neben Marie von Ebner Eschenbach zu den prominentesten Autorinnen und hatte sich vor allem als Vertreterin des Realismus einen Namen gemacht. Ihr Œuvre, bestehend aus Lyrik und Prosa, ist umfangreich und geprägt von Anliegen wie Freiheit und Menschenwürde. Mit ihrem 1928 erschienen Roman „Titanic“ wird Delle Grazie im wahrsten Sinn des Wortes in einer „Ozean-Phantasie“ wieder vor den Vorhang geholt. In der Bearbeitung von Stefanie Elias, die gleichzeitig Regie geführt hat, werden die letzten Stunden des angeblich unsinkbaren Luxusdampfers in einer geschickten Mischung aus Originaltext und Dialogen zu einem Stück Theater, das nachdenklich macht, genauso aber auch eine kurzweilige Darstellung menschlicher Unzulänglichkeiten bietet.
Auf der Bühne hängen an metallenen Ketten griffbereit die Kostüme. Die Mitglieder des Ensembles haben damit die Möglichkeit, sich im Handumdrehen für die jeweilige Rolle zu verkleiden. Das Urgestein des EX., Erwin Bail, erscheint vor seinem Auftritt als Koch mit Frack und Zylinder. Er ist nun der Konstrukteur der Titanic und preist dem Naturforscher mit Schnurrbart und Pfeife (Veronika Zellner) und einem betagten Diplomaten (Andrea Nitsche) seine Großtat im Schiffbau an, die ohne jeden Zweifel das Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlantiks erringen wird. Irritation tritt ein, als von hinten eine zweifelnde Stimme ertönt und sich nach den Rettungsbooten erkundigt.
Erwin Bail, Doris Drechsel, Thomas Bauer © Karin VOGT ADOLF LOOS und der dreckige Hang zu „süßen Mädeln“
2015 ist der Strafakt „Adolf Loos“ im Zuge einer Haushaltsauflösung aufgefunden worden. Seinerzeit war die Öffentlichkeit vom Strafprozess ausgeschlossen gewesen. Zum einen war der Angeklagte zu prominent, um ihn vor neugierigen Gerichtskibitzen und einer auf Sensationsenthüllungen harrenden Wiener Bevölkerung an den Pranger zu stellen. Zum anderen ging es um den Schutz der Kinder, deren Zeugenaussagen das ekelhafte Bild eines gewissenlosen Verführers an den Tag brachten. Ein weiterer Grund für die Geheimhaltung des Verfahrens war wohl auch die Presse, die teils von modern-fortschrittlich Denkenden geführt wurde. Sie konnten oder wollten nicht wahrhaben, dass ein in ihren Augen Unschuldiger wegen eines Sexualverbrechens vor dem Richter stand, einer der ihren, die es mit der vom Gesetz geschützten Jugend ihrer Geliebten durchaus nicht so tragisch nahmen, zumal diese „süßen Mädeln“ ja nur aus den ärmlichen Verhältnissen der Vorstadt stammten und für ein paar Schilling von den Eltern bereitwillig zur Verfügung gestellt wurden.
Erwin Bail vom Theater Experiment am Lichtenwerd hat in die Akte Einsicht genommen und lässt nun in einem packenden und mutigen Gerichtsdrama sowohl den Angeklagten als auch die Zeugen postum zu Wort kommen. In einem Aktenschrank entdecken die „Archivare“ Doris Drechsel und Thomas Bauer die Bananenschachtel mit den Mappen. Sie beginnen darin zu lesen und beweisen damit einen guten Magen, der sich bei der Lektüre der Protokolle allzu gern umdrehen möchte. So sagt ein zehnjähriges Mädchen aus, dass er sie dort geschleckt hätte wo sie wischerlt, weil der Saft einer Melone in ihre (Loos wörtlich) Fut rinnt. Die Kinder erzählen mit ihnen zugänglichen Ausdrücken das Geschehen; wie sie beispielsweise von Loos gebadet und nackt in seltsamen Stellungen gezeichnet wurden oder dass sie das, mit dem ein Mann Lulu macht, küssen hätten sollen.
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