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das beschauliche Magazin


Baumeister Solness Ensemble © Bernhard Kölbl

BAUMEISTER SOLNESS Der tiefe Blick in Ibsens Seelenlandschaften!

Erwin Bail (Baumeister Solness), Anna Dangel (Hilde Wangel) © Bernhrad Kölbl

Von einem Experiment, in ernsten Zeiten mit ernsthaftem Theater unterhalten zu wollen

Henrik Ibsen hat die Menschen um sich wohl besser gekannt als diese sich selbst. Die Schwächen der von ihm auf die Bühne gestellten Charaktere werden gnadenlos von diesen selbst dort offengelegt. Ein eher unbekanntes Beispiel ist das Drama „Baumeister Solness“ aus dem Jahr 1892. Von seiner Aktualität hat es über das verwichene Jahrhundert nichts verloren. Die von Ibsen vorgestellten Personen in diesem Stück sind Prototypen verschiedenster Angstzustände und teils unbegreiflicher Verlorenheit in einer sie umgebenden Welt. Die Gattin von Baumeister Solness, Aline, verschanzt sich hinter Pflichten. Sie betrauert den Verlust ihres Elternhauses, das vor Jahren abgebrannt ist. Dass im Zuge dessen ihre beiden kurz davor geborenen Zwillinge umgekommen sind, berührt sie weniger als die Zerstörung ihrer Puppensammlung und der in der Familie über Generationen weitervererbten Gewänder und Spitzen. Auch ihre eigene Gesundheit hat dabei erheblichen Schaden gelitten. Sie kann nur verhärmt beobachten, wie sich die junge Buchhalterin Kaja Fosli an ihren Mann heranmacht.

Doris Drechsel (Aline), Anna Dangel (Hilde Wangel) © Bernhard Kölbl

Sie liegt diesem zu Füßen und möchte den in die Jahre gekommenen Mann ihrem Verlobten Ragnar Brovik, einem im Büro von Solness arbeitenden tüchtigen Zeichner, vorziehen. Der Meister selbst gibt sich nach außen hin selbstbewusst. Er ist erfolgreich und steht gut im Geschäft. In einem mondänen Stadtteil der norwegischen Hauptstadt Kristiania (heute Oslo) lässt er keinen Konkurrenten an die zahlreichen Bauaufträge heran, auch nicht seinen talentierten Gehilfen Brovik. Das unvermutet auftauchende Fräulein Wangel wird diesen schützenden Panzer jedoch aufbrechen. Solness war einst in einer kleinen Ortschaft vor ihren Augen auf den Kirchturm geklettert und hatte unter dem Jubel der Zuschauer den Richtkranz am Wetterhahn befestigt. Anschließend hatte er die erst zwölfjährige Hilde geküsst und ihr versprochen, sie in zehn Jahren zu seiner Prinzessin zu machen. Solness muss der jungen Frau gegenüber nun zugeben, dass er Höhenangst hat, dass er für sie bestenfalls das Königreich Apfelsinien und darin Luftschlösser errichten kann. Sein Stolz lässt den Versager jedoch nicht zu. Solness lässt sich von Hilde überreden, auf den Turm des von ihm neu errichteten Wohnhauses zu steigen...

Josef Pechhacker (Dr. Herdal), Doris Drechsel (Aline) © Bernhard Kölbl

Das Kellertheater Experiment in der Liechtensteinstraße 132 ist bekannt für mutige Inszenierungen. So wird auch in einer alles andere als heiteren Zeit „Baumeister Solness“ gespielt. Fritz Holy, ein erfahrener alter Theaterhase, hat die deutsche Übersetzung von Sigurd Ibsen bearbeitet und Regie geführt. Auf der kleinen Bühne breitet er mit einem engagierten Ensemble die dieses Drama tragenden düsteren Seelengemälde Ibsens für ein heutiges Publikum nachvollziehbar aus.

Josef Pechhacker ist der mit wohltuender Umsicht ausgestattete Hausarzt Dr. Herdai, dessen Warnungen aber von allen Seiten in den Wind geschlagen werden. An Aline scheitert auch seine Heilkunst. Doris Drechsel gibt dieser Frau die Unnahbarkeit einer Verzweifelten, die mit Gewalt keine Besserung mehr für sich und damit für ihre gesamte Umgebung akzeptieren will.

Mit kalten Augen verfolgt sie das Treiben der jungen Kaja Fosli (Andrea Schwent), die aus ihrer Zuneigung zum Baumeister kein Hehl macht. Mit diesem Affront muss auch András Sosko als Ragnar Brovik leben, der Kaja am liebsten heiraten und sich selbständig machen will. Sie alle haben nicht mit Fräulein Hilde Wangel gerechnet, die wie ein heißer Wirbelwind in die Kälte dieser Gesellschaft hereinbricht. Der Wucht, die Anna Dangel ihrer Figur verleiht, kann niemand widerstehen. Nicht Aline, die es als ihre Pflicht ansieht, das junge Ding in ihrem Haus aufzunehmen. Aber weniger noch ist ihr Gatte Halvard Solness dazu imstande. Erwin Bail, neben Fritz Holy Betreiber des Experiment, hat diese Rolle selbst übernommen. Sein Baumeister steht zwar balzend und polternd, aber im Grund hilflos dieser Hilde gegenüber, die ihn zwingt, sich nach und nach als Schwächling zu offenbaren. Es mag bedrückend sein, diesem verhängnisvollen Treiben zuzusehen, aber es hat auch viel zu geben. Es schafft neue, bisher ungekannte Zugänge in das eigene Empfinden, das mit diesen vom Dichter vorgezeigten Menschen durchaus abgeglichen werden darf.

András Sosko (Ragnar Brovik) © Bernhard Kölbl
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