Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Wolfgang Lesky, Mark Mayr © Bettina Frenzel

KARL MAYBE Das seltsame Leben des Old Shatterhand

Christina Saginth, Bruno Max, Florian Schwarz © Bettina Frenzel

Von Ardistan hinauf nach Dschinnistan durch den Mödlinger Bunker

„Die erschwindelten Lebensreisen des Zuchthäuslers Karl May“ hat Bruno Max , Prinzipal des Theaters zum Fürchten, unter den Titel des Bunker-Stücks 2018 gestellt. Es geht um einen Schriftsteller, der kaum einem männlichen Wesen deutscher Zunge jenseits der 50 unbekannt sein dürfte. Als Bub hat man seine Romane wahrhaft gefressen und die dabei erlesenen Erlebnisse in Indianerspiele umgesetzt, bei denen Pfeil und Bogen selbst fabriziert waren und als Seil zum Fesseln die Wäscheleine der Mutter missbraucht wurde. Karl May führt seine jungen Leser in die Welt hinaus zu Abenteuern und versteht es gekonnt, die von ihm beschriebene Gegend und deren Bewohner so anschaulich zu schildern, dass man allzu gerne glaubt, genau so müsste es im Orient, im Mexiko zur Zeit von Benito Juárez oder im China, das der blaurote Methusalem mit Fagott und Pfeife bereist hat, zugegangen sein. Blöd nur, dass der Autor selbst unter einer kuriosen Bewusstseinsspaltung gelitten hat. Hat er doch glatt behauptet, seine Romane seien allesamt authentisch und seine eigene Biografie.

Emil Pristolic, Regis Mainka © Bettina Frenzel

Warum er sich in diese leicht durchschaubare Lebenslüge verbissen hat, können wohl nur Psychologen beantworten, in seinem Fall eher Gerichtspsychiater. Karl May hatte das Potential zumindest zum Kleinkriminellen, das er in jungen Jahren mit Diebstählen und anderen eher unbedeutenden Vergehen ausgelebt hat. Es hat sich fortgesetzt, wenn er Vorträge gehalten hat, bei denen er die Silberbüchse Winnetous und das waffentechnische Wunderwerk namens Henrystutzen als echt und wahrhaftig präsentiert hat.

Bernie Feit © Bettina Frenzel

Alles nicht wahr und dennoch spannend, wenn man nicht allzu genau hinschaut, zumindest nicht so gnadenlos den Tatsachen nachgeht wie Bruno Max in KARL MAYBE. Sein Stationentheater führt das Publikum in ähnlich packender Weise durch das Leben dieses Schriftstellers wie dessen Werke, in denen die Leser durch die Weiten der Prärie und die Felsschluchten im Land der Skipetaren reiten. Das jeweilige Ambiente, von den Sophiensälen bis zur Wüste, hat Marcus Ganser in die Stollen fabriziert.

Die Masken, die von Rothaut über versoffene Gesichter bis zum adretten Damengesicht des 19. Jahrhunderts reichen, stammen von Gerda Fischer und Zoe Marvie und die faszinierend der überlieferten Vorstellung entsprechenden Kostüme von Alexandra Fitzinger. Sie alle sind verantwortlich, dass die in dieser Produktion eingesetzte Heerschar von Schauspielern möglichst perfekt ausgestattet ist, denn die Zuschauer stehen ihnen in der Enge dieses ungewöhnlichen Theatersaals bedenklich nahe.

 

Viele der Darsteller kennt man von der SCALA Wien oder dem Mödlinger Stadttheater. Es sind Publikumslieblinge dabei wie Bernie Feit als schlitzohriger Hadschi Halef Omar, Christoph Prückner/Dirk Warme als Karl May mittleren Alters und Wolfgang Lesky, der den Großen Wolf Max Spielmann mit seiner Schmetterhand niederstreckt. Die beiden Frauen um Karl May sind die gutherzige Emma (Elke Hagen/Katrin Reisinger) und die undurchschaubare Klara (Christina Saginth/Eszter Hollósi/Bettina Soriat). Zu den bekannten Gesichtern zählen auch Indianerin Anna Sagaischek, der gefinkelte Rechtsanwalt Dr. Bernstein (Florian Lebek) und Lehrer Jörg Stelling, der mit einem Pfeil in der Brust sein Leben in der Schulklasse aushaucht.

Chapeau dem Buben Emil Pristolic, der vom Vater (Regis Mainka) brutal zum Exerzieren gezwungen wird, eine schallende Ohrfeige abfängt und daraufhin mutig in der gespenstischen Finsternis des Stollens verschwindet. Den gealterten und abgeklärten Karl May im Interview mit Egon Erwin Kisch (Florian Schwarz) gibt der Chef persönlich, bevor er ihn an Hermann J. Kogler abtritt. An dieser Stelle hat neben Bertha von Suttner (Lotte Loebenstein/Christine Renhardt) ein junger Mann aus Braunau (Robert Elsinger/Leonard Srajer) seinen großen Auftritt. Seine Aufgabe ist es, die Stollenwanderer aus der Kälte des Bunkers wieder in die sommerlich laue Luft von Mödling mit einem nachdenklichen Lächeln zu entlassen. Denn, was hat es nun damit auf sich, mit dem Ardistan, dem Bodenland, und dem Dschinnistan, bevölkert von Geistern, für das Karl May einen Wegweiser erdacht hat und frei angelehnt an Friedrich Nietzsche die nicht ungefährliche Philosophie vom Übermenschen nicht zuletzt einer menschenverachtenden Ideologie eröffnet hat?

Peter Fuchs, Thomas Marchart © Bettina Frenzel
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