Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Thomas Marchart, Samantha Steppan © Bettina Frenzel

TROILUS UND CRESSIDA Krieg und Geilheit sind offenbar zeitlos

Alexander Rossi, Georg Kusztrich, Christoph Prückner © Bettina Frenzel

Ein Shakespeare, unbekannt wie ein neuer Freund

Wer waren nun die beiden Titelhelden? Frag´ nach bei Homer! In der Ilias findet sich die Geschichte von Troilus, dem Sohn von König Priamos, und der schönen Cressida, der Tochter des Kalchas. Um die Misere einigermaßen zu durchschauen, muss erwähnt werden, dass jener Kalchas ursprünglich Priester und Wahrsager in Troja war, damit dessen Untergang vorausgesehen und sich sicherheitshalber ins Lager der Griechen geschlagen hat. Das Mädchen ließ er in der belagerten Stadt bei ihrem Onkel Pandarus. Troilus verliebte sich heftig in Cressida, die ihm von diesem Pandarus, einem berüchtigten Kuppler zugeführt worden war. Es wäre eine gute Partie gewesen, wenn nicht der herzlose Vater des Mädchens seinen neuen Freunden dieses als Tauschobjekt für einen trojanischen Kriegsgefangenen angeboten hätte. Den politischen Notwendigkeiten musste das emotionale Verhältnis der beiden Jungen unterliegen. Auf Seiten der Danaer fand sich umgehend ein neuer Verehrer von Cressida, der bei seiner nicht ganz erfolglosen Braterei von Troilus beobachtet wurde.

Johanna Rehm, Leonhard Srajer © Bettina Frenzel

Das ernüchternde Ende: Der ursprüngliche Liebhaber ist zutiefst verletzt und beschimpft den Kuppler. Was mit Cressida passiert, kann man nur vermuten. William Shakespeare, der sich für dieses Stück in den Trojanischen Krieg vertieft hat, war die Romanze dieser beiden offenbar zweitrangig. Er hatte sichtlich mehr Spaß am martialischen Treiben zwischen den antiken Helden und setzt den Höhepunkt des Spiels auf den Zweikampf zwischen Ajax und Hector. Nachdem dieser unentschieden ausgegangen ist, überwindet Achilles seinen Trotz, mischt sich ins Kampfgeschehen ein und lässt den einzigen ernsthaften Widersacher, eben Hektor, von seinen Myrmidonen, einer Art wilde Garde, erschlagen.

Georg Kusztrich, Samantha Steppan, Leopold Selinger, Leonhard Srajer © Bettina Frenzel

Gut, dass Bruno Max himself diesen sonderbaren Torso eines Shakespeare-Dramas inszeniert hat, nämlich sehr spannend. Nebenbei beweist der Prinzipal des Theaters zum Fürchten ungemeinen Mut, „Troilus und Cressida“ überhaupt auf den Spielplan zu setzen. Es wird kaum gezeigt und hat wohl auch mit dem Anspruch, sich in einem unübersichtlichen Haufen von Recken vor und in Troja zurecht zu finden, wenig Freunde gefunden. Es sind auch keine Aufführungen zu Shakespeares Zeiten belegt.

Wenn man sich aber mit Agamemnon, Paris, Cassandra, Helena & Co. einlässt, dann wird man mit einem überaus anregenden Abend belohnt. Die beeindruckende Bühne wurde von Marcus Ganser in zwei Hälften geteilt. Sie lässt sich nach Bedarf drehen, um einmal die Soldateska innerhalb und dann außerhalb der Stadtmauern ins Scheinwerferlicht zu rücken. Auf diesem „Schauplatz Troja“ ereignen sich alle die Dinge, die man von Shakespeare erwartet. Es wird in höchster Poesie Liebe geschworen, gleich darauf schlägt man einander die Schädel blutig. An Toten fehlt es nicht und auch nicht an Wahnsinnigen. Es gibt gleich zwei Narren, die beachtliche Weisheiten von sich geben. Der eine ist Panadarus (Hermann J. Kogler) mit dem Wissen des Hintertriebenen, dem keine Niedertracht fern ist; der andere im Rollstuhl mit dem Namen Theresites (Leonhard Srajer) wird als ein entstellter und gemeiner Grieche vorgestellt, der so g´scheite Sachen wie „Krieg und Geilheit kommen nie aus der Mode“ von sich gibt. Wenn das nicht mitreißt?! Übrigens darf auch gelacht werden, denn an Satire wird nicht gespart.

Samantha Steppan, Hermann J. Kogler © Bettina Frenzel

Vom Ensemble wird einiges verlangt. Die meisten haben mindestens zwei Rollen zu bewältigen. Als Priamos, König von Troja, ist Georg Kusztrich ein gebrochener alter Mann, der im nächsten Schwenk als eine Art Fidel Castro die ihm untergebenen Heerführer die Autorität Agamemnons spüren lässt. Christoph Prückner ist sowohl der greise Nestor wie auch der Trojaner Antenor und Maximilian Spielmann ein zum Zerkugeln eitler Ajax und ein mit MP und Tarnhäutl bedrohlich wirkender Trojaner.

Johanna Rehm wandelt sich virtuos von einer Sekt schlürfenden Helena, die mit deutlich sichtbaren Reizen verständlich macht, warum sich Paris (wieder Leonhard Srajer, jetzt als „Schönling“) nicht von ihr trennen will, in die besorgte Andromache, die geträumt hat, dass es an diesem Tag mit ihrem bärenstarken Gatten Hector (András Sosko) zu Ende sein wird, was auch eintrifft. Alexander Rossi darf sich auf den stets schlauen Ulysses konzentrieren und lässt diesen so geschickt die Fäden ziehen, dass er sogar einen ziemlich abgefuckten Achilles (Jürgen Hirsch) und dessen Comic-Hefteln lesenden Busenfreund Patroklus (Max Kolodej) in seinem Sinne einspannen kann.

Aeneas, der später bei der Gründung Roms eine wichtige Rolle spielen sollte, ist Leopold Selinger, der Hahnrei Menelaos Klaus Schwarz, der kehr um die Hand auf der Gegenseite als Krieger gegen seine eigenen Interessen kämpft. Der eigentliche Loser ist Troilus (Thomas Marchart), der sich rührend schüchtern der lieben Cressida (Samantha Steppan auch als Cassandra) zum Kusse nähert. Ist ja auch nicht einfach, denn die Kleine lässt ihn ganz schön zappeln, bevor sie mit ihm endlich im Liebesnest verschwindet.

Jürgen Hirsch, Max Kolodej © Bettina Frenzel
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