Kultur und Wein

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Rhinohz Ensemble © Bettina Frenzel

RHINOZ! Kritik an der Vernunft hinter dem Absurden

Randol Destaller, Leonhard Srajer, Max Hoffmann © Bettina Frenzel

Lassen wir uns alle irgendwann zu Nashörnern machen?

Eugène Ionesco hat 1957 in einer Erzählung aus den Menschen eine dumpf dahin trottende Herde Nashörner werden lassen. Er selbst hat den Stoff für die Bühne umgearbeitet und damit ein Schlüsselwerk des Absurden Theaters geschaffen. Von absurd ist jedoch keine Rede. Es ist lediglich etwas Fantasie gefordert, um sich in einem der Dickhäuter wieder zu finden. Die Auswahl ist gegeben. Man kann der Wisser sein, der alles einmal bezweifelt, solange, bis er zwangsläufig selbst dran glauben muss. Eine schöne Gelegenheit zur Indentifikation findet sich auch im Logiker, der jede Tatsache so lange zerredet, bis keiner mehr weiß, worum es eigentlich gegangen ist. Dass sich der Hans, ein vor Selbstzufriedenheit strotzender Mann, in ein Nashorn verwandelt, ist beinahe so selbstverständlich wie die Mutation des ehrgeizigen Juristen Stech oder die des bedauernswerten älteren Abteilungsleiters Schmetterling. Sie alle könnten gar nicht anders sein als alle übrigen, die sich wie bei einer Epidemie eine dicke Haut und ein bedrohliches Horn (oder sind es zwei?) wachsen lassen.

Randoilf Destaller © Bettina Frenzel

Solche Ansteckungsgefahr kennt man zu gut. Immer schön im Gleichschritt bleiben und schon kann einem nichts mehr passieren! Es war wohl Ionescos fehlende Antwort auf die Frage, warum aus biederen Zeitgenossen von einem Tag auf den anderen Bestien werden, die ihn zu dieser finsteren Vision inspiriert hat. Der Autor hat die Nazizeit mit- und übererlebt, die uns Nachgeborene fassungslos vor den dunklen Abgründen in einem Großteil der menschlichen Naturen stehen lässt. Und trotzdem kann auch heute ein Populist mit ein paar blöden Sagern und einer Simplifizierung aller der auf uns zukommenden Probleme beängstigende Mehrheiten in den Parlamenten schaffen und es sogar zum Präsidenten bringen.

Rhinoz Ensemble © Bettina Frenzel

Diese Warnung ist nur einer der Gründe, warum man sich „Rhinoz!“ in der Scala Wien anschauen sollte. Die anderen sind: Es wurde von Ellen Schmitty „sehr frei nach einem Stück von Ionesco“ (Programmheft) bearbeitet und entfernt sich erfreulicher Weise gar nicht weit vom Original. Man darf sich vom Ausdruck „Absurd“ nicht abschrecken lassen. Die Dialoge sind witzig pointiert und kurzweilig ins Ohr gehend. Die Bühne wurde von Sam Madwar zu einem bedrückenden Schauplatz gestaltet.

Sie steigert sich von einer launigen Wirtshausszene über ein Büro durch die armseligen Wohnungen zweier Beteiligter bis zum finalen Aufmarsch der Nashörner. Maske (Gerda Fischer) und Kostüm (Alexandra Fitzinger) tragen das ihre dazu bei, um dem „Theater zum Fürchten“ gerecht zu werden.

 

Das Ensemble lässt die Zuschauer die Wandlung vom Menschen in den mittlerweile hoch gefährdeten Großsäuger aus afrikanischen und asiatischen Steppen bis zu animalischer Wildheit erleben. Hans (Max Hoffmann) ist der erste, der Anzug und Krawatte gegen den tierischen Panzer tauscht. Hendrik Winkler verfällt zuerst sowohl als patscherter Logiker als auch später als smarter Jurist namens Stech der Verlockung, sich der Masse anzuschließen.

Als Kellner ist Leonhard Srajer noch recht sympathisch, wird aber als Wisser zum Ungustl, der alle anderen für blöd hält und ihnen abspricht, ein Nashorn gesehen zu haben, bevor er selber eines wird. Der Abteilungsleiter (Clemens Aap Lindenberg) hat es nicht leicht mit seinem Team, das statt zu arbeiten faul herumsitzt und über alternative Fakten in den Zeitungen diskutiert, bis Frau Ochs (Anna Sagaischek) verzweifelt auftaucht, um ihren Mann krank zu melden und diesen umgehend als eines der Nashörner erkennt. Von der attraktiven Bürodame Daisy (Zeynep Buyraç) hätte man mehr Vernunft erwartet. Aber sie kann sich halt nicht entscheiden, wem sie ihre Gunst schenken soll; dem Karrieristen mit Aufstiegschancen in der Firma oder dem zur Trunksucht neigenden Behringer (Randolf Destaller). Also wird auch sie wie die anderen und verlässt trotz stürmischen Flehens, eine neue Menschheit wie Adam und Eva aufzubauen, den einzigen, der gegen die Versuchung mit den anderen mitzutrotten immun bleibt.

Randolf Leonhard, Zeynep Buyraç © Bettina Frenzel
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