Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ab jetzt! Ensemble © Bettina Frenzel

AB JETZT! geht’s 15 Minuten in die Zukunft

Christina Saginth (GOU 300 F), Anselm Lipgens (Jerome) © Bettina Frenzel

Die ungemein praktische Gesellschaft einer Roboterfrau

Gibt es überhaupt noch Utopien? Der Englische Autor Alan Ayckbourn lässt daran Zweifel aufkommen. 1987 kommentierte er die Komödie „Henceforward“, deutscher Titel „Ab jetzt!“, mit der Bemerkung „15 Minuten in der Zukunft“. Aus dieser Viertelstunde sind 22 Jahre geworden, die alle Phantasien mehr als Wirklichkeit werden ließen. Trotzdem macht es noch Sinn, dieses Stück aufzuführen; weniger als belächelte Retro-Science-Fiction, sondern mehr als Denkanstoß in einer Gegenwart, in der es nur mehr um die Verfeinerung künstlicher Intelligenz geht, in der Algorithmen ein angeblich freies Handeln berechnen und Roboter bereits zum Inventar eines durchschnittlichen Haushalts gehören. Wer wundert sich noch über die menschliche Stimme aus dem Navy oder das punktgenaue Reiseangebot, das sich über den Bildschirm des Smartphones legt, während man gerade eine Telefonnummer zu tippen versucht? In dieser schrägen Welt spielt die Geschichte, in der ein Komponist zeitgenössischer Musik allein in seiner Wohnung am Synthesizer mit einem kreativen Durchhänger ringt.

Carina Thesak (Geain), Martina Dähne (GOU 300 F) © Bettina Frenzel

Er ist verlassen von seiner Frau und zerrissen vor Sehnsucht nach der Tochter. Seine einzige Gesellschaft ist ein mehr oder weniger funktionierender Roboter in weiblicher Gestalt, während draußen wilde Frauenbanden sein Haus attackieren. Als ihm die Fürsorge auf den Leib rückt, um feststellen zu können, ob das Kind bei ihm leben könne, versucht er zuerst mit einer Schauspielerin solide Verhältnisse vorzugaukeln. Nachdem dieses Experiment bereits im Vorfeld gescheitet ist, programmiert er seinen Roboter auf perfekte Hausfrau – und gewinnt das Herz seines mittlerweile zum störrischen Sohn mutierten Kindes.

Martina Dähne (Zoe),Andreas Steppan (Lupus), Anselm Lipgens (Jerome) © Bettina Frenzel

Man hätte einiges streichen und damit dem britischen Humor Tempo geben können. Aber Regisseur Marcus Ganser setzt auf Beschaulichkeit, um das Publikum am Denken zu halten. So wird u. a. ausführlich über Beziehungen echter Menschen diskutiert. Dabei werden aber mit Wonne Kommunikationsmittel eingesetzt, wie sie uns längst vertraut sind, da sie jedes Gespräch penetrant unterbrechen. So kündigt ein Fernsehschirm an der Wand als Riesendisplay lautstark eingehende Anrufe an.

Ständig schnarrende Handys in den Sakkotaschen von Mervyn, eines glitschigen Beamten des Sozialamts (Wolfgang Lesky), sind die akustischen Begleiter, während Jerome (Anselm Lipgens) mit Corinna (Christina Saginth) um Geain (Carina Thesak) verhandelt. Saginth und Martina Dähne sind nebenbei auch reizende Roboter. Während im ersten Teil Dähne noch als Zoe, eine nicht sonderlich talentierte, aber hinreißend singende Gelegenheitsschauspielerin, mit dem ruppigen, verunsicherten Jerome im Bett landet, hinkt Saginth ätzend als GOU 300 F durch die Szene. Nach der Pause wechseln die Damen die Rollen und Dähne überzeugt als attraktive Maschinenfrau die skeptische Gattin Corinna von ihren Qualitäten als durchsetzungsfähige Gouvernante.

Der ärmste Hund von allen ist Lupus (Andreas Steppan), der Jerome immer wieder telefonisch zu erreichen versucht, einen Abend im Kakadu aber nur mit ärgsten Blessuren übersteht. Die Zeiten sind hart geworden, vor der Tür tobt ein Krieg, gegen den die Unruhen der Gelbwesten ein friedlicher Maiaufmarsch sind, aber dennoch schafft es Jerome, die Liebe in zeitlose Töne zu fassen und gibt damit eine schlüssige Antwort auf die Frage, warum Menschen besser als Roboter sind.

Anselm Lipgens (Jerome), Wolfgang Lesky (Mervyn) © Bettina Frenzel
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