Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Betrogen Ensebmle © Bettina Frenzel

BETROGEN mit Gesprächen über unerotische Seitensprünge

Sophie Prusa (Emma), Boris A. Popovic (Jerry) hinten: Leopld Selinger (Robert) © Bettina Frenzel

Wenn sich Liebe nicht um Freundschaft kümmert

„Wie geht´s?“ „Danke, und dir?“ „Alles bestens!“ „Bei mir auch.“ Mann kennt diese Verlegenheitsfloskeln, die anfängliches Schweigen brechen sollen, wenn man sich nach langer Trennung wieder einmal sieht. Wenn davor noch dazu eine Liebesbeziehung gestanden hat, wiederholen sich allzu gern diese Running Gags der Wortlosigkeit. Der britische Nobelpreisträger für Literatur (2005) und gern gespielte Theaterautor Harold Pinter leitet damit das „Konversationsstück“ „BETROGEN“ ein, um darauf eine subtile Moralpredigt in schönster anglikanischer Verklemmung aufzubauen. Emma (Sophie Prusa) hat ein Verhältnis mit Jerry (Boris A. Popovic), der nicht ganz zufällig der beste Freund ihres Gatten Robert (Leopold Selinger) ist. Sie treffen sich nach zweijähriger Enthaltsamkeit bei einem Drink. Eingefädelt hat das Treffen die Frau, um ihrem Liebhaber zu sagen, dass sie in verwichener Nacht ihrem Ehemann alles gestanden hat, als Retourkutsche auf dessen zu Tage gekommenen amourösen Ausrutscher. Ein eventuelles Aufflammen der Glut ist damit freilich ausgeschlossen.

Sophie Prusa (Emma) © Bettina Frenzel

Ab nun geht es zurück in der Zeit, zu schönen gemeinsamen Momenten in einer extra dafür angemieteten Wohnung. Angesprochen werden aber stets auch die Widrigkeiten, die zwangsläufig mit einem derartigen Verhältnis verbunden sind. Drei ausnehmend erfolgreiche Zeitgenossen – Jerry ist Talentescout für den Buchverleger Robert, sie führt eine gut gehende Galerie – haben sich auf Abenteuer eingelassen, denen sie nicht gewachsen sind.

Leopold Selinger (Robert), hinten: Sophie Prusa (Emma) © Bettina Frenzel

Diesen drei im künstlerischen Bereich tätigen Menschenkindern sollte man mehr zutrauen, als sich leidenschaftslos aneinander abzureagieren. Aber daran mag Regisseurin Isabella Gregor Schuld tragen. Immer wieder taucht der Verdacht auf, dass diese Frau von solchem Treiben tatsächlich schockiert sein könnte, denn sie zieht quietschend die Handbremse, wenn es erotisch zur Sache gehen sollte. So bleibt Emma den Avancen Jerrys gegenüber schön und kühl wie eine Marmorstatue.

Dieser geht erst aus sich heraus, wenn er besoffen um sie in ihrem Badezimmer wirbt und Robert dürfte das Ganze ohnehin nicht kratzen, denn sein einziges Begehr ist und bleibt eine Squashpartie mit seinem Kumpel Jerry oder der gemeinsame Restaurantbesuch, bei dem Leon Lembert Gelegenheit hat, als italienischer Kellner zu blödeln. Dass das Trio ungebetene Mitspieler bekommt, erfährt man ebenfalls in den langen Dialogen, die mit der von Isabella Gregor erdachten und von Marcus Ganser gebauten Bühne in einer Konstruktion aus praktischen Mehrzweck-Würfeln ihren Rahmen finden. Im Grund weiß ohnehin jeder von jedem, was bei diesem so läuft.

Auch ein noch so raffiniert geplanter Seitensprung lässt sich auf Dauer nicht verheimlichen. Also bleibt nur eines: Der Selbstbetrug. Will man das eingespielte Arbeitsverhältnis mit kleinlicher Eifersucht aufs Spiel setzen, eine dicke Freundschaft aufkündigen oder gar einen Bruch mit der geliebten Familie riskieren? Das wäre wohl ein zu hoher Preis für ein paar Nachmittage außerehelicher Geilheit. Daher lassen wir´s am besten bei „Wie geht´s?“ „Danke, und dir?“ „Alles bestens!“ „Bei mir auch.“

Boris A. Popovic (Jerry), Sophie Prusa (Emma) © Bettina Frenzel

Casanovas Damenflor © Bettina Frenzel

CASANOVA KOCHT und lässt das Publikum an den Genüssen teilhaben

HermannJ. Kogler (Casanova), Christina Saginth (Comtesse De la Borde) © Bettina Frenzel

Pikant gewürzte Geschichten aus einem wahrlich üppigen Liebesleben

Der eigentliche Koch ist Bruno Max. Er hat in „Rezeptbüchern“ von Arthur Schnitzler, Fellini, Russell T. Davis, Lasse Hallström, Ettore Scola und natürlich von Giacomo Casanova selbst geblättert und ein Menü erstellt, das der nach Don Giovanni bekannteste Gourmand in Sachen Frauenvernaschen durchaus mit Appetit verspeist hätte. Schließlich geht es darin um ein Leben voller Abenteuer, bestehend aus kulinarischen und erotischen Genüssen, verbunden mit all den Gefahren, die ihn sogar in die gefürchteten Bleikammern Venedigs gebracht haben. Selbstverständlich kann ein Casanova auch daraus fliehen. Der Trick: Eine Schüssel heißer Makkaroni, mit denen sogar ein misstrauischer Gefängniswärter überlistet werden kann. Der in diesem Stück bereits gealterte Held darf ausgiebig Rückschau halten. In einer Poststation nahe Paris trifft Casanova anno 1791 auf Restif de la Bretonne, einen seiner Zeit bekannten Romancier, der vor den Wirren der Revolution ebenfalls auf dem Weg in Sicherheit außerhalb der französischen Hauptstadt ist, und findet in ihm einen aufmerksamen Chronisten.

Mark Mayr (junger Casanova), Teresa Renner (Kastrat) © Bettina Frenzel

So kann er mit seiner ersten Geilheit als heranwachsender Bub und dem missglückten Versuch, Kleriker zu werden, beginnen, über seine Erlebnisse mit verheirateten Damen, mit einer Nonne, einem Kastraten und einer Greisin berichten, ohne dabei Rücksichten nehmen zu müssen, denn sie alle sind längst ferne Vergangenheit eines Mannes, der mittlerweile zum Hofnarren, pardon, zum Bibliothekar auf dem Schloss des Grafen Joseph Karl von Waldstein herabgesunken ist.

Bernie Feit (Restif), Hermann J. Kogler (alter Casanova) © Bettina Frenzel

Wenn die Zubereitung dieser Zutaten bestens gerät, dann wird daraus faszinierendes Theater, das in der Scala Wien unter dem Titel „Casanova kocht“ so sehr ernst genommen wird, dass das Publikum nicht nur zuschauen, sondern im Rahmen eines galanten Dinners mitgenießen darf, wenn in der Mitte des Raumes für die beiden Hauptdarsteller Köstlichkeiten aufgetragen werden. So leiten mediterrane Kleinigkeiten und Schinkenspeckröllchen zu einer raffinierten Königinnenpastete über.

Ganz wie seinerzeit bei Hofe wird dazu vom Balkon herab musiziert. Ein in vielen Zeiten und Strömungen bewandertes Orchester unterhält die Schmausenden mit Melodien von Mozart über Vivaldi bis Caterina Valente. Hermann J. Kogler als der alte Casanova und Bernie Feit als Restif verbinden kurzweilig die vielen kleinen Handlungen, die zumeist im Bett enden. Nutznießer der Erinnerungen sind Eric Lingens als sehr junger Casanova, der später allerdings zu einem unangenehmen Schergen mutiert, und Mark Mayr, dem als in Saft und Kraft stehenden Casanova die Herzen mitsamt den bebenden Körpern des Weibervolks nur so zufliegen. So legt er die virtuos in einer Reihe von Rollen auftretenden Schönen Teresa Renner, Angela Ahlheim, Fiona Ristl und Ivana Stojković gekonnt und in phantasievollen Stellungen aufs Kreuz. Dass der von ihm verehrte Voltaire (RRemi Brandner) nur Spott für ihn übrig hat, schmerzt zwar, wird aber vom Zuschauer beim Verzehr von Muschelnudeln mit zweierlei Sauce und einem erfrischenden Glas Grüner Veltliner vom Mödlinger Weingut Pferschy-Seper weniger bitter wahrgenommen als es Casanova selbst trifft.

Dem letzten großen Liebesangebot seitens der attraktiven Comtesse De la Borde (Christina Saginth) entsagt der alte Schwerenöter. Während rund um ihn an den Tischen lustvoll in Venusbrüstchen gebissen wird, muss er erkennen, dass derlei Freuden auch bei ihm aufs Essen beschränkt zu bleiben haben. Alles weitere, das die königstreue Hofdame zu bieten hätte, steht auch für ihn – und das mag die älteren Herren zu einem zufriedenen Lächeln veranlassen – längst außerhalb seiner potentiellen Reichweite.

RRemi Brandner (Voltaire im Kreise seiner Anbeterinnen) © Bettina Frenzel
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