Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Sein oder Nichtsein, Ensemble © Bettina Frenzel

Sebastian von Malfèr, Claudia Marold, Christoph Prückner, Wolfgang Lesky, Sophie Prusa, Bernie Feit, Leopold Selinger © Bettina Frenzel

SEIN ODER NICHTSEIN Kann Kunst Krieg ad absurdum führen?

Christoph Prückner, Emil Pristolic, Sophie Prusa, Leopold Selinger, Wolfgang Lesky © Bettina Frenzel

Sein oder Nichtsein, Ensemble © Bettina Frenzel

Nichts ist so traurig, dass man nicht darüber lachen soll

Was wir seit dem 24. Februar 2022 in bedenklicher Nähe miterleben, ist eine Farce, für die es tragischerweise keine Zensurbehörde gibt. Deren Regisseur darf wüten, obgleich er längst nicht mehr Herr seiner Sinne ist, die Darsteller, in ihre fatale Rolle gezwungen, werden kaltblütig hingemordet, das Bühnenbild ist eine Aneinanderreihung von Gräbern, zerschossenen Panzern und Bombenruinen. Wir alle haben uns in der Hoffnung gesonnt, das wir eine solche apokalyptische Vorstellung nie mehr erleben würden. Wir wurden eines Besseren belehrt. Geschichte wiederholt sich gnadenlos. Was einst vom nationalsozialistischen Deutschland ausgegangen ist, beschert uns nun das Großmachtstreben eines russischen Zaren. In beiden Fällen ist die Motivation nicht rational nachvollziehbar. Uns bleibt nur das Zuschauen und, sofern man an einen Gott glaubt, das Beten, denn ein Happy End dieser bitteren Posse hat es damals nicht gegeben und es wird auch dieses Mal ausbleiben.

Emil Pristolic, Alexander Keller, Wolfgang Lesky, Hans Steunzer © Bettina Frenzel

Emil Pristolic, Alexander Keller, Wolfgang Lesky, Hans Steunzer © Bettina Frenzel

Mathias Kahler-Polagnoli, Wolfgang Lesky © Bettina Frenzel

Mathias Kahler-Polagnoli, Wolfgang Lesky © Bettina Frenzel

Mitten im Zweiten Weltkrieg hat der in Hollywood tätige Deutsche Ernst Lubitsch aus der Komödie „Noch ist Polen nicht verloren“ seines Freundes Melchior Lengyel den Film „Sein oder Nichtsein“ gedreht. 2008 hat daraus der Engländer Nick Whitby wieder ein Theaterstück mit dem Titel „To Be or Not to Be“ geschaffen. Die deutsche Version wird unter „Sein oder Nichtsein“ gespielt und wurde nun auch vom Theater zum Fürchten aufgenommen. Unter der Regie von Marcus Ganser wird mit einem großartigen Ensemble und einer selbständig agierenden Tür diese Köpenickiade wie ein Trostpflaster über unsere Sorgen und Ängste gelegt. Wolfgang Lesky als erster Schauspieler des Polsky Theaters und seine bildhübsche, aber in Sachen Treue nicht recht zuverlässige Frau (Sophie Prusa) tragen mit ungemein liebevoller Komik ihren Ehestreit aus, um dennoch die Mitspieler mithilfe ihres Liebhabers (Sebastian von Malfèr als polnischer Fliegerleutnant) aus den Klauen der Deutschen unmittelbar nach deren Einmarsch zu retten. Unter der Leitung von Josef und Maria Tura übertölpeln Direktor Dowasz (Christoph Prückner), die gute Seele Anna (Claudia Marold), der Schauspieler Rowicz (Hans Steunzer) und die Kleindarsteller Bronsky (Leopold Selinger) und Grünberg (Bernie Feit) in ungemein humorvoller Weise die Besatzer. Zuerst gilt es den Doppelagenten, Professor Siletsky (Mathias Kahler-Polagnoli), auszuschalten;

anschließend den brutalen gleichwie geilen Gestapochef (Robert Notsch als zynischer und doch blöder Konzentrationslager-Erhardt) zusammen mit dem eher unterbelichteten Sturmführer Schulz (Robert Stuc) zu überlisten.

 

Stellvertretend für die Zukunft der Menschheit wirbelt anfangs der Bub Emil Pristolic durch das Geschehen. Vielleicht kann sein kleiner Marek später über den ganzen Schrecken lachen und dem Krieg damit auf die beste Weise kommentieren. Prinzipal Bruno Max schreibt dazu im Programmheft: „Eine Geschichte zum Mut bekommen, zum Solidarisieren, zur Befreiung von Angst durch die Macht des Gelächters. Denn davor haben sie Angst, die großen und kleinen Hitlers, gestern wie heute. Vor der Lächerlichkeit, Lachen wir. Lachen wir sie aus.“ Beim Filmfestival in Cannes erhielt er dafür umgehend vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj die Bestätigung, als dieser sich in einer Videobotschaft einen neuen Charley Chaplin wünschte, der machtgierige Unmenschen aller Zeiten in seinem Streifen „Der große Diktator“ zu Witzfiguren abgestempelt hat.

Sophie Prusa, Wolfgang Lesky © Bettina Frenzel

Sophie Prusa, Wolfgang Lesky © Bettina Frenzel

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