Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

FETTES SCHWEIN in zähem Kampf mit Schlankheitsfreaks

Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

Ist es Liebe, wenn sie an Äußerlichkeiten scheitert?

Mein Gott, ihr schmeckt´s halt, sagen wir gerne über Damen, die etwas zuviel an drallen Formen verfügen. In einem Land, in dem gut die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig ist, macht kaum wer ein Drama aus einem wabernden Bauch, aus den Körben quellenden Brüsten oder aus Oberschenkeln, die an dicke Betonsteher unter Hochhäusern erinnern. So lange sie schamhaft von einer weiten Gewandung verdeckt werden. Freilich wäre jede und jeder gern schlank. Fettleibigkeit ist ein Phänomen, das beide Geschlechter betrifft. Im Fall von „Fettes Schwein“, einem Theaterstück des Amerikaners Neil LaBute, ist es Helen (Anna Sagaischek), die sich ihre ausufernden Rundungen mit einem Übermaß an Pizza und Pudding angefressen hat. Sie scheint sich damit abgefunden zu haben, bis er auftaucht und an ihrem Stehtischerl sein Tablett voll gesunden Nahrungsmitteln abstellt. Tom (Benjamin Spindelberger) heißt der etwas verklemmte, sehr zusammengeräumte Mann. Er wird von der Lebensfreude der Dicken gegenüber auf der Stelle angesteckt. Helen und Tom kommen sich näher und landen im Bett. Ihrem Glück stünde nichts im Wege, wären da nicht seine Kollegen, durchwegs sportlich schlanke Zeitgenossen, geeint von der Verachtung für jedes Gramm zuviel auf der Waage.

Benjamin Spindelberger, Sebastian von Malfèr, Selina Ströbele © Bettina Frenzel

Benjamin Spindelberger, Sebastian von Malfèr, Selina Ströbele © Bettina Frenzel

Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

Benjamin Spindelberger, Anna Sagaischek © Bettina Frenzel

Toms Freund Carter ist eine Pestbeule der Sonderklasse. Sebastian von Malfèr wird in sehenswerter Manier zum unsympathischen Ungustl, der nicht davor zurückscheut, seinen Kollegen vor der Belegschaft wegen dessen Zuneigung zu Helen lächerlich zu machen. Die zweite Person ist eine Mitarbeiterin in der alles wissenden Buchhaltung. In diesem Fall liegt der Fall schon etwas komplizierter. Selina Ströbele hat die Figur, der ein Mann an sich nicht widerstehen kann. Als Jeannie verbindet sie mit Tom jedoch eine kurz zurückliegende nähere Bekanntschaft.

Ihr sieht man es nach, wenn sie ärgerliches Unverständnis am gewandelten Geschmack ihre Exfreundes verzweifeln lässt. Aus dieser Grundsituation entspinnt sich ein zweistündiges Raufen um Liebe, angefeindet von höhnischem Spott, attackiert mit unentschuldbaren Untergriffen und unterlaufen von krampfhaften Zudringlichkeiten. Die Diskussionen beginnen sich jedoch bald im Kreis zu drehen, wie die von Regisseur Sam Madwar grandios gestaltete Bühne. Dem Autor scheint allerdings nichts mehr eingefallen zu sein, um die sich anschleichende Langeweile zu bändigen. So stellen sich bald eigene Überlegungen ein: Helen hat das Pech, sich ernsthaft in Tom zu verlieben, kann sie ihm damit Schuldgefühle einreden, sobald sie seine Distanz spürt? Wie steht es um ihn, wie ernst gemeint sind seine ständigen Liebeserklärungen? Wird er schwach werden? Hat ein solches Gspusi zweier höchst unterschiedlicher Partner überhaupt eine Zukunft? Es heißt geduldig darauf warten, bis LaBute letztendlich doch eine wenig überraschende Antwort auf alle diese Fragen gibt.

Selina Ströbele © Bettina Frenzel

Selina Ströbele © Bettina Frenzel

Leopold Dallinger, Bettina Soriat, Teresa Renner © Bettina Frenzel

Leopold Dallinger, Bettina Soriat, Teresa Renner © Bettina Frenzel

SHOCKHEADED PETER Junk-Oper als Strafe für böse Kinder

Katrin Fuchs, Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

Katrin Fuchs, Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

Erziehungsmaßnahmen von anno dazumal sehr schräg angepeilt

Sieh einmal her, da steht er, Pfui! der Struwwelpeter! Wer hat diesen wunderschönen Satz nicht im Ohr? Er wurde uns immer und immer wieder vorgelesen, bis wir ihn selbst entziffern und die wohlgereimten Zeilen aus der Hand des Herrn Dr. Heinrich Hoffmann auswendig hersagen konnten. Wir lernten, dass man People of Color, damals noch poetisch Mohren genannt, nicht wegen ihrer Hautfarbe verspottet und beim Daumenlutschen recht flott diese beiden Finger verliert. Wenn ein wilder Jäger vom Hasen in den Brunnen geschossen wird, empfanden wir es als erfreulich, aber genauso absehbar wie den Absturz des Hans Guck-in-die-Luft. Robert mit dem Regenschirm wurde sogar heimlich für seine Luftreise beneidet. Haben wir deswegen Schaden genommen? Heutige Kinder sind damit zu verschonen, meinen zumindest Psychologen und haben eine ganze Reihe von Argumenten an der Hand, warum die kleine Seele nicht mit derlei Grausamkeiten konfrontiert werden darf.

Das Opern-Orchester unter Béla Fischer jun. © Bettina Frenzel

Das Opern-Orchester unter Béla Fischer jun. © Bettina Frenzel

Bettina Soriat, Leopold Dallinger, Georg Hasenzagl © Bettina Frenzel

Bettina Soriat, Leopold Dallinger, Georg Hasenzagl © Bettina Frenzel

Deswegen ist empfindlichen Gemütern angeraten, sich die „Junk-Oper“ „Shockheaded Peter“ von den Tiger Lillies & Co. nicht anzuschauen. Im Gegensatz zum Original enden ausnahmslos alle Episoden letal. Aber einmal ganz ehrlich: Es wär´ ja nur halb so lustig, wenn der völlig uneitle Struwwelpeter die Attacke mit Kamm und Nagelschere heil überstünde oder der Zappel-Philipp unter der Tischdecke überlebte. Deswegen hat Marcus Ganser in seiner Inszenierung keine Brutalität gescheut, wenn er die kleinen Bösewichte einen nach dem anderen ins Jenseits befördern lässt. Als Moderator erscheint Georg Kusztrich in der Rolle eines dämonischen Theaterdirektors. Dazwischen trägt er als Schneider, Riese Niklas oder Fisch einen nicht unwesentlichen Anteil am tödlichen Geschehen bei und bietet damit Erziehungstipps vom Feinsten.

Denn die Eltern mit Bettina Soriat als Vater und Leopold Dallinger als Mutter sind heillos mit ihrem Nachwuchs überfordert. Sie können sich nur von Herzen erleichtert freuen, wenn der Suppenkaspar (Striptease bis zum Skelett: Teresa Renner), der böse Friedrich (Wüterich Georg Hasenzagl) oder Paulinchen (hört nicht auf ihre Katzen: Katrin Fuchs) endlich unter das Sofa gekehrt werden können. Kostüm (Anna-Sophie Lienbacher) und Maske (Gerda Fischer, Zoë Marvie) haben virtuos dazu beigetragen, dass Frisuren und Fingernägel wirklich garstig sind und die diversen Figuren ganz den Hoffmannschen Illustrationen entsprechend ihre Streiche spielen dürfen. Da es sich um eine Oper handelt, braucht es auch Musik. Béla Fischer jun. (Keyboard) erzeugt mit Sigi Finkel (Reeds), Hartmut Kamm (Gitarren), Robert Pistracher (Bass) und Fritz Rainer bzw. Matthias Lill (Percussion) exakt die turbulente Klangkulisse, die das Chaos dieser tiefschwarzen pädagogischen Lehrstunde so richtig verstärkt und mit dem Ensemble als wahrhaft launigen Abend voller Ironie und einem satten Schuss Zynismus über die Bühne fegen lässt.

Georg Kusztrich, Teresa Renner © Bettina Frenzel

Georg Kusztrich, Teresa Renner © Bettina Frenzel

SCALA Logo 300

Statistik