Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Florian Lebek, Stephanie-Chrstin Schneider, Ensemble © Bettina Frenzel

Florian Lebek, Stephanie-Chrstin Schneider, Ensemble © Bettina Frenzel

CYRANO DE BERGERAC Fechten, Dichten & Lieben so wie einst

Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

Wenn nur diese Nase nicht wär´, der Mann wäre unwiderstehlich.

Ein romantisch-komödiantisches Versdrama so auf die Bühne zu stellen, wie es dessen Autor Edmond Rostand (1868-1918) gemeint haben könnte, ist heutzutage ein mehr als mutiges Unterfangen, mindestens ebenso kühn wie dessen Held, der es im Degengefecht mit 20 Gegnern locker aufnimmt. Es braucht dazu ein stattliches Personal, um eine Pariser Theatergesellschaft, die Horde schnorrender Dichter in einer Bäckerei, einen Haufen kampfbereiter Gascogner Kadetten vor der belagerten Stadt und die Belegschaft eines Nonnenklosters anständig zu besetzen. Die sich daraus ergebenden wechselnden Schauplätze sind eine Herausforderung für jedes Theater, vor allem für eines, das nicht über einen Schnürboden verfügt. Abgesehen davon ist es nicht gerade en vogue, wenn auf schräge Regieideen, Zeitsprünge oder entbehrliche Aktualisierungen verzichtet wird. Das Publikum wird mit einer Zeitreise in das Paris des 17. Jahrhunderts zurückgeführt und ist, so das Resümee, dafür ausnehmend dankbar.

Christina Saginth, Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

Christina Saginth, Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

Markus Tavakoli, Benjamin Spindelberger, Barbara Kaudelka © Bettina Frenzel

Markus Tavakoli, Benjamin Spindelberger, Barbara Kaudelka © Bettina Frenzel

Nun zum Einzelnen: Bruno Max, Prinzipal des Theaters zum Fürchten, hat „Cyrano de Bergerac“ höchstpersönlich inszeniert. Er konnte sich dabei auf ein Ensemble verlassen, das mit spürbarer Freude am Werk ist, Kostüme (historisch stimmig: Sigrid Dreger) und Charaktere wie nix wechselt und jede einzelne Szene möglichst authentisch begleitet; Chapeau! Die unglaublich raffinierte Bühne hat Robert Notsch entworfen und mit einem Team gebaut. In kurzen Pausen entsteht hinter dem geschlossenen Vorhang eine neue Szenerie, die das jeweilige Bild noch mit einer interessanten Geschichte ergänzt. Auf grauen Wänden ist eine geheimnisvolle Handschrift zu sehen. Sie gehört Cyrano de Bergerac (1619-1655), einem französischen Dichter, der mit zwei fantastischen Romanen als Vorläufer der Science-Fiction gilt. Abgesehen von seinem Namen und der Zeit seines Wirkens hat er jedoch nichts mit dem Helden zu tun, der Ende des 19. Jahrhunderts in der Dichtung für ein neues Selbstbewusstsein in Frankreich gesorgt hat.

Markus Tavakoli, Philip Bialkowski, Ensemble © Bettina Frenzel

Markus Tavakoli, Philip Bialkowski, Ensemble © Bettina Frenzel

Berühmt ist die schrecklich lange Nase des Degen- und Poesiegenies. Eine solche wurde von Gerda Fischer unserem tapferen Cyrano ins Gesicht gezaubert. Mit diesem Gesichtserker versehen, nimmt man ihm seine Schüchternheit gegenüber der liebreizenden Roxane (Barbara Kaudelka) gerne ab. Markus Tavakoli macht aus diesem Makel seine große Stärke, wenn er jeden Anflug von Spott mit virtuos geführtem Degen ahndet, in der Nähe seiner Geliebten aber zum armseligen Monster schrumpft, das Stimme und poetisches Talent dem dummen Schönling Christian von Neuvillette (Benjamin Spindelberger) borgt. Christina Saginth begleitet als Nonne getreulich ihre Herrin, um zuletzt in einem Kloster als Mutter Marguerite Karriere zu machen. Was wäre ein Drama ohne Bösewicht?! Als mächtiger Grafen Guiche treibt er sein verderbliches Unwesen, wenn ihn Alexander Rossi entsprechend unsympathisch vergeblich um die Hand von Roxane werben und am Tod ihres Mannes die Schuld tragen lässt. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch der Vollmond. Als gruseliger Totenkopf ist er der letzte Gegner von Cyrano de Bergerac und damit der einzige, der ihn im Degengefecht zu besiegen vermag.

PLAY STRINDBERG Der Totentanz zu einer Silberhochzeit

Thomas Kamper, Vanessa Payer Kumar, Alexander Lutz © Bettina Frenzel

Thomas Kamper, Vanessa Payer Kumar, Alexander Lutz © B. Frenzel

Dürrenmatts Komödie nach Strindberg hat nur geringes Potential zum Lachen

August Strindberg war trotz profunder Kenntnis der mit dem Ehestand verbundenen Miseren etliche Male verheiratet. Das Leben zu zweit war für ihn ein „Totentanz“, dem er ein entsprechend düsteres Drama widmete. Gut 50 Jahre später boten die darin aufgearbeiteten Frustrationen für den Schweizer Friedrich Dürrenmatt den Stoff für eine zweifelhafte Komödie. „Play Strindberg“ ist eine Nachdichtung, die 1969 in Basel uraufgeführt wurde. Wieder vergingen mehr als fünf Jahrzehnte, bis in der SCALA Wien bewiesen werden konnte, wie zeitlos die bittere Ernüchterung zwischen zwei in der Ehe verbundenen Menschen sein kann. Das von der Kirche als heiliges Sakrament und vom Staat als Zelle der gesellschaftlichen Ordnung angesehene Institut kennen viele aus eigener Erfahrung und sind in der Lage, manches davon zu bestätigen, anderes aber durchaus als übertrieben zu belächeln.

Thomas Kamper, Alexander Lutz, Vanessa Payer Kumar © Bettina Frenzel

Thomas Kamper, Alexander Lutz, Vanessa Payer Kumar © B. Frenzel

Vanessa Payer Kumar, Alexandeer Lutz, Thomas Kamper © Bettina Frenzel

(Am KLavier) Vanessa Payer Kumar, Alexandeer Lutz, (tanzend) Thomas Kamper © Bettina Frenzel

So dürfte ihnen nicht neu gewesen sein, dass das von Babett Arens inszenierte Stück mit einer schweigenden Unterhaltung vor dem Essen beginnt. Was sollen zwei Eheleute nach 25 Jahren einander noch erzählen? Schauplatz ist ein Käfig, geschaffen von Marcus Ganser, der die Streitereien und Rangeleien von allen Seiten gut beobachten lässt. Auf einem Hochstuhl an der Seite sitzt die Schiedsrichterin, die jeweils die zwölf Runden bis zum finalen KO einläutet. Edgar und Alice treten gegeneinander an, verkörpert von Thomas Kamper und Vanessa Payer Kumar. Er ist Hauptmann auf einer kleinen Insel im Irgendwo, wartet auf seine Beförderung zum Major und schwankt zwischen Selbstüberschätzung und Verzweiflung. Seine Frau ist ihm dabei keine Hilfe, sie ist im Grunde gar nichts außer eben anwesend, um ihn lautstark an seine Unzulänglichkeit zu erinnern.

Etwas Schwung in das lieblose Einerlei bringt Kurt (Alexander Lutz), der aus nicht ganz geklärten Gründen die örtliche Quarantänestation leiten soll. Er ist der Vetter von Alice, war vielleicht einmal ihr Liebhaber und ist mittlerweile von seiner Frau geschieden. Dürrenmatt lässt in dieser Figur eine Menge offen. Ist Kurt nun ein kleiner Gauner oder doch der große Geschäftsmann, als der er sich zuletzt ausgibt? Egal, was immer, es bringt die Handlung nicht wirklich voran. Sie erschöpft sich im Großen und Ganzen in Ohnmachtsanfällen von Edgar, die Kamper zum Mitleiden glaubhaft darstellt. Dessen Gast wiederum betätigt sich gekonnt als Klavierspieler, der die Lieblingsmelodien des Hauses am Pianino zum Besten gibt. Den Ehemann lässt er bis zum Umfallen zum Einzugsmarsch der Bojaren tanzen und sie begleitet er als Sängerin von Solveigs Lied, um in dieser Zeit zwischen Säbel und Handy schließlich trocken festzustellen, dass Edgars Krankheit tatsächlich erst mit dessen Ableben glaubhaft geworden ist.

Vanessa Payer Kumar, Thomas Kamper © Bettina Frenzel

Vanessa Payer Kumar, Thomas Kamper © Bettina Frenzel

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