Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 Erika Giovanna Klien, Vogelflug, 1951/52  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Erika Giovanna Klien, Vogelflug, 1951/52 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

ERIKA GIOVANNA KLIEN Faszinierende Bewegung in den Gemälden

Ausstellungsansicht, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Eine umfangreiche Personale erinnert an den Kinetismus und seine bedeutende Vertreterin.

Geboren wurde Erika Giovanna Klien im Trentino im Jahr 1900. Mit ihrem Vater, einem Bahnhofsvorsteher, kam sie 1919 nach Wien. Das vielseitig hoch talentierte Mädchen begann umgehend zu studieren, sowohl an der Akademie für Musik und darstellende Kunst als auch an der Kunstgewerbeschule. Dort trifft sie auf Franz Čižek, der unter anderem die Abteilung für ornamentale Formenlehre leitet. Er gilt als Wegbereiter des Kinetismus, hergeleitet vom altgriechischen Wort „κίνησις “ (Kinesis). Definiert wird diese Richtung der Avantgarden der Moderne ab 1919/1920 offiziell als Synthese aus Expressionismus (Gefühl), Kubismus (Form) und Futurismus (Bewegung).

 Erika Giovanna Klien, Kopf einer Tänzerin (Erwachen), 1923  Sammlung Pabst, Wien

Erika Giovanna Klien, Kopf einer Tänzerin (Erwachen), 1923 Sammlung Pabst, Wien

 Erika Giovanna Klien, Kinetische Figur, 1927  Sammlung Leitner, Wien

Erika Giovanna Klien, Kinetische Figur, 1927 Sammlung Leitner, Wien

Die Studentin Klien findet darin ihre persönliche Linie und ist damit erfolgreich. Ihre Werke werden international gezeigt, da sie u. a. auf dem Weg von Gruppenausstellungen der Čižek-Klassen auch nach Kanada und in die USA kommen. Sie selbst beginnt schon in frühen Jahren ihr Wissen und Können weiterzugeben. 1926 übernimmt sie den Kunstunterricht an der auf modernen Tanz fokussierten Elizabeth-Duncan-Schule in Salzburg-Kleßheim. Mit dem „Klessheimer Sendboten“, gezeichneten Comics, hält sie ihren Lehrer und den Wiener Freundeskreis auf dem Laufenden. Die in Amerika erfahrene Bewunderung ihrer Arbeiten veranlasst Erika Giovanna Klien 1929 zu einer Übersiedlung nach New York. Aufgrund der in den ersten Jahren ihres Aufenthalts herrschenden Wirtschaftskrise ist sie jedoch um des Auskommens willen auf die Tätigkeit als Kunstpädagogin angewiesen. Ihre Malerei findet kaum Anklang. Dennoch wird sie 1938 US-amerikanische Staatsbürgerin. Der Kontakt zu ihrer Familie in der alten Heimat – sie hat einen Sohn – kommt zum Erliegen. Es bleibt beim Unterrichten, abgesehen von einer Werkserie, die sich mit den Themen Großstadt und den Flug des Vogels beschäftigt. 1957 stirbt Klien in New York.

 Erika Giovanna Klien, Lokomotive, 1925  Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherin

Erika Giovanna Klien, Lokomotive, 1925 Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherine S. Dreier

Sie wäre wohl gründlich vergessen, gäbe es nicht das Belvedere und Generaldirektorin Stella Rollig. Ein Werk von Erika Giovanna Klien wurde immer wieder in diversen Ausstellungen platziert. Es handelt sich um „Diving Bird“ aus 1939. Es eröffnet auch die Personale „Alles ist Bewegung“ (bis 31. Jänner 2027) im Unteren Belvedere. Die vier großen Räume konnten dank der Kooperation mit der Universität für angewandte Kunst – Kunstsammlung und Archiv sowie dem Istituto Italiano di Studi Germanici in Rom mit einem ansprechenden Schauprogramm gefüllt werden. Etliche Blätter des „Klessheimer Sendboten“ verführen zum Schmunzeln, da Klien dieses Tagebuch mit humorigen bis sarkastischen Kommentaren versehen hat. Für ihr „Kinetisches Marionettentheater“ schuf sie 1923/24 gemalte Figuren und Kulissen, die allesamt Bewegung auszudrücken vermögen.

Sie verstand es sogar, den Tanz auf Leinwand zu bannen. „Tango“ aus 1925, der mehrfach ausgeführte „Kopf einer Tänzerin“ aus 1922/23, „Movement“ (1935) oder „Bending“ (1938) sind beredte Beispiele dieses einmaligen Könnens. Wo es an öffentlicher Aufmerksamkeit fehlte, mussten Plakate her, die Klien mit großem Gefühl für Schrift und grafischer Gestaltung selbst entwarf. Den größten Eindruck auf die Betrachtenden dürfte jedoch ein etliche Meter langer Fries hinterlassen. Der „Gang durch die Großstadt“ ist 1923 entstanden und lässt die Verwirrung des darin lebenden Menschen zwischen Hochhäusern, Lichtreklamen und Verkehrswegen deutlich spüren. Wie es Klien später ergangen sein mag, als sie tatsächlich im Big Apple in diese beängstigend turbulente Welt eintauchte, weiß man nicht. Aber man kann ihr lesend folgen, in einem Katalog, der neben den zahlreichen Objekten auch ausführliche Beiträge zum Leben und Wirken dieser Künstlerin enthält.

 Erika Giovanna Klien, Diving Bird, 1939  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Erika Giovanna Klien, Diving Bird, 1939 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

ANNI ALBERS Nützliche Objekte werden zu Kunstwerken

Reproduktion eines Wandbehangs Nr. 81, 1925

Reproduktion eines Wandbehangs Nr. 81, 1925

Von den Bildwebereien am Bauhaus zu textilen Architekturen in den USA

Eine Ausstellung, die von Teppichen, Stoffmustern und weitergehenden textilen Designs dominiert wird, ist im Unteren Belvedere eine Überraschung. Die Leitung des Kunstmuseums hat sich jedoch für dieses Crossover mit der Angewandten entschieden, um eine hierzulande unbekannte Künstlerin seinem Klimt & Co. gewohnten Publikum nahezubringen. Die Rede ist von der 1899 in Berlin geborenen Anni Albers. Ihre Ausbildung begann 1922 am Bauhaus, in der sie mit der Weberei Handwerk und Kunst verband. Sie interessierte der experimentelle Umgang mit neuen Materialien, immer aber mit dem „Blick auf den Faden“, von dem sie sich leiten ließ. Anni wurde zur stellvertretenden Leiterin der Werkstatt und heiratete den Bauhaus-Künstler und –Lehrer Josef Albers. Die politischen Umstände in Deutschland, die auch die Schließung der Schule zur Folge hatten, ließen das Ehepaar 1933 in die USA emigrieren. In Übersee stellte sich prompt der Erfolg ein. Ihr Werk wurde in Ausstellungen gefeiert, die einen ersten Höhepunkt in einer Einzelpräsentation im Museum of Modern Art in New York erreichten.

Anni Albers, Alexander Reed, Halskette um 1940

Anni Albers, Alexander Reed, Halskette um 1940

Textile Beispiele zum Anfassen und Fühlen

Textile Beispiele zum Anfassen und Fühlen

Erzeugnisse aus Stoff können zugleich Gebrauchsgegenstände wie auch eigenständige Kunstwerke sein. Analogien dazu fand Anni Albers auf Reisen nach Mexiko, Peru und Chile. Die dabei gesammelten Textilfragmente verrieten eine über den alltäglichen Gebrauch weit hinausgehende Bedeutung, da sie den Status ihres Trägers in Muster, Farbe und Material signalisierten;

entstanden aber immer im System von Schuss- und Kettfaden. Erstaunlicherweise fühlte sich Albers durch das Diktat des klaren Rasters in der Weberei eingeschränkt. Sie begann sich Arbeiten auf Papier zuzuwenden, um sich von der strikten Vertikalität und Horizontalität zu lösen. Labyrinthartige Muster und von der strengen Ausrichtung befreite Kompositionen entstanden, um doch wieder organisierte Kunst in textilen Designs zu werden; im Ausdruck folgend den Gesetzen einer nach innen gewandten Architektur. Wichtig war auch die Oberfläche, der ungewöhnliche Materialien wie Stroh, Jute, Metallfäden oder Plastik, die ein überraschendes haptisches Erlebnis vermitteln. Beispiele aus allen ihren Schaffensphasen wurden nun für die Ausstellung „Anni Albers. Constructing Textiles“ (bis 16. August 2026) von den Kuratorinnen Brenda Danilowitz von der Josef und Anni Albers Foundation und Fabienne Eggelhöfer (Zentrum Paul Klee) nach Wien geholt, um einen entsprechenden Eindruck von der Vielseitigkeit dieser bedeutenden Künstlerin am Webstuhl zu vermitteln.

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

FRANZ XAVER MESSERSCHMIDT Zeitlose Kopfstücke für die Mitmenschen

Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Das Werk des Bildhauers geht weit über seine berühmten Charakterköpfe hinaus.

Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783) schuf sich bereits als barocker Bildhauer einen guten Namen. Von ihm stammen u. a. die mit allen Insignien ausgestatteten Statuen des Herrscherpaares Maria Theresia als Königin von Ungarn und Franz I. Stephan aus dem Hause Lothringen als deutscher Kaiser. Der Künstler konnte sich jedoch den aufkommenden Gedanken der Aufklärung nicht entziehen und begann die Menschen als Individuen, unabhängig von ihren Titeln und Ämtern, sogar ohne die damals unabdingbare Perücke zu porträtieren. Die Auftraggeber schätzen offenbar diese Wahrheitsliebe. Neben erlauchten Häuptern entstanden unter seinem Meißel Büsten der Ärzte Gerard van Swieten und Franz Anton Mesmer oder die des Schriftstellers Franz Christoph von Scheyb; also durchwegs von Persönlichkeiten, die nicht von der Geburt, sondern allein von ihrer Geisteskraft zu Bedeutung gelangt waren.

 Franz Xaver Messerschmidt, Sogenanntes Selbstbildnis lachend, um 1777–83  Szépművészeti Múzeum
Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

l.: Franz Xaver Messerschmidt, Sogenanntes Selbstbildnis lachend, um 1777–83 Szépművészeti Múzeum / Museum of Fine Arts, Budapest

o.: Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
 

Berühmt geworden ist Franz Xaver Messerschmidt allerdings durch ein Kuriosum. Der intensive Blick auf die Modelle hatte ihn wohl gereizt, auch deren komische Details in Stein zu hauen oder in Metall zu gießen. In großer Zahl entstanden seine „Kopfstücke“, die im weiteren Sinn des Wortes durchaus als schmerzhafte Malträtierung des Hauptes zu verstehen sind. Im Barock hatte man diebische Freude an grotesken Darstellungen sogenannter Zwerge, über die man sich in Parks oder als Radierungen in den Salons lustig machte. Messerschmidt zeigte den Spöttern nun deren eigene Visage, ohne allerdings Namen zu nennen. Die heute aufgrund woker Political Correctness als Charakterköpfe bekannten 49 Skulpturen bekamen im Lauf der Zeit eigenwillige Bezeichnungen, teils von einer übertriebenen Emotion, von komischer Mimik oder einem fragwürdigen Geisteszustand inspiriert. Sie wurden dem Gaudium des Publikums ausgesetzt und trotz Nachfrage auf dem privaten Markt von der Akademie der bildenden Künste in Wien noch 1825 abgelehnt.

Erst mit der Eröffnung des Österreichischen Barockmuseums im Unteren Belvedere kamen etliche dieser Köpfe neben Auftragswerken des Künstlers in sichere Hände – und Messerschmidt zu spätem Ruhm. Ihm zu Ehren wurde nun auch eine umfangreiche Ausstellung eben dort gestaltet. „Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe“ (bis 6. April 2026) zeigt in sehr luftiger Aufstellung dessen Plastiken, verbunden mit Texten zu seiner Vita und seinen Schaffensphasen, aber auch zu den Mythen, die sich bis zu einer Geisteskrankheit des Bildhauers verstiegen. Zum „mehr“ im Titel gehören auch Arbeiten von Zeitgenossen wie eine Auswahl von Blättern aus William Hogarths „A Rake´s Progress“, die in ähnlicher Weise die damalige Gesellschaft aufs Korn nimmt, oder damals erstmalig gezeigte Reaktionen wie im „Selbstbildnis“, auf dem Joseph Ducreux die Überraschung darstellt. Erschienen ist dazu ein Katalog, herausgegeben von Stella Rollig und dem Kuratorenduo Katharina Lovecky & Georg Lechner, mit ausführlichen Beiträgen einer Reihe hochrangiger Experten, deren Wissen weit über die genannten „Kopfstücke“ hinausgeht.

 Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

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