Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Lisa Habermann (Charity Hope Valentine), Chor, Musicalensemble  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

SWEET CHARITY und die schnöden Schrullen des Schicksals

Lisa Habermann (Charity Hope Valentine), Ensemble  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Musicalische“ Unterhaltung mit den naiven Hoffnungen einer Nachtclubtänzerin

Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ stand Pate für das Musical „Sweet Charity“, aber nicht mehr als das. Die Broadway-Ikone Bob Fosse hielt sich zwar an den tragischen Ausgang der ursprünglichen Geschichte, aber mit dem Engagement des Dramatikers Neil Simon und des Komponisten Cy Coleman wurde die Schwere des Stoffs in bühnengerechter, möglichst unterhaltsamer Form umgesetzt. Dieser Zwiespalt bedrückt bis heute, also doch einige Jahrzehnte nach der Uraufführung (29. Jänner 1966), wie eine unsichtbare Last auf die Handlung. Dagegen konnte auch Johannes von Matuschka mit seiner Regie für die Volksoper wenig tun, trotz aller Bemühungen, mit der grandiosen, von diversen Jazzelementen durchsetzten Musik, mit fulminanten Tanzszenen und mit großartigen Darstellern das Publikum mitzureißen. Es geht um das verpfuschte Leben einer Nachtclubtänzerin, einer Vertreterin des Standes „rent a body“, die wie alle Menschen ihre Träume hat, denen sie nachzulaufen versucht, dabei mit Lächeln und mit Selbstironie aber immer wieder auf´s Näschen fällt.

Drew Sarich (Daddy Brubeck)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Lisa Habermann wirbelt eine umwerfend reizende Charity Hope Valentine in Hotpants und blauem Plüschmantel durch eine Welt, die ihr keine Chance geben will, den „schnöden Schrullen des Schicksals“ zu entgehen. Julia Koci (Nickie) und Caroline Frank (Helene) sind ihre Kolleginnen, gleichzeitig auch Freundinnen und Leidensgenossinnen, denn auch sie glauben fest daran, dass dort irgendwo draußen noch was sein muss, das nicht so öde ist wie die Abende, an denen sie Herman (souveräner Peitschenschwinger: Christian Graf) antreibt, mit schlüpfrigen Angeboten den anwesenden Herren das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Lisa Habermann (Charity Hope Valentine), Peter Lesiak (Oscar Lindquist)  © Barbara Pálffy/Volksoper

Kommt einmal der „Big Spender“, der nicht nur aufgegeilt, sondern auch heiraten will? Im Ohr der Allgemeinheit ist einzig diese Melodie verblieben, wenngleich jede Solonummer mit den Texten von Dorothy Fields (in der Volksoper in Deutsch) ins Gemüt geht. Dirigent Lorenz C. Aichner lässt mit seinem Orchester die Solisten behutsam leben, zum Beispiel den Filmstar Vittorio Vidal (Axel Herrig), der Charity in die Hände fällt und trotz eindeutig verlockender Angebote seiner wahren Liebe treu bleibt.

Mit einem an den Kitsch der von ihm gedrehten billigen Liebesfilme erinnernden Duett versöhnt er sich schließlich wieder mit der prächtig schönen Ursula March (Ines Hengl-Pirker). Eine herrlich komische Einlage ist Nicolaus Hagg zu verdanken, der als Arbeitsvermittler hinter einem Bonsai verschanzt die eintretenden Parteien mit Wasser aus der Sprühflasche auf Distanz hält. Das „süße“ Mädchen muss erst mit einem Aufzug stecken bleiben, um den Mann ihres Lebens kennenzulernen und von diesem zur „Sweet Charity“ geadelt und mit einem Verlobungsring ausgestattet zu werden.

Peter Lesiak ist die Verkörperung eines Biedermanns, der auf Oscar Lindquist hört und Trost in einer der schrägen Kirchen Amerikas sucht. Schaut verdammt nach Life Ball aus, der charismatische Prediger Daddy Brubeck (Drew Sarich) im Glitzerhöschen. Als aber anstelle eines zügigen Happy Ends die Vorbereitungen zur Hochzeit üppig ausgewalzt werden, keimt bereits der Verdacht auf, dass man auf dieser Hochzeit doch nicht zu heulen braucht, ganz einfach, weil es Fellini anders vorgesehen hat.

Julia Koci (Nickie), Caroline Frank (Helene), Musicalensemble  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kiss me Kate Solisten & Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

KISS ME KATE Amüsanter Ehestreit fast zum Mitsingen

Ursula Pfitzner (Lilli Vanessi), Andreas Lichtenberger (Fred Graham)  © Barbara Pálffy/Volksoper

Schlag nach bei Shakespeare und lande verlässlich einen Bombenerfolg

Man wird sich allmählich daran gewöhnen müssen, dass Theatergehen mit Personalisierung der Eintrittskarte, mit unverzüglichem Aufsuchen des Sitzplatzes mit MNS, keiner Erfrischung vom Buffet in der Pause den Reiz des flanierenden Drumherums verloren hat. Sobald aber der schütter besetzte Zuschauerraum in gnädiges Dunkel gehüllt ist, der Vorhang hoch geht und aus dem Orchestergraben die ersten Takte erklingen, sind alle diese Entbehrungen vergessen; so zumindest in der Volksoper. Dort wurde am 2. September 2020 das Hitmusical „Kiss me Kate“ erfolgreich wieder aufgenommen. Wer schaut nicht gern zu, wenn sich zwei Eheleute oder solche, die es einmal waren, herzhaft kabbeln?! Wenn das Ganze noch dazu mit einer Komödie des guten alten Shakespeare verquickt ist, die von ihrem Inhalt her nicht besser passen könnte, kennt das voyeuristische Vergnügen keine Grenzen mehr. Das dürften sich auch das Autorenpaar Samuel und Bella Spewack gedacht haben, als sie „Der Widerspenstigen Zähmung“ von einer Schmierenbühne aufführen lassen.

Peter Lesiak (Bill Calhoun / Lucentio), Ensemble  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Komponist zeichnet Cole Porter, verlässlicher Produzent von Hits, die nicht nur ins Ohr gehen, sondern überdies mit ihren Melodien zeitlos sind und im originalnahen Arrangement schwungvoll jazzig swingen. „Wunderbar“ wurde zum Schlager für gehobene Tanzkapellen, „I Hate Men“ zum Credo frustrierter Feministinnen, „Too Darn Hot“ zur Hymne für Burschen, die es bei ihren Mädels nicht bringen und „Brush up Your Shakespeare“ zur launigen Aufforderung von Lehrern an ihre Schüler, doch endlich auch einen Blick auf den englischen Klassiker zu werfen.

Kiss me Kate Solisten & Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Volksoper ist der Titel zwar englisch geblieben, „Küss mich Kätchen“ klingt ja wirklich nicht so knackig wie „Kiss me Kate“, die Texte sind dankenswerter Weise aber deutsch. Dirigent Guido Mancusi hat keine Scheu vor dem Humor, der sich – fast möchte man sagen – zwangsläufig auf der Bühne entfaltet, wenn Andreas Lichtenberger als Prinzipal Fred Graham und sein Star Lilli Vanessi (Ursula Pfitzner) bei der Probe zu „Der Widerspenstigen Zähmung“ aneinanderprallen.

Grund des Zwistes ist Juliette Khalil als quirlige, den Männern zugetane Lois Lane, die sich mit Blick auf ihre Karriere umgehend an den Regisseur heranmacht und dafür die liebreizende Bianca spielen darf. Dessen Garderobier Paul (Martin Permoser) schafft letztendlich das Ungemach, indem er Blumenstrauß und Karte der Falschen übergibt. Dass nichts rückgängig gemacht werden kann, dafür sorgt Hattie, Lillis ergebene Gardrobiere (Elvira Soukop mit einem leider nur sehr kurzen Einsatz ihres betörend groovigen Alts). Als dazu zwei Kleinganoven auftauchen, um eine angebliche Spielschuld von Fred einzufordern, läuft die Premiere vollends aus dem Ruder.

Die beiden Komödianten Christian Graf und Jakob Semotan haben sich dafür die Lacher und den Sonderapplaus redlich verdient. Ein zur Rettung der von Petruchio verhauenen Kate wie ein Deus ex machina eingeflogener Harrison Howell (Thomas Sigwald) bekommt die schöne Lilli natürlich nicht, denn abgebrühte Schauspieler bleiben trotz aller Widrigkeiten der Bühne treu und schaffen es auch im schlimmsten Chaos, eine Vorstellung bis zur Verbeugung am bitteren Ende ohne Aufgeben durchzuziehen.

Juliette Khalil und ihre Verehrer © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sung-Keun Park (König Karotte), Komparserie, Chor  © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

KÖNIG KAROTTE Toller Aufstand gegen die Tyrannei des Gemüses

Mirko Roschkowski (Fridolin XXIV.), Julia Koci (Prinzessin Kunigunde)  © Barbara Pálffy / Volksoper

Eine Märchenoper für Erwachsene und Connaisseure französischer Turbulenz

Kein Spaß für Veganer! Dafür aber für alle, für die Karotten bestenfalls eine gesunde Beilage sind. Gerade noch am letzten Abdrücker ist es der Volksoper gelungen, ein selten gespieltes Werk aus Anlass des 200. Geburtstages von Jacques Offenbach ins Programm zu nehmen. 1872 entstand die komische Zauberoper (opéra-bouffe-féerie) „Le Roi Carotte“ als Satire auf Herrscher und Volk, auf das gepriesene Savoir-vivre seiner Landsleute und eine allgemein verbreitete Wundergläubigkeit. Der verwöhnte und genusssüchtige Prinz Fridolin XXIV. gerät in den Machtkreis zweier Zaubermächte. Auf der einen Seite ist es der gute Geist Robin, der den jungen Mann auf den Pfad der Tugend zurückbringen möchte. Ihm gegenüber steht die Hexe Kalebasse, die den Prinzen stürzen will. Robin überlässt vorerst der Hexe das Feld, die aus ihren Beeten unheimliche Gestalten hervorzaubert. Rote Rübe, Lauch und Zwiebel ergreifen unter Führung der Karotte die Macht. Die Fridolin zur Heirat versprochene Prinzessin schlägt sich wie der gesamte Hofstaat auf der Stelle auf die Seite der neuen Herren.

Sung-Keun Park (König Karotte)  © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ihr entgegen steht die herzliche Zuneigung der allerliebsten Rosée-du-Soir, die mithilfe Robins der Gefangenschaft von Kalebasse entfliehen kann. Gemeinsam mit dem gestürzten Prinzen versuchen sie nun die Tyrannei von Karotte und Co. zu überwinden und lassen dabei keinen Gag aus. Die Reise führt nach Pompeji am Tage des Ausbruch, in die Welt der Ameisen und auf eine Affeninsel. Zum Glück gibt es keinen Mangel an Talismanen, mit denen schließlich die ursprünglichen Verhältnisse unter den Vorzeichen einer moralischen Verbesserung des Prinzen wieder hergestellt werden können.

König Karotte Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Guido Mancusi schenkt mit dem Orchester der Volksoper Wien der Komposition von Jacques Offenbach genau diese Eleganz und den Schwung, der das gesamte Ensemble mitreißt und das Publikum mit offenem Mund die phantastisch turbulente Handlung (Text von Victorien Sardou, ins Deutsche übersetzt von Jean Abel) verfolgen und mit verzückten Ohren die Musik genießen lässt. Die Ausstattung unter der Regie von Matthias Davids ist dankenswerter Weise alles andere als sparsam.

Sie verwandelt wie von Zauberhand geführt blitzartig die Bühne in diverse Schauplätze und bindet Chor und Statisterie mit rasanten Tanzszenen bis zur Polonaise und dem Eisenbahngalopp ins Geschehen ein. In einer solchen Welt haben es Solisten freilich einfacher zu glänzen. Ein resoluter Robin ist der selbstbewusste Mezzo Amira Elmadfa, dem die Hexe Kalebasse in der Person eines ätzend komischen Christian Graf gegenübersteht. Die quirlige Prinzessin Kunigunde (Julia Koci) weiß wie man flott zu leben hat und wird als Gemahlin von König Karotte zu orangeroten Modeikone. Tenor Sung-Keun Park darf mit hohem Fruchtkörper auf dem Kopf wie ein gewisser amerikanischer Präsident ein Permanentgrinsen aufsetzen, bevor er armselig in den Armen seiner enttäuschten Frau verwelkt. In Nebenrollen reüssieren unter anderem Marco Di Sapia als Polizeichef mit einem bissig aktuellen Couplet, ein in fremder Sprache parlierender Yasushi Hirano als Schwarzmagier, der unter jedem Herrn stramm dienende Kammerherr Franz Suhrada oder der mit seinem mediterranen Gemüse nicht unaufdringliche pompejanische Händler Gernot Kranner.

Konstantin Oberlik ist an sich seriöser Sportwissenschaftler. Für Offenbach macht er sich jedoch gern zum Affen, der so behände über seine Insel turnt, als hätte man für ihn die Schwerkraft abbestellt. Mirko Roschkowski in der Rolle des p.T. Fridolin XXIV. Prinz von Krokodyne spielt und singt sich mit wohltuend geschmeidiger Stimme in das Herz von Rosée-du-Soir, die in ihren Sopran alle die Wärme legt, die sie zu einer künftigen Königin adelt. Allen zusammen ein großes Bravo!

König Karotte Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
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