Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Martin Winkler (Der alte Gondoliere)  © Barbara Pálffy

Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Martin Winkler (Der alte Gondoliere) © Barbara Pálffy

DER TOD IN VENEDIG ist ein schöner Jüngling namens Tadzio

Victor Cagnin (Tadzio), Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Ensemble  © Barbara Pálffy

Victor Cagnin (Tadzio), Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Ensemble © Barbara Pálffy

Ein Komponist erzählt Literatur: Benjamin Britten und Thomas Mann

Das Libretto stammt von Myfanwy Piper, einer Engländerin. Sie hat sich über ein kolossales Unternehmen gewagt. Nicht mehr und nicht weniger als eine Novelle von Thomas Mann wurde von ihr für Benjamin Britten zu einem Operntext eingekocht. Als Fan dieses Titanen der deutschen Literatur, als Genießer seiner unvergleichlichen Formulierungen und Verehrer seiner zutiefst in die Seele blickenden Texte zweifelt man nicht ganz zu Unrecht daran, ob derlei Verkürzungen gelingen könnten. Der gleichnamige Film war, naja, gut gemeint und einige dramatische Bearbeitungen mussten von vornherein am der Dichte des Originals scheitern. Man hat allerdings nicht mit Benjamin Britten gerechnet. Er schafft es, tiefe Gedanken, komprimiert in ein paar dürren Worten, mit seiner Musik so genial zu ergänzen, dass letztlich fast alles gesagt ist, was Thomas Mann an dichterischem Gemälde in seinem Werk geschaffen hat. Die Klangfarben des Orchesters, behutsam versteckt unter dem Gesang des Solisten, entführen die Fantasie in das – ein Zitat – „magische Sein Venedigs zwischen See und Stadt“. Die schmerzhafte, weil unmögliche Liebe eines alternden Mannes in einer veritabeln Schaffenskrise zu einem stolzen Jüngling polnischen Geblüts wird fühlbar, überträgt sich auf den Zuhörer, der mit dem Dichter Gustav von Aschenbach bei Gondelfahrten, am Lido mit seinem bunten Treiben und in düsteren Palazzi leidet.

Victor Cagnin (Tadzio), Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Wiener Staatsballett  © Barbara Pálffy

Victor Cagnin (Tadzio), Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Wiener Staatsballett © Barbara Pálffy

Martin Winkler (Straßenmusiker), Komparserie  © Barbara Pálffy

Martin Winkler (Straßenmusiker), Komparserie © Barbara Pálffy

David McVicar hat für die Volksoper Wien diese Oper in zwei Akten inszeniert. Das praktisch sparsame, aber ungemein stimmungsvolle Bühnenbild stammt von Vicki Mortimer. Darin bewegen sich die vielen Darsteller, angefangen von der Erdbeerverkäuferin (Mara Mastalir), dem Chef der Schauspieltruppe (Martin Winkler), dem servilen Hotelportier (Christian Drescher) oder dem Countertenor Thomas Lichtenecker als Apollo und liefern durch die Bank eine großartig stimmliche Vorstellung ab. Den Löwenanteil an Sologesang hat freilich Rainer Trost, der seinen Aschenbach auch schauspielerisch bewegend gestaltet. Ihm gegenüber tanzt Victor Cagnin in verführerischen Bewegungen, will und will aber nicht die verzweifelte Bewunderung des alten Herrn wahrnehmen. Als jedoch Aschenbach stirbt, hält Tadzio auch im Smorzando des Volksopern Orchesters unter dem Dirigenten Gerrit Prießnitz nach dem Verklingen des letzten Tons nicht inne und widmet damit dem toten Meister der Sprache seine jugendliche Schönheit. Für das Publikum heißt es an dieser Stelle den Atem anhalten, bevor die Premiere mit frenetischem Applaus gefeiert wurde.

Drew Sarich (Albin / alias Zaza), Cagelles  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Albin / alias Zaza), Cagelles © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

LA CAGE AUX FOLLES in mitreißender Neuaufmachung

Drew Sarich (Albin / alias Zaza), Viktor Gernot (Georges)  © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Drew Sarich (Albin / alias Zaza), Viktor Gernot (Georges) © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Das Hohelied der Diversität mit viel Humor als verruchte Nachtclub-Show

In Zeiten, in denen man sich wenigstens mit einem der Buchstaben von LGBTIQ identifizieren sollte, um in der Society überhaupt wahrgenommen zu werden, wirkt eine Handlung wie im Musical „Ein Käfig voller Narren“ wenig aufregend. 1983 wurde „La Cage aux Folles“ im Palace Theatre in New York uraufgeführt und war auf der Stelle ein Hit. Jerry Herman hatte zum Buch von Harvey Fierstein die Musik und Songtexte geschrieben und dem aus 1973 stammenden französischen Sprechstück den Weg auf die großen und kleinen Musikbühnen der Welt geebnet. Es hat offenbar schon damals niemanden aufgeregt, dass die beiden Hauptfiguren ein schwules Paar sind und in deren Nachtclub unter Perücken und in den Dessous Männer stecken, kurz gesagt, herrliche Frauen, die als Transvestiten eine besondere Anziehungskraft auf ein vorwiegend Hetero-Publikum ausüben. Dass es ein Politiker wagt, auf saubere Moral zu setzen, dürfte mittlerweile ebenfalls eine Unmöglichkeit sein, obgleich eine gewisse Madame Le Pen durchaus Ambitionen in diese Richtung entwickeln könnte. Aber ohne den ultrakonservativen Edouard Dindon gäbe es nicht die reizenden Verwirrungen, denen Albin, alias Zaza, und sein (ihr) Mann Georges ausgesetzt sind, als sein Sohn just die Tochter dieses Ekelpakets heiraten will.

Drew Sarich (Albin / alias Zaza) mit Riesenkatze © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Albin / alias Zaza) mit Riesenkatze © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Nachdem die Geschichte also weitgehend bekannt ist und ihren Charme aus einer verklemmten Vergangenheit bezieht, stand Melissa King vor dem Problem, die alte, etwas überkommene Handlung in einen aufregend neuen Fummel zu verpacken. Sie setzt ganz einfach auf die Show, die unterhalb der Wohnung von Georges und Albin jede Nacht über die Bühne geht. Dazu hat sie gleichzeitig die Choreographie erarbeitet und lässt tatsächlich einen Käfig auftauchen, aus dem die „Narren“ springen und in heißen Höschen ihre Nummern zur zündenden Musik unter der Leitung von Lorenz C. Aichinger abtanzen.

Viktor Gernot (Georges), Cagelles  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Viktor Gernot (Georges), Cagelles © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Obgleich Jakob Semotan als Inspizient Francis einiges abbekommt, läuft die Chose an sich friktionsfrei, sofern nicht Zaza (Drew Saric) gerade Allüren liefert, die Georges (Viktor Gernot) auf die Palme bringen. Aber er liebt Albin von Herzen. Seinem Sohn, Jean Michel, entstanden aus einem Ausrutscher, möchte man den Kopf zurechtrücken, wenn er seine Ziehmutter Albin einfach verbannen will, weil es dem künftigen Schwiegervater (Robert Meyer als grantiger Dindon) nicht passen könnte. Dessen Tochter Anne (Juliette Khalil) hält jedoch auch dann zu ihrem Bräutigam, als sie von der seltsamen Konstellation seiner Familie erfährt. Der wahre Reiz geht aber von Butler Jacob aus. Jurriaan Bles ist eigentlich Zofe, die immer dann zu Stelle ist, wenn es gilt, dem von ihr geliebten Georges mit Albin eines auszuwischen. Im chaotischen Finale erhält er endlich den von ihm ersehnten Auftritt und muss sich doch den Gags beugen, mit denen Dindon und seine Gattin Marie (ungemein komisch: Sigrid Hauser) erfrischend verarscht werden.

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