Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Boris Godunow, Chor und Solisten © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Ohlenschläger (Polizeioffizier), Thomas Sigwald (Leibbojar), Morten Frank Larsen (Schtschelkalow), Carsten Süss (Bojaren), Albert Pesendorfer (Boris Godunow), Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

BORIS GODUNOW Mussorgskis musikalisches Volksdrama

Albert Pesendorfer (Boris Godunow), Chor  © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Albert Pesendorfer (Boris Godunow), Chor © Barbara Pálffy / Volksoper

Bei der konzertanten Aufführung lenkt nichts von den großen Stimmen ab

Schon die ersten Takte stellen klar, wohin die Reise geht. In Moll und schwermütig erklingt eine kurze Melodie, die von verschiedenen Stimmen im Orchester übernommen wird und egal ob vom Englischhorn und dem Fagott, der Klarinette und dem Horn bis zu den Streichern im Pizzicato in die Weite Russlands führt. Modest Mussorgski will uns damit eine alte Mär erzählen, von einem Zaren, der als Usurpator in die Geschichte eingegangen und doch an seinem eigenen Gewissen zerbrochen ist. Zwischen 1598 und 1605 saß er auf dem Thron in Moskau. Er wurde zeitlebens den Vorwurf nicht los, die Macht nur durch die gewaltsame Beseitigung des Sohnes seines Vorgängers, des siebenjährigen Dimitri, erlangt zu haben. Angesichts des Textes, den Mussorgski selbst zu seiner Musik geschrieben hat, drängt sich der Eindruck auf, der russische Komponist des 19. Jahrhunderts hätte eine Rehabilitation dieses Herrschers versucht. Es beginnt damit, dass das Volk den Bojaren (Fürsten) Godunow dazu drängt, die Herrschaft anzunehmen. Als er einwilligt, läuten im ganzen riesigen Reich die Glocken. Ihm entgegen steht aber Pimen, ein greiser Mönch und Chronist. Dessen Gehilfe Grigori Otrepjew versucht Rache zu nehmen und gibt sich nach einer waghalsigen Flucht als Dimitri aus, der angeblich zurückkehrt, um Boris zu stürzen. In ein solches Geflecht aus Intrigen, Lüge und Gräueltaten wird der Zuschauer hineingezogen, um genüsslich zu den Klängen dieses vor allem im Gesang bereits frappant modern anmutenden Werkes einen entweder friedlichen oder blutigen Ausgang zu erwarten.

Ghazal Kazemi (Fjodor), Elisabeth Schwarz (Xenia), Annely Peebo (Amme)  © Barbara Pálffy / Volksoper

Ghazal Kazemi (Fjodor), Elisabeth Schwarz (Xenia), Annely Peebo (Amme) © Barbara Pálffy / Volksoper

Karl-Michael Ebner, Marco Di Sapia, Vincent Schirrmacher, Martina Mikelić, Chor  © Barbara Pálffy

Karl-Michael Ebner, Marco Di Sapia, Vincent Schirrmacher, Martina Mikelić, Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Covid hat an der Volksoper Wien zwei Jahre lang den Aufschub einer Bühnenfassung von „Boris Godunow“ erzwungen, bis man dort resignierte und sich mit einer konzertanten Aufführung beschied. Ganz ehrlich, wirklich abgegangen sind Bühnenbild und Kostüme bei der Premiere am Samstag, den 14. Jänner 2022, nicht. Ein routinierter Opernbesucher kann sich auch bei einem im Block aufgestellten Chor und vorne stehenden Solisten den spätmittelalterlichen Zarenhof vorstellen. Mit Jac van Steen am Pult wird auch in der als spröde bekannten Urfassung durch Modest Mussorgski aus 1869 die russische Seele in all ihrer unauslotbaren Tiefe beschworen. Dazu kommen Stimmen wie der Tenor von Vincent Schirrmacher, der den jugendlichen Mönch zuerst in der Schreibstube und dann als einziger des Lesens Kundiger im Wirtshaus zum heimlichen Helden dieses Dramas erhebt. Erfreulich sind die Schenkenwirtin Martina Mikelić, wenn sie mit fraulicher Sinnlichkeit einen Enterich und ihre Liebe zu diesem zweideutigen Vogel besingt, und der ihr in launigem Erzählen ebenbürtige, der Mönchskutte entsprungene Warlaam (Marco Di Sapia). Respekt auch vor Karsten Süss als listiger Fürst Schuiskij, der Mezzosopranistin Ghazal Kazemi als Zarensohn Fjodor und dessen Schwester Xenia (Elisabeth Schwarz). Ein Bassbariton mit großer, dunkler Tiefe ist Yasushi Hirano, dem dankenswerter Weise die Rolle des Pimen anvertraut wurde. Ihm gegenüber steht Zar Boris Godunow in der Person von Albert Pesendorfer. Seine Stimmgewalt füllt komfortabel den Zuschauersaal, wenn er bis zum gestammelten „Kusch, Kusch!“ in der großen Arie am Ende des zweiten Aktes glaubhaft unter seinen Skrupeln leidet, um nach nicht mehr als einer Stunde und 45 Minuten bereits das hohe Amt an seinen Sohn weiterzugeben.

Lady in the Dark, Ensemble © Petra Moser/Volksoper Wien

Lady in the Dark, Ensemble © Petra Moser/Volksoper Wien

LADY IN THE DARK in der Traumwelt der Psychoanalyse

Julia Koci, Axel Herrig, Chor, Wiener Staatsballett  © Petra Moser/Volksoper Wien/

Julia Koci, Axel Herrig, Chor, Wiener Staatsballett © Petra Moser/Volksoper Wien/

Die wunderbar musikalische Suche oberflächlicher Mode nach innerlicher Tiefe

Erfolg und Geld sind offenbar doch nicht alles im Leben. Die Herausgeberin der Modezeitschrift Allure gerät just zu einem Zeitpunkt ins Zweifeln, als alles perfekt zu laufen scheint. Es sind Ängste, undefinierbare Bedrückungen, die sie quälen. Heute würde sie zu einem Psychiater gehen, um die Irritation aufklären zu lassen. 1941, als das Musical „Lady in the Dark“ für den Broadway entstanden ist, war wenige Jahre zuvor Sigmund Freuds Psychoanalyse in den USA angekommen und gleichzeitig eine Reihe von Experten für seelische Tiefenforschung, die wie Freud selbst von den Nazis aus Wien vertrieben worden waren. Für Moss Hart, Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur, lag es auf der Hand, seine Heldin zu einem dieser neuartigen Spezialärzte zu schicken. Damit sind wir schon in der Handlung dieses Stücks, das damit beginnt, dass der Psychoanalytiker Dr. Alexander Brooks die bei ihm vorstellige Liza Elliott auf die berühmte Couch bittet. Sie erzählt von wirren Träumen, die sie in letzter Zeit mehr und mehr verfolgen. Als sie sich dabei an eine immer wiederkehrende Melodie erinnert, beginnt auch die Musik von Kurt Weill, die aus den Traumsequenzen eine von Rhythmus und Klang überbordende Wunderwelt schafft, die von realem Geschehen im Chefinnenzimmer der Redaktion dieser Modezeitschrift unterbrochen wird. Dort spielt sich das oberflächliche Dasein der meisten Beteiligten ab. Traumdeutung, das Über-Ich, die Suche in Kindheitserinnerungen und das Aufdecken verdrängter Traumata, alles kommt zum Einsatz, was nur irgendwie mit der Psychoanalyse in Verbindung steht. Die Patientin wird schließlich selber in den Tiefen des Unbewussten fündig, beginnt ihr Leben und den Umgang mit den Menschen in ihrer Umgebung zu überdenken und nach einem quälenden Gerichtsprozess, den ihr ein Zirkus-Traum beschert, den offensichtlich idealen Partner zu erwählen.

Julia Koci, Christian Graf, Ensemble  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kevin Perry, Julia Koci, Robert Meyer © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kevin Perry, Julia Koci, Robert Meyer © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit dem fantastischen Bühnenbild von Hans Kudlich und der auf viel Humor bedachten Regie von Matthias Davis fällt es auch leicht, sich in der Volksoper Wien durch diese zwischen Traum und Wirklichkeit pendelnde Aufführung genussvoll treiben zu lassen. James Holmes holt mit dem Volksopernorchester das Beste aus den musikalisch vielseitigen Einfällen von Kurt Weill heraus. Sie reichen vom revuehaften „Schönste der Stunde“ über das chansonartige „Es ist neu“ bis zum besinnlichen Liedchen „Mein Schiff“, in Übersetzungen aus den englischen Songtexten von Ira Gershwin. Auf eine Sprechrolle reduziert ist Hausherr Robert Meyer, der als Dr. Brooks einfühlsame Fragen stellt. Seine Patientin macht es ihm nicht immer leicht. Julia Koci ist eine forsche Liza Elliott, die gewohnt ist, anzuschaffen. Ihr Team ist auf Gehorsam eingeschworen. Elinor Foster (Marie-Christiane Nishimwe) als treue Bürohilfe, die beste Freundin Maggie Grant (Ursula Pfitzner) und die Kolumnistin Alison du Bois (Martina Dvorak ist innerhalb weniger Tage für Johanna Arrouas eingesprungen) sind ohnehin pflegeleicht.

Jakob Semotan (Russell Paxton), Ensemble, Wiener Staatsballett  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan (Russell Paxton), Ensemble, Wiener Staatsballett © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wenig kompliziert ist auch das Faktotum Russel Paxton. Jakob Semotan erweist sich ungeheuer wandlungsfähig und überzeugt in mehreren Rollen, unter anderem als Kenner russischer Komponisten, die er in mehreren Draufgaben in einem Höllentempo aufzuzählen vermag. Probleme gibt es immer wieder mit dem sanguinischen Charley Johnson (Christian Graf hat ebenfalls mehrfache Besetzungen zu meistern). Ihm schmeißt sie bei einer Meinungsverschiedenheit bezüglich der Wahl einer Titelseite den Briefbeschwerer nach. Doch Liza ist trotz aller Geschäftstüchtigkeit eine Frau, die geliebt werden will. Ihr ständiger Partner ist der reife Herr Kendall Nesbitt (Axel Hering), der sich für sie sogar scheiden lässt und nicht damit rechnet, dass der allseits bewunderte Schönling Randy Curtis (schlaksig und cool: Ben Connor), ein Filmschauspieler, querschießt und bei Eliza fast das Rennen macht. Wem sie zuletzt ihr Herz schenkt, wird nicht verraten, es wäre schade, denn dieses Musical muss man sich selber anschauen.

Emma Sventelius (Octavian), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin)  © Philine Hofmann/Volksoper Wien

Emma Sventelius (Octavian), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin) © Philine Hofmann/Volksoper Wien

DER ROSENKAVALIER Eine prickelnde wienerische Farce

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was die Marschallin darf, ist dem Ochs noch lange nicht erlaubt

Für den Dichter Hugo von Hofmannsthal, aber auch für Richard Strauss scheint die alte lateinische Weisheit „Quod licet jovi, non licet bovi“ ein nicht unwesentlicher Inspirationsstoß gewesen zu sein, wenngleich die Werksgeschichte nichts davon erwähnt. Die Analogie liegt jedoch auf der Hand. Die verheiratete Gattin eines Feldmarschalls vertreibt sich die eheliche Langeweile mit einem 17jährigen Burschen, sinnlich und erotisch wie Jupiter. Ihr Vetter, der Baron, der noch dazu Ochs heißt, ist ein ekelhafter Schürzenjäger, jedoch ungebunden. Sein entscheidender Sündenfall setzt damit ein, dass er bei dem als Kammerzofe verkleideten Liebhaber der Fürstin ungeniert zudringlich wird und dabei jede Höflichkeit seiner Gastgeberin gegenüber missen lässt. Obwohl er auf Freiersfüßen wandelt. Ziel seines eher finanziell motivierten Eheplans ist die Tochter und damit auch das Vermögen eines jüngst geadelten, neureichen Haus- und Palaisbesitzers. Die Marschallin schleust ihren Herzbuben als Rosenkavalier, einer Art Brautführer, in die Hochzeitsgesellschaft ein – und erreicht damit zwar über den Umweg einer „wienerischen Farce“, wie sie es zu bezeichnen geruht, die Demütigung des aufgeblasenen Barons, muss gleichzeitig aber auch den Verlust ihres geliebten Galans hinnehmen. Der verliebt sich nämlich in die Jungfrau, der er nichts als die silberne Rose überreichen hätte sollen.

Emma Sventelius (Octavian)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Emma Sventelius (Octavian) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Hofmannsthal hat dazu ins Wien des 18. Jahrhunderts geblickt, sich an galanter französischer Literatur dieser Zeit orientiert, nebenbei Figuren der italienischen Commedia dell´arte eingeführt sowie bei Mozart und Da Ponte Anleihen genommen. In enger Zusammenarbeit mit Strauss schrieb sich diese Oper, wenn man den Quellen glauben darf, quasi wie von selber, zumal der deutsche Komponist endlich auch einen heiteren Stoff vertonen wollte.

 

Was aus dieser glückhaften Kooperation geworden ist, kennen Operfreunde bestens aus verschiedensten Inszenierungen großer und größter Häuser. Eher überraschend hat sich auch die Volksoper zu einer Produktion dieser Oper entschlossen. Gleich vorweg: Skepsis war unangebracht! Mit Hans Graf am Pult meistert das Orchester klangschön und technisch perfekt die gewaltigen Herausforderungen der Partitur, wobei allein der gefürchtete Horneinsatz am Beginn der Ouvertüre bereits jeden Zweifel beseitigt. Die Musik ist die wahre Erzählerin, die das dazu gesungene Wienerisch Hofmannsthalscher Prägung eigentlich gar nicht bräuchte. Sie schildert mit Streichersequenzen die sinnliche Sehnsucht der mütterlichen Bettgenossin des noch fast kindlichen Graf Octavian ebenso anschaulich wie das Poltern des groben Barons Ochs auf Lerchenau, das naturgemäß im tiefen Blech angelegt ist, und dessen anlassiges Treiben in dicht verwobenen Tutti.

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner ist eine Marschallin, die weiß, wie man mit warmer Weiblichkeit einen heißblütigen Jungspund wie Octavian (Emma Sventelius) an sich fesselt. Mit ihm und Sophie (Lauren Urquhart als herzliches, unschuldiges Mädchen mit entschiedener Stimme), die der fatalen Hochzeit gerade noch entkommen ist, kann sie im Finale in einem grandiosen Terzett berührend von der eigenen Begehrlichkeit Abschied nehmen und feststellen, dass ihre Zuneigung doch so mächtig ist, auch die andere Frau und das Glück der beiden jungen Leute zu lieben. Ohne den schlechthin Bösen geht jedoch gar nichts. „Geht all´s so wie am Schnürl“, frohlockt Stefan Cerny als Ochs und lässt dabei einen Bass vernehmen, der in seiner Klarheit und Kraft die Zuhörer fast von den Sitzen reißt. Kompliment auch an die übrigen Solisten wie Jungfer Marianne Leitmetzerin (Ulrike Steinsky), die ihre Aufregung in höchsten Tönen umsetzt, oder das Intrigantenpaar Valzachi (Karl-Michael Ebner) und Annina (Margarete Joswig), die vor allem mit ihrem Spiel überzeugen.

Margarete Joswig, Stefan Cerny, Karl-Michael Ebner © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Margarete Joswig, Stefan Cerny, Karl-Michael Ebner © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Solisten, Ensemble und Bühne © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Solisten, Ensemble und Bühne © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für Regie und Licht ist Josef Ernst Köpplinger zuständig. Warum er die Handlung aus dem Rokoko partout in die Zeit der Uraufführung 1911 verlegt hat, wird leider nicht schlüssig beantwortet. Zum Teil suggerieren Kostüme und Ausstattung den Beginn des 20. Jahrhunderts, zum Teil bleibt beides aber 150 Jahre dahinter zurück. So führt der Degen an der Seite des a la mode sous Louis XVI. in Silber gewandeten Octavian ein unstetes Eigenleben. Er hindert ihn am Sitzen und wandert, dem erbosten Besitzer erfolgreich abgenommen, von Hand zu Hand und niemand weiß sich mit der im Fin de Siècle bereits ungewohnten Waffe was anzufangen, bis er wieder halbherzig an Octavian zurückgegeben wird. Text und Bühnenbild schlagen sich also immer wieder, was aber dem wahrhaft frenetischen Premierenjubel keineswegs geschadet hat.

Jakob Semotan (Papageno), Juliette Khalil (Papagena), Kinder© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

DIE ZAUBERFLÖTE Wohl dem, der sich sein kindlich Gemüt bewahrt

Martin Mitterrutzner (Tamino), Puppenspieler  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mozarts phantastische Oper wird zum märchenhaften Puppenspiel

So wirklich verstanden hat bis heute niemand, was Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadé Mozart mit dessen letzter Oper gemeint haben könnten. Bibliotheken wurden mit unzähligen Theorien gefüllt und die krausesten Vermutungen angestellt, wie weit Librettist und Komponist ihre Erfahrungen aus der Freimaurerloge darin verarbeitet haben. Auch die Möglichkeit, das Ganze als ungeheuer tiefsinniges und vor allem geheimnisvolles Märchen anzusehen, wurde bereits ventiliert. Nicht umsonst gilt „Die Zauberflöte“ als Einstiegsdroge für Kids in das Operngenre. Die durchaus anspruchsvollen Melodien schleichen sich schnurstracks ins Ohr, wo sie vereint mit den wunderbar einfachen Texten gerne tagelang hängen bleiben. Zudem ist man nach Genuss einer Aufführung überzeugt, dass es sich lohnt gut zu sein, hehre humanistische Ideale wie Nachsicht, kluges Schweigen und Toleranz zu üben und die Liebe als oberste Maxime des menschlichen Daseins anzusehen, weil schließlich Mann und Weib, bzw. Weib und Mann in Kombination an die Gottheit heranreichen.

Anna Simniska als Königin der Nach und ihre Damen © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Wonne kennt keine Grenzen mehr, wenn es am Ende heißt: Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht! Ausgerechnet der Hohe Priester im Tempel von Isis und Osiris darf damit den Jubelchor seiner Anhänger auslösen und die böse Königin der Nacht in ihre Schranken weisen. Dass dabei etliche Kulte bunt abgemischt werden, fällt bei einigem guten Willen überhaupt nicht auf.

Stefan Cerny (Sarastro), Ensemble, Chor  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Henry Mason hat sich in seiner Inszenierung der Zauberflöte über derlei Ungereimtheiten genial hinweggesetzt, indem er ein poetisches Puppenspiel auf die Bühne zaubert, dieses aber mit so vielen Gags angereichert, dass man das Stück drei Mal anschauen müsste, um jede dieser köstlichen Pointen mitzubekommen. Gesungen wird nach wie vor von Menschen, übrigens durchwegs großartig. Das meiste andere, das laut Regieanweisungen durch die Szene kreucht und fleucht, ist aber Marionette.

Die Vögel sind süße Pinguine, die Schlange ein von Männern geführtes Monstrum und die berühmte Flöte ein Regenwurm mit Libellenflügeln. Die drei Knaben sind anfangs ebenfalls Puppen, die sich erst im Laufe der Handlung in drei echte Sängerknaben verwandeln. Eine Ausnahme machen die Löwen, die von Balletttänzern bedrohlich auf Papageno losgelassen werden. Jakob Semotan ist der Vogelmensch, der nicht nur bestens singen kann, sondern auch über eine hinreißende Komik verfügt und mit seiner Papagena Juliette Khalil von der Priesterschaft eine kongeniale Partnerin zugeteilt bekommt. Die drei Damen Cornelia Horak, Manuela Leonhartsberger und Rosie Aldridge sind die Flintenweiber der Königin der Nacht. Während Anna Siminska die höchsten Koloraturen fabelhaft meistert, erhält sie eine Reihe von Schatten, die dieser Sisi im Trauergewand bei ihren Umtrieben sekundieren. Monostatos (Karl-Michael Ebner) wird politisch korrekt zum schwarzen Geier, der freilich mit seinen Zudringlichkeiten bei Pamina keine Chance hat. Rebecca Nelsen ist eine selbstbewusste Frau, die sich sofort darüber im Klaren ist, dass nur Tamino (ein fescher Martin Mitterrutzner) für sie als Mann in Frage kommt. Es ist eine Freude, den beiden bei ihren Liebesbezeugungen zuhören zu dürfen, zumal sie von einem in feinster Mozartmanier spielenden Orchester unter der sanften Leitung von Anja Bihlmaier begleitet werden.

Aber beinahe noch mehr Genuss bereitet der mächtige und knackige Bass von Stefan Cerny. An seinem Sarastro merkt man allerdings einige Ratlosigkeit der Regie mit dem Charakter der Figur. Sein Entree feiert er als Chef einer Militärjunta auf einem Thron mit seitlichen Stoßzähnen von Elefanten, um bei der großen Arie „O Isis und Osiris“ vor seinen Mannen in der Unterwäsche dazustehen und „In diesen heil´gen Hallen“ in unscheinbarer Aufmachung in jedem Sinn ganz groß in die Tiefe zu gehen.

Rebecca Nelsen (Pamina), Drei Knaben (Wiener Sängerknaben), Puppenspieler  © Barbara Pálffy/VO
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