Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Emma Sventelius (Octavian), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin)  © Philine Hofmann/Volksoper Wien

Emma Sventelius (Octavian), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin) © Philine Hofmann/Volksoper Wien

DER ROSENKAVALIER Eine prickelnde wienerische Farce

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was die Marschallin darf, ist dem Ochs noch lange nicht erlaubt

Für den Dichter Hugo von Hofmannsthal, aber auch für Richard Strauss scheint die alte lateinische Weisheit „Quod licet jovi, non licet bovi“ ein nicht unwesentlicher Inspirationsstoß gewesen zu sein, wenngleich die Werksgeschichte nichts davon erwähnt. Die Analogie liegt jedoch auf der Hand. Die verheiratete Gattin eines Feldmarschalls vertreibt sich die eheliche Langeweile mit einem 17jährigen Burschen, sinnlich und erotisch wie Jupiter. Ihr Vetter, der Baron, der noch dazu Ochs heißt, ist ein ekelhafter Schürzenjäger, jedoch ungebunden. Sein entscheidender Sündenfall setzt damit ein, dass er bei dem als Kammerzofe verkleideten Liebhaber der Fürstin ungeniert zudringlich wird und dabei jede Höflichkeit seiner Gastgeberin gegenüber missen lässt. Obwohl er auf Freiersfüßen wandelt. Ziel seines eher finanziell motivierten Eheplans ist die Tochter und damit auch das Vermögen eines jüngst geadelten, neureichen Haus- und Palaisbesitzers. Die Marschallin schleust ihren Herzbuben als Rosenkavalier, einer Art Brautführer, in die Hochzeitsgesellschaft ein – und erreicht damit zwar über den Umweg einer „wienerischen Farce“, wie sie es zu bezeichnen geruht, die Demütigung des aufgeblasenen Barons, muss gleichzeitig aber auch den Verlust ihres geliebten Galans hinnehmen. Der verliebt sich nämlich in die Jungfrau, der er nichts als die silberne Rose überreichen hätte sollen.

Emma Sventelius (Octavian)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Emma Sventelius (Octavian) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Hofmannsthal hat dazu ins Wien des 18. Jahrhunderts geblickt, sich an galanter französischer Literatur dieser Zeit orientiert, nebenbei Figuren der italienischen Commedia dell´arte eingeführt sowie bei Mozart und Da Ponte Anleihen genommen. In enger Zusammenarbeit mit Strauss schrieb sich diese Oper, wenn man den Quellen glauben darf, quasi wie von selber, zumal der deutsche Komponist endlich auch einen heiteren Stoff vertonen wollte.

 

Was aus dieser glückhaften Kooperation geworden ist, kennen Operfreunde bestens aus verschiedensten Inszenierungen großer und größter Häuser. Eher überraschend hat sich auch die Volksoper zu einer Produktion dieser Oper entschlossen. Gleich vorweg: Skepsis war unangebracht! Mit Hans Graf am Pult meistert das Orchester klangschön und technisch perfekt die gewaltigen Herausforderungen der Partitur, wobei allein der gefürchtete Horneinsatz am Beginn der Ouvertüre bereits jeden Zweifel beseitigt. Die Musik ist die wahre Erzählerin, die das dazu gesungene Wienerisch Hofmannsthalscher Prägung eigentlich gar nicht bräuchte. Sie schildert mit Streichersequenzen die sinnliche Sehnsucht der mütterlichen Bettgenossin des noch fast kindlichen Graf Octavian ebenso anschaulich wie das Poltern des groben Barons Ochs auf Lerchenau, das naturgemäß im tiefen Blech angelegt ist, und dessen anlassiges Treiben in dicht verwobenen Tutti.

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lauren Urquhart, Emma Sventelius, Stefan Cerny © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jacquelyn Wagner ist eine Marschallin, die weiß, wie man mit warmer Weiblichkeit einen heißblütigen Jungspund wie Octavian (Emma Sventelius) an sich fesselt. Mit ihm und Sophie (Lauren Urquhart als herzliches, unschuldiges Mädchen mit entschiedener Stimme), die der fatalen Hochzeit gerade noch entkommen ist, kann sie im Finale in einem grandiosen Terzett berührend von der eigenen Begehrlichkeit Abschied nehmen und feststellen, dass ihre Zuneigung doch so mächtig ist, auch die andere Frau und das Glück der beiden jungen Leute zu lieben. Ohne den schlechthin Bösen geht jedoch gar nichts. „Geht all´s so wie am Schnürl“, frohlockt Stefan Cerny als Ochs und lässt dabei einen Bass vernehmen, der in seiner Klarheit und Kraft die Zuhörer fast von den Sitzen reißt. Kompliment auch an die übrigen Solisten wie Jungfer Marianne Leitmetzerin (Ulrike Steinsky), die ihre Aufregung in höchsten Tönen umsetzt, oder das Intrigantenpaar Valzachi (Karl-Michael Ebner) und Annina (Margarete Joswig), die vor allem mit ihrem Spiel überzeugen.

Margarete Joswig, Stefan Cerny, Karl-Michael Ebner © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Margarete Joswig, Stefan Cerny, Karl-Michael Ebner © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Solisten, Ensemble und Bühne © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Solisten, Ensemble und Bühne © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für Regie und Licht ist Josef Ernst Köpplinger zuständig. Warum er die Handlung aus dem Rokoko partout in die Zeit der Uraufführung 1911 verlegt hat, wird leider nicht schlüssig beantwortet. Zum Teil suggerieren Kostüme und Ausstattung den Beginn des 20. Jahrhunderts, zum Teil bleibt beides aber 150 Jahre dahinter zurück. So führt der Degen an der Seite des a la mode sous Louis XVI. in Silber gewandeten Octavian ein unstetes Eigenleben. Er hindert ihn am Sitzen und wandert, dem erbosten Besitzer erfolgreich abgenommen, von Hand zu Hand und niemand weiß sich mit der im Fin de Siècle bereits ungewohnten Waffe was anzufangen, bis er wieder halbherzig an Octavian zurückgegeben wird. Text und Bühnenbild schlagen sich also immer wieder, was aber dem wahrhaft frenetischen Premierenjubel keineswegs geschadet hat.

Jakob Semotan (Papageno), Juliette Khalil (Papagena), Kinder© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

DIE ZAUBERFLÖTE Wohl dem, der sich sein kindlich Gemüt bewahrt

Martin Mitterrutzner (Tamino), Puppenspieler  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mozarts phantastische Oper wird zum märchenhaften Puppenspiel

So wirklich verstanden hat bis heute niemand, was Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadé Mozart mit dessen letzter Oper gemeint haben könnten. Bibliotheken wurden mit unzähligen Theorien gefüllt und die krausesten Vermutungen angestellt, wie weit Librettist und Komponist ihre Erfahrungen aus der Freimaurerloge darin verarbeitet haben. Auch die Möglichkeit, das Ganze als ungeheuer tiefsinniges und vor allem geheimnisvolles Märchen anzusehen, wurde bereits ventiliert. Nicht umsonst gilt „Die Zauberflöte“ als Einstiegsdroge für Kids in das Operngenre. Die durchaus anspruchsvollen Melodien schleichen sich schnurstracks ins Ohr, wo sie vereint mit den wunderbar einfachen Texten gerne tagelang hängen bleiben. Zudem ist man nach Genuss einer Aufführung überzeugt, dass es sich lohnt gut zu sein, hehre humanistische Ideale wie Nachsicht, kluges Schweigen und Toleranz zu üben und die Liebe als oberste Maxime des menschlichen Daseins anzusehen, weil schließlich Mann und Weib, bzw. Weib und Mann in Kombination an die Gottheit heranreichen.

Anna Simniska als Königin der Nach und ihre Damen © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Wonne kennt keine Grenzen mehr, wenn es am Ende heißt: Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht! Ausgerechnet der Hohe Priester im Tempel von Isis und Osiris darf damit den Jubelchor seiner Anhänger auslösen und die böse Königin der Nacht in ihre Schranken weisen. Dass dabei etliche Kulte bunt abgemischt werden, fällt bei einigem guten Willen überhaupt nicht auf.

Stefan Cerny (Sarastro), Ensemble, Chor  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Henry Mason hat sich in seiner Inszenierung der Zauberflöte über derlei Ungereimtheiten genial hinweggesetzt, indem er ein poetisches Puppenspiel auf die Bühne zaubert, dieses aber mit so vielen Gags angereichert, dass man das Stück drei Mal anschauen müsste, um jede dieser köstlichen Pointen mitzubekommen. Gesungen wird nach wie vor von Menschen, übrigens durchwegs großartig. Das meiste andere, das laut Regieanweisungen durch die Szene kreucht und fleucht, ist aber Marionette.

Die Vögel sind süße Pinguine, die Schlange ein von Männern geführtes Monstrum und die berühmte Flöte ein Regenwurm mit Libellenflügeln. Die drei Knaben sind anfangs ebenfalls Puppen, die sich erst im Laufe der Handlung in drei echte Sängerknaben verwandeln. Eine Ausnahme machen die Löwen, die von Balletttänzern bedrohlich auf Papageno losgelassen werden. Jakob Semotan ist der Vogelmensch, der nicht nur bestens singen kann, sondern auch über eine hinreißende Komik verfügt und mit seiner Papagena Juliette Khalil von der Priesterschaft eine kongeniale Partnerin zugeteilt bekommt. Die drei Damen Cornelia Horak, Manuela Leonhartsberger und Rosie Aldridge sind die Flintenweiber der Königin der Nacht. Während Anna Siminska die höchsten Koloraturen fabelhaft meistert, erhält sie eine Reihe von Schatten, die dieser Sisi im Trauergewand bei ihren Umtrieben sekundieren. Monostatos (Karl-Michael Ebner) wird politisch korrekt zum schwarzen Geier, der freilich mit seinen Zudringlichkeiten bei Pamina keine Chance hat. Rebecca Nelsen ist eine selbstbewusste Frau, die sich sofort darüber im Klaren ist, dass nur Tamino (ein fescher Martin Mitterrutzner) für sie als Mann in Frage kommt. Es ist eine Freude, den beiden bei ihren Liebesbezeugungen zuhören zu dürfen, zumal sie von einem in feinster Mozartmanier spielenden Orchester unter der sanften Leitung von Anja Bihlmaier begleitet werden.

Aber beinahe noch mehr Genuss bereitet der mächtige und knackige Bass von Stefan Cerny. An seinem Sarastro merkt man allerdings einige Ratlosigkeit der Regie mit dem Charakter der Figur. Sein Entree feiert er als Chef einer Militärjunta auf einem Thron mit seitlichen Stoßzähnen von Elefanten, um bei der großen Arie „O Isis und Osiris“ vor seinen Mannen in der Unterwäsche dazustehen und „In diesen heil´gen Hallen“ in unscheinbarer Aufmachung in jedem Sinn ganz groß in die Tiefe zu gehen.

Rebecca Nelsen (Pamina), Drei Knaben (Wiener Sängerknaben), Puppenspieler  © Barbara Pálffy/VO
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