Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Neue Straße in der Wüste Gobi,  Mongolei 2018 © Maria-Katharina Lang

Neue Straße in der Wüste Gobi, Mongolei 2018 © Maria-Katharina Lang

STAUB & SEIDE Über Seitenstraßen auf Seidenstraßen

Krieger, Figur aus einem chinesischen Grab und Ausstellungansicht

Krieger, Figur aus einem chinesischen Grab und Ausstellungansicht

Eine anschauliche Reise zur Realität hinter einem geheimnisvollen Mythos

Der Preuße Ferdinand von Richthofen hat im 19. Jahrhundert einen Begriff geprägt, den man seither gut und gern achthundert Jahre Bestand zubilligt; angefangen von Marco Polo über Dschingis Khan bis zu den Jesuiten, die zwischen Europa und China gependelt sind. Es bedurfte dieses Forschers und Geografen, um 1877 mit der „Seidenstraße“ unser Vokabular zu bereichern und in der Fantasie Karawanen zu zeigen, mit denen schwer beladene Kamele, beladen mit den Schätzen des Ostens, durch Wüsten und schroffe Gebirge ziehen, in Samarkand Station machen und sich auf gefährlicher Trasse gegen räuberische Horden verteidigen müssen. Eine Ausstellung im Weltmuseum rückt unter dem Titel „Staub & Seide, Steppen- und Seidenstraßen“ (bis 3. Mai 2022) die Romantik dieser Vorstellung sanft zurecht. Die ernüchternde Wahrheit: Die eine Seidenstraße hat es nie gegeben! Weder war es eine bestimmte Route, noch waren Seideballen die Hauptlast des Transports. Kuratorin Maria-Katharina Lang spricht von einem losen, sich verändernden Geflecht aus Land- und Seestraßen, die das Reich der Mitte, so der Eigenname Chinas, mit der umgebenden Welt verbinden. So darf auch die „Neue Seidenstraße“ nicht fehlen, die China im Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht als umspannendes Netz von Infrastrukturen unter dem Begriff „Belt & Road Initiative“ geplant hat. Mit Beachtung all dieser Parameter ist ein vielschichtiges Bild entstanden, besser gesagt, eine mit zahlreichen Objekten illustrierte Einladung zur Spurensuche in Geschichte und einer Gegenwart, die vor allem mit aktuellen künstlerischen Perspektiven zum Nachdenken anregt.

Chapan aus der Serie „Scream“ © Dilyara Kaipova

Chapan aus der Serie „Scream“ © Dilyara Kaipova

Ausstellungsansicht Äpfel © KHM-Museumsverband

Ausstellungsansicht Äpfel © KHM-Museumsverband

Der erste Blick fällt auf neben- und hintereinander angeordnete Bildschirme, auf denen Paul Kolling eine nahtlose Luftbildaufnahme der Güterzugverbindung zwischen Zhengzhou und Hamburg ablaufen lässt. Die ganzen 9.840 Kilometer von „Break of Gauge“ zu beobachten, wäre ein Vorhaben nur für extreme Gemütsmenschen, ganze im Gegensatz zu Kasel und Dalmatik aus deutschen Landen. Die beiden liturgischen Gewänder, das eine um 1500, das andere aus dem 14. Jh., bestehen zum guten Teil aus „Panni Tartarici“, Tartarenstoffen aus Gold- und Seidenfäden, wie sie im mongolischen Großreich gewebt wurden. Sie zählen zu den „Objekten der Begegnungen“ wie chinesisches Porzellan oder erstaunlicherweise Äpfel. Beißen wir genussvoll in einen Granny Smith, denken wir kaum daran, dass die Urahnen dieser edlen Sorte bis heute in den „Bergen der Götter“ in Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und Xinjang als „Wilde Äpfel“ gedeihen. Wissenschaftler haben mittlerweile die Herkunft zweifelsfrei nachgewiesen und damit Handelsbeziehungen weit über in die vorgeschichtliche Zeit Europas hinein für möglich erachtet.

Aussstellungsansicht Break fo Gauge, Paul Kolling © KHM-Museumsverband

Aussstellungsansicht Break fo Gauge, Paul Kolling © KHM-Museumsverband

Die zweite Route führt zu den „Orten der Sehnsucht“ und stellt Handelsplätze wie Tiflis oder Samarkand mit ihren Basaren oder den chinesischen Kaiserhof vor. Immer wieder tauchen auf diesen Reisen Menschen auf, die sich schon früh in unwirtliche Steppen gewagt haben, immer im Dienst der Forschung wie Georg von Almásy. Der begüterte ungarische Gutbesitzer stellte auf eigene Kosten eine Expedition zusammen, um das „Himmelsgebirge“ zu erkunden und das Stammland der Magyaren zu entdecken. Geblieben sind von ihm Photographien, Landkarten und Vogelbälge, die in den Museen von Budapest und Wien landeten. Die Malerin Lene Schneider-Kainer war eine der ersten Frauen, die dem Reiz dieser Landstriche erlegen sind. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Bernhard Kellermann trat sie „auf den Spuren von Marco Polo“ eine Weltreise an. Sie dokumentierte ihre Eindrücke in Bildern und Photographien und führte Tagebuch, in dem sie offen die Strapazen, Krankheiten und wechselnden Gemütszustände aufzeichnete. Aus ihrer Sammlung sind eine bestickte Mütze aus Bender Abbas oder eine Gebetskette aus Isfahan, beides aus dem Iran, zu sehen.

Zehn Gramm © Khosbayar Narankhuu

oben: Zehn Gramm © Khosbayar Narankhuu

rechts: Kasel von Ornat Der Heinrichsgewänder © Kollegiatstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, Regensburg, Foto: KHM-Museumsverband

Kasel von Ornat I Der Heinrichsgewänder © Foto: KHM-Museumsverband

Besucher, die den Weg zu den „Objekten der Begierde“ wählen, werden zuerst auf kostbare Ikat-Webereien stoßen. Farbintensive Stoffe aus Seide mit aufwendig gestickten Motiven waren einst in von Indien und Südchina bis Zentralasien verbreitet. Die Künstlerin Dilyara Kaipova hat sich diese Technik zunutze gemacht, um auf den von ihr geschaffenen Textilien die oft traumatische Geschichte ihrer Heimat Usbekistan in die Sprache der Kunst zu übersetzen. Legendär sind die „Himmlischen Pferde“ aus dem Fergana-Tal, die es den Einheimischen und später auch den Reisenden erlaubten, auf ihrem Rücken weite, staubige Steppen zu durchqueren. Gleichzeitig wurden diese edlen Rosse zum Transport von Gold, Tee oder Seide missbraucht. Sie werden bis heute gezüchtet, vor allem für Leute die sich diesen Luxus leisten und damit ihre Ausritte absolvieren können. Die mühseligen Aufgaben hat längst die Eisenbahn übernommen, die mit Hochgeschwindigkeit auf stählernen Straßen über die Seidenstraßen brausen und das Leben einstiger Nomaden und in ihren Traditionen verhafteter Völkerschaften grundlegend verändert haben.

Ausstellungsansicht Alma M. Karlin © Weltmuseum Wien

Ausstellungsansicht Alma M. Karlin © Weltmuseum Wien

ALMA M. KARLIN Einsame Weltreise einer mutigen Frau

Alma mit Fächer © NUK

Alma mit Fächer © NUK

Eine Altösterreicherin mit dem unbestechlichen Blick auf das Große und Ganze

Reiseberichte haben regelmäßig ihre Leser. So hatte auch die 1889 in Celje (damals noch in der Monarchie gelegen) als späte Tochter deutschsprachiger Eltern geborene Alma M. Karlin mit ihrer Reisetrilogie seinerzeit internationale Bekanntheit erworden. Die Zeitumstände vergällten ihr allerdings den Erfolg. Sie lehnte die Nationalsozialisten, die im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat besetzten, ebenso ab wie die Kommunisten, die diesen nach 1945 im neu entstandenen Jugoslawien folgten. Den Partisanen, die ihre Liquidierung geplant hatten, konnte sie entkommen, nicht aber der Anfeindung als Deutsch schreibende Schriftstellerin in einer Nation, die sich den Slawismus auf ihre Fahnen geheftet hatte. Ihre große Weltreise hatte sie aber bereits davor angetreten. Sie war Einzelgängerin. Eine Frau, die alleine in fremden Ländern unterwegs ist, war 1919 durchaus noch ein Kuriosum, das weniger bewundert als kritisch betrachtet wurde.

Ausstellgungsansicht Alma M. Karlin

Ausstellgungsansicht Alma M. Karlin

Von Alma M. Karlin zusammengestelltes zehnsprachiges Wörterbuch © Weltmuseum Wien

Von Alma M. Karlin zusammengestelltes zehnsprachiges Wörterbuch © Weltmuseum Wien

Finanzielle Unterstützung durfte sie nicht erwarten. Sie suchte sich in den acht Jahren, in denen sie unterwegs war, immer wieder Arbeit und Einkünfte, ob als Lehrerin, Übersetzerin – sie beherrschte acht Sprachen – oder als Journalistin. Begleitet wurde sie von „Erika“, ihrer Schreibmaschine, auf der sie ihre Tagebücher und damit die Unterlagen für ihre späteren Bücher tippte. Sie führte Interviews, sammelte Daten und Eindrücke und vergaß nicht auf die Abenteuer, die ihr das Unterwegssein streckenweise zu einer gefährlichen und lebensbedrohlichen Unternehmung machten.

 

Heute gilt sie in Slowenien als große Tochter des kleinen Staates. So kam es auch, dass seitens der Botschafterin das Ansinnen an das Weltmuseum gestellt wurde, Alma M. Karlin eine Ausstellung zu widmen. Dank gedeihlicher Zusammenarbeit mit dem Regionalmuseum Celje kann nun bis 18. Jänner 2022 die Schau „Alma M. Karlin. Einsame Weltreise“ gezeigt werden.

Alma mit ihrer Schreibmaschine Erika © NUK

Alma mit ihrer Schreibmaschine Erika © NUK

Alma in Yukata Kleid © NUK

Alma in Yukata Kleid © NUK

Wandtexte vermitteln das Wissen um die Person dieser bemerkenswert mutigen Frau, aber auch Auszüge aus ihren Reisebeschreibungen, die Lust machen, sich ihre Bücher zu besorgen und ihr auf den verschlungenen Pfaden durch die Welt der 1920er-Jahre zu folgen. Dazu kommen Fotos und vor allem Artefakte, die sie in ihrem Gepäck mit nachhause brachte und die sich auf den ersten Blick wie eine eigene ethnologische Sammlung ausnehmen. Das alles soll dazu beitragen, eine Altösterreicherin – ihr Vater war pensionierter Major der Österreichisch-Ungarischen Armee – wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und als wesentlichen Mosaikstein in unser Bild der jüngeren Vergangenheit einzufügen.

Weltmuseum Logo 400

Statistik