Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

VERBORGENE GESCHICHTEN

in Federschmuck, Kamm, Stein und Kunst

Stirnschmuck © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Stirnschmuck © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Vier Mal „Curator´s Choice“ um Schätze aus den Sammlungen und mehr...

Den Anfang macht streng genommen als eigene Veranstaltung „Ishír“. Darin geht es um „Lebendige Erinnerungen aus Paraguay“ (bis 24. Jänner 2027). Anlass war die Sammlung des italienischen Malers, Fotografen und Ethnografen Guido Boggiani (1861-1902). Ende des 19. Jahrhunderts besuchte er die Ishír, eine in Paraguay lebende indigene Gemeinschaft. Bis heute bewohnen trotz widrigster Umstände wie Abholzung, Landraub und Monokulturen noch an die 1500 Mitglieder der, wie sie auch bezeichnet werden, Chamacoco den Gran Chaco, ein Tiefland im Zentrum Südamerikas. Erste Forscher, die auf sie trafen, waren die Jesuiten im 18. Jahrhundert, die unter anderem deren Sprache festgehalten haben. Boggiani sammelte und fotografierte. Seine Ergebnisse landeten nach seinem tragischen Tod in Paraguay auch in Wien, wo sie bis heute im Depot des nunmehrigen Welt Museums gelagert wurden. Salmi López Balbuena, eine Künstlerin der Ishír, entdeckte dort Federschmuck und war fasziniert, da er für sie nach wie vor enorme kulturelle Bedeutung hat. Die Idee zu einer Pop-up-Ausstellung war geboren. Gemeinsam mit den Kuratorinnen Isa Arévalos und Sonia Siblik wurden Fotografien und Objekte mit der Gegenwart dieser Menschen zusammengeführt. Dazu wird der Schamane Don Bruno Barras mit Gesängen, Gesten und rituellen Elementen die ungebrochene Aktualität der Spiritualität der Ishír Ybystoso, also die enge Verbindung seines Volkes mit der Natur und den Ahnen vermitteln.

Federkopfschmuck, Chamacoco, Chaco, Paraguay, vor 1901, Weltmuseum Wien, Sammlung Guido Boggiani

Federkopfschmuck, Chamacoco, Chaco, Paraguay, vor 1901, Sammlung Guido Boggiani © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Portrait of an Angel with Red Wings, Quddus Mirza, 1994, Sammlung Brigitte Neubacher © KHM

Portrait of an Angel with Red Wings, Quddus Mirza, 1994, Sammlung Brigitte Neubacher © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Dem Vergessen in den Regalen des „Bauches“ des Museums wurden auch Gegenstände entrissen, die durchaus als Schätze bezeichnet werden können. Kämme und Haarnadeln mögen unscheinbare Requisiten des Alltags sein. Dass jedoch viel mehr in ihnen steckt, hat Henrie Dennis, Kuratorin der Sammlung Afrika und afrikanische Diaspora, bewiesen. Von einem Lauskamm über Haarnadeln und dem Geschäftsschild eines Barbiers führt die Reise von Afrika nach Asien und Ozeanien. Sie erzählt von handwerklichem Können und kultureller Bedeutung, aber auch vom Kolonialismus, der einst für diese Sammlung die teils fragwürdigen Voraussetzungen schuf.

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Auf ähnliche Weise gelangten Steinskulpturen im 18. Jahrhundert in die Museen Europas. Kuratorin der Sammlung Ostasien ist Bettina Zorn, die „Stein für Stein“ deren Herkunft nachgegangen ist. Auf dem Weg der Provenienzforschung wurden historische Erwerbungswege rekonstruiert und damit deren Biografie erstellt. Ein Film gibt Einblick in das Depot des WMW, während in der kleinen Ausstellung eine Klapperschlange, Buddha, Zeremonialstühle und andere steinerne Zeugen früherer oder sogar rezenter Kulturen im wahren Sinn des Wortes Schwerpunkte bilden. Das Besondere daran: Eine der Frauenfiguren darf berührt werden und mit diesem taktilen Erlebnis die von Begleittexten und Objekten gewonnene Erfahrung vertieft werden.

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Haarnadel, Sammlung Heinrich von Siebold © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Haarnadel, Sammlung Heinrich von Siebold © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Den Abschluss dieses Rundgangs im ersten Stock bildet Kunst aus Pakistan. Es handelt sich dabei um Gemälde, Zeichnungen und Drucke, die 2018 als Schenkung der Sammlung Brigitte Neubacher in das WMW gelangt sind. Tobias Mörike ist Kurator der Sammlung Nordafrika, West- und Zentralasien mit Sibirien. Ihm lag besonders am Herzen, damit die Entwicklung der pakistanischen Kunstszene seit den 1980er-Jahren zu präsentieren, die gesellschaftliche und politische Veränderungen und nicht zuletzt die hierzulande oftmals oberflächlich eingeschätzten religiösen Verhältnisse dieses offiziell islamischen Staates widerspiegeln. Die Werke stammen großteils von Künstlerinnen und Künstlern, die am National College of Arts (NCA) on Lahore ausgebildet wurden. An der wichtigsten Kunstschule der Region legt man Wert auf die Verbindung zwischen traditionellen Techniken wie der Miniaturmalerei und zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen oder konkret auf die Begegnung von abstrakter Malerei (Portrait of an Angel with Red Wings von Quddus Mirza) und dem Schatz an mythologischen Überlieferungen wie in „Spy in the Sky“ von Anwar Saeed. Zu sehen sind „Verborgene Geschichten. Schätze aus den Sammlungen“ bis 30. Mai 2027.

Nobody Told Me Rivers Dream © Superflux

Nobody Told Me Rivers Dream © Superflux

SUPERFLUX: THE CRAFTOCENE

Zukunft in einem radikal neuen Zeitalter

Sensorobjekt aus „Nobody Told Me Rivers Dream“

Sensorobjekt aus „Nobody Told Me Rivers Dream“

Welche Art Vorfahren werden wir einmal gewesen sein?

Kunst und Wissenschaft, in diesem Fall die Ethnologie, machen in einer Ausstellung des Weltmuseums gemeinsame Sache. 2009 wurde SUPERFLUX gegründet. Anab Jain und Jon Ardern sind die erstaunlich jungen Eltern dieses Londoner Designstudios, das bis 16. August in drei Stationen neben dem Publikum im Museum die Klima Biennale Wien 2026 mit mutigen Zukunftsvisionen bereichern soll. Titel des engagierten Unternehmens ist „The Craftocene“, der englische Ausdruck für ein erträumtes Zeitalter nach dem derzeit herrschenden Anthropozän, das in seinen verheerenden Auswirkungen längst die Berechtigung verloren haben sollte. Nach den Vorstellungen des Studios ist Craftocen nicht länger von Ausbeutung und Verschwendung geprägt und soll mit Handwerk, wechselseitiger Fürsorge und der tiefen Sehnsucht nach ökologischer Wiedergutmachung die Menschheit dem bereits mit Adam und Eva verlorenen Paradies nahebringen.

Ansicht aus „Relics of Abundance“

Ansicht aus „Relics of Abundance“

Drei Speerspitzen aus Computerplatinen

Drei Speerspitzen aus Computerplatinen

Mit drei ansprechend gestalteten Installationen wird man in diese hoffungsvolle Gedankenwelt hineingezogen. An einer fein angerichteten Tafel werden einander Menschen, Tiere und Pflanzen zum gemeinsamen Fest treffen. Das Inventar besteht aus recycelbarem Müll wie Bremslichtern, Flechten, Zweigen und vielem mehr. Unter dem Motto „Refuge for Resurgence (Zuflucht für ein Wiederaufleben)“ wird ein versöhnliches Zukunftsszenario entworfen, in dem die Gäste des Banketts die Fäden einer neuen Geschichte in Händen halten und dabei mit einem am Ende des Tisches ablaufenden Video tiefsinnig unterhalten werden. In „Nobody Told Me Rivers Dream (Kein Mensch hat mir gesagt, dass und was Flüsse träumen)“ erfreuen handgefertigte Sensorobjekte als ästhetische Skulpturen die Augen. Sie stehen am Ufer der auf einer Videowall fließenden Themse und erfassen dort Naturphänomene wie Wind, Vogelgesang, Gezeiten und Himmel.

Ohne KI geht es nicht, also übersetzt diese die aufgefangenen Signale in poetische Prompts (kurze Gedichte). Objekte aus den Sammlungen des Weltmuseums mischen sich in der 2026 geschaffenen Installation mit „Relics of Abundance“, also Relikten aus der Ära des Massenkonsums. In Vitrinen wartet ein Ratespiel. Was ist alt, was neu? So entpuppen sich drei Speere, wie sie Naturvölker zur Jagd verwenden könten, als freundlicher Fake, denn ihre Spitzen sind aus Computerplatinen geschnitten. In medias res geht es mit Sneakers, Smartphone und einem zerlemperten Corbusier-Sessel, denen ein Fauteuil aus Stroh vor einem kaputten Fernsehgerät gegenübergestellt wird, mit dem Hintergedanken, dass heute noch unabdingbare Gebrauchsgegenstände einst als Zeugnisse einer untergegangenen Zivilisation gelesen werden. Spätestens hier stellt sich die entscheidende Frage: Welche Art Vorfahren werden wir einmal gewesen sein, wenn menschliche Historiker, Roboter oder Ameisen als Überlebende der greifbaren Katastrophen auf unsere Zeit staunend herabblicken?

Ansicht von „Refuge for Resurgence“

Ansicht von „Refuge for Resurgence“

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Die Farben der Erde, Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

DIE FARBEN DER ERDE Indigene Textilkunst aus Mexiko

Ulises Tapia Merino fertigt Stickereien, Foto: Carlos Barrera Reyes

Ulises Tapia Merino fertigt Stickereien, Foto: Carlos Barrera Reyes

Wie jahrhunderte alte Traditionen des Färbens und Webens wiederbelebt und neu interpretiert werden

Die Frauen sitzen an einfachen Webrahmen, wie sie schon von ihren Urahninnen zur Herstellung ihrer Textilien verwendet wurden. Die Kettfäden aus Baumwolle sind zumeist hell. Die Farbe bringt der Schuss, teils hochkompliziert gefertigt, der von Hand eingeführt wird. Das Endprodukt ist eine Textilie, deren Muster über die äußerliche Ästhetik hinaus immer wieder mythologische Geschichten ihres Volkes, der Mayas, erzählen. Von Generation zu Generation wurde dieses Wissen, vereint mit der Technik weitergegeben. Dazu zählt auch die Herstellung der Farben. Sie finden sich in der Natur Mexikos und werden aus Eichenblättern, dem Brasilholz, der Studentenblume oder sogar aus dem schwarzen Schlamm gewonnen. So entstandenen Werke und deren Schöpferinnen sind nun bis 6. April 2026 im Weltmuseum Wien unter dem Titel „Die Farben der Erde. Moderne Textilkunst in Meiko“ zu bewundern.

Fidencia Pérez Hernández webt ein Motiv, das das Universum symbolisiert, Foto: Carlos Barrera Reyes

Fidencia Pérez Hernández webt ein Motiv, das das Universum symbolisiert, Foto: Carlos Barrera Reyes

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien,  Foto: Daniel Sostaric

Die Farben der Erde, Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Möglich wurde diese Ausstellung durch das Engagement des mexikanischen Künstlers Carlos Barrera Reyes (*1978). Seine Werke zeichnen sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedensten Materialien und Formaten aus. Er hat diese Weberinnen besucht und sie bei der Arbeit beobachtet und gefilmt. Reyes wurde dabei vom Bedürfnis erfüllt, das dabei gewonnene Wissen weiterzugeben und damit einen Beitrag zur Erhaltung dieses kunstvollen Gewerbes zu liefern. Dabei wurde darin auch eine Neubelebung in einem zeitgenössischen Kontext entdeckt; deswegen der irritierende Ausdruck „modern“ im Titel. So ist neben traditionellen Geweben sogar einem zeremoniellen Kleidungsstück, dem Huipil, ein Platz im 21. Jahrhunderts eingeräumt.

Etliche der Weberinnen haben sich als erfolgreiche Unternehmerinnen etabliert, von denen auch der modische Geschmack nicht-indigener Kundinnen bedient wird. So sollte das Kleid, das Frauen in Oaxaca ausschließlich bei drei wichtigen Ereignissen ihres Lebens, der Hochzeit, einer Patenschaft bei der Taufe und beim Tod, getragen haben, zum Ausdruck allgemeinen kulturellen und nationalen Stolzes werden, wodurch gerade in Mexiko, wo nach wie vor strikt zwischen spanischer und indigener Herkunft unterschieden und gewertet wird, ein Umdenken angeregt werden könnte. Die Schau in Wien wurde gemeinsam mit Carlos Barrera Reyes von der Konservatorin Renée Riedler und dem Kurator Sammlung Nord- und Mittelamerika, Gerard van der Bussel, betreut und von Martina Berger als faszinierende Begegnung mit den Farben dieser Erde gestaltet. Sie fügt sich damit nahtlos in das Format WMW Contemporary, da sie ein Fenster in eine Welt öffnet, in der so hergestellter und gestalteter Stoff nicht nur Zierde ist, sondern Teil von Identität, Geschichte und Weltanschauung.

Moderner Huipil © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien,  Foto: Daniel Sostaric

Moderner Huipil © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Foto: Daniel Sostaric

Kolonialismus am Fensterbrett, Ausstellungsansicht

Kolonialismus am Fensterbrett, Ausstellungsansicht

KOLONIALISMUS AM FENSTERBRETT Liebgewonnene botanische Immigranten

Kolonialismus am Fensterbrett, Ausstellungsansicht

Kolonialismus am Fensterbrett, Ausstellungsansicht

Pflanzliche Exoten erzählen von Herkunft, ursprünglicher Nutzung und ihrer Reise in unsere Blumentöpfe.

Zimmerpflanzen sind allgemein beliebte Gesprächspartner. Wenn sie selbst auch schweigen, sind sie doch dankbare Zuhörer, die sich für derlei Zuwendung mit angeblich üppigem Wachstum und prächtigen Blüten revanchieren. Im Weltmuseum werden die Rollen nun in der Ausstellung „Kolonialismus am Fensterbrett“ (bis 25. Mai 2026) getauscht. Lebende Vertreter unserer beliebtesten Zimmer- und Balkonpflanzen wurden dafür mit anschaulichem Informationsmaterial wie historischen Objekten, Fotografien oder Seiten aus Herbarien kombiniert. Damit sind Dieffenbachie, Grünlilie und Usambaraveilchen in der Lage, uns über ihre eigentliche Heimat, das nicht immer freundliche Schicksal ihrer Verpflanzung in unsere Breiten und eine teils rücksichtslose Nutzung z. B. durch Pharmakonzerne zu erzählen.

Usambaraveilchen (Saintpaulia jonatha) Aus: Gartenflora, 1893 © Naturhistorisches Museum Wien

Usambaraveilchen (Saintpaulia jonatha) Aus: Gartenflora, 1893 © Naturhistorisches Museum Wien

Lokomotive der Usambarabahn Fotografie © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Lokomotive der Usambarabahn Fotografie © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Die systematische Suche nach Heil- und Nutzpflanzen, den Cash crops, begann im 18. Jahrhundert. Zuerst wurden nur Samen, Zwiebeln und Rhizome über die Weltmeere verschifft. James Cook war bei seiner zweiten Weltumseglung 1774 bereits in der Lage, die Zimmer- oder Norfolktanne aus dem Südpazifik lebend mit nachhause zu bringen. Ihm imponierte der gerade Wuchs, der sich für Schiffsmasten hervorragend eignete. Dass dieser immergrüne Baum in seiner Heimat, den Norfolkinseln, stattliche 50 bis 70 Meter hoch werden kann, ist seinen Nachkommen in unseren Gewächshäusern oder Wohnzimmern nur schwer abzunehmen.

Er teilt sich in bescheidenen Wuchshöhen den Platz mit der handlichen Birkenfeige alias Ficus benjamini, die in Südostasien und dem pazifischen Raum immerhin acht Meter und mehr erreicht. Hinter der Geranie (Pelargonium), unverzichtbar auf rustikalen Balkonen, stehen sogar handfeste Skandale. Zum einen sicherte sich eine deutsche Firma Patente auf das traditionelle Heilmittel, dem Wirkstoff Pelargonii radix, ohne die lokalen Nutzer in Südafrika am Gewinn zu beteiligen. Zum anderen wurden rot blühende Exemplare vom Denkmalschutz für das von Adolf Loos geplante Haus am Michaelerplatz vorgeschrieben. Kaiser Franz Josef war schockiert und taufte es wegen seiner nackten Fassade das „Haus ohne Augenbrauen“, woraufhin Loos kupferne Blumenkästen anbringen ließ. So verbindet jede der hier vorgestellten Pflanzen die ethnographische Vergangenheit und den Wandel vom Statussymbol in den Gärten der Reichen zum schmückenden Hausgenossen in unseren Wohnungen, der soviel zu berichten hat, wenn man ihm nur aufmerksam zuhört.

Kolonialismus am Fensterbrett, Ausstellungsansicht

Ficus benjamini, Ausstellungsansicht

Wer hat die Hosen an? Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Daniel Sostaric

Wer hat die Hosen an? Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Daniel Sostaric

WER HAT DIE HOSEN AN? Beinkleider aller Zeiten für ihn und sie

Replik der Hose des Turfan-Mannes © Foto: Jan Kersten/DAI-EA

Replik der Hose des Turfan-Mannes © Foto: Jan Kersten/DAI-EA

Anschauliche Kulturgeschichte eines Alltagsgegenstandes

Noble Römer, gewickelt in die festliche Toga, konnten über die seltsame Tracht ihrer barbarischen Nachbarn nur die Nase rümpfen. Da trugen diese wilden Reiter doch bei ihren Angriffen auf das Imperium Schläuche über ihren Beinen, geradeso wie von den Griechen berichtet die mythischen Amazonen, diese rasenden Weiber, die ganze Heere in Angst und Schrecken versetzen konnten. Heute ist es unvorstellbar, dass eine Hochkultur über Jahrhunderte ohne die Hose ausgekommen ist; also mit den außen getragenen Beinkleidern, aber auch mit denen darunter, den Unaussprechlichen, die erst in jüngerer Zeit die intimen Bereiche schützend und wärmend bedecken. Lange galt dafür die maskuline Forderung, dass er die Hosen anhaben müsse, um in einer Zweierbeziehung als Mann zu gelten. Mittlerweile haben auch die Frauen erkannt, dass die Hose, egal ob als eleganter Unterteil eines Kostüms oder als figurunabhängige Leggings, die bequemere Kleidung für vielerlei Gelegenheiten darstellt.

Winterhose Hersteller unbekannt Westliche Arktis Nordamerikas, 1950er Jahre Eisbärfell

Winterhose Hersteller unbekannt Westliche Arktis Nordamerikas, 1950er Jahre Eisbärfell und Robbenfell mit Ledereinfassung, Kunststoffknöpfen und Handnähten Weltmuseum Wien, Sammler unbekannt © KHM-Museumsverband

Katharina Schratt als „Junger Goethe“ in Der Königsleutnant Julius Gertinger Wien,

Katharina Schratt als „Junger Goethe“ in Der Königsleutnant Julius Gertinger Wien, 10. April 1874 Reproduktion eines Foto-Abzuges auf Karton Wien, Theatermuseum © KHM-Museumsverband

So ist die Frage „Wer hat die Hosen an?“ durchaus berechtigt. Das Kuratorinnenteam um die Textilrestauratorin Barbara Pöninghaus-Matuella hält sich bezüglich der Antwort heraus. Sie laden vielmehr zu einem Streifzug durch 3.000 Jahre Hosengeschichte aus aller Welt ein. Das älteste Exemplar stammt aus Turfan in Westchina und ist als Replik zu bewundern. Das nächstälteste Stück, eine Pluderhose aus Nubien (heute südliches Ägypten), ist aber tatsächlich gute 1000 Jahre alt. Dass auch die Kelten die Hosen schätzten, beweisen eine Gewandfibel aus der La Tène Kultur und Darstellungen auf antiken Münzen. Am Beginn der Ausstellung (bis 1. Februar 2026) steht allerdings Kunst der Gegenwart. Laura Eckert lässt einen aus Holzplättchen bestehenden nackten Mann eine Kerze turnen. Die verletzlich wirkende Plastik, vor allem der nach oben gestreckte Unterkörper, schreit förmlich nach Bekleidung. Angeboten werden dazu zehn Optionen aus Asien, Afrika und Amerika von arktisch bis subtropisch.

The Morning After Ian Berry Großbritannien, 2014 Assemblage aus Denimfragmenten Sammlung AWWG,

The Morning After Ian Berry Großbritannien, 2014 Assemblage aus Denimfragmenten Sammlung AWWG, Pepe Jeans®, Madrid Mit freundlicher Genehmigung von Pepe Jeans® © Bildrecht, Wien 2025

Tunbān  Hersteller unbekannt Bagdad, Irak, vor 1886 Rinds- und Schafleder, Baumwollstoff

Tunbān Hersteller unbekannt Bagdad, Irak, vor 1886 Rinds- und Schafleder, Baumwollstoff mit Steppnähten und Wattierung aus Tierhaar, Metallschnalle Weltmuseum Wien, Sammlung Josef Troll © KHM-Museumsverband

Man sieht, es fehlt nicht an unterhaltsamen Elementen, raffiniert verbunden mit sanfter Belehrung. Zum Schmunzeln ist die Skulptur „Trophy fort he Longest Pee“, geschaffen vom Isländer Guðmundur Thoroddsen als Preis für den weitesten Stehpinkler, und männliche Urängste weckend das Bild „Revenge of the Geisha Girl“ mit blutrotem Slip der japanischen Künstlerin Yūko Shimizu. Auf Bildern tritt mit uns den Hosenrollen aus Oper und Theater eine charmante Aneignung männlicher, besser, knabenhafter Darstellung durch schlanke junge Frauen entgegen. Von ihnen weg führt der Weg nun in den zweiten Teil, in dem Hingreifen ausdrücklich erwünscht ist.

Die dort hängenden Shorts wollen begrabscht werden. Handflächen sollen spüren, wie sich kühles Leinen oder warmer Tweed unterscheiden, oder wie lange im Fall, dass es pressiert, auch geschickte Finger brauchen, um 14 Knöpfe am Hosentürl aufzunesteln. Musste auch der Kaiser derlei Handgriffe selbst erledigen? Oder war ihm dabei ein Kammerdiener behilflich? Die gezeigten monarchischen Beinkleider – Uniform- und Kniehose für die Jagd – hüllen sich diesbezüglich in diskretes Schweigen. Jedenfalls waren sie nachhaltig hergestellt, ähnlich den Jeans, die erst nach vielen, vielen Jahren vom Körper fallen. Aus deren Stoff, Denim, besteht das Kunstwerk „The Morning After“ des Briten Ian Berry, auf dem drei Frauen ihrem Blues nachhängen. Um das Denken an sich geht es an der Station „auf dem Weg in die Zukunft“, auf dem sich bedrohlich Müllberge auftürmen, sollten wir nicht rechtzeitig lernen, Begriffe wie „Upcycling“ oder einfach „Second Hand“ in unseren Sprachschatz aufzunehmen und versuchen, dem Diktat der Mode für Beine und Popsch entspannt gegenüberzustehen.

Wer hat die Hosen an? Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Daniel Sostaric

Wer hat die Hosen an? Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Daniel Sostaric

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