Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1974 © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1974 © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

ARCHETYPEN DES FIGURALEN

Dialog Herbert Boeckl & Hans Josephsohn

Ausstellungsansicht © Leopold Museum, Wien/Leni Deinhardstein

Ausstellungsansicht © Leopold Museum, Wien/Leni Deinhardstein

Zeitlose Parallelen und Analogien zwischen Malerei und Bildhauerei

Wie antike Stelen geben die Plastiken von Hans Josephsohn dem ersten Raum Struktur. Dass an den Wänden Gemälde hängen, fast bescheiden, entdeckt man erst im Zuge einer beschaulichen Runde. Es sind Szenen aus dem alten Ägypten, in denen sich Herbert Boeckl mit dessen Götterwelt auseinandergesetzt hat. Entstanden sind sie 1959, beinahe zeitgleich mit Werken von Josephsohn. Dennoch liegen eine ganze Generation und ein durchaus verschiedener Lebenslauf zwischen den beiden Künstlern. Der Maler Herbert Boeckl wurde 1894 in Klagenfurt geboren. Obwohl Autodidakt wurde er zu einem maßgeblichen Vertreter der österreichischen Moderne, der es zum Rektor der Akademie der bildenden Künste gebracht hat. Hans Josephsohn erblickte 1920 das Licht der Welt in Königsberg, der ehemaligen Hauptstadt der preußischen Provinz Ostpreußen, die 1946 in Kaliningrad umbenannt wurde. Sein Elternhaus war jüdisch liberal. Er selbst wurde Künstler, der in Florenz ein Studium begann. Die antisemitische Politik in Italien und Deutschland zwang ihn jedoch zur Flucht in die Schweiz. Wenngleich er bald ein anerkannter Bildhauer war, wurde Josephsohn erst 1964 Schweizer Bürger. Heute gilt er neben Alberto Giacometti als zweiter großer Plastiker der Schweiz.

Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920, Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien

Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920, Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Hans Josephsohn, Ohne Titel © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen

Hans Josephsohn, Ohne Titel © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums und Kurator der Ausstellung (bis 10. Jänner 2027), betont das Gemeinsame der beiden Künstler, die doch in unterschiedlichen Bereichen arbeiteten. Einer dieser Punkte ist das Festhalten an der Gegenständlichkeit in Zeiten geforderter Abstraktion. An beiden Künstlern prallten Trends und Moden des Kunstbetriebes ab. Ein wichtiges Thema war bei beiden auch das persönliche Umfeld. Boeckls wichtigste Muse war seine Frau Maria, die sich auf dem Bild „Die Verlobten“ 1918 an ihn schmiegt. Auch für Josephsohn zählten nahestehende Menschen wie seine erste Frau Mirjam Abeles, die Partnerin Ruth Jacob und seine zweite Frau Verena Wunderlin, aber auch befreundete Menschen wie der Arbeiter Ernst Baumann zu seinen Lieblingsmodellen. Beim genauen Blick auf deren Werke fällt auf, dass sie die raue Oberfläche schätzten und damit das Weglassen von Details. Es geht ihnen um die Figur an sich oder anders gesagt, um das Wesentliche der Motive, in dem sie sich annäherten. So strebt bei Boeckls „Stillleben mit toter Krähe“ (1921) ein extrem dicker Farbauftrag in die Dreidimensionalität, während Josephsohn in späteren Arbeiten auf Gesichtszüge vollkommen verzichtet.

Hans Josephsohn, Ohne Titel (Ruth), 1974 © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen

Hans Josephsohn, Ohne Titel (Ruth), 1974 © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

Herbert Boeckl, Akt vor gelber Kiste, 1925, Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien

Herbert Boeckl, Akt vor gelber Kiste, 1925, Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Zu erleben sind mehr als 80 Werke. Boeckl ist mit Gemälden und Arbeiten auf Papier vertreten, von denen Josephsohns meist titellose Skulpturen in Gips und Messing begleitet werden. Es sind die Zeugen des 20. Jahrhunderts mit seinen radikalen Umbrüchen und zwei Weltkriegen. Herbert Boeckl hatte im kaiserlichen Feldartillerieregiment Nr. 28 den Schrecken von grausamen Verletzungen und Tod an der Front erfahren. Hans Josephsohn verlor beide Eltern. Sie wurden im Zuge der Shoa 1942 vom NS-Regime ermordet. Hans-Peter Wipplinger stellt dazu fest:

Diese alles in Frage stellenden existentiellen Erfahrungen schreiben sich unweigerlich in das Denken, Leben und Schaffen der Künstler ein. Ihr Œuvres zeugen von Ernsthaftigkeit, Tiefgründigkeit, Verlust, Vergänglichkeit und der Flüchtigkeit des Daseins.“ Diese Gedanken sollten mitschwingen, wenn man dem Torso aus 1990 oder dem nahezu gesichtslosen „Porträt Josef von Wertheimstein“ (1921) begegnet. Die Hängung der Gemälde bzw. die Aufstellung der Plastiken vertieft darüber hinaus die stellenweise deutliche Verbindung zweier Männer, die einander im Leben nicht begegnet sind. „Am Kloppeinersee“ hat Boeckl 1922 eine Gebirgslandschaft verewigt, die frappierend die Formen einer liegenden Gestalt von Josephsohn „vorweggenommen“ hat. Noch um ein Stück weiter hinein in die Arbeitsweise lassen nahezu gleiche Skizzen des Bildhauers aus 1943 und ebenfalls mit Bleistift gezeichnete Blätter Boeckls blicken. Die Ergebnisse sind durchwegs Archetypen des Figuralen, die in ihrer radikalen Vereinfachung und formalen Verdichtung eine ewig zeitlose Form erahnen lassen.

Herbert Boeckl, Dominikaner IV, 1948, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Herbert Boeckl, Dominikaner IV, 1948, mumok Wien, erworben 1972 Foto: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Ausstellungsansicht "PREMIERE!" © Leopold Museum, Wien | Foto: Leni Deinhardstein

Ausstellungsansicht "PREMIERE!" © Leopold Museum, Wien / Foto: Leni Deinhardstein

PREMIERE! Einblicke in die Sammlung der OeNB

"PREMIERE!" © Leopold Museum, Wien / Foto: Leni Deinhardstein

"PREMIERE!" © Leopold Museum, Wien / Foto: Leni Deinhardstein

Österreichische Kunst aus Büros, Gemeinschaftsräumen und Sitzungszimmern erstmals im Museum

Es ist ein Who´s Who heimischer Kunstschaffender der letzten 100 Jahre, mit dem die Österreichische Nationalbank nun an die Öffentlichkeit gegangen ist. Anlass war das 25-jährige Bestehen des Leopold Museums. 1994 hatte die OeNB mit einem beträchtlichen Finanzierungsanteil von rund einem Drittel den Ankauf der Sammlung von Rudolf Leopold und damit die Gründung der Leopold Museum-Privatstiftung ermöglicht. Die Ausstellung „Premiere!“ darf nun als Dankeschön an diesen generösen Akt angesehen werden. Seit den späten 1980er-Jahren wird in der OeNB gezielt österreichische Malerei und Skulptur von 1918 bis heute gesammelt. Die rund 2.300 Werke umfassen Positionen der Neuen Sachlichkeit, des Post-Expressionismus, aber auch die Reaktion auf den Horror des Zweiten Weltkriegs, die allein in der Abstraktion einen passenden Ausdruck gesehen hat, bis zur Gegenwart, die sich eine neue Freiheit im Umgang mit ungewöhnlichen Medien und Techniken geschaffen hat. Die Arbeiten wurden jedoch nicht in sicheren Lagern versteckt, sondern über die Ausstattung der Repräsentationsräume hinaus in das unmittelbare Arbeitsumfeld der in der OeNB Beschäftigten gebracht. Damit wurde deren Alltag ungemein bereichert, da über fachliche Besprechungen hinaus Diskussionen in Verbindung von Wirtschaft und Kultur angeregt werden.

HEIMO ZOBERNIG, Ohne Titel (REAL/EGAL), 2018 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung
FRANZ SEDLACEK, Lied in der Dämmerung, 1931 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung

l.: HEIMO ZOBERNIG, Ohne Titel (REAL/EGAL), 2018 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung / Foto: OeNB/Christoph Fuchs © Bildrecht, Wien 2026

o.: FRANZ SEDLACEK, Lied in der Dämmerung, 1931 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung / Foto: OeNB/Graphisches Atelier Neumann

Die Schau wurde von Hans-Peter Wipplinger (Direktor des Leopold Museums) und Chiara Galbusera (Kuratorin der Sammlung OeNB) chronologisch aufgebaut. Als Empfang und Einleitung in den Post-Expressionismus hängt das Bildnis des Alberto Cellari, ein von Robert Kloss gemaltes Porträt, das seinerzeit als „hypermodern“ bezeichnet wurde. Es hebt sich tatsächlich selbstbewusst nach vorne weisend von den nahezu zeitgleich entstandenen Stillleben eines Anton Faistauer oder der bieder romantischen „Gebirgslandschaft im Schnee“ von Felix Albrecht Harta ab, findet aber in den kantigen Formen eines Albin Egger Lienz oder den unverwechselbar leuchtenden Winterbildern des Tiroler Alfons Walde den entsprechend realistischen Gegenpol. In dunkelblauer Umgebung folgt die Neue Sachlichkeit, in der die aus Elend und Not bestehende Wirklichkeit dieser Jahre ihre präzise Darstellung erhalten hat. Vertreten sind Greta Freist, Franziska Zach, aber auch Albert Paris Gütersloh, Viktor Plank oder Karl Hauk. Das „Streichquartett“ von Max Oppenheimer ist die bis zum Fingersatz der Musiker nachvollziehbare Darstellung eines Konzerts und lässt dennoch bereits den Einfluss von kubistischer und futuristischer Formensprache erkennen. Düster und doch anziehend sind die Themen von Franz Sedlacek, der mit dem „Lied in der Dämmerung“ oder in der „Waldlandschaft mit Jäger“ das Bedrohliche hinter der sichtbaren Welt andeutet.

ERWIN WURM, Ich und Über-Ich, 2008 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung | Foto: OeNB
GERWALD ROCKENSCHAUB, Ohne Titel, 2007 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung | Foto: OeNB

l.: ERWIN WURM, Ich und Über-Ich, 2008 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung / Foto: OeNB/Graphisches Atelier Neumann © Bildrecht, Wien 2026

o.: GERWALD ROCKENSCHAUB, Ohne Titel, 2007 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung / Foto: OeNB/Christoph Fuchs © Courtesy Gerwald Rockenschaub und Krobath Wien

Ab 1945 war Realismus aus den genannten historischen Gründen passé. Maria Lassnig und Arnulf Rainer organisierten 1951 die Ausstellung „Junge unfigurative Malerei“ und hatten damit dem „Informel“ den Weg bereitet, freilich nicht ohne Widerstände. Vertreten sind neben deren Meisterwerken Arbeiten von Birgit Jürgenssen, Rudolf Polanszky oder Max Weiler. Nahezu aufdringliche Freundlichkeit vermittelt Wolfgang Hollegha mit „Blauer Mütze im Wind“, einem hellen Farbenrausch, der von „Große Büste“ eines Josef Mikl oder Markus Prachenskys „Berlin VIII-63“ konterkariert wird. Das nächste Kapitel ist „Generationen übergreifenden Dialogen“ gewidmet. Malereien von Martha Jungwirth, Herbert Brandl, Gunter Damisch oder Jürgen Messensee werden von Skulpturen der großen Bildhauer Österreichs ergänzt.

Dreidimensionale Gebilde von Fritz Wotruba, Joannis Avramidis, Franz West oder Julia Haugeneder geben diesen Räumen Struktur. Für die Begrüßung des Publikums ist übrigens die launige Figur „Ich und Über-Ich“ von Erwin Wurm im Foyer des zweiten Untergeschosses abgestellt. Der Abschluss dieser Promenade vorbei an 100 Jahren österreichischer Kunst ist der geometrischen Abstraktion vorbehalten. Hier dominiert die rigide Ordnung der Geometrie, wie sie von Heimo Zobernig, Herbert Hinteregger, Michael Kienzer und Esther Stocker als ideales Mittel, die Gegenständlichkeit hinter sich zu lassen, erkannt und eingesetzt wurde. Kunst ist aber nur ein Teil des Beitrages, den die OeNB als Zentralbank Österreichs neben ihren finanztechnischen Hauptaufgaben zur Bewahrung von österreichischer Kunst- und Kulturgeschichte leistet. So werden auch historische Streichinstrumente gesammelt und an große Talente weitergegeben, damit sie der Musikwelt in schönster klingender Weise erhalten bleiben.

GRETA FREIST, La danseuse (Die Tänzerin), 1938 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung

GRETA FREIST, La danseuse (Die Tänzerin), 1938 © Oesterreichische Nationalbank/Kunstsammlung / Foto: OeNB/Graphisches Atelier Neumann

Gustave Courbet, Panorama der Alpen, um 1876, MAH Musee d’art et d’histoire, Ville de Geneve

Gustave Courbet, Panorama der Alpen, um 1876, Foto: Musée d’art et d’histoire, Ville de Gen.ve/Bettina Jacot-Descombes

GUSTAVE COURBET Unterworfen nur dem Regime der Freiheit

Gustave Courbet, Ausstellungsansicht © Leopold Museum / Reiner Riedler

Gustave Courbet, Ausstellungsans. © Leopold Museum / Reiner Riedler

Ein Realist und Rebell mit dem Blick auf sich selbst erstmals umfangreich in Österreich präsentiert

1873 hatte Gustave Courbet (1819-1877) erwogen, sein Schaffen auch in Wien umfassend zu präsentieren. Der Erfolg, der ihn in seiner Heimat Frankreich begleitete, sollte über die Grenzen hinaus getragen werden, zuerst offenbar in die Hauptstadt der Donaumonarchie und in deren bedeutende Kunstszene. Es kam lediglich zur Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Erst 2026 wurde sein Wunsch nach einer ihm würdigen Retrospektive postum erfüllt. Im Leopold Museum werden seine Arbeiten bis 21. Juni 2026 als beeindruckendes Lebenswerk eines der bedeutendsten französischen Künstler gezeigt. 90 Gemälde und 20 Grafiken aus allen Schaffensphasen und zahlreiche Archivalien machen den Besuch zu einer faszinierenden Promenade durch ein Œuvre, das vom Selbstporträt über Landschaften bis zu skandalträchtigen Akten reicht. Courbet war weitgehend Autodidakt, angetrieben von einer guten Portion Eitelkeit, verbunden mit Ehrgeiz, Kampfgeist und der Lust an Provokation, was ihm nicht zuletzt seitens der Justiz Schwierigkeiten eingebracht hat. „Dieser Mann gehörte nie einer Schule, keiner Kirche, keiner Institution, keiner Akademie und insbesondere keinem Regime an, ausgenommen dem Regime der Freiheit.“ Mit diesen Worten hat Gustave Courbet das Gedenken der Menschen an ihn selbst formuliert.

Gustave Courbet, Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet, 1854, Foto: Musée Fabre de Montpellier
Gustave Courbet, Die Schläferinnen, 1866, Foto: Paris Musées/Petit Palais, musée des Beaux-Arts de l

Bild oben: Gustave Courbet, Die Schläferinnen, 1866, Foto: Paris Musées/Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris

Bild links: Gustave Courbet, Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet, 1854, Foto: Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole/Frédéric Jaulmes

Der genaue Blick auf seine Gemälde offenbart den radikalen Bruch mit der romantischen Malerei seiner Zeit. Nikolaus Manuel Güdel, Kunsthistoriker und Spezialist für Gustave Courbet betreffend Echtheit und Provenienz, wurde von Direktor Hans Peter Wipplinger als Kurator der Ausstellung gewonnen. Er sieht im Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Palettenmesser oder Textilien als Pinsel in Courbet einen Wegbereiter der modernen Malerei, die nicht illusionistisch täuschen, sondern die Materialität erfahrbar machen will. In diesem Sinn ist auch die Entscheidung für ein durchaus gewagtes Sujet der Ausstellung zu verstehen. Der Torso eines Frauenkörpers, wie er auf „Der Ursprung der Welt“ direkt und fordernd den Blick auf die Vulva zieht, entbehrt jeder Idealisierung. Gegenüber hängt „Le Sommeil“, „Die Schläferinnen“, zwei Frauen, die sich sichtlich von einem leidenschaftlichen Liebesakt erholen. Nur ein ausgesprochen von sich überzeugter Mann konnte sich so kraftvoll über herrschende Moralvorstellungen hinwegsetzen. 1854 brachte er diese Einstellung auf den Punkt. In „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ steht der Künstler mit erhobenem Haupt zwei Männern gegenüber, die ihn ehrfurchtsvoll begrüßen. Einer davon ist sein Freund und Mäzen Alfred Bruyas, der sich vor dem mit Pilgerstab und Hut selbstbewusst auftretenden Meister verneigt.

Gustave Courbet, Die Wasserhose, 1867, Foto: Collection M. Urbain, Paris

Gustave Courbet, Die Wasserhose, 1867, Foto: Collection M. Urbain, Paris

Gustave Courbet, Die Quelle des Lison, um 1864, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Gustave Courbet, Die Quelle des Lison, um 1864, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger

Courbet war auch begeisterter Jäger, der jedoch in den dabei erlegten Tieren mehr als die Beute sah. So flüchtet ein von Hunden getriebener Hirsch in ein dunkles Gewässer und zeigt dabei einen nahezu menschlichen Ausdruck der Verzweiflung. Über den ruhigen Blick auf Landschaften mit Burgen, Grotten und Quellen führt er uns unter anderem in die Gegend seines Geburtsortes Ornans in der Region Franche-Comté, aber auch an das Meer, das ihn mit seiner Weite und stürmischen Unbändigkeit gelockt hat. Seine eigene Person nutzte der Maler über das übliche Selbstporträt hinaus zur Verwandlung in eine Pfeife oder in eine am Angelhaken hängende Forelle, aber auch für das Studium von seelischen Ausnahmezuständen.

In „Der vor Angst Wahnsinnige“ (1844) zeigt sich Courbet mit aufgerissenen Augen am Rand eines tiefen Abbruchs, um den Horror vor einem Absturz miterleben zu lassen. Er hatte es mit seiner freisinnigen Einstellung nicht leicht in einem von politischen Querelen beherrschten Frankreich. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Gustave Courbet im Exil in der Schweiz. Es klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte: Im selben Jahr erging das Urteil, das ihm die Zahlung des Wiederaufbaus der Vendôme-Säule auferlegte. Das Denkmal war von Napoleon zu Ehren der Grand Armée errichtet und von der Pariser Kommune, in der Courbet maßgeblich das Sagen hatte, am 16. Mai 1871 gestürzt worden. Die Summe hätte seine finanziellen Möglichkeiten bei weitem überstiegen. Doch er stirbt am 31. Dezember 1877. Zurück in seine Heimat, nach Ornans, wurde Gustave Courbet 1919 zum 100. Jahrestag seiner Geburt überführt.

Gustave Courbet, Der vor Angst Wahnsinnige, um 1844, Foto: Nasjonalmuseet/Børre Høstland

Gustave Courbet, Der vor Angst Wahnsinnige, um 1844, Foto: Nasjonalmuseet/Børre Høstland

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