Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Zigeunerbaron Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

DER ZIGEUNERBARON und keine Scheu vor diesem Titel. Dschingah!

Kristiane Kaiser, Lucian Krasznec, Boris Eder, Martina Mikelić, Kurt Rydl © Barbara Pálffy/Volksoper

Der sanfte Einfluss rauer Wahrheit in rührseliger Operettendichtung

Im Programmheft wird doch glatt Regisseur Peter Lund gefragt, ob der zurecht problematische Begriff des Zigeuners im Titel Einfluss darauf haben könnte, dass dieses Werk nahezu aktuell von den Spielplänen verschwunden ist. Erstens wird dieses Stück Musiktheater, das Johann Strauß eigentlich als Oper aufgeführt sehen wollte, sich aber mit einer zeitlos erfolgreichen Operette zufrieden geben musste, nach wie vor fleißig produziert. Zweitens sind die Zigeuner hier die Guten, oder wie Peter Lund sagt: „Sie sind die Volksgruppe, die geradezu als Archetypen für jene Werte steht, die unsere Demokratie ausmachen: Treue, Freundschaft, Loyalität, Freiheit und Unabhängigkeit im Denken.“ Sie waren das bereits, als Ignaz Schnitzer aus der Novelle „Sáffi“ von Mór Jókai das Libretto gebastelt hat. Man braucht also keine Angst zu haben, politisch unkorrekt zu sein, wenn man in der Wiener Volksoper den Zigeuner-Baron genießt. Nach 135 Jahren Bestehen sind freilich etliche Anpassungen an die Gegenwart nötig geworden, die auch behutsam eingefügt wurden.

Martina Mikelić (Czipra)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem ist es die Rahmenhandlung, ein Straßentheater, das die Moritat um den Abenteurer Sándor Bárinkai erzählt und damit bereits große Freiheit in der Gestaltung des Inhalts hat. Den Ausgang bestimmt das Publikum auf der Bühne, von deren Geld Prinzipal und Ensemble leben. Diese Leute wären kaum damit einverstanden, wenn die gute alte Zigeunerin wie im literarischen Vorbild als Hexe verbrannt würde und sowohl der Held als auch Ottokar im Spanienfeldzug fallen. Damit das Geldbörsel aufgeht, muss am Schluss geheiratet und die Kriegsgräuel, ausgelöst durch osmanische und habsburgische Aggressionen, gründlich vergessen gemacht werden.

Lucian Krasznec, Kurt Rydl, Boris Eder © © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Alfred Eschwé lässt es mit Orchester und Chor des Hauses ordentlich krachen, wenn Fortissimo in der Partitur steht, hat aber genügend Zeit, lyrische Passagen in wohltuender Breite zu zelebrieren. Im stimmungsvollen und vor allem praktischen Bühnebild von Ulrike Reinhard können die Solisten frei und ohne halsbrecherische Stunts ihre Stimmen entfalten. Eine Schlossruine in der trostlos sumpfigen Landschaft des Banats wird mit kurzer Drehung zur Fleischerei oder zur Projektionsfläche.

Gespenstisch flattern darauf Raben und während der Ouvertüre erschießen schattenhaft einander Soldaten. Das Pferd vor dem armseligen Wagen ist ein Skelett, um die Tristesse gesuchter Realität zu untersteichen. Die Kostüme sind durchwegs zumindest folkloristisch, abgesehen vom Nachthemd, mit dem es Katrin Adel als Saffi von Anfang bis Ende nicht leicht hat, das umwerfend reizvolle Zigeunermädchen bzw. Fürstenkind zu mimen. Der Feschak Marco Jentzsch fährt trotzdem darauf ab, zumal ihm die hellseherischen Fähigkeiten von Czipra (ein sinnlich dunkler Mezzo: Annely Peebo) keine andere Wahl lassen. Denn Arsena (jung, frech, frisch: Elisabeth Schwarz) ist zwar reizend, aber in den rührend patscherten Ottokar (ein flotter Tenor: Johannes Strauß) verliebt. Das kann und will Vater nicht dulden. Gerhard Ernst ist als Kálmán Zsupán was sonst als ein Fleischhauer, der ganz qualitätsbewusst seine eigenen Schweinderln züchtet und, weil wegen der Vegetarier das Geschäft nicht mehr so gut geht, eine Eisenmine betreibt, in der die Zigeuner bis zum Umfallen hackeln müssen, angetrieben vom stimmgewaltigen Vorarbeiter Heinz Fitzka.

Zsupáns Geliebte und Gouvernante seiner Tochter ist Mirabella (Elisabeth Flechl), die beinahe zu klug und zu hübsch für den geldgierigen Kapitalisten ist. Dass Conte Carnero bestechlich ist, tut dem lyrischen Schmelz in der Stimme von Boris Eder keinen Abbruch, ebenso wenig wie die böse List mit dem Werberwein die stattliche Erscheinung des Grafen Homonay (Morten Frank Larsen) beeinträchtigt. Sie alle tragen dazu bei, die Straußschen Ohrwürmer nachhaltig zu deponieren. Dschingah!

Dere Zigeunerbaron, Ensemble, Chor, Komparserie  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maria Happel und Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

GYPSY Das klangvolle Märchen vom Herumzigeunern im Showbiz

Toni Slama (Herbie), Maria Happel (Rose)  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wenn ein Traum der Mutter zur gefährlichen Drohung wird

Maria Happel möchte man nicht zur Mutter haben! Pardon, natürlich nur ihre Rose, die davon besessen ist, ihre beiden Töchter auf der Bühne groß rauszubringen. Die eine, die kleine blonde June, hat´s ja drauf. Sie wäre der geborene Kinderstar, wenn nur das richtige Engagement käme. Aber ihre Schwester Louise? Sie ist brünett, burschikos und introvertiert. Das macht sich im Vaudeville, wie es Anfang der 1920er-Jahre in Amerika noch groß gespielt wird, so überhaupt nicht gut. Es muss dort zu immer neuen Nummern getanzt und gesungen werden, unter dem Motto „May we entertain you?“, das sich mit wachsendem Selbstvertrauen zu „Let me entertain you!“ wandelt. Was die selbsternannte Managerin ihrer Töchter jedoch übersieht: Erstens sind die Kinder mit den Jahren keine putzigen Babys mehr und zweitens hat das Burlesque die alte Revue ersetzt. June löst sich vom Diktat ihrer Mutter und verschwindet auf nimmer Wiedersehen, um ernsthafte Schauspielerin zu werden. Louise bleibt Gefangene des mütterlichen Ehrgeizes, um letztendlich von sich aus als Star zu strahlen.

Lisa Habermann (Louise) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Rose hat immer wieder Träume, zum Beispiel was als nächstes einstudiert werden könnte, aber auch wie sie ihre Umgebung, zu der auch Herbie gehört, der sie innig liebt und nichts als heiraten will, drangsalieren kann. Wie Geld hereinkommen könnte, darüber schweigen allerdings ihre Nachtgesichte. Irgendwann steht sie allein da, was für sie nichts anderes bedeutet als, es ist „Rose´s Turn“. Wenngleich ihre Louise zur Gypsy Rose Lee wird, die Männer mit ihrem Striptease verrückt macht, ist sie selbst im Grunde die geborene Zigeunerin, der Gipsy, den es heimatlos von einem Theater zum nächsten treibt.

Gypsy, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Arthur Laurents hat das Buch nach dem Roman „A Memoir von Gypsy Rose Lee“ geschrieben, die Musik stammt von Jule Styne und die Liedtexte von Stephen Sondheim. Bis auf wenige Ausnahmen werden diese in der Produktion der Volksoper Wien auf Deutsch gesungen. Es heißt nicht umsonst, „Gypsy“ sei die Mutter aller Musicals. Es ist eine Abrechung mit dem Showbiz, in dem nur diejenigen überleben können, die sich wie eben Rose radikal diesem unsteten Leben verschrieben haben.

Lorenz C. Aichner leitet das Orchester der Volksoper Wien und erspart diesem nicht die vor allem für das hohe Blech mit etlichen Stratosphärentönen anstrengende Ouvertüre. Während die Themen des Musicals anklingen, lässt Regisseur Werner Sobotka Bilder aus dem Entertainment dieser Zeit über eine riesige Reisekiste flimmern. Die Einstimmung ist also perfekt, um die kleinen Freuden und das große Leiden der darin involvierten Kreaturen anzudeuten. Nachdem die Töchter heranwachsen, sind für diese zwei Besetzungen erforderlich. Als Baby June wirbelt Livia Ernst in blonden Locken und neckischem Kleidchen über die Bühne, neben Baby Louise (Katharina E. Stephan) als unbeholfenes Beiwagerl. Marianne Curn muss sich bereits die Frage nach ihrem Alter gefallen lassen, wenn sie als June mit Kuh und Tanzensemble das niedliche Kind geben will. Ihre Schwester (Lisa Habermann) wird nach einem etwas holprigen Anfang zur Stripperin mit großer Persönlichkeit, der schnell erworbener Ruhm keineswegs in den Kopf steigt. Um das schräge Familientrio herum sind u. a. Toni Slama als warmherziger Gefühlsmensch Herbie, Jens Claßen als jeweiliger Direktor der bespielten Etablissements und Christian Graf als hinreißender Transvestit Tessie Tura am Werk.

Neben viel gesprochenem Text sind es letztlich doch die Songs, bei denen nicht nur Maria Happel eine gewaltige Röhre zeigt, die dieses Musical auszeichnen. Alle Beteiligten leben aus dem Koffer, der in seinen verschiedensten Formen vom Handgepäck bis zum Büro die vielen von der Handlung bedingten Schauplätze ermöglicht. Das Publikum wird selbst so zum Reisenden, der lustvoll mit auf Tournee geht, ohne gewiss zu sein, wo er letztlich in den verhängnisvollen Träumen einer fanatischen Mutter ankommen wird.

Toni Slama, Lisa Habermann, Marianne Curn, Maria Happel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sung-Keun Park (König Karotte), Komparserie, Chor  © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

KÖNIG KAROTTE Toller Aufstand gegen die Tyrannei des Gemüses

Mirko Roschkowski (Fridolin XXIV.), Julia Koci (Prinzessin Kunigunde)  © Barbara Pálffy / Volksoper

Eine Märchenoper für Erwachsene und Connaisseure französischer Turbulenz

Kein Spaß für Veganer! Dafür aber für alle, für die Karotten bestenfalls eine gesunde Beilage sind. Gerade noch am letzten Abdrücker ist es der Volksoper gelungen, ein selten gespieltes Werk aus Anlass des 200. Geburtstages von Jacques Offenbach ins Programm zu nehmen. 1872 entstand die komische Zauberoper (opéra-bouffe-féerie) „Le Roi Carotte“ als Satire auf Herrscher und Volk, auf das gepriesene Savoir-vivre seiner Landsleute und eine allgemein verbreitete Wundergläubigkeit. Der verwöhnte und genusssüchtige Prinz Fridolin XXIV. gerät in den Machtkreis zweier Zaubermächte. Auf der einen Seite ist es der gute Geist Robin, der den jungen Mann auf den Pfad der Tugend zurückbringen möchte. Ihm gegenüber steht die Hexe Kalebasse, die den Prinzen stürzen will. Robin überlässt vorerst der Hexe das Feld, die aus ihren Beeten unheimliche Gestalten hervorzaubert. Rote Rübe, Lauch und Zwiebel ergreifen unter Führung der Karotte die Macht. Die Fridolin zur Heirat versprochene Prinzessin schlägt sich wie der gesamte Hofstaat auf der Stelle auf die Seite der neuen Herren.

Sung-Keun Park (König Karotte)  © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ihr entgegen steht die herzliche Zuneigung der allerliebsten Rosée-du-Soir, die mithilfe Robins der Gefangenschaft von Kalebasse entfliehen kann. Gemeinsam mit dem gestürzten Prinzen versuchen sie nun die Tyrannei von Karotte und Co. zu überwinden und lassen dabei keinen Gag aus. Die Reise führt nach Pompeji am Tage des Ausbruch, in die Welt der Ameisen und auf eine Affeninsel. Zum Glück gibt es keinen Mangel an Talismanen, mit denen schließlich die ursprünglichen Verhältnisse unter den Vorzeichen einer moralischen Verbesserung des Prinzen wieder hergestellt werden können.

König Karotte Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Guido Mancusi schenkt mit dem Orchester der Volksoper Wien der Komposition von Jacques Offenbach genau diese Eleganz und den Schwung, der das gesamte Ensemble mitreißt und das Publikum mit offenem Mund die phantastisch turbulente Handlung (Text von Victorien Sardou, ins Deutsche übersetzt von Jean Abel) verfolgen und mit verzückten Ohren die Musik genießen lässt. Die Ausstattung unter der Regie von Matthias Davids ist dankenswerter Weise alles andere als sparsam.

Sie verwandelt wie von Zauberhand geführt blitzartig die Bühne in diverse Schauplätze und bindet Chor und Statisterie mit rasanten Tanzszenen bis zur Polonaise und dem Eisenbahngalopp ins Geschehen ein. In einer solchen Welt haben es Solisten freilich einfacher zu glänzen. Ein resoluter Robin ist der selbstbewusste Mezzo Amira Elmadfa, dem die Hexe Kalebasse in der Person eines ätzend komischen Christian Graf gegenübersteht. Die quirlige Prinzessin Kunigunde (Julia Koci) weiß wie man flott zu leben hat und wird als Gemahlin von König Karotte zu orangeroten Modeikone. Tenor Sung-Keun Park darf mit hohem Fruchtkörper auf dem Kopf wie ein gewisser amerikanischer Präsident ein Permanentgrinsen aufsetzen, bevor er armselig in den Armen seiner enttäuschten Frau verwelkt. In Nebenrollen reüssieren unter anderem Marco Di Sapia als Polizeichef mit einem bissig aktuellen Couplet, ein in fremder Sprache parlierender Yasushi Hirano als Schwarzmagier, der unter jedem Herrn stramm dienende Kammerherr Franz Suhrada oder der mit seinem mediterranen Gemüse nicht unaufdringliche pompejanische Händler Gernot Kranner.

Konstantin Oberlik ist an sich seriöser Sportwissenschaftler. Für Offenbach macht er sich jedoch gern zum Affen, der so behände über seine Insel turnt, als hätte man für ihn die Schwerkraft abbestellt. Mirko Roschkowski in der Rolle des p.T. Fridolin XXIV. Prinz von Krokodyne spielt und singt sich mit wohltuend geschmeidiger Stimme in das Herz von Rosée-du-Soir, die in ihren Sopran alle die Wärme legt, die sie zu einer künftigen Königin adelt. Allen zusammen ein großes Bravo!

König Karotte Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
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