Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Szymon Komasa (Schaunard), Giorgio Berrugi (Rodolfo), Anett Fritsch (Mimì) © Barbara Pálffy/VOW

Szymon Komasa (Schaunard), Giorgio Berrugi (Rodolfo), Anett Fritsch (Mimì) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

LA BOHÈME Puccinis schmerzliche süße Love Story

Ensemble, Chor, Komparserie © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ensemble, Chor, Komparserie © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Erfolgreiche Neueinstudierung von Harry Kupfers legendärer Inszenierung aus 1984

Puccini war, wie er selbst sagt, vom ersten Moment an von diesem Stoff begeistert und man hört es in der wundervoll durchkomponierten Musik, in die er traumhafte Arien eingebettet hat, die nach wie vor zum unverzichtbaren Repertoire großer Soprane und Tenöre zählen. „La Bohème“ erzählt im Stil des Versimo die bittersüße Liebesgeschichte zwischen zwei armen Teufeln, die an ihrem Leben hängen und dennoch vom Tod auseinander gerissen werden. Millionen von Opernbesuchern haben darob Tränen vergossen, auch wenn sie den italienischen Text nicht verstanden haben oder nur per Einblendung mitlesen konnten, wie derzeit in der Volksoper. Dort setzt Direktorin Lotte de Beer auf die Originalsprache und suchte nach einer werktreuen Umsetzung, „die uns in unserer gegenwärtigen Zeit anspricht.“ Fündig wurde sie in der legendären Inszenierung von Harry Kupfer aus der Mitte der 1980er-Jahre, die in einer Neueinstudierung am 23. Oktober 2022 mit Omer Meir Wellber am Pult erfolgreich über die Bühne ging.

Andrei Bondarenko (Marcello) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Andrei Bondarenko (Marcello) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anett Fritsch (Mimì) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anett Fritsch (Mimì) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor einem beängstigend schwarzen Hintergrund verjuxen der Maler Marcello (Andrei Bondarenko), Philosoph Colline (Alexander Fritze) und Musiker Schaunard (Szymon Komasa) das bisschen Geld, das ihnen zugeflogen ist. Rodolfo (Giogrio Berrugi), der vierte in diesem zwar kreativen, aber liederlichen Bund bleibt in der Mansarde und lernt die Nachbarin kennen. Vor ihm steht, um Feuer für ihre Kerze bittend, Mimi (Anett Fritsch). Die beiden erzählen in emotionalen Arien ihr Leben, um im Duett „O soave fanciulla“(O süßes Mädchen) endgültig zueinander zu finden. Musetta (Alexandra Flood), Marcellos ehemalige Geliebte, hat sich mittlerweile anderweitig getröstet, überlässt aber ihrem neuen Galan, dem reichen Alcindoro (Morten Frank Larsen) nichts als das Begleichen der Rechung im Café zukommen. Sie verschwindet mit dem Maler. Im dritten Bild wird aus der Allotria Tragödie. Mimi leidet unter Schwindsucht, Rodolfo kann jedoch nicht helfen und würde für einen reichen Verehrer sogar auf sie verzichten. Wer bei so viel Selbstlosigkeit nicht gerührt ist, den lässt wohl auch ihre finale Liebeserklärung „Sono andati? Fingevo di dormire“ (Sie gingen? Ich tat so, als würde ich schlafen) und die kurze Freude über den wärmenden Muff kalt. Die atemlose Stille bei diesem herrlichen Schwanengesang und der tosende Applaus nach dem letzten Ton der Oper haben bewiesen, dass in Wien noch Herz und Schmerz Konjunktur haben.

Olesya Golovneva (Jolanthe), Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Olesya Golovneva (Jolanthe), Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

JOLANTHE & DER NUSSKNACKER Herbsüße Melange aus Oper und Ballett

Mila Schmidt (Jolanthe), Ensemble Ballett © Ashley Taylor/Wiener Staatsballett

Mila Schmidt (Jolanthe), Ensemble © Ashley Taylor/Wr.  Staatsballett

Tschaikowski für die ganze Familie, aber wirklich kindergerecht?

Die einaktige Oper „Jolanthe“ ist eine Familienproduktion aus dem Hause Tschaikowski. Modest hat das Libretto verfasst, sein Bruder Iljitsch die Musik dazu komponiert. Vielleicht war es dieser Umstand, der Lotte de Beer, Direktorin der Volksoper, zu ihrer ersten Opernregie inspiriert hat, als Kombination aus Musikdrama und Ballett. Die Handlung ist märchenhaft genug, um sie einem Kind zumuten zu können. Prinzessin Jolanthe ist blind geboren. König René will ihr die Enttäuschung ersparen, sich behindert zu fühlen und schottet sie von der Umwelt hermetisch ab. Sie soll gar nicht wissen, dass man auch sehen kann. Brüsk lehnt er das Angebot des Arztes Ibn Hakia ab, in seiner Tochter den Wunsch zum Sehen zu wecken. Als jedoch der Ritter Vaudemont auftaucht, sich in die junge Frau verliebt und Gegenliebe erfährt, kann der Arzt zur Heilung schreiten. Das Wunder geschieht, sie sieht das Licht und alles ist gut. Da das Ganze aber nicht abendfüllend ist, wurden Teile aus „Der Nussknacker“ eingefügt, die Dirigent Omer Meir Wellber mit raffinierten Arrangements und spannenden eigenen Ideen mit der Opernmusik verquickt hat. In der Choreographie von Andrey Kaydanovskiy treten mit dem Wiener Staatsballett tanzende Blumen, Torten, Zinnsoldaten oder eine Horde Mäuse quasi in der Phantasie der Prinzessin auf.

Solisten, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jolanthe: Solisten, Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Keisuke Nejime, Olivia Poropat, Ensemble © Ashley Taylor/Wiener Staatsballett

Keisuke Nejime, Olivia Poropat, Ensemble © Ashley Taylor/Wiener Staatsballett

Gedacht ist diese Produktion für „die ganze Familie“, also vom Opa bis zur Enkelin, die nicht früh genug mit diesem Format vertraut gemacht werden kann. De Beer ist jedoch eine strenge Lehrerin, die den Zugang für junge Zuschauer nicht so einfach gestaltet. Eine dunkle, leere Bühne und Alltagskleidung als Kostüme sind eine Herausforderung, schon in frühen Jahren die eigene Vorstellungskraft zu bemühen und mit herben Inszenierungen fertig zu werden.

In einem unschuldig weißen Kleidchen singt Olesya Golovneva eine berührende Jolanthe, der Tenor Georgy Vasiliev als Graf Voudemont einfach verfallen muss. Dazwischen steht jedoch René, König der Provence, den Stefan Cerny souverän zwischen Vaterliebe, Irrtum und Mäusekönig pendeln lässt. Er bleibt sogar gegenüber dem weisen muslimischen Arzt Ibn Hakia (Szymon Komasa) unerbittlich. Mit dabei sind u. a. David Kerber (Waffenträger Almerik), Stephanie Maitland, Anita Goetz und Annelie Sophie Müller als Amme und Freundinnen von Jolanthe und Sarah Branch als geheimnisvoll durch die Szene webendes Kaninchen. Bei all diesem Aufwand hätten sie sich ein mächtigeres Finale verdient, als es Tschaikowski an das Ende dieser Oper gesetzt hat. Aber scheinbar war das Pulver schon im ersten Teil verschossen – und dass sich nach der Pause das Publikum auch auskennt, wurde die letzte Szene davor wiederholt. Trotzdem, die Begeisterung war enorm, mit mächtigem Applaus und lauten Bravos sowohl für Solisten, Ensemble als auch für das Leading Team.

Olesya Golovneva, Georgy Vasiliev, Szymon Komasa  © Barbara P

Olesya Golovneva, Georgy Vasiliev, Szymon Komasa © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry, Ensemble

Ensemble, Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch, Oliver Liebl © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

DIE DUBARRY Operette als königliche Late-Night-Show

Annette Dasch (Gräfin Dubarry), Harald Schmidt (König Ludwig XV.), Ensemble © Barbara Pálffy/Volksop

Annette Dasch (Gräfin Dubarry), Harald Schmidt (König Ludwig XV.), Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Erste Premiere der neuen Direktion: Jubel für das Ensemble und Buhrufe für was immer...

Carl Millöcker (1842-1899) zählt mit Franz von Suppè und Johann Strauß zum Dreigestirn der goldenen Wiener Operettenära. Dennoch dürfte dem Publikum Anfang der 1930er-Jahre seine Musik zur „Gräfin Dubarry“ nach einem Libretto von F. Zell (Camillo Walzel) und Richard Genée nicht mehr gereicht haben. Also hat sich der preußische Komponist Theo Mackeben des Werks angenommen, es mit eigenen, dem damaligen Zeitgeist eher entsprechenden Nummern erweitert und 1931 eine Neufassung unter dem Titel „Die Dubarry“ zur Uraufführung gebracht. Entstanden war ein Konglomerat aus norddeutscher Unterhaltungsmusik mit Wiener Charme in großen Teilen der Partitur, das sich erstaunlicherweise bis heute gehalten hat und nicht zuletzt von Lotte de Beer für bedeutend genug empfunden wurde, mit der Eröffnungspremiere ihrer Direktion an der Volksoper Wien als Programmzettel für Kommendes abgegeben zu werden.

Martin Enenkel (Labille), Harald Schmidt (Ludwig XV.), Annette Dasch (Jeanne Beçu) © Barbara Pálffy/

Martin Enenkel (Labille), Harald Schmidt (Ludwig XV.), Annette Dasch (Jeanne Beçu) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil (Margot) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil (Margot) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Schnittlinie zwischen Deutsch und Wienerisch wurde auch bei dieser Produktion konsequent eingehalten. Am Pult des mit Walzern vertrauten Volksopernorchesters steht der aus Aschaffenburg stammende Kai Tietje, der mit kräftigem Klang den Sängern einiges an Stimmkraft abverlangt. Aber er kann sich auf die in Berlin geborene Annette Dasch als Jeanne verlassen. Sie setzt sich mit ihrer sicheren Stimme sogar in Situationen durch, die anderen Sängerinnen wohl den Atem rauben würden. So wird sie in einer unangenehm anmutenden Szene von einem Verehrer beinahe vergewaltigt, singt aber trotz heftigster Händel ungerührt weiter. Dessen dürfte sich auch Jan Philipp Gloger (geb. in Hagen) bewusst gewesen sein, dessen Regie einen gewaltigen Zeitrahmen erkennen lässt. Auf der Bühne drehen sich die Schauplätze in einem Guckkasten, der vom Modenhaus über das ärmliche Künstlerquartier des René Lavallery (der ansprechende Tenor Lucian Krasznec) bis zu den prächtigen Räumen in Schloss Versailles liebevoll eingerichtet ist.

Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Annette Dasch (Jeanne Beçu), Lucian Krasznec (René Lavallery) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Annette Dasch (Jeanne Beçu), Lucian Krasznec (René Lavallery) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die bei der strengen Putzmacherin Madame Labille (Ulrike Steinsky, die als Marschallin von Luxemburg nobel schönbrunnerisch näselt) angestellten Mädels sind in ihren ungenierten Reden jedoch ganz und gar gegenwärtig, ungeachtet mancher Kostüme, die durchaus wieder in das französische 18. Jahrhundert verweisen. So wirbt Wolfgang Gratschmaier als authentisch gewandeter Marquis de Brissac um die kleine Margot (Juliette Khalil) und beide stehen einander in umwerfender Komik um nichts nach. Graf Dubarry (Marco Di Sapia) wechselt zwar in seinen Auf- und Anzügen zwischen gestern und heute, schafft es dennoch, die von ihm entdeckte Jeanne Beçu dem König zu offerieren. Alles hat auf diesen Moment gewartet: Als Ludwig XV. erscheint Harald Schmidt. Die Late-Night-Show mit der Gesprächspartnerin Madame Dubarry kann beginnen. Der Talkmaster fühlt sich in dieser Rolle pudelwohl und lässt verschmitzt Gag auf Gag von der Leine. Allein diese Szene ist es wert, sich diesen Historienschwank „reinzuziehen“, wie es im Jargon von Netflix-Consumern heißt, bereichert mit der Draufgabe wunderschöner, im Grunde zeitloser Musik.

Volksoper Wien, Logo 350

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