Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Kaufmann von Venedig Ensemble © © www.lupispuma.com / Volkstheater

DER KAUFMANN VON VENEDIG Kurz und gut: Shakespeare mit Humor

Peter Fasching, Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wie bringt man den Juden Shylock politisch korrekt auf die Bühne?

Als William Shakespeare dieses Stück geschrieben hat, gab es in England bereits einige Vorgänger des geld- und rachegierigen Shylock. Sie sollen alle Renner gewesen sein, denn die alten Engländer delektierten sich am Scheitern dieses Abschaums der Menschheit, der von guten Christenmenschen am Schluss sogar bekehrt wird. Ein Jude war unter Königin Elisabeth eine persona non grata assoluta. Er durfte gar nicht ins Land, schon gar kein Geld gegen Zinsen verleihen, wenn mancher der abgebrannten Gentlemen das auch ganz gern gehabt hätte. Antisemitismus ist offenbar so alt wie die Diaspora oder sogar noch älter, denn schon in den Tagen von Kaiser Augustus, der mit seiner Volkszählung in das Lukasevangelium geraten ist, gab es in Rom eine stattliche jüdische Gemeinde. Die Söhne und Töchter Abrahams waren also zu jeder Zeit Kosmopoliten, die man aber selten willkommen geheißen hat. Günstigsten Falls wurden sie geduldet, im schlimmeren Fall veranstaltete man Pogrome gegen sie. Es brauchte die Shoa, dass die Goi den Umgang mit dem auserwählten Volk lernten.

Anja Herden als Portia © © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seit dieser Zeit sind antisemitische Witze in den Untergrund gewandert und stinkende Rülpser rechter Recken werden zu Recht manchmal sogar unter der derzeitigen Regierung mit Mandatsverlust und öffentlicher Ächtung geahndet. Geblieben ist Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, der flott alle Vorurteile bestätigt, die wie ein Fußpilz unausrottbarer an den Gehwerkzeugen unseres modernen aufgeklärten Humanismus´ jucken. Schließlich zählt „Der Kaufmann“ zur Weltliteratur des Theaters, genauso wie Hamlet, Macbeth oder Lessings Nathan der Weise. Aber kann „The excellent History of the Merchant of Venice“ wirklich ohne Skandal oder Peinlichkeiten aufgeführt werden?

Anja Herden als Shylock © © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badora gibt im Volkstheater eine klare Antwort: Ja! Man braucht nur die entsprechende Frechheit oder sagen wir den Mut, sich über Shakespeare auch lächerlich zu machen. Die Prinzipalin hat sicherheitshalber selbst Regie geführt und aus diesem Manifest des Judenhasses einen Abend mit einer Menge Spaß gestaltet. Es beginnt damit, dass die Rolle des Shylock mittels eines neutralen Applausometers vom Publikum bestimmt wird. Diesem Plebiszit liegt angeblich kein Fake zugrunde.

Zumindest haben das Kollegen der Schauspieler in der Pause versichert. Anja Herden, die bei der Premiere auf diese Weise als Shylock gewählt wurde, so sagten sie, hätte am wenigsten mit ihrer Kür gerechnet. Als Geschäftsfrau mit Migrationshintergrund zeigt sie unerbittliche Härte, wenn es darum geht, ihre Rache gegen Antonio (Rainer Galke) durchzusetzen, und wenn es nur um die Verwirklichung der Schnapsidee geht, bei Zahlungsunfähigkeit aus seinem Körper ein Pfund Fleisch schneiden zu dürfen. Der venezianische Kaufmann war wirklich nicht nett zu ihr gewesen, hat sie Hündin genannt und auch sonst recht übel beschimpft. Jetzt braucht er Geld, um die Werbung seines Freundes Bassanio (Peter Fasching) bei der durch eine seltsame Erbschaft belasteten Portia (Isabella Knöll) zu ermöglichen. Sowohl Bassanio als auch Antonio lassen zart durchschimmern, dass zwischen ihnen mehr als eine Männerfreundschaft herrscht.

Marius Huth, Sebastian Klein, Jan Thümer, Nils Hohenhövel © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schauplatz ist ein Spielcasino, in dem auch das Gioco d´ Amore stattfindet. Dabei geht es um das Erraten des richtigen Kästchens. Bei Irrtum gibt´s lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit, das richtige Ergebnis verheißt die Hand und das Vermögen von Portia. In dieser spielfreudigen Gesellschaft fühlen sich die Burschen Sebastian Klein (Gratiano) und Nils Hohenhövel (Salerio) ausgesprochen wohl. Jan Thümer übernimmt sowohl den Part des Quizmasters als auch den des Lorenzo und wird Ehemann von Jessica (Evi Kehrstephan), Shylocks konvertierter Tochter.

Günter Franzmeier ist mit seiner Wandelbarkeit gefragt. Er tippt als Prinz von Marokko todsicher auf das falsche Kästchen, übernimmt als Jude mit Beikeles die Rolle des Tubal und fällt als würdiger Doge von Venedig das Urteil gegen den Juden, der sich im Rechtsdschungel verirrt hat.

Sebastian Pass, der trotz seiner Aufmachung wie ein Jude aus dem zweiten Bezirk die Rolle des Shylock verpasst hat, läuft als Lanzelot Gobbo, Diener von Madame Shylock, zur Hochform als Komödiant auf. Eine wahrhaft hübsche Idee ist das Glücksrad (Jasmin Avissar), das sich mit fliegendem Rock von Anfang bis Ende der knapp zwei Stunden humorigen Shakespeares in der mit vielen Gags angereicherten Übersetzung von Elisabeth Plessen mit der Gelassenheit eines Derwisches um sich selbst dreht.

Ensemble, Anja Herden Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden, Gábor Biedermann © www.lupispuma.com / Volkstheater

LAZARUS Nicht auferweckt, sondern unsterblich

Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Best-of David Bowie mit zart verbindender Handlung

An sich ist „Lazarus“ ein Musical. Die Texte, die für die Produktion des Volkstheaters von Peter Torberg ins Deutsche übersetzt wurden, erzählen in groben Umrissen die Geschichte von „The Man Who Felt do Earth“ von Walter Tevis. Ein Außerirdischer ist zwischen den Welten gestrandet, obgleich er auf der Erde als Thomas Jerome Newton ein wohlhabender Mann geworden ist. Er wünscht sich zurück auf seinen Planeten oder in den Tod, der ihn aus der irdischen Verstrickung, die aus Fernsehen, Gin trinken und billigem Fastfood besteht, erlösen könnte. Um diesen Qualen zu entgehen, versucht er sich in die Gegenwart zu retten: „Es bleibt nichts über von der Vergangenheit – jetzt ist jetzt!“ Ein Mädchen, das nur in seinem Kopf existiert, dort jedoch ein sehr selbstbewusstes Dasein führt, macht ihm immer wieder erfolgreich Hoffung auf eine bessere Zukunft. Um ihn herum kreisen Irdische, so eine brave Ehefrau, die als seine Assistentin gar nichts gegen ein Verhältnis mit ihm hätte, oder eine schillernde Figur, die sich als Valentine ausgibt und reihenweise andere Leute umbringt.

Christopher Rothenbuchner © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den eigentlichen Pep und im Grund auch den Kitt zwischen den Szenen bringen jedoch die Gesangsnummern, allesamt komponiert von David Bowie. 1976 hat er in der Verfilmung dieses Stoffes selbst Newton verkörpert. Nun ist neben dem Album „Blackstar“ das Musical „Lazarus“ Bowies letztes Werk vor seinem Tod 2016 (gemeinsam mit Enda Walsh). Es erscheint fast wie eine Vorahnung des britischen Musikers und Sängers, der zuletzt an Leberkrebs erkrankt war, dies aber die Öffentlichkeit nicht wissen ließ. Er war zu Lazarus geworden, den man allerdings nicht aufzuerwecken braucht, er ist längst unsterblich.

Maria Stippich, Anja Herden, Evi Kehrstephan ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater hat nun nach New York und London dieses als Bühnenstück aufgearbeitete Resümee David Bowies in respektabler Art und Weise umgesetzt. Günter Franzmeier ist Alien Newton und kommt damit dem großen Vorbild für diese Rolle ungemein nahe. Man spürt die persönliche Verbindung Franzmeiers mit Bowie, wenn er sein ganzes dramatisches Können sowohl in das Schauspiel als auch in den Gesang einbringt. Um ihn herum irrlichtern zwar rätselhafte, an sich aber terrestrische Gestalten.

Christopher Rothenbuchner tanzt und singt einen unglaublich elastischen Valentine. Die einem Klimtgemälde entstiegene Claudia Sabitzer wandelt als großteils stumme Japanerin bedeutungsvoll durch das Geschehen, während die Teenage Girls Maria Stippich, Evi Kehrstephan und Anja Herden nicht nur als lasziver Aufputz, sondern auch bei den mitreißenden Nummern des auf DAvid Bowie gestylten Pop-Stars Ben (Gábor Biedermann) als Backgroundsängerinnen agieren.

Michael, ein sympathisch erdgebundener Freund von Newton, ist Rainer Galke. Elly, die mit dem braven Zach (Kaspar Locher) verheiratete Frau in Person von Isabella Knöll, lässt ganz im Gegensatz zur gespielten ehelichen Biederkeit in ihren Gesangsnummern, kostümiert mit blauer Perücke und Latexg´wandl, mit einer erstaunlichen Röhre aufhorchen. Das „Mädchen“ ist schlicht ein Mädchen und könnte nicht passender als mit der zarten und burschikosen Katharina Klar besetzt sein.

Claudia Sabitzer, Isabella Knöll © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Musik unter der Leitung des Posaunisten Bernhard Neumaier spielt teils in einem richtigen Orchestergraben, abgesehen von E-Bass (Patrick Zambonin) und E-Gitarre (Christian Neuschmid) auf der einen und dem Pianisten Helmut Stippich auf der anderen. Regie führt Miloš Lolić, der darauf bedacht ist, das Ganze stets in einem Raum zwischen Traum und Wirklichkeit in Schwebe zu halten. Psychedelische Beleuchtung einer aparten Einrichtung des Apartments (Bühne: Wolfgang Menardi) trägt das ihre dazu bei. Dazu kommt eine ganze Menagerie, bestehend u. a. aus Elch, Schildkröte, Eisbär und dazu einem menschlichen Skelett, die geheimnisvoll um Newton kreist.

Die Männer haben für dieses Stück das Gehen in hochhackigem Schuhwerk toll gelernt (Kostüme: Jelena Miletić), was wiederum die Grenze zwischen den Geschlechtern recht intergalaktisch verwischt. Das Premierenpublikum war begeistert und ist lustvoll in dieses Raumschiff eingestiegen, um sich von David Bowie Hadern wie „Absolute Beginners“, „Dirty Boys“, zum Mitklatschen „All The Young Dudes“ oder der gewaltigen Schlussnummer „Heroes“ zum Heimatplaneten Newtons schießen zu lassen.

Katharina Klar © www.lupispuma.com / Volkstheater
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