Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Lukas Watzl, Jan Thümer Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

DON KARLOS Am Auftrag zur Gedankenfreiheit zerbrochen

Lukas Watzl Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der halbherzige Versuch, von den frühesten Wurzeln der Aufklärung eine Brücke ins Heute zu schlagen

Friedrich Schiller befand sich noch mitten in seiner Sturm- und Drangperiode, als er den Stoff um den unglücklichen Don Carlos für ein Freiheitsdrama entdeckte. In den Jahren der Entstehungszeit des Stücks von 1783 bis 1787 waren die Gedanken Voltairs bereits über den Kontinent geschwappt und hatten nicht zuletzt durch Friedrich dem Großen und Joseph II. in der Politik Einzug gehalten. Die Aufklärung war das große Thema, das die Macht der Kirche in die Schranken wies und 1789 die Französische Revolution auslöste. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind auch die zentralen Ideen in Don Karlos, der schon zwei Jahre zuvor seiner Uraufführung erlebt hatte. Was damals allgemein in der Luft lag, hat Schiller einige Jahrhunderte in der Geschichte zurückverlegt. Sein Neudenker ist Marquis von Posa, ein Malteserritter, der seinen Freund Don Carlos, den Sohn des alles andere als sanft regierenden Philipp II., zu einer aufgeklärten Auffassung des Königtums führen will. In Spanien angekommen, trifft er aber nur einen frustrierten jungen Mann, der von alle dem nichts mehr wissen will.

Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier, Evi Kehrstephan Fotorechte: © upispuma/Volkstheater

Er kommt über die groteske Situation nicht hinweg, dass seine ehemalige Verlobte Elisabeth von Valois nun seine Mutter ist, da sie von seinem Vater geheiratet wurde. Der Königssohn könnte die Niederlande, die von Spanien brutal besetzt sind, befrieden, was ihn in dieser Lage nur wenig interessiert. Die Botschaft von Marquis de Posa verhallt ungehört. Die finale Tragödie ist unausweichlich. Posa wird erschossen und der Infant der Inquisition ausgeliefert.

Sebastian Klein, Günter Franzmeier Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater hat das Risiko auf sich genommen, ein Stück, das von Verdi als Oper vertont und damit zu einem viel gespielten Werk wurde, als Sprechstück aufzuführen. Man wartet also vergeblich auf das traumhafte Duett Posa und Don Carlo „Che Nell´alma Infondere Amor“ und muss mit Schillers etwas geschraubten Texten Vorlieb nehmen. Das Versprechen, die Angelegenheit in die Gegenwart zu versetzen, wird von der polnischen Regisseurin Barbara Wysocka nur halbherzig eingelöst.

Sie verzichtet zwar auf Escorial und historische Kostüme, kann sich aber dennoch nicht dazu entschließen, Schiller so anzupacken, dass man ihm sein Alter nicht gar so deutlich ansieht. Was bleibt, ist eine wenig überzeugende Aufführung des klassischen Stücks, das irgendwo in den 1980er-Jahren angesiedelt ist, wofür ein altmodisches Cheftelefon des Königs, ein Plattenspieler und die gänzliche Absenz jetziger Errungenschaften wie Handy oder YouTube-Videos sprechen. Die Bühne (Barbara Hanicka) ist mit einer nicht näher nachvollziehbar wandelbaren Wand unangenehm grau. Kurz gesagt, es werden alle die Möglichkeiten ungenutzt gelassen, die ein in seiner Art etwas verstaubtes Drama zur Überraschung gemacht hätten.

 

Florentin Groll ist ein wahrhaft beängstigender Großinquisitor, der sich nur hinzusetzen braucht, um mit mächtiger Stimme die Macht dieser kirchlichen Institution zu verkörpern. Evi Kehrstephan ist in ihrer etwas kühlen Art als Elisabeth von Valois eigentlich die modernste von allen Frauengestalten, die sie als Hofdamen wie Prinzessin von Eboli (Isabella Knöll), Marquisin von Mondekar (Helena Grossmann) oder Herzogin von Olivarez (eine resolute Claudia Sabitzer) betreuen bzw. bewachen sollen. Steffi Krautz ist ein am Stock gehender Herzog von Alba, dem man jede Grausamkeit im Krieg gegen die aufmüpfigen Niederlande zutraut. Recht salopp treibt Jan Thümer seinen Graf Lermer durch Intrigen und Regierungsgeschäfte, ganz im Gegensatz zu Stefan Suske als undurchsichtiger Beichtvater Domingo, der es nicht abstreiten kann, dass er Beichtgeheimnisse gegen gutes Geld an entsprechende Stellen weitergibt. Warum Sebastian Klein ständig eine Tasche mit sich herumträgt, verrät er nicht einmal dem König, aber es sind da drinnen wohl die Papiere, die sein Gesandter Marquis von Posa aus der Provinz Flandern an den spanischen Hof bringen sollte.

Die Titelfigur spielt Lukas Watzl, der sein heißes Blut streckenweise zu ernst nimmt und knapp an der Grenze zur Übertreibung agiert. Don Karlos Vater Philipp II. ist dagegen ein ganz anderes Kaliber. Man weiß bei ihm nie, wie man dran ist. Ist er nun ein Despot, der ungelegene Zeitgenossen einfach dem Scheiterhaufen ausliefert, oder hat er doch Verständnis für Menschen, die anders denken als er. Günter Franzmeier ist das Erlebnis dieses Abends, der trotz aller Schwächen bejubelt wurde.

Lukas Watzl, Sebastian Klein Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Kaufmann von Venedig Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

DER KAUFMANN VON VENEDIG Kurz und gut: Shakespeare mit Humor

Peter Fasching, Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wie bringt man den Juden Shylock politisch korrekt auf die Bühne?

Als William Shakespeare dieses Stück geschrieben hat, gab es in England bereits einige Vorgänger des geld- und rachegierigen Shylock. Sie sollen alle Renner gewesen sein, denn die alten Engländer delektierten sich am Scheitern dieses Abschaums der Menschheit, der von guten Christenmenschen am Schluss sogar bekehrt wird. Ein Jude war unter Königin Elisabeth eine persona non grata assoluta. Er durfte gar nicht ins Land, schon gar kein Geld gegen Zinsen verleihen, wenn mancher der abgebrannten Gentlemen das auch ganz gern gehabt hätte. Antisemitismus ist offenbar so alt wie die Diaspora oder sogar noch älter, denn schon in den Tagen von Kaiser Augustus, der mit seiner Volkszählung in das Lukasevangelium geraten ist, gab es in Rom eine stattliche jüdische Gemeinde. Die Söhne und Töchter Abrahams waren also zu jeder Zeit Kosmopoliten, die man aber selten willkommen geheißen hat. Günstigsten Falls wurden sie geduldet, im schlimmeren Fall veranstaltete man Pogrome gegen sie. Es brauchte die Shoa, dass die Goi den Umgang mit dem auserwählten Volk lernten.

Anja Herden als Portia © © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seit dieser Zeit sind antisemitische Witze in den Untergrund gewandert und stinkende Rülpser rechter Recken werden zu Recht manchmal sogar unter der derzeitigen Regierung mit Mandatsverlust und öffentlicher Ächtung geahndet. Geblieben ist Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, der flott alle Vorurteile bestätigt, die wie ein Fußpilz unausrottbarer an den Gehwerkzeugen unseres modernen aufgeklärten Humanismus´ jucken. Schließlich zählt „Der Kaufmann“ zur Weltliteratur des Theaters, genauso wie Hamlet, Macbeth oder Lessings Nathan der Weise. Aber kann „The excellent History of the Merchant of Venice“ wirklich ohne Skandal oder Peinlichkeiten aufgeführt werden?

Anja Herden als Shylock © © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badora gibt im Volkstheater eine klare Antwort: Ja! Man braucht nur die entsprechende Frechheit oder sagen wir den Mut, sich über Shakespeare auch lächerlich zu machen. Die Prinzipalin hat sicherheitshalber selbst Regie geführt und aus diesem Manifest des Judenhasses einen Abend mit einer Menge Spaß gestaltet. Es beginnt damit, dass die Rolle des Shylock mittels eines neutralen Applausometers vom Publikum bestimmt wird. Diesem Plebiszit liegt angeblich kein Fake zugrunde.

Zumindest haben das Kollegen der Schauspieler in der Pause versichert. Anja Herden, die bei der Premiere auf diese Weise als Shylock gewählt wurde, so sagten sie, hätte am wenigsten mit ihrer Kür gerechnet. Als Geschäftsfrau mit Migrationshintergrund zeigt sie unerbittliche Härte, wenn es darum geht, ihre Rache gegen Antonio (Rainer Galke) durchzusetzen, und wenn es nur um die Verwirklichung der Schnapsidee geht, bei Zahlungsunfähigkeit aus seinem Körper ein Pfund Fleisch schneiden zu dürfen. Der venezianische Kaufmann war wirklich nicht nett zu ihr gewesen, hat sie Hündin genannt und auch sonst recht übel beschimpft. Jetzt braucht er Geld, um die Werbung seines Freundes Bassanio (Peter Fasching) bei der durch eine seltsame Erbschaft belasteten Portia (Isabella Knöll) zu ermöglichen. Sowohl Bassanio als auch Antonio lassen zart durchschimmern, dass zwischen ihnen mehr als eine Männerfreundschaft herrscht.

Marius Huth, Sebastian Klein, Jan Thümer, Nils Hohenhövel © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schauplatz ist ein Spielcasino, in dem auch das Gioco d´ Amore stattfindet. Dabei geht es um das Erraten des richtigen Kästchens. Bei Irrtum gibt´s lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit, das richtige Ergebnis verheißt die Hand und das Vermögen von Portia. In dieser spielfreudigen Gesellschaft fühlen sich die Burschen Sebastian Klein (Gratiano) und Nils Hohenhövel (Salerio) ausgesprochen wohl. Jan Thümer übernimmt sowohl den Part des Quizmasters als auch den des Lorenzo und wird Ehemann von Jessica (Evi Kehrstephan), Shylocks konvertierter Tochter.

Günter Franzmeier ist mit seiner Wandelbarkeit gefragt. Er tippt als Prinz von Marokko todsicher auf das falsche Kästchen, übernimmt als Jude mit Beikeles die Rolle des Tubal und fällt als würdiger Doge von Venedig das Urteil gegen den Juden, der sich im Rechtsdschungel verirrt hat.

Sebastian Pass, der trotz seiner Aufmachung wie ein Jude aus dem zweiten Bezirk die Rolle des Shylock verpasst hat, läuft als Lanzelot Gobbo, Diener von Madame Shylock, zur Hochform als Komödiant auf. Eine wahrhaft hübsche Idee ist das Glücksrad (Jasmin Avissar), das sich mit fliegendem Rock von Anfang bis Ende der knapp zwei Stunden humorigen Shakespeares in der mit vielen Gags angereicherten Übersetzung von Elisabeth Plessen mit der Gelassenheit eines Derwisches um sich selbst dreht.

Ensemble, Anja Herden Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater
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