Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


DREI SCHWESTERN The end ist never the end is never...

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ein Guckkasten im Guckkasten und drin ist (fast) nichts

Auf dem Programmzettel steht das Drama „Drei Schwestern“ „nach“ Anton Tschechow. Dazwischen finden sich jedoch das Wörtchen „von“ und der Name Susanne Kennedy. Diese junge Frau wird bereits geraume Zeit als Wunderwuzzi des deutschen Theaters gehandelt, mit Preisen überschüttet und von der Fama, dass ihre Produktionen exorbitant anders seien als alles bisher Dagewesene, geheimnisvoll begleitet. Für Kay Voges, der im Augenblick mit aller Energie bemüht ist, das großartig renovierte Volkstheater leer zu spielen, war Punkt drei unbedingter Auftrag, diese Theatermacherin samt Kollaborateuren zu engagieren. Den Direktor verbindet mit Kennedy die Liebe zum Wiederholen, zum endlosen Repetieren von ein paar Textbrocken, bis auch der Verstockteste unter den Zuschauern das Stück auswendig hersagen kann. So läutet mehrfach in einer Ecke des in die Bühne eingebauten Guckkastens ein altmodisches Festnetztelefon. Es wird immer wieder abgehoben und aus dem Hörer tönt regelmäßig eine seltsame Stimme mit der Botschaft: „In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvorstellbar schön sein ... wundervoll.“ Dieser Satz ist ebenso blödsinnig wie die anderen Unweisheiten, wenngleich Philosophen wie Friedrich Nietzsche dafür bemüht werden. Wenn derlei, wie mehrfach in dieser Inszenierung, auf Englisch oder beinahe unverständlich geraunt wird, dann könnte zumindest der Eindruck verbleiben, es steckt ja doch was dahinter.

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

DREI SCHWESTERN Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Mag sein, dass ein paar Zitate von Tschechow stammen, wie der für dieses Theater leider allzu wahre Satz: „Wir sind genau da, wo wir immer sein werden.“ Im Übrigen wurde das Originaldrama aber völlig entkernt und teils auf platte Gespräche reduziert, die an satirische Filmchen von Loriot erinnern, in denen leere Phrasen Kult sind. Wäre Tschechow noch am Leben, er würde Susanne Kennedy wahrscheinlich wegen Missbrauchs von Namen und Titel klagen.

 

Die Besetzung bei der Premiere bestand aus Marie Groothof, Eva Löbau, Benjamin Radjaipour, Uwe Rohbeck, Martina Spitzer, Anna Maria Sturm, Claudio Gatzke, Susanne Luxbacher und Birgit Stimmer. Einzelne Rollen sind nicht zugewiesen. Die Darsteller sind vielmehr unkenntlich gemacht, sowohl vom Äußeren als auch mit ihren Stimmen. Wenn sie sprechen, dann monoton und ohne Zusammenhang. Das ständige Aus und An des Lichtes, begleitet von wuchtigem Bassgedröhne (Ton: Sebastian Hartl) nervt, hält aber die Hoffung auf einen verständlichen Beginn des Stückes bis zum Ende aufrecht. Ein Highlight sind die Videos von Rodrik Biersteker. Man rauscht schwerelos über Fußböden, fliegt durch ferne Weiten des Weltalls, steht an einem Gewässer, von dem man erfährt: „Was für ein breiter, was für ein prächtiger Fluss! Ein herrlicher Fluss!“ (Originalzitat Tschechow) oder sieht die Darsteller als Haufen von riesigen Pixeln durch eine nicht vorhandene Welt wabbern. Aber man geht ja nicht ins Theater, um Videos zu schauen, sondern um ein von Schauspielern verwirklichtes Stück zu sehen, abseits des Selbstverwirklichungstrips einer von sich „über“zeugten Regisseurin und Autorin.

Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Uwe Schmieder © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE Dostojewski schräg interpretiert

Friederike Tiefenbacher © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Wie man einen großen Roman erfolgreich verwirrt über die Bühne zappelt

Im Russland Mitte des 19. Jahrhunderts müssen Epilepsie, motorische Hyperaktivität und pathologisch hervorgerufenes Brüllen epidemisch grassiert haben. Zumindest bleibt dieser Eindruck nach Betrachtung von Sascha Hawemanns Inszenierung von Jens Roselts Bühnenbearbeitung des Romans „Erniedrigte und Beleidigte“ zurück. Fjodor M. Dostojewski hat sich darin den Frust von acht Jahren Verbannung in Sibirien von der Seele geschrieben. Zwei junge Leute, die sich lieben, können nicht zusammenkommen, weil deren Väter Feinde sind und außerdem der eine, der reiche Fürst, gewinnbringendere Pläne mit seinem Söhnchen hat und alle miteinander ins Unglück treibt. Dazu kommt ein (angebliches) Waisenkind, das in Wirklichkeit den Lenden des Fürsten entsprossen ist. Es lebt von Kinderprostitution und stirbt schließlich an einem Nervenleiden. Wo sich bei soviel Tragik normalerweise die Weite der russischen Seele ausbreitet, lässt Regisseur Hawemann Hektik pur ausbrechen. Die bruchstückhaft übermittelte Handlung lässt sich nur durch extreme Aufmerksamkeit aus Wortbrocken der zappelnden und nervös laufenden Darsteller entnehmen. Sie fallen um, zittern am Boden weiter oder verkriechen sich dazu in einer mobilen Badewanne.

Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov, Andreas Beck © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov, Andreas Beck © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ensemble © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Um die Verwirrung perfekt zu machen, verkörpern die drei Schauspieler Frank Genser, Uwe Schmieder und Samouil Stoyanov den erfolglosen Schriftsteller Iwan Petrowitsch, kurz Wanja, um später andere Rollen wie den verarmten Gutsbesitzer oder den in Damenbeziehungen leichtfüßigen Draufgänger Aljoscha zu geben. Ein Fixpunkt in dem Ganzen ist Andreas Beck, der neben einem leicht zu identifizierenden Großvater zu einem in seiner Bösartigkeit ruhenden Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowski wird. Diese Klarheit macht den Ungustl aus dem Roman hier sogar sympathisch. Bei Genser (auch als Aljoscha) und Schmieder (im Zweitberuf verarmter Gutsbesitzer) kennt man sich nicht immer aus, wer gerade wer ist.

Lavinia Nowak © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Lavinia Nowak © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Evi Kehrstephan © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Evi Kehrstephan © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Die beiden Frauen, also die nicht geheiratete mittelose Natascha und die mit großer Mitgift ausgestattete Katja sind Friederike Tiefenbacher und Evi Kehrstephan. Als attraktive Russinnen haben beide Einsehen mit den Gelüsten des jungen Fürsten, der am liebsten beide heiraten würde. Das vom Leben und der sadistischen Kleinbürgerin Bubnowa (Tiefenbacher in einem auffälligen Kostüm dick gemacht) malträtierte Mädchen Nelly bringt mit Lavinia Nowak einige Momente berührender Emotionen ins Spiel. Aber auch das wird ihr schwer gemacht, denn die Bühne (Wolf Gutjahr) ist mit einer nicht immer nachvollziehbaren Ausstattung wie Krankenbett oder bewohnbarem Kreuz und viel Dreck alles andere als eine Einladung zum Hinschauen, trotz der einfühlsamen Live-Musik von XELL.. Die Bedeutung der beiden mit Licht gezeichneten kyrillischen Buchstaben Я (ja) und Ж (ž) bleibt ein Geheimnis. Sie erschließt sich auch nicht, wenn Samouil Stoyanov in guter alter Volkstheatertradition im Schlussmonolog dem nach zwei Stunden und 40 Minuten ungeduldig gewordenen Publikum von der Verbesserung der Welt predigt.

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck © Marcel Urlaub / Volkstheater

DIE POLITIKER Eine lyrische (nicht poetische) Zumutung

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ein seltsamer Versuch, abstraktes Theater zu machen

Eigentlich müsste das vom Deutschen Wolfram Lotz gedichtete Stück „Die Politika“ heißen. Zum guten Teil stehen Landsleute von ihm auf der Bühne. Sie variieren den Endlaut dieses Wortes beliebig, bevorzugen aber bei den gefühlten 10.000 Mal, in denen es gesagt wird, zumeist ein deutliches A am Schluss. Im Übrigen muss man vor diesem Ensemble aber den Hut ziehen. Abgesehen, dass es kaum einen zusammenhängenden Text gibt und die Merkarbeit bei sinnentleerten Wortkaskaden gewaltig ist, verstehen sie es, den größten Schwachsinn so überzeugend über die Rampe zu bringen, dass man sich bereits freut, diese Mimen in einem normalen Stück mit Handlung etc. bei der Arbeit zu erleben. Die Namen der Tapferen: Andreas Beck, Rebekka Biener, Bettina Lieder, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Gitte Reppin, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Samouil Stoyanov, Stefan Suske, Friederike Tiefenbacher, Anke Zillich. Regisseur und Hausherr Kay Voges macht es ihnen allerdings nicht leicht. Er ist ein Freund enervierender Wiederholungen, greller Lichteffekte und vor allem überlauter Töne. Gehörschutz ist angesagt, sonst helfen nur die Zeigefinger, mit denen man die Ohren verstopft, wenn es auf Tastendruck von Dana Schechter und Paul Wallfisch aus den Boxen brüllt und donnert, dass das Trommelfell schmerzhaft aufjault.

Gitte Reppin © Marcel Urlaub / Volkstheater

Gitte Reppin © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Ensemble © Marcel Urlaub / Volkstheater

Gibt es Inhalt? Gute Frage! Man wartet geduldig eine Weile, dass es irgendwann sinnvoll losgeht. Umsonst. Man lässt offenbar abstraktes Theater über sich ergehen. So viel kann man sich allerdings herausnehmen: Wie es der Titel will, wird über die Kaste der Politik treibenden Menschen hergezogen, zeitweise ganz in undifferenzierter Stammtischmanier, dann wieder mit raffiniert verklausulierter Wortsymbolik, die Lyrik vortäuschen will. Zwei Beispiele: „Politika gehen die verschneiten Abhänge hinab“??? Wäre genug zum Nachdenken. Aber es wird immer und immer wieder gesagt, bis es einem zum Hals heraushängt. Oder: „Sind es die Politika oder die Fensterläden, die klappern?“ Aha! Eh klar! Grübeln ist auch angesagt, wenn einer der Herren aufzählt, wer aller wen oder was in den Arsch fickt. Die Liste ist lang und erstreckt sich von Ministerpopos bis zum unschuldigen Haarföhn. Ähnlich ergeht es dem Zuhörer, wenn ihm in wunderbar pathetischer Manier alle nur erdenklichen Gemüsesorten aufgezählt werden. Da diese Passage jedoch eher gegen Ende kommt, haben sie schon etliche aus dem ohnehin spärlich anwesenden Publikum nicht mehr mitbekommen. Sie hatten bereits still und leise ihre Sitze verlassen. Das Fazit des Abends: Die Leerung des Volkstheaters schreitet erfolgreich voran.

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