Kultur und Wein

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Illustration aus dem besprochenen Buch

VERSCHWUNDENE WIENER STRASSENNAMEN als beredte Zeitdokumente

Illustration aus dem besprochenen Buch

Ein gemeinsamer Platz für Maximilian, die Freiheit, Dollfuß, Hermann Göring und Roosevelt

Die Umbenennung einer Straße oder eines Platzes ist in Wien stets ein Politikum, das lange und zumeist heftige Diskussionen auslöst. Die einzelnen Reaktionen lassen tiefe Schlüsse auf die jeweilige Weltanschauung zu. Für viele war beispielsweise der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger eine integre und verdienstvolle Person und sie wollten nicht einsehen, dass man sein Andenken nicht weiter ehren sollte, als man daran ging von dem nach ihm benannten Stück Ring die Namensschilder abzumontieren. Er förderte bekanntlich antisemitische Bestrebungen und war laut zeitgenössischer Quellen wissenschaftsfeindlich.

Verschwundene Wiener Straßennamen Cover

Das genügte für den damaligen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ), daraus den Universitätsring zu machen. Wieder ein umstrittener Name weniger im Straßenbild, mag man sich denken, und nimmt es zur Kenntnis wie vieles, was an mehr oder weniger nachvollziehbaren Erneuerungen über uns hinweg fegt. Dass damit aber jedes Mal auch ein Stück Geschichte neu geschrieben wird, und zwar ganz im Sinne der im Moment an der Macht befindlichen Partei, ist die Kehrseite der jeweiligen Umbenennungen.

Illustration aus dem besprochenen Buch

Deswegen ist es eminent wichtig, diesen Vorgängen auf den Grund zu gehen, wie es der Historiker Dr. Peter Autengruber in „Verschwundene Wiener Straßennamen“ (erschienen in der Edition Winkler-Hermaden) gründlich getan hat. Mit seinem „Lexikon der Wiener Straßennamen“ hat er ein Standardwerk geschaffen, das nun mit diesem Buch eine aufschlussreiche Ergänzung gefunden hat. Es beginnt mit der Judenstadt im 1. Bezirk. Man findet nach einer kurzen historischen Skizze die Namen der Gassen und Straßen, die einst zwischen Stoß im Himmel, Schwertgasse, Schulhof, und Jordangasse anders als heute bezeichnet worden waren. Der Autor hält sich an den Lauf der Geschichte und beschreibt im nächsten Kapitel die Auswirkungen der Revolution 1848 auf die Straßenbezeichnungen. Dass aus der Barrikadenstraße bald Fleischmarkt und Schönlaterngasse geworden sind, ist dem Wiener Magistrat in Zeiten des Neoabsolutismus nicht zu verdenken. Der nächste Schritt führt hinaus zur ersten Stadterweitung mit der Eingemeindung der Vorstädte.

Auch bei diesen kommunalen Großereignissen kam es reihenweise zu neuen Namensschildern an den Häusern, so in der ehemaligen Bräuhaus Gasse (Schmalzgasse) oder der Schwibbogen Gasse, der heutigen Trautsongasse. Das Gleiche gilt für die Eingemeindung der Vororte und noch mehr für die Errichtung der Republik 1918. Es gab ein massenhaftes Abmontieren von Taferln mit den Namen der Habsburger. Die Kaiser-Franz-Josephs-Brücke ist besser als Kennedybrücke bekannt und der Kaiser-Karl-Ring als Opernring. Aber auch das Rote Wien hat sein Ende gefunden und die Sozialisten mussten zugunsten eines Heiligenstädter Platzes auf Karl Marx verzichten. Ihren Gegnern erging es nicht besser. So wurde der Name des 1934 ermordeten Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß von den 1938 folgenden Nationalsozialisten aus dem Straßenbild gründlich getilgt. Das gleiche Schicksal ereilte 1945 die Nazibonzen. Adolf Hitler hatte sich den Rathausplatz gesichert und Hermann Göring den Park vor der Votivkirche, heute bekannt als Rooseveltplatz. Ihnen folgten die sowjetischen Befreier, die partout darauf bestanden, dass der Schwarzenbergplatz den Namen Stalin tragen sollte, was Gott sei dank ebenfalls Vergangenheit ist.

 

Man muss allerdings fleißig blättern und stets ein Auge auf das Register haben, um sich mit den Namen zurecht zu finden. So entdeckt man auf Seite 53, dass der Familienplatz in Ottakring einst nach Stephanie, der Frau von Kornprinz Rudolf benannt war.

Wie man auf Seite 63 erfährt, wurde er dem Sozialisten August Bebel und danach dem deutschnationalen Dichter Ottokar Kernstock gewidmet. Seite 113 verrät endlich, dass im 14. Bezirk dessen Name gegen ein Opfer der von ihm vertretenen Ideologie ausgetauscht wurde und seitdem Jägerstätterstraße heißt. Dank reichlicher Illustration wird dieses Suchspiel jedoch zum anschaulichen Geschichtsunterricht, der einen Blick auf einen längst nicht mehr existierenden Stadtplan vom Alten Wien erlaubt.

Illustration aus dem besprochenen Buch

Germanendorf in Slsarn, Foto aus dem besprochenen Buch

DIE DUNKLEN JAHRHUNDERTE DES WEINVIERTELS mit goldenen Spuren

Hundeskelett in einer Speichergrube, aus dem besprochenen Buch

Von den Germanen über die Römer bis zu den Babenbergern

Finstere Zeiten halten sich nicht an einen Kalender. Sie können jederzeit über ein Land hereinbrechen und bittere Erinnerungen bei den Menschen hinterlassen. Im jüngst in der Edition Winkler-Hermaden erschienen Buch „Die dunklen Jahrhunderte des Weinviertels“ bezieht sich der Autor Ernst Lauermann jedoch auf die 1000 Jahre ab der Zeitenwende bis ins Mittelalter. Das meiste, was wir derzeit aus dieser Periode wissen, hat sich noch bis vor kurzem unter der Erde verborgen. Abgesehen von den knappen Berichten, in denen die Römer ihre nördlichen Nachbarn eher abschätzig beschrieben haben, gibt es wenig Überlieferung, außer ein Archäologe setzt den Spaten an.

Germanischer Eisenhelm aus Grund, Foto aus dem besprochenen Buch

Er schafft im Zuge einer wissenschaftlich gesicherten Befundung der ergrabenen Relikte ein recht anschauliches Bild dieser Zeit. Das geübte Auge des Forschers sieht in diesen unscheinbaren Details wesentlich mehr als man anhand einer Münze, eines Tonscherbens oder eines verbogenen Schmuckstücks vermuten würde.

Pferdegeschirr aus GRab 15 (Hauskirchen), Foto aus dem besprochenen Buch

Im Weinviertel, also im Barbaricum, wie es die Römer hinter dem Limes abschätzig bezeichneten, haben, so die Wissenschaft, die Germanen gelebt. Bei Feldbegehungen, sehr oft aber auch bei Straßenbauten stieß man immer wieder auf archäologisch wertvolle Hinterlassenschaften dieser frühen Weinviertler. Das Buch führt dazu den Leser in bäuerliche Siedlungen. Eine davon liegt bei Bernhardsthal und wurde teilweise ausgegraben. Ursprünglich haben dort am Westufer der Thaya Kelten gehaust, bevor im 2. Jahrhundert Germanen und sogar ein römisches Marschlager nachzuweisen sind. Man konnte feststellen, dass diese Siedlung, die im Überschwemmungsgebiet angelegt war, aufgegeben wurde und die Bewohner entweder ganz weggezogen sind oder sich neue Gehöfte an erhöhten Plätzen errichtet haben. Es war also nicht immer Feindseligkeit, die zur Emigration führte, schließlich stand man in besten Handelkontakten mit dem Römischen Imperium. Importiert wurde unter anderem Tafelgeschirr (Terra Sigillata), während man Felle, Frauenhaar und Lebensmittel Richtung Rom lieferte.

Kriegerische Zeiten brachen mit den Markomannen, den Awaren und Hunnen über die heute so friedliche Gegend herein. In den Gräbern der Kämpfer fanden sich Langschwerter, Reflexbögen und Rüstungsteile wie ein eiserner Helm, der in der Ortschaft Grund beim Bau der Umfahrungsstraße nach bald zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen ist.

„Gräber sprechen, wo Geschichte schweigt“ hat Lauermann auch eines der Kapitel betitelt. Den Toten hat man neben den Waffen auch wertvollen Schmuck mit in die Ewigkeit gegeben. Ein rechteckiger Beschlag aus vergoldetem Silber mit kunstvollem Anhänger und vergoldete bronzene Pferdebeschläge aus einem Grab in Hauskirchen lassen auf die Bestattung einer langobardischen Königin schließen. Mit kriminalistischem Scharfsinn wurde von den Archäologen der Beraubung des Grabes nachgespürt und zufrieden festgestellt, dass der sogenannte Raubtrichter knappe zehn Zentimeter neben den Beigaben vorbeiführt worden war. Wir wüssten heute kaum etwas über die Bestattungsriten hochgestellter Persönlichkeiten. Ähnlich glücklich hat sich der Goldflitter in einem Frauengrab von Untersiebenbrunn erhalten, der ebenfalls darauf schließen lässt, dass man hier „Von Germanen, Hunnen und Awaren bis zu den frühen Babenbergern“ standesgemäß zu leben wusste und, für die Archäologen höchst erfreulich, seinen Reichtum mit ins Grab genommen hat.

Stuette eines gefangenen Germanen, Foto aus dem besprochenen Buch
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